Mahdi über Berlin

Mahdi beschreibt seine anfängliche Hilflosigkeit nach der Ankunft in Berlin, welche Bedeutung die Stadt jetzt für ihn hat und seine Pläne für die Zukunft.

Der ganze Anfang war sehr komisch. Ich hatte einfach gar keine Ahnung, wo ich bin, was ich mache, was ich überhaupt machen soll, wo ich schlafen soll. Ich hatte einfach keine Ahnung. Aber dieser Mann, der mir geholfen hat, war damals schon seit zwei Jahren in Deutschland und er hat gesagt, ich muss zur Hauptstraße gehen und mich da anmelden. Da habe ich mich erst einmal angemeldet, beim LaGeSo, sie haben Fingerabdrücke genommen und mir ein Papier geben, so etwas wie einen Ausweis. Aber ich hatte noch nichts zu schlafen. Dann haben sie mir so einen Zettel gegeben, wo ich schlafen soll, zu welchem Heim ich gehen darf – und dann war ich in einem Heim in Lichtenberg, in Friedrichsfelde-Ost. Dort waren nur geflüchtete Jugendliche unter 18.

Die Stimmung dort war nicht so sympathisch für mich. Ich habe so ein komisches Gefühl gehabt, weil ich mir dachte, dass alles hier passieren kann. Weil ich ohne Eltern hier war. Die anderen auch, aber es gab auch Leute, die älter waren als 18, sich aber für unter 18 angegeben haben. Die meisten waren aus Afghanen aus dem Iran, so wie ich. Es gab auch Leute aus Syrien, aus dem Irak und so. Die ersten drei Wochen war es etwas komisch, aber dann ist die Stimmung etwas besser geworden, weil ich dann Freunde hatte. Ich habe andere Jugendliche kennengelernt. Dann war es okay. Da war ich drei Monate, dann sollten alle Jugendliche in ein anderes Heim am Alexanderplatz umziehen. Dort war ein sehr großes Hostel mit drei oder vier Etagen – alles voller geflüchteter Jugendliche. Unsere Gruppe war in einer Etage. Das war ein bisschen anstrengender, weil es viel größer war. Wenn wir essen wollten, hatten wir bestimmte Stundenpläne.

Mahdi © privat
Mahdi © privat

Acht Monate hatte ich keine Schule, weil es keine Plätze gab. In den acht Monaten gab es nichts zu tun. Ich habe im Heim herumgehangen, mit Freunden Fußball gespielt, ein bisschen Deutsch gelernt … aber da ich Englisch konnte, habe ich nicht so viel Deutsch gelernt. Ich habe sogar für die anderen Dolmetscher gespielt. Diese Wartezeit war eine Zeitverschwendung.

Dann bin ich zur Schule gegangen, erstmal zur Willkommensklasse, um Deutsch zu lernen. Nach vier Monaten habe ich B1 abgeschlossen, dann durfte ich in die normale Schule. Die Schule war im Wedding, am Gesundbrunnen. Das war die achte Klasse der Sekundarschule. Dort war ich drei Jahre und habe dann letztes Jahr meinen Mittleren Schulabschluss gemacht. Beim ersten Versuch hatte ich Glück, ich musste nichts wiederholen. Jetzt gehe ich immer noch zur Schule, ich mache gerade mein Fachabitur. Das erste Jahr habe ich schon bestanden, und jetzt muss ich nur noch ein Jahr zur Schule. Ich bin auf einer Schule für Modedesign. Ich will gerne etwas in Richtung Mode studieren. […]

Wer will nicht gern einen deutschen Pass bekommen? Aber das ist nicht mein Lebensziel. Mein Lebensziel war, in Frieden zu leben, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, meine eigene Zukunft aufzubauen – was ich im Iran nicht machen konnte. Im Iran war ich wie ein Sklave, der jeden Tag arbeiten sollte, ohne irgendwelche Zukunft. Ich hatte gar keine Vorstellung, was ich nächstes Jahr machen kann. Aber hier habe ich eine Vorstellung für das nächste Jahr. Nächstes Jahr mache ich mein Fachabitur, hoffe, dass es klappt, dass ich meine Prüfungen bestehe. Im Iran war das nicht möglich. Das ist mein Ziel: Ein normales Leben zu haben. Ohne kritisiert zu werden, weil ich Afghaner bin.

Über Berlin

Berlin ist meine Stadt. Ich bin sehr stolz, dass ich in Berlin wohne. Weil ich auch Freunde in anderen Städten in Deutschland habe, die alle neidisch sind, weil sie Berlin cooler finden. Und ich finde Berlin auch cooler als die vielen Städte, in denen ich in Deutschland war. Nirgendwo ist es wie in Berlin. Berlin ist Multikultur, es gibt Leute aus vielen verschiedenen Ländern. Die Stimmung ist einfach lockerer in Berlin. Deswegen mag ich es, in Berlin zu wohnen.

Es ist nicht ganz wie Zuhause zu sein. Ich wohne alleine und habe oft mit Einsamkeit zu tun. Aber ich habe Freunde, ich kenne mich aus. Wenn ich irgendwohin fahre, brauche ich kein Google Maps. Sonst würde ich sagen, ich fühle mich zu Hause in Berlin – manchmal bin ich auch allein. […] In einem Jahr bin ich vielleicht ein Berliner. Ich habe immer noch nicht so viel Kontakt mit deutschen Jugendlichen – also nicht so, wie die, die hier geboren wurden. Deswegen brauche ich noch etwas Zeit, ein Jahr vielleicht.

Ich habe nicht wirklich Sehnsucht nach dem Iran. Meine Familie würde ich gern einmal besuchen. Aber den Iran selbst habe ich nie vermisst. Ich würde lieber andere Länder in Europa bereisen.

Interview mit Mahdi A. am 15.07.2020 in Berlin

Mahdi wurde im Dezember 2001 im Iran geboren, in der Hauptstadt Teheran. Seine Eltern kamen aus Afghanistan, waren aufgrund des Krieges in Afghanistan aber bereits vierzig Jahre zuvor in den Iran geflohen. Mahdis Mutter starb, als er noch ein Kind war. Mahdis Vater befindet sich noch immer im Iran, wo er sich aufgrund der schlechten Wirtschaftslage in einer ständigen Notsituation befindet. Mahdi hat noch zwei kleine Geschwister, die auch im Iran leben.

Mit zwölf Jahren entschloss sich Mahdi aufgrund der schwierigen politischen Lage im Iran und dem dort präsenten Rassismus gegen Afghan*innen zur Flucht nach Europa. Mit vierzehn Jahren machte er sich auf den Weg dorthin, mit dem Auto und zu Fuß in die Türkei, von dort nach Griechenland und quer durch Europa bis nach Berlin.

Nach seiner Ankunft in Berlin lebte Mahdi über ein Jahr lang in verschiedenen Unterkünften für Geflüchtete, bis er in eine Wohngemeinschaft zog. Mahdi hat den Mittleren Schulabschluss erworben und macht nun sein Fachabitur an einer Schule für Modedesign. Seit 2018 hat er einen Aufenthaltstitel in Deutschland, der noch bis 2021 gültig ist. Dann muss er einen Antrag auf Verlängerung stellen auf Verlängerung um weitere drei Jahre stellen. Seine Hoffnung ist, bis dahin in Deutschland zu studieren oder eine Ausbildung zu machen, sodass er eine weitere Verlängerung des Aufenthaltstitels und irgendwann eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis bekommen kann.

In dem Interviewausschnitt erzählt Mahdi, wie hilflos er sich nach seiner Ankunft in Berlin gefühlt hat. Er beschreibt, wo er das erste Jahr gewohnt hat, und dass es acht Monate dauerte, bis er zur Schule gehen konnte. Dann besserte sich seine Situation. Heute sagt er, in Berlin fühle er sich noch nicht ganz zu Hause, er brauche noch etwas Zeit.

Das Interview mit Mahdi A. wurde am 15.07.2020 vom We Refugees Archive in Berlin durchgeführt.

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