Mahdi über Unterstützung

Mahdi, der sich mit vierzehn Jahren zur Flucht aus dem Iran entschloss und seitdem in Berlin lebt, erzählt, wo und von wem er auf der Flucht und in Deutschland Unterstützung erhalten hat.

In dem Heim auf der Insel [in Griechenland] waren wir zehn Jugendliche. Dann sind wir alle zusammen rausgekommen und die haben uns in einem Heim in Athen gelassen, gesagt, wir können uns anmelden. Aber das haben wir nicht gemacht, sondern sind weiter nach Mazedonien gegangen. Die einzige Person, die so ein bisschen kommunizieren konnte, war ich. Die anderen Jugendlichen konnten kein Englisch. Die anderen kamen auch aus dem Iran und aus Afghanistan. Aber ich habe gesagt, dass sie bei mir bleiben können, dass wir eine Gruppe bilden und uns gegenseitig beschützen können. […]

Das erste Jahr [in Berlin] war ganz schwer, weil ich alleine war, ohne Eltern, und es nichts zu tun gab. Ich hatte ein bisschen Depressionen, würde ich sagen, weil ich sehr traurige Musik gehört habe. Es gab 60 Jugendliche, aber ich habe nur mit ein paar von ihnen gesprochen. Mit den anderen bin ich nicht so gut klargekommen. Deswegen war ich meistens traurig, aber als ich normal zur Schule gegangen bin, war es vorbei.

Ich habe aber sehr viel Unterstützung von meinen Lehrern bekommen. Mein Klassenlehrer war ein Ehrenmann, er war sehr nett zu mir und immer an meiner Seite. Die Großeltern meiner Deutschlehrerin waren Juden. Sie hatte diese ganze Vorstellung von Flucht, wie man in einem fremden Land lebt, und hat mich sehr gelobt. Das hat mir sehr gefallen. Die Lehrer haben mir viel Unterstützung gegeben. Deswegen habe ich die Schule geschafft. […]

Mahdi © privat
Mahdi © privat

Im ersten Jahr hatte ich einen Vormund vom Jugendamt. Der Mann hatte 20 Jugendliche als Vormund übernommen. Man konnte auch privat Vormunde finden, aber es war sehr schwer. Alle anderen Jugendliche außer mir hatten jemanden, ich hatte Pech. Alle anderen haben auch Wohngemeinschaften gefunden. Ich war einer derjenigen, der länger als ein Jahr im Heim war. Irgendwann habe ich eine Frau kennengelernt, auch durch das Jugendamt. Sie war ungefähr acht Monate lang meinen Vormund. Dann ist sie nach Israel gereist, um dort zu arbeiten, und hat gesagt, dass eine andere Freundin von ihr die Vormundschaft übernehmen kann. Sie war dann auch sechs Monate lang mein Vormund. Dann bin ich 18 geworden. Der Vormund musste Papierkram für mich erledigen, alles Mögliche unterschreiben, auch für die Schule, bei der Bank, im Krankenhaus … Sie hat mich auch persönlich unterstützt. Sie war nicht mein Elternteil, aber sie war eine Person, die immer für mich da war und mich unterstützt hat. Ich war sehr glücklich, dass ich die beiden kennengelernt habe.

Jetzt wohne ich in einer WG, die ich 2017 gefunden habe, in einer Wohngemeinschaft für Jugendliche mit Sozialarbeitern am Mehringdamm. Dort gibt es mehrere Wohnungen. In der WG sind wir zu zweit, früher haben wir auch schon zu dritt gewohnt. Alle haben ihr eigenes Zimmer. Es war ein bisschen anstrengend, allein zu leben und immer meine eigenen Sachen erledigen zu müssen: Zu kochen, zu putzen und so weiter. Ich habe schnell Deutsch gelernt, deswegen konnte ich gut mit meinen Mitbewohnern klarkommen. […] Zwischendurch hatte ich auch Mitbewohner, die gar kein Englisch oder Deutsch konnten, mit denen ich gar nicht kommunizieren konnte. Damals habe ich auch meine Abschlussprüfungen gehabt. Die waren sehr wichtig für mich. Ich wollte das nicht ruinieren. Ein Mitbewohner hatte immer sehr viel Besuch, also war es auch unter der Woche sehr laut. Es war sehr schwer, aber ich habe es irgendwie hingekriegt. Jetzt wohne ich mit einem Jugendlichen, der Syrer ist. Mit ihm komme ich gut klar.

Mein Vater war nicht zufrieden, dass ich nach Europa gegangen bin. Er meinte, dass ich eine andere Person werden und meine Religion vergessen würde. Aber dafür bin ich nicht gegangen, sondern weil ich ein besseres Leben haben wollte. Er hat aber gesagt, er hilft mir nicht, sondern ich müsse es selbst schaffen.

Interview with Mahdi A. am 15.07.2020 in Berlin

Mahdi wurde im Dezember 2001 im Iran geboren, in der Hauptstadt Teheran. Seine Eltern kamen aus Afghanistan, waren aufgrund des Krieges in Afghanistan aber bereits vierzig Jahre zuvor in den Iran geflohen. Mahdis Mutter starb, als er noch ein Kind war. Mahdis Vater befindet sich noch immer im Iran, wo er sich aufgrund der schlechten Wirtschaftslage in einer ständigen Notsituation befindet. Mahdi hat noch zwei kleine Geschwister, die auch im Iran leben.

Mit zwölf Jahren entschloss sich Mahdi aufgrund der schwierigen politischen Lage im Iran und dem dort präsenten Rassismus gegen Afghan*innen zur Flucht nach Europa. Mit vierzehn Jahren machte er sich auf den Weg dorthin, mit dem Auto und zu Fuß in die Türkei, von dort nach Griechenland und quer durch Europa bis nach Berlin.

Nach seiner Ankunft in Berlin lebte Mahdi über ein Jahr lang in verschiedenen Unterkünften für Geflüchtete, bis er in eine Wohngemeinschaft zog. Mahdi hat den Mittleren Schulabschluss erworben und macht nun sein Fachabitur an einer Schule für Modedesign. Seit 2018 hat er einen Aufenthaltstitel in Deutschland, der noch bis 2021 gültig ist. Dann muss er einen Antrag auf Verlängerung stellen auf Verlängerung um weitere drei Jahre stellen. Seine Hoffnung ist, bis dahin in Deutschland zu studieren oder eine Ausbildung zu machen, sodass er eine weitere Verlängerung des Aufenthaltstitels und irgendwann eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis bekommen kann.

In dem Interviewausschnitt erzählt Mahdi, wie er und andere Geflüchtete in seinem Alter sich gegenseitig unterstützten, und von welchen außenstehenden Menschen er auf der Flucht und in Deutschland Unterstützung erhielt.

Das Interview mit Mahdi A. wurde am 15.07.2020 vom We Refugees Archive in Berlin durchgeführt.

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