Hussam Al Zaher über den Unterschied zwischen Hamburg und Deutschland

In einem Interview spricht Hussam Al Zaher von der Bedeutung, die die Stadt Hamburg für ihn hat, sowie über Rassismus in Deutschland.

Hussam Al Zaher © Miguel Ferraz
Hussam Al Zaher © Miguel Ferraz

Wir Flüchtlinge und Ausländer können uns mit einer Stadt sehr gut verbinden, aber es ist für uns sehr schwierig, uns mit einem Land zu verbinden. Es ist egal, ob Deutschland oder ein anderes Land. Es ist auch egal, ob ich den Pass schnell oder schwierig bekomme. Es geht darum, ein Gefühl zu bekommen. Ich fühle mich nicht fremd in Hamburg – ich fühle mich in meiner Heimat in Hamburg – aber ich bin auf jeden Fall noch ein Fremder in Deutschland. Ich habe hier in Hamburg mein Magazin gegründet, ich habe sehr viele Freunde, ich habe meine Liebe gefunden und eine neue Familie gegründet. Und das hat alles eine Verbindung mit Hamburg als Stadt. Und deswegen ist Hamburg meine Stadt, aber Deutschland ist nicht mein Land. Und ich weiß nicht, ob das nur bei mir so ist, aber ich glaube, dass es vielen Geflüchteten so geht, dass sie in eine Stadt gehen und zu ihr gehören können. Wir wollen das. Es ist einfach, in eine Stadt zu gehen und dort eine Heimat zu schaffen, aber in einem Land ist das total kompliziert.

In Deutschland fühle ich mich fremd. Auf jeden Fall. Es hängt mit vielen verschiedenen Dingen zusammen: Mit Rassismus gegen Geflüchtete, mit Vorurteilen, weil ich die Sprache noch nicht ganz beherrsche. Ich könnte nicht ganz zu Deutschland gehören, auch wenn ich den deutschen Pass hätte. Meiner Meinung nach akzeptiert mich die Mehrheit nicht. Ich sage das als Hussam, als Muslim, als Geflüchteter, als Ausländer, auf die Frage: Wer bin ich? Was ist meine Identität? Und das ist nicht einfach zu finden, das ist sehr schwierig. Leute, die hier in Deutschland geboren sind, haben immer noch dieses Fremdgefühl, obwohl sie hier geboren wurden. Und was soll ich da sagen, als jemand, der erst vier Jahre in Deutschland ist.

Letztendlich ist Hamburg eine neue Heimat für mich. Meine alte Heimat ist Damaskus. Ich habe außerdem eine Zeit in Istanbul gelebt und fühle mich auch dort beheimatet. Und ich habe noch eine vierte Heimat: Meine Eltern kommen aus dem Golan, das ist in Südsyrien. Meine Eltern haben mir sehr viel über den Golan erzählt. Das fühlt sich auch wie meine Heimat an.

Ich kenne nicht alle Hamburger*innen, aber es gibt hier viele Ehrenamtliche, wie auch in anderen Städten und ich habe viele Leute kennengelernt. Sie sind nett, sie haben auch Vorurteile wie andere Menschen, aber die Frage ist, wie man mit seinen Vorurteilen umgehen möchte. Aber ich habe nur nette Leute kennengelernt.

Mein Lieblingsort in Hamburg ist der Hafen. Wenn es in einer Stadt einen Hafen gibt, bedeutet das eine Offenheit für andere Städte. Städte am Meer sind offener als Städte in der Mitte oder ohne Meerzugang oder Wasser. Hafen bedeutet für mich Offenheit und hoffentlich auch Toleranz gegenüber Fremden.

Mein Lieblingsstadtteil ist auf jeden Fall Sankt Pauli. Ich habe da gelebt und mein Büro ist auch da. Ich kann wirklich sagen, dass ich zu Sankt Pauli mehr gehöre als zu Hamburg. Aber Hamburg ist für mich natürlich auch noch mehr als nur Sankt Pauli. Ich kenne Sankt Pauli sehr gut. Ich kenne auch die Geschichte von Sankt Pauli, nach der die Leute dort eher links sind und andere eher aufnehmen als andere Leute. Es gibt dort viele junge Leute, die offen für verschiedene Kulturen und Leute sind.

Hussam Al Zaher kam 2016 aus Syrien nach Hamburg, wo er heute lebt.

In Damaskus studierte Hussam Politikwissenschaften und begann bereits in Syrien als Journalist zu arbeiten. In Deutschland angekommen, gründete er das kohero Magazin (ursprünglich: Flüchtling Magazin), ein Online-Magazin mit zwei Printausgaben pro Jahr. Zudem gibt es einen Podcast. Kohero („Zusammenhalt“ in Esperanto) gibt Geflüchteten in Deutschland eine Plattform, um sich vorzustellen und ihre Meinung zu gesellschaftspolitischen Themen zu diskutieren.

In dem Interviewausschnitt beschreibt Hussam Al Zaher, warum er sich in Hamburg wie Zuhause fühlt, während die Identifikation mit Deutschland ihm aufgrund von ausgrenzenden und rassistischen Einstellungen innerhalb der deutschen Gesellschaft weitaus schwerer fällt.

Das Interview mit Hussam Al Zaher wurde am 22. Juli 2020 über Skype durchgeführt.

Mehr über das kohero Magazin gibt es hier zu lesen.