Hertha Nathorffs American Certificate

Im Zuge der nationalsozialistischen Rassenpolitik verlor Herthsa Nathorff 1934 die Kassenzulassung und im Herbst 1938 die ärztliche Approbation. Mit Hilfe amerikanischer Verwandter gelang ihr die Ausreise nach London, Anfang 1940 die Weiterreise nach New York.IDas Leben im New Yorker Exil war für Hertha Nathorff mit vielen Herausforderungen und Frustrationen verbunden, die typisch für viele Frauen mit akademischen Abschlüssen waren. Sie konnte nicht mehr als Kinderärztin arbeiten. Die Zeit und das Geld reichten nicht, damit sie, wie ihr Mann, die Anerkennungsprüfung als Ärztin machen konnte. In New York arbeitete sie als Krankenpflegerin, Dienstmädchen, Barpianistin und Küchenhilfe für den Lebensunterhalt der Familie. In ihrem Tagebuch befasst sich die Autorin mit ihren Erfahrungen in NS-Berlin und später in der Neuen Welt. In diesem Ausschnitt aus ihrem Tagebuch berichtet Hertha über ihre Prüfung als Krankenschwester in den USA.

Hertha und Erich Nathorff
Hertha und Erich Nathorff ©Gesellschaft für Geschichte und Gedenken e.V., Laupheim

4. Dezember 1944

Ich habe ja mein Examen als „Nurse“ gemacht. Einmal wollte ich beweisen, daß ich dazu qualifiziert bin (trotzdem ich drüben, wie eine sagte, doch NUR EIN DOKTOR war!), auch zu dem Unterricht, den ich den Frauen noch immer erteile, zum dritten – ich wollte DEN Fetzen Papier, als meine Lebensversicherung, wie ich lachend sagte, denn ich habe erkannt, daß alle Kenntnisse, alles Wissen hier keinen Wert haben, wenn man nicht ein American Certificate hat!

Hertha Nathorff, geborene Einstein (1895-1993) war eine deutsche Kinderärztin, Psychotherapeutin und Sozialarbeiterin, sie publizierte mehrere Werke, darunter auch einen Gedichtband. Sie wurde in Laupheim (Baden-Württemberg) in einer jüdischen Familie geboren. Verwandtschaftliche Beziehungen bestanden zu dem Physiker Albert Einstein, dem Musikwissenschaftler und Musikkritiker Alfred Einstein sowie dem Filmproduzenten Carl Laemmle. Nathorff besuchte das Gymnasium in Ulm und studierte, unterbrochen durch eine zeitweilige Tätigkeit als Krankenschwester während des Ersten Weltkriegs, seit 1914 Medizin in München, Heidelberg, Freiburg (Breisgau) und Berlin. Nach der Promotion in Heidelberg (1920) und Assistentenjahren in Freiburg war sie 1923-28 leitende Ärztin im Frauen- und Kinderheim des Roten Kreuzes in Berlin-Lichtenberg, dann in freier Praxis und gleichzeitig am Krankenhaus Charlottenburg als Leiterin der Familien- und Eheberatungsstelle tätig. Im Zuge der nationalsozialistischen Rassenpolitik verlor sie 1934 die Kassenzulassung und im Herbst 1938 die ärztliche Approbation, während ihr Ehemann, ehemals leitender Klinikarzt in Berlin-Moabit, die Erlaubnis als „Krankenbehandler“ für ausschließlich jüdische Patienten erhielt. In dieser Periode war sie als seine Sprechstundenhilfe tätig.

Vom Tode in NS-Deutschland bedroht organisierte sie  mit Hilfe amerikanischer Verwandter seit November 1938 die Emigration und schickte den 14jährigen Sohn mit einem Kindertransport nach England voraus. Im April 1939 gelang dem Ehepaar die Ausreise nach London, Anfang 1940 die Weiterreise nach New York.  In New York arbeitete sie als Krankenpflegerin, Dienstmädchen, Barpianistin und Küchenhilfe für den Lebensunterhalt der Familie. In der 1942 eröffneten Praxis ihres Mannes blieb sie Arzthelferin – ihr fehlte die Zeit und das Geld für die Anerkennung ihres Abschlusses, den ihr Mann in New York gemacht ahtte.

Hertha Nathorff nahm sehr aktiv am sozialen Leben der deutschsprachigen Exil-Community teil: sie organisierte Kurse für Emigrant:innen in Kranken- und Säuglingspflege und kulturelle Veranstaltungen, war Gründerin des Open House für ältere Menschen, Vorsitzende der Frauengruppe sowie Ehrenmitglied des Präsidiums des New World Club.  In den Auszügen aus dem „Tagebuch der Hertha Nathorff Berlin-New York Aufzeichnungen 1933 bis 1945“, die wir in unserem Archiv zeigen, befasst sich die Autorin mit ihren Anfangsproblemen, Enttäuschungen und Kränkungen in der Neuen Welt. Sie berichtet vom Emigrantenalltag, vom Existenzkampf, von Armut und seelischen Zerstörungen. Selbst ist sie trotz der Sehnsucht nach den Stätten der Kindheit und Jugend nie mehr nach Deutschland gereist. Sie hat sich in Amerika nie richtig eingelebt. Das Heimweh blieb beständig.

Ausschnitt aus dem Tagebuch Hertha Nathorff, herausgegeben und eingeleitet von Wolfgang Benz (1987): Das Tagebuch der Hertha Nathorff. Berlin – New York. Aufzeichnungen 1933 bis 1945. Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Band 54. R. Oldenbourg Verlag München, S. 209.