Nazeeha Saeed über Minderheitendiskriminierung im Golf und in Europa

Nazeeha Saeed, Journalistin aus Bahrain, die seit 2016 im Pariser und Berliner Exil lebt, spricht über Diskriminierung von Minderheiten und das Erstarken antidemokratischer Kräfte in der Golfregion und in Europa.

Nazeeha Saeed © Isa AlHamadi.

„There are laws [in Bahrain] that are against freedom of expression and they are only used against the opposition. It’s not used when there is hate speech against women, LGBTI or migrant workers for example. I wish they were used for this although I am pro freedom of expression, just not the hate speech. The amount of hate speech, racism and discrimination against specific minorities in the Gulf and Arab countries is very high, unfortunately. […]

We are living in not the best times, when people of the right wing are rising everywhere. Many people in the Gulf support Trump. […] Germany is among the more courageous countries that say something against violations of human rights but they still sell arms and softwares to spy on the activists and the opposition to them. It’s an hypocrisy.

I would not say I didn’t face racism or discrimation here. But I think in comparison … Of course there is the Syrians, or ‚Arabs‘ or ‚Muslims‘ and I see the hate speech against them here and the government is not really doing much to stop this or to make them feel safe.

But I feel safe because I’m comparing my life now with my life in Bahrain. And since 2011 until 2016 I was waiting every day, every night – my body’s reaction was to wake up at 3 and hear voices that the police is out. They come to take me […] And it was also unfortunate for my mom and for my family, they were scared all the time when they saw a police car in the neighborhood. Even the neighbors: When they saw a police car they called my mom and asked: ‚Is Nazeeha okay?‘ […] And the way they arrested was not the most ‚civil‘ way. … So I was not sleeping through for all this time. When I came here there were other reasons for not sleeping through like worrying about documents, being legal, having money to life and all of that but once all of these got solved I was appreciating that I can actually sleep. I can actually write my article without being scared. I’m talking and texting to people without being scared that I am monitored, or that I would be a danger for them when I talk to them. I still need to be careful not to put people in Bahrain in danger when I talk to them.

I faced discrimination as a journalist and as a women, even as part of the ‘liberal minority’ in Bahrain. But it was natural for me.“

„Es gibt [in Bahrain] Gesetze gegen die Meinungsfreiheit, aber sie werden nur gegen die Opposition genutzt. Sie werden nicht angewandt gegen hate speech [Hassrede] gegen Frauen, LSBTIQ* oder Gastarbeiter*innen zum Beispiel. Ich wünschte, sie würden dafür genutzt werden, obwohl ich für Meinungsfreiheit bin, eben nur nicht für hate speech. Das Ausmaß von hate speech, Rassismus und Diskriminierung gegen bestimmte Minderheiten in der Golfregion und in arabischen Ländern ist sehr hoch, leider. […]

Wir leben nicht in den besten Zeiten, wenn der rechte politische Flügel überall erstarkt. Viele Leute aus der Golfregion unterstützen Trump. […] Deutschland gehört zu den mutigeren Ländern, die etwas gegen Menschenrechtsverletzungen sageb, aber gleichzeitg verkaufen sie Waffen und Softwares zur Überwachung von Aktivist*innen und der Opposition an sie. Das ist Heuchelei.

Ich würde nicht sagen, dass ich hier keinen Rassismus oder keine Diskriminierung erfahren habe. Aber ich denke im Vergleich … Es gibt natürlich die Syrer*innen, oder ‚Araber*innen‘ oder ‚Muslim*innen‘ und ich nehme die hate speech gegen sie wahr und die Regierung unternimmt nicht wirklich etwas, um das zu unterbinden oder damit sie sich sicher fühlen.

Aber ich fühle mich sicher im Vergleich zu meinem Leben in Bahrain. Von 2011 bis 2016 wartete ich jeden Tag, jede Nacht … Die Reaktion meines Körpers war es, jede Nacht um 3 aufzuwachen und Stimmen zu hören, als ob die Polizei draußen wäre. Sie kommen, um mich zu holen […] Und es war nicht nur für mich belastend, sondern auch für meine Mutter und meine Familie. Sie machten sich die ganze Zeit Sorgen um mich, immer wenn sie ein Polizeiauto in der Gegend sahen. Sogar die Nachbarn: Wenn sie ein Polizeiauto sagen, riefen sie meine Mutter an und fragten: ‚Ist mit Nazeeha alles in Ordnung?‘ […] Und die Art, wie sie Leute festnahmen, war nicht gerade die ‚feine‘ Art. […] Also schlief ich diese ganzen Jahre nie durch. Als ich herkam, gab es andere Gründe nicht durchzuschlagen, weil ich mir Sorgen um Papiere machte und darum, legal zu sein, Geld zum Leben zu haben und all das. Aber sobald diese Probleme gelöst waren, habe ich es sehr zu schätzen gewusst, dass ich einfach schlafen konnte. Ich kann einfach meinen Artikel schreiben, ohne Angst zu haben. Ich rede und schreibe mit Menschen ohne die Angst, überwacht zu werden oder dass ich eine Gefahr für sie bin, wenn ich mit ihnen spreche. Ich muss immer noch vorsichtig sein, Menschen in Bahrain nicht zu gefährden, wenn ich mit ihnen spreche.

Ich habe Diskriminierung als Journalistin und als Frau erfahren, sogar als Teil der ‚liberalen Minderheit‘ in Bahrain. Aber das war natürlich für mich.“

Nazeeha Saeed arbeitete über 20 Jahre als Journalistin in Bahrain für internationale und lokale Medien. Ab 2011 war sie wegen ihrer journalistischen Arbeit, vor allem zu menschenrechtlichen Themen, staatlichen Repressionen ausgesetzt. Wegen ihrer kritischen Berichterstattungen über die Demokratieprotestbewegung, die auch in Bahrain im Zuge des „Arabischen Frühlings“ entstand, wurde sie festgenommen und gefoltert. Trotzdem blieb sie noch bis 2016 im Land und engagierte sich für Meinungs- und Pressefreiheit. 2016 wurde ihr die journalistische Lizenz entzogen und ein Reiseverbot auferlegt. Weil sie angeblich trotz entzogener Lizenz weiterhin journalistisch arbeitete, wurde sie verklagt. Sobald das Reiseverbot kurzfristig aufgehoben wurde, verließ Nazeeha Saeed das Land aus Angst vor einer weiteren Festnahme. Sie kam zunächst nach Paris, um dort mit ihren vorherigen Auftraggebern weiterzuarbeiten. Internationale Organisationen für freie Pressearbeit unterstützten sie beim Neuanfang in Europa und es gelang ihr, auch ohne Asylverfahren ein Aufenthaltsrecht zu erhalten. Seit Herbst 2019 lebt sie in Berlin.

In Europa setzt Nazeeha ihre journalistische Arbeit fort. Sie schreibt weiterhin über die Situation in Bahrain und der Golfregion, vor allem über menschenrechtliche Themen wie die Lage von Gastarbeiter*innen, Frauen und LSBTIQ*-Personen. Zudem veröffentlicht sie Artikel über die Situation in Europa, vor allem über das Exilleben in Paris und Berlin. Nazeeha Saeed setzt sich für freien Journalismus ein und gibt unter anderem Empowerment- und Strategieworkshops für Journalist*innen, die in politischen Konfliktgebieten arbeiten. So ist sie zum Gesicht für die Presse- und Meinungsfreiheitsverletzungen in Bahrain geworden, das im Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen auf Platz 169 von 180 rangiert.

In dem Interview, das sie dem We Refugees Archiv im Juli 2020 gab, spricht sie unter anderem über das Ausmaß von Hate Speech und Diskriminierung in der Golfregion und in Europa. Sie diagnostiziert ein Erstarken rechter und antidemokratischer Bewegungen weltweit. Die Diskriminierung, die sie hier erfahre, sei aber leichter zu ertragen als die ständige Angst, in der sie aufgrund ihrer Verfolgung in Bahrain leben musste. Nazeeha kritisiert die Diskriminierungen, die sie schon immer als Frau und Journalistin erfahren musste. An anderer Stelle im Interview setzt sie sich zudem kritisch mit den Kategorien auseinander, in die sowohl als Frau als auch als Zwangsmigrantin von der Außenwelt gesteckt wird.

Interview des We Refugees Archivs mit Nazeeha Saeed, 15. Juli 2020.

Übersetzung vom Englischen ins Deutsche © We Refugees Archiv.

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