Hannah Arendt über das Geflüchtetendasein

Auszug aus „Wir Flüchtlinge“

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit unseres Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. Wir haben unsere Verwandten in den polnischen Ghettos zurückgelassen, unsere besten Freunde sind in den Konzentrationslagern umgebracht worden, und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt.“

 

Hannah Arendt (1906-1975) war eine jüdische deutsch-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin.

Nachdem sie 1933 mehrere Tage von der Gestapo inhaftiert wurde, floh sie nach Frankreich und arbeitete dort u.a. in zionistischen Organisationen, die Jüdinnen und Juden zur Flucht verhalfen. 1937 wurde ihr die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen, was sie für fast 14 Jahre zur Staatenlosen machte. Nachdem sie einige Wochen im französischen Internierungslager Gurs gefangen war, gelang ihr auch von dort die Flucht. 1941 kam Arendt in die USA, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte und ihr im jahr 1951 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft zuerkannt wurde. In ihren ersten Jahren in New York arbeitete sie als Publizistin, Lektorin und Mitarbeiterin mehrerer jüdischer Zeitschriften (u.a. „Der Aufbau“) und Organisationen (u.a. Commission on Jewish Cultural Reconstruction). Unter dem Eindruck der Flucht- und Ankommenserfahrung, die sie und andere europäische Jüdinnen und Juden gemacht hatten, verfasste sie 1943 auch den Essay „We Refugees“ im Menorah Journal.

Von 1953 bis 1967 lehrte Arendt als Professorin am Brooklyn College in New York, an der University of Chicago und an der New School for Social Research in New York.

In dem Auszug aus ihrem Essay „We Refugees“ schreibt Hannah Arendt über den Verlust, der für sie und andere Geflüchtete den „Zusammenbruch unserer privaten Welt“ ausmacht: Dabei spielt die deutsche Sprache, die für sie als deutschsprachige Publizistin auch in beruflicher Hinsicht unentbehrlich ist, eine große Rolle. Zudem nennt sie den Verlust von Freund*innen und Familie durch die nationalsozialistische Verfolgung. Aus Arendts Ausführungen klingt die Perspektivlosigkeit, vor der viele jüdische Geflüchtete angesichts des Verlusts von Sprache, Beruf und sozialem Umfeld auf der Flucht und in ihren Aufnahmeländern standen.

Arendt, Hannah, 2016: Wir Flüchtlinge. Mit einem Essay von Thomas Meyer. 5. Aufl. Stuttgart: Reclam. (amerik. Original 1943), p. 11.

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