Selafet Hizarçi über Diskriminierungserfahrungen

Selafet Hizarçi kam 1969 aus der Türkei nach Deutschland, wo sie anfing zu arbeiten, die Sprache zu lernen und eine Familie gründete. Im Rahmen des Projekts „Mutige Entdecker Bleiben“ spricht sie wie andere muslimische und jüdische Rentner*innen über ihre Migrationserfahrungen. In diesem Ausschnitt erinnert sie sich an verschiedene Diskriminierungserfahrungen im Alltag.

Selafet Hizarçi © Falko Siewert und Jenny Posener. Und Zentralrat der Juden Deutschland (siehe Quelle)

Haben Sie Diskriminierung erfahren?

Es gibt immer wieder Situationen. Einmal saß ich in der U-Bahn. Da setzte sich mir eine Frau gegenüber. Sie lächelte mich zunächst an, dann fragte sie plötzlich: „Warum tragen Sie Kopftuch?“ Ich fragte zurück: „Warum tragen Sie kein Kopftuch?“ Sie sagte: „Weil ich Deutsche bin!“ Ich antwortete: „Ich trage Kopftuch, weil ich Muslima bin.“ Da war sie still.

Ein anderes Mal beobachtete ich, wie eine Frau in einem Bus eine türkische Frau anpöbelte, weil sie auf dem Behinderten-Platz saß. Die Frau setzte sich um, aber die andere Frau pöbelte weiter. Als ich sie ansprach, meinte sie, der Platz stünde ihr zu, weil sie deutsch sei. Da wurde ich wütend: „Hören Sie mal“, sagte ich zu ihr, „wir leben nicht mehr in der Hitler-Zeit.“

Mein Mann wurde im Beruf gemobbt. Er war der einzige Ausländer in seiner Abteilung und die Kollegen machten ihm immer wieder Probleme. Einmal packten sie ihm einen Schweineknochen in seine Aktentasche, ein anderes Mal wurde er bestohlen. Sie haben oft gestänkert oder seine Anweisungen nicht befolgt. Der Chef stand aber immer hinter ihm und hat im den Rücken gestärkt.

 

 

 

 

 

 

Selafet Hizarçi kam 1969 mit ihrem späteren Mann aus der Türkei nach Deutschland. Sie lebten zusammen in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Berlin-Kreuzberg. Selafet begann, in einem Restaurant zu arbeiten, später in einer Konservenfabrik und als Reinigungskraft in einem Kindergarten. Obwohl sie Analphabetin war und nie eine Schule besuchte, lernte sie mit der Zeit Deutsch. 1975 und 1983 kamen ihre Söhne auf die Welt. 1987 lag sie mit einer Meningititserkrankung vier Monate im Krankenhaus, davon zwei Monate im Koma. Heute leben Selafet und ihr Mann in Berlin-Neukölln.

Selafet Hizarçi wurde im Rahmen des Projekts „Mutige Entdecker Bleiben“ zu ihren Erfahrungen des Ankommens in Deutschland befragt. Das Buch, in dem jüdische und muslimische Einwander*innen der Generation nach 1945 zu ihren Erfahrungen des Ankommens in Deutschland befragt werden, entstand im Rahmen des Projekts „Schalom Aleikum. Jüdisch Muslimischer Dialog“ vom Zentralrat der Juden in Deutschland.

Auch wenn Selafet Hizarçi und ihr Mann als Arbeitsmigrant*innen nach Deutschland kamen, zeigen ihre in diesem Interviewausschnitt besprochenen Erfahrungen von Diskriminierung und Ausgrenzung große Parallelen mit unterschiedlichen Migrant*innen, früher und heute, auf. Insbesondere beschreibt sie, wie sie und ihr Mann aufgrund ihrer muslimischen Identität – und den damit verbundenen äußerlichen Merkmalen wie dem Kopftuch – diskriminiert wurden und wie sie im öffentlichen Raum und bei der Arbeit mit Vorurteilen und ungerechten Behandlungen konfrontiert waren.

Dieser Ausschnitt aus dem Interview mit Selafet Hizarçi wird im We Refugees Archiv mit freundlicher Genehmigung vom Zentralrat der Juden in Deutschland wiedergegeben.

Zuerst erschienen in:

Zentralrat der Juden in Deutschland (Hrg.), 2019: Mutige Entdecker bleiben. Jüdische und Muslimische Senioren im Gespräch. Schalom Aleikum Buchreihe 1. Berlin/Leipzig: Hentrich & Hentrich. S. 48.

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