„Es ist nicht die gleiche Sprache“

Kadija J. über die Schwierigkeiten im italienischen Bildungssystem.

Transkription

If you send 50 euros for a person in Africa, he will not call you and tell you, “I received the money,” because it is very small for them. 50 euros is not money for them. But you know how you get it here. You understand? The problem is there.

If you tell them, “Since I came I am not working, I am going to school,” they will say: “What school are you going to? Are you mad? You old woman or old man in school again?” You see, problem … They think as soon as you come you start to work and get this fast money. No, it’s not like that. “You went to school here, you have your certificates. You speak English and French. You go there, starting school …” It’s not the same language, not the same schools and regulation. The problem is very big.

[The following passage of Kadija’s interview is not part of the film excerpt that is shown here, but it is following after what she is saying in the video.]

Sfida means challenge. We all have different types of challenges. We have fight challenges, we have success challenges, but as for me, I am talking about what is for myself – to leave my country to go to another one is a big challenge. We have a different type of living; the living is different. If you leave the country for another country you have so many intentions. For example in Italy – the first time I was in Italy, I didn’t know how to say ‘Ciao’. I just watched people. But thank God that today I picked up my challenge to go to school. I do not say I speak Italian very well but I can understand. I am doing the course, which is a big challenge. The second one is to fulfill the challenge that brought me here. You know, I am a mother, I have a son I have to take care of. In the future I want to become someone important in the community, a good advisor. To advise is very important if you see someone is losing their life.

Kadija J. in an Interview in Palermo, 11 June 2019

 

„Wenn ich 50 Euro für eine Person in Afrika schicke, dann rufen sie mich nicht an und sagen: „Ich habe das Geld bekommen.“ Weil es für sie sehr wenig ist. 50 Euro ist kein Geld für sie. Aber du weißt, wie du es hier bekommen hast. Verstehst du? Das Problem ist da.

Wenn du ihnen sagst: „Seit ich hier bin, arbeite ich nicht, ich gehe zur Schule“, sagen sie: „Was für eine Schule ist das? Bist du verrückt? Du alte Frau oder alter Mann gehst wieder zur Schule?“ Du siehst, Probleme. Sie denken, sobald du ankommst, gehst du arbeiten und verdienst schnelles Geld. Nein, so ist es nicht. „Du warst hier in der Schule, hast deine Zertifikate. Du sprichst Englisch und Französisch. Und dort fängst du die Schule an?“ Es ist nicht die gleiche Sprache, es sind nicht die gleichen Regeln. Das Problem ist sehr groß.

[Der folgende Interviewausschnitt ist nicht mehr Teil des hier gezeigten Videoausschnitts, folgt aber im Interview auf das vorher Gesagte.]

Sfida bedeutet Herausforderung. Wir haben alle verschiedene Arten von Herausforderungen. Wir haben Kampf, wir haben Erfolg, aber für mich, und ich spreche ja davon, wie es für mich ist: Mein Land zu verlassen, um in ein anderes zu gehen, ist eine große Herausforderung. Wir haben eine andere Lebensart; das Leben ist anders. Wenn du dein Land für ein anderes verlässt, hast du so viele Intentionen. Zum Beispiel in Italien – das erste Mal, dass ich in Italien war, wusste ich nicht, wie man ‚Ciao‘ sagt. Ich habe einfach Leute beobachtet. Aber Gott sei Dank habe ich heute die Herausforderung angenommen, zur Schule zu gehen. Ich kann nicht sagen, dass ich besonders gut Italienisch spreche, aber ich kann es verstehen. Ich mache den Kurs, was eine große Herausforderung ist. Die zweite ist die Herausforderung zu meistern, die mich hierhergebracht hat. Du weißt, ich bin eine Mutter, ich habe einen Sohn, um den ich mich kümmern muss. In Zukunft möchte ich jemand Wichtiges in der Gemeinschaft sein, eine gute Ratgeberin. Zu beraten ist sehr wichtig, wenn du siehst, wie jemand sein Leben verliert.“

Interview mit Kadjia J. in Palermo, 11. Juni 2019 (deutsche Übersetzung aus dem englischen Original)

Kadija J. lebt seit über zwei Jahren in Palermo. Da sie an einer chronischen Herz-Lungen-Krankheit erkrankt ist und die medizinische Versorgung in ihrem Heimatland Guinea nicht ausreichend war, kam sie mit ihrem Mann nach Palermo. Sie haben einen Sohn, den sie in Guinea zurücklassen mussten.

In dem Interviewausschnitt spricht Kadija J. über die Schwierigkeiten, die ihr besonders im italienischen Bildungssystem begegnen. Sie geht in Palermo zur Schule, und dass sie nicht sofort Geld verdient, ist etwas, das ihre Familie in Guinea nicht verstehen kann. Für Kadija sind ihre Entscheidungen empowernd: Sie bezieht sich auf das italienische Wort für Herausforderung, sfida, und spricht über die Herausforderungen, die sie in Italien meistert. Kadija hat den Wunsch, als kulturelle Mediatorin in der Geflüchtetenselbstorganisation tätig zu sein.

Wie entstanden die Selbstzeugnisse, Filme und Filmfragmente in Palermo?

Diawara B. und Diallo S. von Giocherenda gestalteten mit den Teilnehmenden Glory M., Fatima D., Ismail A., Kadijatu J., Marrie S. und Mustapha F. einen dreitägigen Workshop, indem es um ihre eigenen Erfahrungen in Palermo ging. Mit verschiedenen Ansätzen und Spielen konnten in der Gruppe persönliche Erfahrungen ausgetauscht und vor der Kamera des We Refugees Archiv Filmteam in der Black Box erzählt werden. Fatima D., Ismail A. und Mustapha F. erklärten sich bereit, außerhalb des Workshops von Giocherenda mit dem We Refugees Archiv Filmteam Kurzfilme über ihr Leben und ihre Themen in der Stadt zu drehen.

Giocherenda ist eine professionelle Organisation von und mit jungen Geflüchteten in Palermo, die Spiele zum Storytelling anbietet. Es geht im Ansatz nicht darum Geflüchteten zu helfen und zu unterstützen, sondern ausdrücklich um den umgekehrten Ansatz: Geflüchtete helfen Europäer*innen im gemeinsamen Zusammensein und Erfahrungsaustausch.

Giocherenda kommt aus der afrikanischen Sprache Pular und bedeutet Solidarität, aber auch Interdependenz and Stärke, die aus der Zusammenkunft der Menschen entsteht. Es ähnelt dem italienischen Wort ‚Giocare‘ (Spielen), das das Kollektiv dazu inspirierte, Spiele zu entwickeln, die Erzählungen erzeugen und persönliche Erinnerungen teilen können.

Perspektive der Geflüchteten

Es wurde bewusst auf ein Drehbuch oder standardisierte Fragen in den filmischen Interviews verzichtet. Es ging allein um die Perspektive der Geflüchteten und die Themen, über die sie sprechen wollten. Einzige Vorgabe des Workshops war ein grober inhaltlicher Rahmen zu ihren Lebenserfahrungen in Palermo und ihren Visionen in naher Zukunft. Entsprechend konnten die Teilnehmenden frei entscheiden, was sie thematisieren und über welche Eindrücke, Probleme und Perspektiven sie sprechen wollten. Dass einige von ihnen dennoch über ihre Fluchterfahrungen nach Europa sprachen, beruhte also nicht auf einer Workshopvorgabe, sondern allein auf ihrer eigenen Entscheidung.

Interviewerin: Francesca Bertin
Kamera: Max Sänger
Produktion: Francesca Bertin

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