Erich Auerbach an Walter Benjamin: Istanbul – Paris 1937

Der aus Berlin stammende Romanist, Literatur- und Kulturwissenschaftler Erich Auerbach (1892–1957), der dank des palästinensischen postkolonialen Denkers, Literaturwissenschaftlers und ebenfalls Exilanten Edward Said (1935–2003) heute als Begründer der Disziplin der vergleichenden Literaturwissenschaften gilt, 11Edward Said, „Introduction to the Fiftieth Edition,” in Erich Auerbach, Mimesis: The Representation of Reality in Western Literature – New and Expanded Edition (Princeton: Princeton University Press, 2013). ist wohl der berühmteste der deutschen Wissenschaftler*innen samt Familien, die nach 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die junge türkische Republik flohen. Er war auch ein enger Vertrauter des ebenfalls geflüchteten Berliners Walter Benjamin (1892–1940), den es nicht nach Istanbul sondern nach Paris verschlagen hatte. In ihrem Briefwechsel von 1937 gibt Auerbach Einblicke in seine Situation und hatte mit seinem kulturkritischen Scharfsinn und einem Hauch von Orientalismus über das Spannungsfeld seines migrantischen Neuanfangs samt (obligatorischer) Startschwierigkeiten, westlichen Kolonialismus, türkischen Nationalismus, und transnationalen Faschismus einiges zu berichten.

    Fußnoten

  • 1Edward Said, „Introduction to the Fiftieth Edition,” in Erich Auerbach, Mimesis: The Representation of Reality in Western Literature – New and Expanded Edition (Princeton: Princeton University Press, 2013).

Istanbul-Bebek

Arslanli Konak

3. Januar 1937

Lieber Herr Benjamin,

Schönen Dank für Ihren Brief […]. Mir geht es zunächst hier gut. Marie und Clemens haben eine Weihnachtsgrippe, mitten in den Umzug hinein, leidlich überstanden; die Wohnung am Bosporus ist herrlich, die Arbeit wissenschaftlich ganz primitiv, aber menschlich, politisch und organisatorisch überaus interessant. Das ganz ungeheuerliche Maß an Schwierigkeiten, Scherereien, Quertreibereien und Fehldispositionen seitens der hiesigen Stellen und aus den hiesigen Verhältnissen heraus, das einige Kollegen zur Verzweiflung treibt, ist mir nicht unerfreulich, weil es als Gegenstand der Beobachtung weit interessanter ist als das etwaige Ziel meiner Tätigkeit, die ich übrigens, wie sich von selbst versteht, nach Kräften ordentlich ausübe. […] Ich kenne von diesem Lande bisher nur Istanbul, eine wunderbar gelegene, aber doch unliebenswürdige und unverbindliche Stadt aus zwei verschiedenen Teilen: das alte Stambul, griechischen und türkischen Ursprungs, das noch viel Patina der historischen Landschaft bewahrt, und das „neue“ Pera, Karikatur und Vollendung einer europäischen Siedlung des 19. Jahrh[underts], nun in völligem Verfall. Dort gibt es die Reste grauenvoller Luxusläden, Juden, Griechen, Armenier, alle Sprachen, ein groteskes Gesellschaftsleben und die Paläste der früheren europäischen Botschaften, die nun Konsulate sind. Vom 19. J[ahrhundert] sieht man auch am Bosporus überall verfallene oder verfallende oder museumshaft erhaltene Sultans- und Paschapaläste, in einem halb orientalischen, halb rokokohaften Geschmack. Im übrigen aber wird das Land konsequent und vollständig beherrscht von Atatürk und seinen anatolischen Türken, einem naiven, mißtrauischen, ehrlichen, etwas unbeholfenen und bäurischen, dabei sehr emotiven Menschenschlag; weil härter und unverbindlicher, unliebenswürdiger, unbiegsamer als europäische Südländer sonst, aber doch wohl gut zu leiden und mit viel Lebenskräften, gewohnt an Sklaverei und harte, aber langsame Arbeit. Der grand chef ist ein sympathischer Autokrat, klug, großzügig und witzig, vollkommen verschieden von seinen europäischen Kollegen: indem er nämlich wirklich dieses Land selbst zum Staat gemacht hat, und auch, indem er absolut phrasenlos ist; sein Memoirenbuch beginnt mit dem Satz: Am 19. Mai 1919 landete ich in Samsun. Zu dieser Zeit war die Lage folgende… Aber er hat alles, was er getan hat, im Kampf gegen die europäischen Demokratien einerseits und gegen die alte mohammedanisch-panislamistische Sultanswirtschaft andererseits durchsetzen müssen, und das Resultat ist ein fanatischer antitraditioneller Nationalismus: Ablehnung aller bestehenden mohammedanischen Kulturüberlieferungen, Anknüpfung an ein phantastisches Urtürkentum, technische Modernisierung im europäischen Verstande, um das verhaßte und bewunderte Europa mit den eigenen Waffen zu schlagen: daher die Vorliebe für europäisch geschulte Emigranten als Lehrer, von denen man lernen kann ohne fremde Propaganda befürchten zu müssen. Resultat: Nationalismus im Superlativ bei gleichzeitiger Zerstörung des geschichtlichen Nationalcharakters. Dieses Bild, das in anderen Ländern, wie Deutschland und Italien und wohl auch Russland (?), noch nicht für jederman sichtbar ist, bietet sich hier in völliger Nacktheit. Die Sprachreform, zugleich phantastisch urtürkisch (Befreiung vom arabischen und persischen Einschlag) und modern-technisch, hat es fertiggebracht, daß kein Mensch unter 25 Jahren mehr irgendeinen religiösen, literarischen oder philosophischen Text verstehen kann, der älter ist als 10 Jahre, und daß die Eigentümlichkeit der Sprache unter dem Zwang der lateinischen Schrift, die vor einigen Jahren zwangsweise eingeführt wurde, rapide verfällt. Ich könnte viele Seiten Einzelheiten berichten; das Ganze ist dahin zusammenzufassen: Immer deutlicher wird mir, daß die gegenwärtige Weltlage nichts ist als eine List der Vorsehung, um uns auf einem blutigen und qualvollen Wege zur Internationale der Trivialität und zur Esperantokultur zu führen. Ich habe das schon in Deutschland und in Italien, angesichts der grauenvollen Unechtheit der Blubopropaganda [Blut-und-Boden-Propaganda] vermutet, aber hier erst wird es mir fast zur Gewißheit. […] Ich hoffe, bald wieder von Ihnen zu hören, und wir sind beide in freundlichster Erinnerung

Ihre

E[rich] und M[arie] A[uerbach]

Erich Auerbach war deutscher Romanist, Literatur- und Kulturwissenschaftler. Wie für unzählige andere wurde seine Laufbahn in Deutschland aufgrund des am 7. April 1933 ratifizierten, rassistischen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums,“ das sowohl auf die Entfernung jüdischer Beamter als auch auf die Entlassung politisch Andersdenkender zielte, vorzeitig beendet. Da bei ihm das sogenannte Frontkämpferprivileg griff und er zusätzlich 1934 sogar einen “Treueid deutscher Beamter” auf Adolf Hitler schwor, verlor er seinen Lehrstuhl für romanische Philologie an der Universität Marburg “erst” Ende 1935. 11Alle Angaben nach der Akte Erich Auerbach im Staatsarchiv Marburg Sign. 310, Acc 1978/15, No. 2261. zitiert in: Martin Vialon: Erich Auerbach. Zu Leben und Werk des Marburger Romanisten in der Zeit des Faschismus. In: Jörg Jochen Berns (Hrsg.): Marburg-Bilder. Eine Ansichtssache. Zeugnisse aus fünf Jahrhunderten (= Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur, 52 (Bd. 1), 53 (Bd. 2)). Rathaus-Verlag, Marburg 1996, S. 394–395. Mehr als absehbar kontaktierte er jedoch schon im Verlauf des Jahres 1935 Kollegen in Italien, England und anderen Orten, um eine Anschlussstelle, selbst weit unter dem Rang des Professors, zu finden. Dank der Vermittlung der 1933 gegründeten konfessionsübergreifenden und antirassistischen Selbsthilfeorganisation “Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland,” 22Johannes Feichtinger: Wissenschaft zwischen den Kulturen. Österreichische Hochschullehrer in der Emigration 1933–1945. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2001, S. 71. die ab 1933 schwerpunktmäßig in die Türkei vermittelte, folgte er schließlich dem Ruf an die İstanbul Üniversitesi. Letztere war 1933 im Rahmen des kemalistischen Westernisierungs- und Modernisierungsprogramms gegründet worden und hatte u.a. die Anwerbung von Expert*innen zur Aufgabe. Auf diesem Wege emigrierten mehrere hundert deutsche Intellektuelle und ihre Familien den Auerbachs gleich in die Türkei, vor allem in die städtische Zentren Istanbul und Ankara, und wurden dort in die Arbeit der Universitäten und Ministerien eingebunden. Da Auerbachs Hoffnung auf eine Rückkehr auf den Lehrstuhl einer deutschen Universität unerfüllt blieb, emigrierte er 1947 von der Türkei in die USA, wo er seine wissenschaftliche Laufbahn fortsetzte. Er zählt noch heute zu den bedeutendsten Vertretern seines Faches. Sein in Istanbul zwischen 1942 und 1945 entstandenes Hauptwerk Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur gehört zu den grundlegenden Werken der deutschen Romanistik.

Walter Benjamin war ein deutsch-jüdischer Philosoph und marxistischer Kulturkritiker. Er studierte Philosophie, deutsche Literatur und Psychologie in Freiburg im Breisgau, München und Berlin und promovierte mit der Arbeit Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik bei Richard Herbertz in Bern. 1923/24 lernte er in Frankfurt am Main Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer kennen. Der Versuch, sich mit der Arbeit Ursprung des deutschen Trauerspiels an der Frankfurter Universität zu habilitieren, scheiterte. Sein Interesse für den Kommunismus führte Benjamin für mehrere Monate nach Moskau. Zu Beginn der 1930er Jahre verfolgte Benjamin gemeinsam mit Bertolt Brecht publizistische Pläne und arbeitete für den Rundfunk. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang Benjamin, im September 1933 nach Paris zu fliehen. Im französischen Nevers wurde Benjamin 1939 für drei Monate mit anderen deutschen Flüchtlingen in einem Sammellager interniert. Im September 1940 unternahm er den vergeblichen Versuch, über die Grenze nach Spanien zu gelangen. Um seiner bevorstehenden Auslieferung an Deutschland zu entgehen, nahm er sich am 26. September 1940 in Portbou das Leben. 33Walter Benjamin, https://www.suhrkamp.de/person/walter-benjamin-p-301.

Erich Auerbach und Walter Benjamin verband ein überaus vertrauliches Verhältnis, das sich u.a. darin äußerte, dass Auerbach Benjamin in seiner prekären Lage in Paris finanziell unterstützte, selbst nachdem Auerbach selbst von den Nazibehörden am 16. Oktober 1935 zwangsentlassen worden war und seinen Lebensunterhalt verlor. Mit der Flucht nach Istanbul verband die beiden dann auch das Schicksal des Geflüchtetendaseins.

    Fußnoten

  • 1Alle Angaben nach der Akte Erich Auerbach im Staatsarchiv Marburg Sign. 310, Acc 1978/15, No. 2261. zitiert in: Martin Vialon: Erich Auerbach. Zu Leben und Werk des Marburger Romanisten in der Zeit des Faschismus. In: Jörg Jochen Berns (Hrsg.): Marburg-Bilder. Eine Ansichtssache. Zeugnisse aus fünf Jahrhunderten (= Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur, 52 (Bd. 1), 53 (Bd. 2)). Rathaus-Verlag, Marburg 1996, S. 394–395.
  • 2Johannes Feichtinger: Wissenschaft zwischen den Kulturen. Österreichische Hochschullehrer in der Emigration 1933–1945. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2001, S. 71.
  • 3Walter Benjamin, https://www.suhrkamp.de/person/walter-benjamin-p-301.

Karlheinz Barck, „5 Briefe Erich Auerbachs an Walter Benjamin in Paris,“ Zeitschrift für Germanistik 9:6 (Dezember 1988): 688–694, 691–692.