Hussam Al Zaher über Journalismus und das kohero Magazin

„Für mich ist sogar die Luft politisch“: In einem Interview spricht Hussam Al Zaher über die Gründung des kohero Magazins, einem Online-Magazin für Themen rund um Migration und Flucht, und die Bedeutung, die Journalismus für ihn hat.

Hussam Al Zaher © Miguel Ferraz
Hussam Al Zaher © Miguel Ferraz

Als ich in der Erstaufnahme in Hamburg war, habe ich mich gefragt, warum die Medien über Geflüchtete berichten, und nicht wir über uns selber berichten. Ich dachte: „Ja, ich bin Flüchtling, aber ich bin auch Journalist. Vielleicht kann ich da etwas machen, mit beiden Sachen: Als Journalist und als Geflüchteter.“

Und ich habe mehrere Leute getroffen und die Idee hat sich entwickelt. Wir hatten die Idee, ein Onlineformat zu machen, in dem Geflüchtete sich selbst vorstellen und über ihre Meinungen und Kultur sprechen können. Wir wollten es auf jeden Fall auf Deutsch machen, damit die Deutschen uns lesen und uns kennen und uns verstehen lernen. Weil wir wussten, was 2016 an Silvester in Köln und Hamburg passiert ist. Und dass danach Syrer angegriffen wurden. Die Angst auf beiden Seiten ist stark. Und dann gibt es auch sehr viele Vorurteile gegeneinander – auf beiden Seiten, aber auf jeden Fall gibt es mehr Vorurteile von den Deutschen gegen Geflüchtete. Und dann dachten wir: Wir brauchen diesen Kanal, auf dem wir als Geflüchtete mit den Deutschen sprechen, damit sie uns kennenlernen, wir uns kontaktieren und diskutieren und dann auf beiden Seiten kennenlernen und versuchen, gemeinsam in einer Gesellschaft zu leben. Zusammen. Denn ich habe auch gemerkt, dass die Integration in Deutschland nicht super läuft – damals und jetzt – das liegt an Fehlern und unterschiedlichen Gründen, wir haben jetzt nicht die Zeit, darüber zu sprechen. Aber einer dieser Gründe ist: Die Gesellschaft, die Menschen haben einander nicht kennengelernt. Jede Gruppe lebt allein, aus unterschiedlichen Gründen, u.a. aus politischen Gründen, aber auch kulturelle Gründe. Sie fürchten die Vorurteile der anderen. Es gibt in Deutschland nicht nur eine Gesellschaft, sondern mehrere.

Die Willkommenskultur sowie Deutsche mit Migrationshintergrund sind stark und ihre Stimmen sind laut. Sie sprechen viel darüber und dadurch kann man alles verändern. Und meine Meinung ist, dass neue Migrant*innen in Deutschland in unsere Gesellschaft integriert werden sollten. Wir sollten mit den Deutschen diskutieren, um diese Angst und Vorurteile gegenüber der anderen abzubauen.

Und dann habe ich ein paar Freunde kennengelernt und die Idee weiterentwickelt. Wir sind heute nicht nur online, sondern machen auch zwei Printausgaben pro Jahr. Wir produzieren jetzt auch einen Podcast: Wir veröffentlichen eine Folge pro Monat. Und wir veröffentlichen noch ungefähr vier Artikel oder Berichte pro Woche. Jetzt versuchen wir, unsere eigene Redaktion aufzubauen. Wir haben schon ein großes Netzwerk aufgebaut, mit ungefähr 120 Autor*innen, und versuchen auch weiter mit ihnen zu arbeiten.

FlüchtlingMagazin wird zu kohero Magazin

Das aktuellste Thema, an dem wir seit ungefähr einem Jahr arbeiten, ist, dass wir nicht mehr unter dem Titel „FlüchtlingMagazin“ arbeiten möchten, sondern uns umbenennen wollen. Daher machen wir jetzt einen Relaunch. Wir wollten aus vielen unterschiedlichen Gründen einen neuen Namen. Ein Grund ist, dass viele Geflüchtete selbst gefragt haben: „Bis wann bleiben wir Geflüchtete? Wir sind seit fünf oder vier Jahren hier, wir sprechen Deutsch, wir arbeiten, wir machen eine Ausbildung oder studieren. In ein oder zwei Jahren haben wir den deutschen Pass. Bis wann bleiben wir also Geflüchtete?“

Das war die erste Frage. Und wir möchten auf jeden Fall eine Stimme von Geflüchteten sein. Ich bin selber Flüchtling, aber wir möchten die Meinung aller Geflüchteten akzeptieren und ihre Meinungen stark machen. Das ist ein Grund.

Der zweite Grund ist, dass wir leider Kritik von beiden Seiten – von links und rechts – bekommen haben. Aus unterschiedlichen Gründen, aber auch nur aufgrund unseres Namens. Die linke Seite hat kritisiert, dass wir mit diesem Namen Leute zu einer geschlossenen Gruppe machen. Und unsere Idee war, dass wir zwar alle Geflüchtete sind, aber das bedeutet nicht, dass wir gleich sind. Wir sind total unterschiedlich. Das war das Missverständnis unter linken Leuten.

Der dritte Grund ist: Unsere Idee hat sich seit drei Jahren sehr entwickelt. Wir sind nicht mehr nur Geflüchtete, sondern arbeiten auch mit Deutschen. Wir möchten mehr über das Migrationsthema im Allgemeinen schreiben, was dann nicht mehr ganz zum Namen passt. Das hat sich mit der Zeit entwickelt und passt nun nicht mehr.

Der vierte Grund ist, dass wir uns wünschen, dass wir in den kommenden Jahren einen Start-Up schaffen. Und das kann mit dem Namen FlüchtlingMagazin nicht gelingen, weil es als ehrenamtliches soziales Projekt begann und wir ein richtiges journalistisches Start-Up entwickeln möchten. Das sind die Gründe, aus denen wir entschieden haben, uns einen neuen Namen zu geben. Wir werden uns umbenennen.

Unser neuer Name, Kohero, bedeutet auf Esperanto „Zusammenhalt“. Man kann auch das Wort hero [Englisch für Held] darin lesen, aber wir meinen das esperantische Wort.

Die Zielgruppe des Magazins

Unsere Hauptzielgruppe sind die Deutschen, aber das hat sich sehr entwickelt. Wir begriffen, dass es nicht nur um die sechs Millionen Ehrenamtlichen geht, die in der ‚Willkommenskultur‘ engagiert waren oder bis jetzt sind. Wir möchten auch Journalist*innen zur Zielgruppe machen und eine Fachzeitung zum Thema Migration und Flucht sein. Wir versuchen auch, mehr Geflüchtete zu erreichen, weil die Geflüchteten jetzt nach fünf Jahren Deutsch sprechen können. Also kann man sagen, dass sich die Zielgruppe verändert hat. Damals konnten die Geflüchteten kein Deutsch sprechen, aber jetzt schon.

Von Anfang an haben wir nur auf Deutsch veröffentlicht. Mit ein paar Freunden habe ich eine Lektoratsabteilung gegründet. Die Ehrenamtlichen, die in diesem Bereich arbeiten, bearbeiten sprachliche Fehler und bringen die Texte in ein schöneres Format, damit unsere deutschen Leser die Texte lesen und weiterlesen möchten. Denn für uns sind nicht nur die Inhalte wichtig – natürlich sind diese auch sehr wichtig – aber auch, dass die Leser*innen unsere Texte wertschätzen.

Die Bedeutung von Journalismus

In Damaskus war ich schon Journalist. Aber es ist natürlich total unterschiedlich gewesen. Erstens: Journalist in einem diktatorischen System zu sein ist ganz anders als Journalist in einem demokratischen System zu sein. Zweitens war ich ein kleiner Journalist damals, jetzt bin ich ein Medienmacher, um es richtig zu sagen. Das ist ein bisschen unterschiedlich. Damals habe ich berichtet, was passiert, und jetzt berichte ich nicht nur, sondern fokussiere mich auch auf meine Probleme und die Probleme meines Bekannten- und Freundeskreises und aller Minderheiten. Für ein Verständnis zwischen uns – Migrant*innen, Muslim*innen, Flüchtlingen – und der Mehrheit der Deutschen. Deswegen ist es total unterschiedlich.

Damals bedeutete Journalismus für mich: Was kann man veröffentlichen, wenn man nicht alles veröffentlichen kann? Aber jetzt bedeutet Journalismus für mich Freiheit. Journalismus bedeutet, Aufmerksamkeit auf Probleme zu lenken. Journalismus bedeutet, Lösungen zu finden, eine gesellschaftliche Diskussion zu eröffnen.

Auch wichtig ist: Was bedeutet es für mich, Journalismus auf Deutsch zu machen? Es ist auf jeden Fall sehr schwierig. Alle meine Artikel müssen nochmal von jemandem gelesen und bearbeitet werden. Aber ich habe aufgrund dieser Sprache sehr viel gelernt. Die deutsche und syrische Gesellschaft sind sehr unterschiedlich. Wir haben [in Syrien] nicht viele Themen, über die wir öffentlich nachdenken oder Diskussionen in der Gesellschaft aufmachen können. In Deutschland gibt es aber sehr viele verschiedene Themen und Probleme, über die ich nachdenke: Was bedeutet das? Wie hängt das miteinander zusammen? Und ich mache das gerne, ich beobachte als Journalist. Und für mich ist sogar die Luft politisch. Alles ist Politik. Und als Journalist beobachte ich alles. All diese Dinge habe ich mit meiner neuen Sprache gefunden. Ich habe das auf Arabisch nicht erlebt. Ich habe das nur auf Deutsch erlebt. Ich mag die Sprache sehr, obwohl ich meine Gedanken nicht sehr gut ausdrücken kann. Sprache ist sehr tief. Mit Sprache kann man sehr viel spielen und interessante Inhalte gut ausdrücken. Das fehlt mir leider. Aber Inhalte sind sehr gut für mich und diese Gedanken über neue Diskussionen, die ich hier erlebt habe und über die ich nachgedacht habe. Das ist sehr schön für mich und das habe ich auf meiner Muttersprache Arabisch nicht erlebt.

Die Rolle der Medien in Debatten um Migration und Flucht

Medien machen alles. Die Medien sind sehr stark, sie beeinflussen die Politik und lenken die öffentliche Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen. Aber leider sind die Medien gegenüber Migranten und Geflüchteten nicht ganz positiv eingestellt. Es gibt eine neue Studie der Hochschule [Macromedia], die deutsche Medien analysiert hat. Dabei ist herausgekommen, dass in einer Zeitung ein großer Teil der Berichte über Kriminalität auf Berichte von Straftaten durch Migrant*innen fokussieren, obwohl die Mehrheit der Straftaten nicht von Migrant*innen begangen wird. Außerdem haben sie Stimmen von Geflüchteten sehr wenig Raum gegeben. 11vgl. Hestermann, Thomas, 2020: Die Unsichtbaren. Eine Expertise für den Mediendienst Integration, in: Mediendienst Integration, Juli 2020, https://www.macromedia-fachhochschule.de/uploads/media/Hestermann_2020__Die_Unsichtbaren_-_Berichterstattung_ueber_Eingewanderte_und_Gefluechtete.pdf [17.11.2020]. An dieser Studie kann man sehen, dass in Bezug auf Flüchtlinge und Migrant*innen in den deutschen Medien noch sehr viel zu tun gibt. Und es zeigt, dass es so ein Projekt wie unser kohero Magazin sehr, sehr bedarf in unserer Gesellschaft.

Was die Medien besser machen könnten? Die Medien sollten in ihren Redaktionen mehr Stellen für Flüchtlinge und Migranten schaffen.

    Fußnoten

  • 1vgl. Hestermann, Thomas, 2020: Die Unsichtbaren. Eine Expertise für den Mediendienst Integration, in: Mediendienst Integration, Juli 2020, https://www.macromedia-fachhochschule.de/uploads/media/Hestermann_2020__Die_Unsichtbaren_-_Berichterstattung_ueber_Eingewanderte_und_Gefluechtete.pdf [17.11.2020].

Hussam Al Zaher kam 2016 aus Syrien nach Hamburg, wo er heute lebt.

In Damaskus studierte Hussam Politikwissenschaften und begann bereits in Syrien als Journalist zu arbeiten. In Deutschland angekommen, gründete er das kohero Magazin (ursprünglich: Flüchtling Magazin), ein Online-Magazin mit zwei Printausgaben pro Jahr. Zudem gibt es einen Podcast. Kohero („Zusammenhalt“ in Esperanto) gibt Geflüchteten in Deutschland eine Plattform, um sich vorzustellen und ihre Meinung zu gesellschaftspolitischen Themen zu diskutieren.

In dem Artikel geht Hussam der Frage nach, was Journalismus für ihn im Vergleich zu seiner Arbeit in Syrien und Deutschland bedeutet, und erzählt die Geschichte, wie er kurz nach seiner Ankunft in Hamburg 2016 das kohero Magazin unter dem Namen FlüchtlingMagazin gründete. Ziel des Magazins war von Anfang an, Geflüchteten eine Stimme zu geben, um Vorurteile gegen Geflüchtete abzubauen. Al Zaher nimmt Bezug auf die gesellschaftlichen Reaktionen auf kriminelle, darunter viele sexuelle Übergriffe auf Frauen vorwiegend durch Männer mit einem mutmaßlich nordafrikanischen Migrationshintergrund in der Silvesternacht 2015-16, die eine Debatte um Straftaten von Geflüchteten und Migrant*innen in Deutschland auslösten. Die Silvesternacht wird als einen Wendepunkt in der Debatte um Migration wahrgenommen, obwohl politische Maßnahmen gegen die Aufnahme von Geflüchteten bereits zuvor ihren Anfang genommen hatten. 11Werthschulte, Christian: „Nach“ Köln ist wie „vor“ Köln. Die Silvesternacht und ihre Folgen, 06.01.2017, in: Bundeszentrale für politische Bildung, https://www.bpb.de/apuz/239696/die-silvesternacht-und-ihre-folgen.

Inzwischen hat das Magazin seinen Namen geändert, was, wie er erklärt, eine Entscheidung war, die aus mehreren Gründen getroffen wurde. Einer davon war, dass die Beitragenden selbst kritisierten, dass sie sich nach Jahren in Deutschland und nachdem sie die Sprache gelernt hatten, nicht mehr mit dem Titel identifizieren könnten: „Wann hören wir auf, Flüchtlinge zu sein?“

    Fußnoten

  • 1Werthschulte, Christian: „Nach“ Köln ist wie „vor“ Köln. Die Silvesternacht und ihre Folgen, 06.01.2017, in: Bundeszentrale für politische Bildung, https://www.bpb.de/apuz/239696/die-silvesternacht-und-ihre-folgen.

Das Interview mit Hussam Al Zaher wurde am 22. Juli 2020 über Skype durchgeführt.

Mehr über das kohero Magazin gibt es hier zu lesen.