Weiterleben

Brief der Familie Nothmann an Verwandte aus dem Auffanglager in Berlin-Wittenau.

Brief der Familie Nothmann vom 6. März 1947 © Courtesy of the Leo Baeck Institute, New York, AR 10492

Das deutsch-jüdische Ehepaar Otto und Elga Nothmann hatte mit ihrer Tochter Leonie in einem sowjetischen Zwangsarbeitslager in Karaganda (Kasachstan) überlebt. Am 3. März erreichten sie Berlin, wo sie zunächst im von der Jüdischen Gemeinde eingerichteten Auffanglager am Eichborndamm in Wittenau unterkamen. Von dort aus schrieben sie Briefe an ihre Verwandten, in denen sie um Kleidung baten.

„Ich bin noch so durcheinander von allen Erlebnissen, dass ich es noch nicht fassen kann, dass wir gesund nach allen den furchtbaren Erlebnissen u. Strapazen der letzten Jahre hier sind und leben […].“

 

Brief der Familie Nothmann vom 6. März 1947 © Courtesy of the Leo Baeck Institute, New York, AR 10492

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Berlin zum Zufluchtsort für Millionen von Geflüchteten und Displaced Persons. Unter den DP-Status fielen mehrere Gruppen von Menschen, die ihr Zuhause durch Krieg, Versklavung und Verfolgung verloren hatten. So fanden sich neben ehemaligen Zwangsarbeiter:innen, ausländischen Vertragsarbeiter:innen und Kriegsgefangenen auch jüdische Displaced Persons in Berlin wieder. Sie waren aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern oder auf Todesmärschen befreit worden oder kehrten aus dem Exil zurück. Sie nannten sich she’erit hapletah, „die letzten Überlebenden“. Für die meisten von ihnen war Deutschland als das Land der Täter:innen der letzte Ort, an dem sie bleiben wollten.

In der zerstörten Stadt wurden drei größere Durchgangslager für jüdische DPs eingerichtet. Die erneute Unterbringung in Durchgangslagern wirkte auf viele jüdische DPs retraumatisierend. Innerhalb weniger Monate entwickelten sich die Lager zu selbstverwalteten kleinen Städten innerhalb des Stadtraums Berlin. Die Lager blieben nur bis 1948 bestehen, doch einige Bewohner:innen blieben für immer.

 

Brief der Familie Nothmann vom 6. März 1947 © Courtesy of the Leo Baeck Institute, New York, AR 10492

Brief von Elsa Nothmann aus der Sammlung des Leo Baeck Institute New York.