Paydar über Diskriminierung und seinen Umgang damit

Paydar H. ist ein Kurde aus Aleppo in Syrien. Nach der Bombardierung der Stadt im Jahr 2013 floh er im Alter von 24 Jahren nach Istanbul. Er heiratete im Jahr 2015, hat zwei Kinder und arbeitet in einer internationalen Organisation als Dolmetscher. In diesem Interviewabschnitt spricht er über die Flucht aus Syrien und die Entscheidung für Istanbul. In diesem Interviewausschnitt spricht er über Diskriminierung, Nachteile, die durch den temporären Aufenthaltsstatus entstehen und das Gefühl, auf ewig als ‚Ausländer‘ betrachtet zu werden. Er benennt aber auch seine Strategien, damit umzugehen.

Paydar H. in Istanbul. Privates Foto.

There were incidences when I felt excluded; yes. First time I applied for the position of the CM Supervisor [Cultural Mediator Supervisor, a managerial position in his workplace] I was excluded. It was the first time I applied for another job in my current work, I was applying to be a supervisor for cultural mediators. I was discriminated because I was Syrian. I felt like the other person has a nationality that makes him gain the position over me, I sensed that from the managers, I know that the other people sense that as well. As I saw myself, I was the best candidate to take the position, but I didn’t take it because of that. […]

To have the temporary protection status, makes a big difference. Like, for me, I’m Syrian and even if I had the money, I cannot buy any house, any piece of land, so Syrians cannot have their own houses, own lands in Turkey by a regulation that Turkey made a long time ago and Syria made as well. I think that you might always be deported anytime in any moment if a policeman didn’t like you. If a policeman doesn’t like you, he will capture you, he will frame something for you and he will send you to Syria within 24 hours. […] It’s easy to be deported from Turkey. Especially in the past year it was easier for people to get captured and deported. We had such times witnessing, between the end of 2019 and the first part of 2020, a lot of people were deported from Istanbul to Syria. At that time people were afraid of getting out of home, being captured by police. Even if they had ID’s (ID card) on their hands, they feared but not me, I was going and coming to work. […]

There is a lot of stuff. You don’t feel yourself safe 100%, but if you gain the citizenship, it will be totally different. You will still have the people’s look. That look will not change, it will stay the same. Even if you want to go to rent a house, you say to the man, I want to rent the house. He judges your accent. He asks, where are you from? “I’m from Syria, but I’m Turkish. I have Turkish citizenship“. He will keep calling you “Syrian” (sarcastic laughter). But on the other side, you’ll be protected by the Turkish law and you will have the rights of citizenship. […]

[…] If you are out of your country, you are a Refugee. Even if you have a work permit, even if you are working there… If you are a foreigner, you are a Refugee. For me, you are a migrant. You are Outsider. In Turkey they say “yabancı.” „Sen yabancısın.” This word has a general meaning for me. In Germany they say “Auslander.” In Turkey they say “Yabancı.” So, wherever I go, I will remain Yabancı or Auslander. Even if I take the citizenship of that country. If you have a country, with a place that you call your country and if you have no ID from there, you are an “auslander”. It’s because of the situation in the world. It is not because of my idea. Because of the situation in the world, you have a passport that concludes you are Syrian, wherever you go, you are still a foreigner. You remain a foreigner as well even if you take the citizenship of another country. My aunt, she’s a German citizen, has been living there for 25 years but still they look at her as she is an Auslander. Her son was born there. No, he doesn’t get that same look there, because he was born there. Because I was born in Syria, I will remain an Auslander, a Yabancı wherever I go. But maybe my kids who were born here, they won’t feel that feeling no more.

Knowing good Turkish helps you a lot. Whenever I go to places, taking appointment is hard because you can’t take appointment, but when I go there, like whenever I speak Turkish to the people inside (officers) they treat me differently. If you don’t talk Turkish, the behavior changes. I know they treat some people in bad ways. Thank God, I didn’t get any bad treatment or bad situation that I can remember. […]

The people cannot insult you with you understanding them. The people can’t do you stuff while you do understand their language. When you understand what they are saying, you understand what they are trying to do. If you understand, you can stop them. So, they get afraid of your reactions, they afraid of misbehaving in front of you. So, they try to behave. On the other hand, I know there are some people doing bad stuff with other people that they cannot understand Turkish. I know it happens. I don’t say everybody in this country is a good person, there are the good and the bad people. […]

I always try to be ‘as the person who is in front of me’ as his mind with imaging another person to avoid having that conflict moments or that inconvenient moments with them. It’s like reverse psychology, you know that?

Paydar H. in Istanbul. Privates Foto.

Es gab Vorfälle, bei denen ich mich ausgeschlossen fühlte, ja. Als ich mich das erste Mal für die Stelle des CM-Supervisors [Cultural Mediator Supervisor, eine Führungsposition an seinem Arbeitsplatz] beworben habe, wurde ich ausgeschlossen. Es war das erste Mal, dass ich mich für eine andere Stelle bei meiner derzeitigen Arbeit beworben habe, und zwar als Supervisor für Kulturmediator*innen. Ich wurde diskriminiert, weil ich Syrer bin. Ich hatte das Gefühl, dass die andere Person eine Nationalität hat, die sie mir überlegen macht, das habe ich bei den Manager*innen gespürt, und ich weiß, dass die anderen Leute das auch spüren. In meinen Augen war ich der beste Kandidat für die Stelle, aber ich habe sie deshalb nicht bekommen. […]

Den temporären Schutzstatus zu haben, macht einen großen Unterschied. Ich zum Beispiel bin Syrer, und selbst wenn ich das Geld hätte, könnte ich kein Haus oder Grundstück kaufen. Syrer*innen können also keine eigenen Häuser oder Grundstücke in der Türkei besitzen, aufgrund einer Regelung, die die Türkei vor langer Zeit getroffen hat und die auch Syrien getroffen hat. Ich denke, dass man immer und jederzeit abgeschoben werden kann, wenn ein Polizist einen nicht mag. Wenn ein Polizist dich nicht mag, wird er dich festnehmen, er wird dir etwas anhängen und dich innerhalb von 24 Stunden nach Syrien schicken. […] Aus der Türkei kann man leicht abgeschoben werden. Besonders im letzten Jahr sind viele Menschen einfach gefangen genommen und abgeschoben worden. Wir haben es erlebt, dass zwischen Ende 2019 und Anfang 2020 viele Menschen von Istanbul nach Syrien abgeschoben wurden. Zu dieser Zeit hatten die Menschen Angst, ihr Zuhause zu verlassen und von der Polizei aufgegriffen zu werden. Selbst wenn sie einen Ausweis bei sich hatten, hatten sie Angst, aber nicht ich, ich kam und ging zur Arbeit. […]

Es gibt eine Menge Dinge. Du fühlst dich nicht zu 100 % sicher, aber wenn du die Staatsbürgerschaft bekommst, wird es ganz anders sein. Aber der Blick der Menschen wird bleiben. Dieser Blick wird sich nicht ändern, er wird derselbe bleiben. Selbst wenn man ein Haus mieten will, sagt man zum Vermieter: „Ich möchte das Haus mieten.“ Er beurteilt den Akzent. Er fragt: „Woher kommst du?“ Du sagst: „Ich komme aus Syrien, aber ich bin Türke. Ich habe die türkische Staatsbürgerschaft“. Er wird dich weiterhin „Syrer“ nennen. Aber auf der anderen Seite wirst du durch das türkische Gesetz geschützt und hast die Rechte der Staatsbürgerschaft. […]

[…] Wenn du nicht in deinem Land bist, bist du ein Flüchtling. Auch wenn du eine Arbeitserlaubnis hast, auch wenn du dort arbeitest… Wenn du ein Ausländer bist, bist du ein Flüchtling. Für mich bist du ein Migrant. Du bist ein Außenseiter. In der Türkei sagt man „yabancı“. „Sen yabancısın“. Dieses Wort hat für mich eine allgemeine Bedeutung. In Deutschland sagt man „Ausländer“. In der Türkei sagt man „Yabancı“. Wo auch immer ich hingehe, ich werde Yabancı oder Ausländer bleiben. Selbst wenn ich die Staatsbürgerschaft dieses Landes annehme. Wenn du ein Land hast, einen Ort, den du dein Land nennst, und wenn du keinen Ausweis von dort hast, bist du ein „Ausländer“. Das liegt an der Situation in der Welt. Es ist nicht wegen meiner Vorstellung. Aufgrund der Situation in der Welt hast du einen Pass, der besagt, dass du Syrer bist, egal wohin du gehst, bist du immer noch ein Ausländer. Du bleibst auch dann ein Ausländer, wenn du die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes annimmst. Meine Tante ist deutsche Staatsbürgerin, sie lebt seit 25 Jahren in Deutschland, aber sie wird immer noch als Ausländerin angesehen. Ihr Sohn ist dort geboren. Nein, er wird dort nicht so angesehen, weil er dort geboren wurde. Weil ich in Syrien geboren bin, bleibe ich ein Ausländer, ein Yabancı, wohin ich auch gehe. Aber vielleicht werden meine Kinder, die hier geboren sind, dieses Gefühl nicht mehr empfinden.

Gut Türkisch zu können, hilft einem sehr. Wenn ich an einen Ort gehe, ist es schwer, einen Termin auszumachen, weil man keinen Termin ausmachen kann, aber wenn ich dorthin gehe und mit den Leuten dort (den Beamten) Türkisch spreche, behandeln sie mich anders. Wenn man nicht Türkisch spricht, ändert sich das Verhalten. Ich weiß, dass sie manche Leute schlecht behandeln. Gott sei Dank habe ich keine schlechte Behandlung oder schlechte Situation erlebt, an die ich mich erinnern kann. […]

Die Leute können dich nicht beleidigen, wenn du sie verstehst. Die Leute können dir nichts antun, solange du ihre Sprache verstehst. Wenn du verstehst, was sie sagen, verstehst du auch, was sie vorhaben. Wenn du sie verstehst, kannst du sie aufhalten. Sie haben also Angst vor deiner Reaktion, sie haben Angst, sich in deiner Gegenwart falsch zu verhalten. Also versuchen sie, sich zu benehmen. Andererseits weiß ich, dass es Menschen gibt, die mit anderen Menschen schlimme Dinge machen, die sie nicht verstehen können. Ich weiß, dass das vorkommt. Ich sage nicht, dass jeder in diesem Land ein guter Mensch ist, es gibt gute und schlechte Menschen. […]

Ich versuche immer, so zu sein, ‚wie die Person, die vor mir steht‘, wenn ich mir eine andere Person vorstelle, um Konflikte oder unangenehme Momente mit ihr zu vermeiden. Das ist wie umgekehrte Psychologie, kennst du das?

 

Paydar H. ist ein Kurde aus Aleppo in Syrien. Nach der Bombardierung der Stadt im Jahr 2013 floh er im Alter von 24 Jahren mit seinem Bruder über Afrin in Syrien in die Türkei und erreichte am 15. Mai 2013 Istanbul. Nachdem er in Istanbul eine Wohnung gefunden hatte, kamen seine Eltern und seine Schwester nach. Er heiratete im Jahr 2015, hat zwei Kinder und arbeitet in einer internationalen Organisation als Dolmetscher. In diesem Interviewabschnitt spricht er über die Flucht aus Syrien und die Entscheidung für Istanbul.

In diesem Interviewausschnitt spricht er über Diskriminierung, Nachteile, die durch den temporären Aufenthaltsstatus entstehen imd das Gefühl, auf ewig als ‚Ausländer‘ betrachtet zu werden. Er benennt aber auch seine Strategien, damit umzugehen.

Das Interview wurde von Elif Yenigun im Auftrag des We Refugees Archivs im März 2021 über Zoom auf Englisch geführt.

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche © Minor.