Mahdi über Lebenserfahrung und Freund*innen in Berlin

Mahdi spricht in einem Interview über die anfänglichen Schwierigkeiten in der Begegnung mit seinen Mitschüler*innen in Berlin und wie er damit umgegangen ist. Zudem richtet er sein Wort an andere Geflüchtete und die deutsche Gesellschaft.

Mahdi © privat
Mahdi © privat

Als ich anfangs zur Schule gegangen bin, war es sehr schwer, die Stimmung war sehr unfreundlich. Die anderen Kinder haben mich meistens ausgelacht, weil ich viele Wörter auf Deutsch falsch ausgesprochen habe. Die waren jünger als ich, ich war damals 15 oder 16 und war viel reifer als sie. Die anderen waren 14 und hatten eine andere Vorstellung vom Leben. Deswegen war es sehr schwer am Anfang.

Ich habe mich daraufhin nicht selbst abgewertet, sondern habe mir gesagt, dass die anderen Jugendlichen Kinder sind, die nichts vom Leben erfahren haben – die nicht wissen, was ich durchgemacht habe. Hätte ich die Wahl gehabt, wäre ich auch nicht gekommen – aber ich konnte nicht nach Afghanistan abgeschoben werden. Dort hatte ich kein Leben. Ich bin nicht freiwillig hergekommen, ich hatte keine andere Wahl. Das haben viele nicht verstanden. […]

Jetzt denken manchmal Lehrer in der Schule, dass ich hier geboren wurde. Am Anfang, wenn ich Deutsch spreche, denken sie, dass ich hierherkomme oder zumindest seit vielen Jahren hier bin, aber wenn ich ihnen sage, dass ich erst seit 2016 hier bin, sind sie überrascht. Ich bin stolz darauf. Und ich kann auch sagen, dass ich ein anderes Leben hatte.

Ich habe Kontakt mit vielen Jugendlichen in meinem Alter: mit Afghanen, Persern, Deutschen, Türken, Arabern, was auch immer. Ich habe zwei, drei richtige Freunde. Ich kenne hier sehr viele, aber ich würde die meisten nicht als richtige Freunde bezeichnen.

Mahdi © privat
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Mein Vater ist religiös. Ich bin Muslim. Bei uns ist es verboten, Alkohol zu trinken. Und mein Vater hatte Angst, dass ich anfangen würde Bier zu trinken, wenn ich hierherkomme. Aber das ist nicht so meine Sache. Es gibt viele Jugendliche, die das machen, aber nicht ich. Ich gehe einfach normal zur Schule. Ich habe auch drei Jahre in der Deutschen Oper Theater gespielt und da habe ich andere deutsche Jugendliche kennengelernt. Aber es hat nichts mit [der Religion] zu tun, ob ich Alkohol trinke. Man kann alles selbst entscheiden. […]

Um ganz ehrlich zu sein, würde ich sagen, dass ich viel mehr Erfahrungen gemacht habe als ein 25-Jähriger, der in Deutschland geboren ist. Weil ich erlebt habe, dass man Sachen nicht machen konnte, für die man Mut gebraucht hat. Zum Beispiel, um aus der Türkei nach Griechenland zu gehen – auf einem Boot, auf dem es gefährlich war, ohne schwimmen zu können, wo man sterben kann. Viele Jugendliche konnten es nicht machen. Die meisten deutschen Jugendlichen könnten nicht mal mit 15 alleine nach Spanien gehen. Aber ich habe das alles geschafft. Deswegen würde ich mich als eine starke Person beschreiben.

Für die Leute, die das lesen:

Falls sie selbst geflüchtet sind, würde ich sagen: Bleibt stark, das Leben wird sich immer verbessern. Der Mond wird sich nicht immer hinter den Wolken verstecken. Und für andere Leute, die das lesen: Ihr solltet niemanden verurteilen. Niemand weiß von dem Leben anderer Menschen. Deswegen darf man das nicht verurteilen, wenn man nicht weiß, was im Leben passiert ist. Viele von den geflüchteten Menschen hatten keine andere Wahl. Das war nicht meine Entscheidung, im Iran geboren zu werden und mit Rassismus konfrontiert zu werden. Deswegen sollte man alle Menschen respektieren. Alle Menschen sind gleich.

Interview mit Mahdi A. am 15.07.2020 in Berlin.

Mahdi wurde im Dezember 2001 im Iran geboren, in der Hauptstadt Teheran. Seine Eltern kamen aus Afghanistan, waren aufgrund des Krieges in Afghanistan aber bereits vierzig Jahre zuvor in den Iran geflohen. Mahdis Mutter starb, als er noch ein Kind war. Mahdis Vater befindet sich noch immer im Iran, wo er sich aufgrund der schlechten Wirtschaftslage in einer ständigen Notsituation befindet. Mahdi hat noch zwei kleine Geschwister, die auch im Iran leben.

Mit zwölf Jahren entschloss sich Mahdi aufgrund der schwierigen politischen Lage im Iran und dem dort präsenten Rassismus gegen Afghan*innen zur Flucht nach Europa. Mit vierzehn Jahren machte er sich auf den Weg dorthin, mit dem Auto und zu Fuß in die Türkei, von dort nach Griechenland und quer durch Europa bis nach Berlin.

Nach seiner Ankunft in Berlin lebte Mahdi über ein Jahr lang in verschiedenen Unterkünften für Geflüchtete, bis er in eine Wohngemeinschaft zog. Mahdi hat den Mittleren Schulabschluss erworben und macht nun sein Fachabitur an einer Schule für Modedesign. Seit 2018 hat er einen Aufenthaltstitel in Deutschland, der noch bis 2021 gültig ist. Dann muss er einen Antrag auf Verlängerung stellen auf Verlängerung um weitere drei Jahre stellen. Seine Hoffnung ist, bis dahin in Deutschland zu studieren oder eine Ausbildung zu machen, sodass er eine weitere Verlängerung des Aufenthaltstitels und irgendwann eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis bekommen kann.

In dem Interviewausschnitt erzählt Mahdi, dass die Begegnung mit seinen deutschen Mitschüler*innen zunächst schwierig war, weil sie aus ihrer Lebenssituation wenig Verständnis für seine Geschichte aufbringen konnten. Doch Mahdi blieb stark. Heute sagt er, dass er einige „richtige“ Freund*innen in Berlin hat und stolz darauf ist, wie gut er Deutsch gelernt hat.

Das Interview mit Mahdi A. wurde am 15.07.2020 vom We Refugees Archive in Berlin durchgeführt.

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