Hertha Nathorff: keine soziale Arbeit mehr

In Auszügen aus dem Tagebuch Berlin-New York Aufzeichnungen 1933 bis 1945 Hertha Nathorff beschreibt eindringlich die für sie unfassbare Vertreibung aus der Heimat und die Zerstörung ihres Lebens. Trotz ihrer Sehnsucht nach den Orten ihrer Kindheit und Jugend hat sie Deutschland nie wieder besucht. In Amerika wurde sie nie richtig heimisch. Das Heimweh blieb konstant. In diesem Ausschnitt aus dem Tagebuch erwähnt die Autorin, wie sie ihre soziale Arbeit als Psychotheratpeutin, die sie besonders liebte, im Jahr 1933 aufgeben musste.

…Und ich habe fast 5 Jahre gearbeitet, aufgebaut und in wirklicher sozialer Arbeit Kraft und Zeit und Liebe verschwendet, um nach dem Umsturz im April 1933 einen kurzen Brief zu bekommen, daß ich gebeten werde, meine Tätigkeit bis auf weiteres einzustellen. Kein Nazi-Arzt fand sich bereit, meine Tätigkeit fortzusetzen ohne Bezahlung wieso denn? „Solche Sauarbeit mache ich nicht“, diese Äußerung eines Nazikollegen, der zu meinem Nachfolger ausersehen war, ist mir wörtlich zugetragen worden. Was bedeutete es mir? Alles, was ich geschaffen hatte, war zerstört, meine armen Frauen-wer wird sich jetzt um sie kümmern?

Hertha Nathorff, geborene Einstein (1895-1993) war eine deutsche Kinderärztin, Psychotherapeutin und Sozialarbeiterin, sie publizierte mehrere Werke, darunter auch einen Gedichtband. Sie wurde in Laupheim (Baden-Württemberg) in einer jüdischen Familie geboren. Verwandtschaftliche Beziehungen bestanden zu dem Physiker Albert Einstein, dem Musikwissenschaftler und Musikkritiker Alfred Einstein sowie dem Filmproduzenten Carl Laemmle. Nathorff besuchte das Gymnasium in Ulm und studierte, unterbrochen durch eine zeitweilige Tätigkeit als Krankenschwester während des 1. Weltkriegs, seit 1914 Medizin in München, Heidelberg, Freiburg (Breisgau) und Berlin. Nach der Promotion in Heidelberg (1920) und Assistentenjahren in Freiburg war sie 1923-28 leitende Ärztin im Frauen- und Kinderheim des Roten Kreuzes in Berlin-Lichtenberg, dann in freier Praxis und gleichzeitig am Krankenhaus Charlottenburg als Leiterin der Familien- und Eheberatungsstelle tätig. Im Zuge der nationalsozialistischen Rassenpolitik verlor sie 1934 die Kassenzulassung und im Herbst 1938 die ärztliche Approbation, während ihr Ehemann, ehemals leitender Klinikarzt in Berlin-Moabit, die Erlaubnis als „Krankenbehandler“ für ausschließlich jüdische Patienten erhielt. In dieser Periode war sie als seine Sprechstundenhilfe tätig.

Vom Tode in NS-Deutschland bedroht organisierte sie  mit Hilfe amerikanischer Verwandter seit November 1938 die Emigration und schickte den 14jährigen Sohn mit einem Kindertransport nach England voraus. Im April 1939 gelang dem Ehepaar die Ausreise nach London, Anfang 1940 die Weiterreise nach New York.  In New York arbeitete sie als Krankenpflegerin, Dienstmädchen, Barpianistin und Küchenhilfe für den Lebensunterhalt der Familie, ein typisches Schickals von vielen Frauen im Exil. In der 1942 eröffneten Praxis ihres Mannes blieb sie Arzthelferin – ihr fehlte die Zeit und das Geld für die Anerkennung ihres Abschlusses.

Hertha Nathorff nahm sehr aktiv am sozialen Leben der deutschsprachigen Exil-Community teil: sie organisierte Kurse für Emigrant:innen in Kranken- und Säuglingspflege und kulturelle Veranstaltungen, war Gründerin des Open House für ältere Menschen, Vorsitzende der Frauengruppe sowie Ehrenmitglied des Präsidiums des New World Club.  In den Auszügen aus dem „Tagebuch der Hertha Nathorff Berlin-New York Aufzeichnungen 1933 bis 1945“, die wir in unserem Archiv zeigen, befasst sich die Autorin mit ihren Anfangsproblemen, Enttäuschungen und Kränkungen in der Neuen Welt. Sie berichtet vom Emigrantenalltag, vom Existenzkampf, von Armut und seelischen Zerstörungen. Selbst ist sie trotz der Sehnsucht nach den Stätten der Kindheit und Jugend nie mehr nach Deutschland gereist. Sie hat sich in Amerika nie richtig eingelebt. Das Heimweh blieb beständig.

Ausschnitt aus dem Tagebuch Hertha Nathorff, heruasgegeben und eingeleitet von Wolfgang Benz (1987): Das Tagebuch der Hertha Nathorff. Berlin – New York. Aufzeichnungen 1933 bis 1945. Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Band 54. R. Oldenbourg Verlag München, S. 30.