Über das Projekt

We Refugees Archive ist ein wachsendes digitales Archiv zu Flucht, Ankunft und Weiterleben in Vergangenheit und Gegenwart. Im Mittelpunkt stehen individuelle Schicksale und der Mikrokosmos Stadt als Ort der Zuflucht und des Neuanfangs.

Es wird ein Bogen von historischen zu aktuellen Fluchterfahrungen gespannt, die in Dialog gebracht werden und so neue Verbindungslinien und Erklärungsansätze von und mit Geflüchtetenstimmen für die europäische und internationale Erinnerungs- und Bildungspolitik liefern. In Diskursen über die derzeitige Geflüchtetenproblematik dient die (europäische) Vergangenheit als instinktive Projektionsfläche und intuitiver Referenzrahmen – assoziativ, metaphorisch, symbolbildlich. Durch die Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart geht We Refugees Archive diesen Projektionen auf den Grund und hinterfragt gewohnte Verbindungs- und Trennungslinien, um ein neues Narrativ über Fluchtmigration anzuregen. So liegt der inhaltliche Fokus der historischen Dokumente auf Selbstzeugnissen von Menschen, die der nationalsozialistischen Verfolgung durch Flucht (in und aus Europa) zu entkommen suchten, darunter vorwiegend Jüdinnen*Juden. Der aktuelle Teil widmet sich dagegen einem Spektrum von verschiedensten Fluchtbewegungen der letzten Jahrzehnte (vorwiegend nach Europa). Als analoger Zusatz zum Angebot des We Refugees Archivs entsteht eine sukzesssiv anwachsende kuratierte Sammlung ausgewählter Dokumente aus dem Archiv, die als Unterstützung in der Bildungsarbeit über historische und aktuelle Fluchterfahrungen dient. Angereichert und kontextualisiert wird dieser archivarische Kern durch wissenschaftliche Auseinandersetzungen, Expert*inneninterviews und wissenschaftliche Gastbeiträge zu relevanten Fragestellungen im Bereich der Fluchtmigration und/oder bezüglich der spezifischen Städtebeispiele.

Im Mittelpunkt des Archivs stehen ausgewählte Städte der Zuflucht, die in Vergangenheit und Gegenwart eine besondere Stellung als Refugien einnahmen: als Orte des Widerstands gegen nationale Ausschlusspolitiken, als Mikrokosmen, in denen Visionen und Strukturen für eine offene Stadtgemeinschaft und gemeinsame Zukunft geschaffen werden. Sie stießen und stoßen aber auch an ihre Grenzen; und entwickel(te)n sich gleichzeitig als Orte, an denen Geflüchtete sich eigenmächtig Netzwerke und ein neues Leben aufbauen. Im Januar 2019 startete das Projekt mit Vilnius und Palermo als historische und aktuelle Städte der Zuflucht. Es folgen ab 2020 weitere Zufluchts- und Aufnahmestädte in Geschichte und Gegenwart wie u. a. Berlin, Paris, Istanbul und New York. In den heutigen Städten der Zuflucht werden u. a. Workshops mit geflüchteten Menschen und Expert*inneninterviews durchgeführt und bereits bestehende Selbstzeugnisse von Menschen über ihre Flucht und ihr Ankommen aufgenommen. Die historischen Beispiele werden u. a. über Recherchen in Archiven und veröffentlichten Ego-Dokumenten erarbeitet.

What’s in a name?

Das We Refugees Archive ist von Hannah Arendts gleichnamigen Artikel aus dem Jahr 1943 inspiriert. Dem Arendt’schen „Wir“ ging schon damals eine Direktive für die Zukunft und ein Aufruf zum Weiterdenken über die Grenzen des evident schutz-un-fähigen Nationalstaatsmodells hinaus.

„Der Verlust der Menschenrechte findet nicht dann statt, wenn dieses oder jenes Recht, das gewöhnlich unter die Menschenrechte gezählt wird, verlorengeht, sondern nur wenn der Mensch den Standort in der Welt verliert, durch den allein er überhaupt Rechte haben kann und der die Bedingung dafür bildet, daß seine Meinungen Gewicht haben und seine Handlungen von Belang sind.“  11Arendt, Hannah, 2017: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. München und Berlin: Piper. (amerik. Original 1951), S. 613.

Die Analysen, die Arendt über Flucht und Rechtlosigkeit aus ihrer eigenen Erfahrung als geflüchtete Jüdin und jahrelang Staatenlose in „We Refugees“ und anderen Schriften entwickelte, sind bis heute für viele Fluchtbiografien treffend und gewinnen stetig an Relevanz.

Ein Vergleich historischer und gegenwärtiger Flucht- und Ankommenserfahrungen hat nicht ihre Gleichsetzung zum Ziel. Das Ziel des We Refugees Archivs ist es vielmehr, Verbindungslinien und Brüche mithilfe von individuellen Erfahrungen von geflüchteten Menschen heute und damals aufzuzeigen, so das Phänomen Refugeedom im longue durée zu denken und mit Arendt weiterzudenken. Anhand von unterschiedlichen Themen, die die Erfahrungen von Flucht, Neuanfang, Zukunftsvisionen, Unterstützung, Fragen der Identität und Ausgrenzung aus biografischer Perspektive behandeln, werden Ähnlichkeiten wie auch Unterschiede abgesteckt.

Das digitale Archiv

„Archiv“ ist ein ewig-amorpher Begriff, der den Anspruch auf Vollständigkeit inhärent negiert. Archive sind grundsätzlich selektiv, auf Zufälligkeiten aufgebaut sowie bestimmten Machtkonstellationen und (un/bewussten) Motivationen unterworfen. Geprägt von Präsenz und Abwesenheit bestimmt die spezifische Zusammensetzung von Spuren und Stimmen jedes Archiv in Struktur und Erkenntnispotential grundlegend.

Als Fluchtarchiv im Entstehen wächst We Refugees Archiv nicht nur stetig mit der fortlaufenden Hinzunahme von individuellen Flucht- und Ankommenserfahrungen in neuen Städtebeispielen. Als Flucht-archiv wird es gleichzeitig von all denen heimgesucht, deren Stimmen kein Gehör finden (konnten) – entweder weil sie die Flucht nicht geschafft haben, auf ihr gestorben sind, ermordet wurden oder ihnen auf andere Art ein Neuanfang verwehrt wurde, oder aufgrund unserer Ignoranz als Archiventwickler*innen. All diese Schicksale sind jedoch in den und trotz der unumgänglichen Archivleerstellen ebenso Teil des „Wirs“ des We Refugees Archiv. Sie müssen immer mitgedacht werden.

So ist das We Refugees Archiv von Natur aus unvollständig. Es nimmt sukzessive schon bestehende Archivalien mit neugeschaffenen Materialien auf, die zu einer eklektischen, genre- und zeitübergreifenden Sammlung auf mehreren ineinandergreifenden Ebenen kuratiert werden – von konventionellen kontextualisierten Archivdokumenten, Interviews, Selbstzeugnissen, Memoiren über zeithistorische Fotos und einem wachsenden Oral History Archiv bis zu künstlerischen Filmen, die sich Geflüchtetenerfahrungen partizipativ und auf innovative Weise nähern. Unser Archivbegriff ist demnach weit gefasst und versteht den Archivaufbau als einen Prozess der Sammlung, Erarbeitung und Kontextualisierung von unterschiedlichem Material, aus dem sich Narrative über Refugeedom ableiten lassen.

Die Benutzung eines Archivs folgt ebenso wenig definierbaren Regeln, die in sich ein immerwährendes Erkenntnispotential bergen. In diesem Wissen versucht das We Refugees Archiv, Besucher*innen einen neuen, emphatischen und assoziativen Zugang zum Themenkomplex des Geflüchtetendaseins in Vergangenheit und Gegenwart zu ermöglichen, und verzichtet auf strikte Nutzungsanweisungen. Die Archivmaterialien können digital und analog für die historisch-politische Erinnerungs- und Bildungsarbeit von Museen, Gedenkstätten, Schulen, Universitäten und anderen Einrichtungen genutzt werden.

    Fußnoten

  • 1Arendt, Hannah, 2017: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. München und Berlin: Piper. (amerik. Original 1951), S. 613.