Wie aus der jungen Aleksandra die Deutschlehrerin Alexandra wurde

In diesem Interview berichtet Alexandra Sadownik über ihr Verhältnis zur russischen Sprache und wie es für sie war, Deutsch zu lernen. Heute als Deutschlehrerin muss Alexandra oft an ihre ersten Schritte und Schulzeit zurückdenken. Das motiviert und leitet sie als Lehrerin.

Ein klassisches Vorstadthaus in Karaganda (Kasachstan). Die Großeltern des Interviewers errichtete es in den 70ern und schossen das Foto 1993 vor ihrer Migration in die Bundesrepublik Deutschland. © Privatbesitz des Interviewers

Russisch war während meiner Kindheit und Jugend meine Muttersprache. Jetzt im Nachhinein bin ich super dankbar, dass meine Eltern das auch so beibehalten und nicht irgendwie künstlich versucht haben, Deutsch noch in unseren Familienalltag einzubringen, sondern dass Russisch meine ganz persönliche Familiensprache blieb. Russisch ist mir total nahe. Immer wenn ich im Ausland war und dann anderen Russischsprachigen begegnet bin, habe ich dann auch ein ganz anderes Empfinden für die und bin ihnen auf einer ganz anderen Basis begegnet, weil das Russische auch nicht nur Sprache, sondern auch ein Kulturgut mit Ansichten, Traditionen, Moralvorstellungen und Normen für mich ist. Und ich habe das Gefühl, dass mir das alles durch die Sprache mitgegeben wurde. Wenn ich irgendwie Kinder habe, dann möchte ich das auch auf jeden Fall weitergeben.

In Usbekistan hatten wir Vatersnamen und andere Endungen in unseren Nachnamen. 11In der Sowjetunion erhielten Kinder als Zweitnamen eine umgewandelte Form des Vornamens des Vaters. Außerdem erhalten Frauen bei Nachnamen eine -a Endung. Zum Beispiel Daniel Anatolijwitsch (Sohn des Anatolij) Petunin oder Alexandra Anatolijowna (Tochter des Anatolij) Petunina. Diese Vatersnamen wurden nach der Übersiedlung in die BRD abgelegt. Darüber hinaus wurden sowohl Vornamen an deutsche Namen angeglichen (aus Zhenja wurde Eugen) als auch Nachnamen. Dabei wurden Namen nicht einheitlich transkribiert und mit Willkür der jeweiligen Sachbearbeiter*innen in den zuständigen Behörden an das deutsche Schriftbild angeglichen. So konnte es vorkommen, dass innerhalb einer Familie unterschiedliche Schreibweisen des Nachnamens behördlich festgehalten wurden. Die Behörden haben es nicht geschafft, unsere Namen anständig zu transkribieren. Unseren Nachnamen haben wir dreimal insgesamt anpassen müssen, damit das lateinische Schriftbild besser aussieht. Meinen Vornamen habe ich auch nach meinem Abitur ändern lassen. Vorher hieß ich Aleksandra. Weil ich dann doch zumindest am Vornamen nicht unbedingt wollte, dass man direkt sieht, dass ich eine Ausländerin bin. Das KS hat auch irgendwie schräg ausgesehen.

Es ist vielleicht doch so, dass ich eine bisschen andere Kindheit hatte, wenn ich meinen Beruf reflektiere. Wenn ich merke, dass in meiner Klasse andere Kinder sind, die einen Migrationshintergrund haben, dann empfinde ich eine starke Empathie für Sprachschwierigkeiten. Wenn sich andere Kolleg*innen dann über Sprachbarrieren aufregen, dann muss ich an meine Kindheit zurückdenken. Bei Elternabenden hatte ich eine Doppelfunktion, denn ich musste für meine Eltern übersetzen. Früher musste ich stärker als heute Briefe übersetzen und war oft bei bestimmten Entscheidungen involviert oder musste für meine Oma bei der Krankenkasse anrufen, weil mein Papa das dann doch nicht so gut erklären konnte.

    Fußnoten

  • 1In der Sowjetunion erhielten Kinder als Zweitnamen eine umgewandelte Form des Vornamens des Vaters. Außerdem erhalten Frauen bei Nachnamen eine -a Endung. Zum Beispiel Daniel Anatolijwitsch (Sohn des Anatolij) Petunin oder Alexandra Anatolijowna (Tochter des Anatolij) Petunina. Diese Vatersnamen wurden nach der Übersiedlung in die BRD abgelegt. Darüber hinaus wurden sowohl Vornamen an deutsche Namen angeglichen (aus Zhenja wurde Eugen) als auch Nachnamen. Dabei wurden Namen nicht einheitlich transkribiert und mit Willkür der jeweiligen Sachbearbeiter*innen in den zuständigen Behörden an das deutsche Schriftbild angeglichen. So konnte es vorkommen, dass innerhalb einer Familie unterschiedliche Schreibweisen des Nachnamens behördlich festgehalten wurden.

Alexandra Sadownik 11Nachname geändert wurde 1993 in Usbekistan geboren. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands, auf Andrang des Zentralrats der Juden in Deutschland und unterstützt durch ostdeutsche Politiker*innen, errichtete die Bundesrepublik Deutschland ein Aufnahmekontingent für Jüdinnen*Juden aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Dies geschah, um die schwindende Zahl der in Deutschland lebenden Jüdinnen*Juden nach oben zu heben und gilt als Versuch der Bundesrepublik Deutschland, mit der Shoah abzuschließen. Seit den 1990ern migrierten 200.000 Jüdinnen*Juden und ihre Angehörigen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Heute machen sie 90 Prozent hier lebenden Jüdinnen*Juden aus. Auch Alexandra migrierte mit ihrer Familie 1998 nach Deutschland und lebte einige Jahre in einer Aufnahmeunterkunft in Kiel. Heute ist sie ist angehende Lehrerin für Deutsch und Pädagogik an Gymnasien und Gesamtschulen mit dem Schwerpunkten Mehrsprachigkeit und Inklusion. Seit vielen Jahren engagiert sie sich gesellschaftspolitisch in der Jugend- und Studierendenarbeit und trägt im Rahmen der Hans-Böckler-Stiftung, der Jüdischen Hochschulgruppe, dem NS Dokumentationszentrum (Fachstelle [m²] miteinander mittendrin) und weiteren Institutionen zum interkulturellen und interreligiösen Austausch bei.

In diesem Interview berichtet Alexandra Sadownik über ihr Verhältnis zur russischen Sprache und wie es für sie war, Deutsch zu lernen. Heute als Deutschlehrerin muss Alexandra oft an ihre ersten Schritte und Schulzeit zurückdenken. Das motiviert und leitet sie als Lehrerin.

    Fußnoten

  • 1Nachname geändert

Das Interview führte Daniel Heinz am 26. März 2021 mit Alexandra Sadownik über Zoom im Rahmen einer Kooperation zwischen der Freien Universität Berlin und dem We Refugees Archiv. Daniel und Alexandra lernten sich 2016 im Rahmen eines Jugendprojektes der Botschaft des Staates Israels in Berlin kennen. Beide verbindet, dass ihre Eltern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in Zentralasien in den 1990ern nach Deutschland migrierten.

Unter der Leitung von Prof. Schirin Amir-Moazami erarbeitenden Studierende im Seminar „Narrative von Geflüchteten im Licht der Grenzregimeforschung“ im Wintersemester 2020/21 kritische Methoden der qualitativen Sozialforschung sowie literarische und wissenschaftliche Texte zum Thema Grenzregime.

Die Grenzregimeforschung richtet den Blick primär auf die politischen, ökonomischen und rechtlichen Bedingungen, die Migration und Grenzen als gesellschaftliche Phänomene erst hervorbringen.

In Zusammenarbeit mit dem We Refugees Archiv führten die Seminarteilnehmenden Interviews mit Geflüchteten über ihre Alltagserfahrungen in Deutschland durch oder schrieben Artikel zu den gemeinsamen Themen des Seminars und des Archivs.