Grenzgänger:innen

Begegnungen zwischen DPs und der restlichen Berliner Bevölkerung waren alltäglich und geprägt von Fragen von Schuld, Reparationen und Gedenken.

Fünf DPs warten in Berlin-Wannsee auf den Zug, 1946–1948 © United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Lucy Gliklich Breitbart, 04058

Nathan Rubinstein (r.) mit einer Gruppe DPs in Berlin, 1945–1948 © United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Rita Lifschitz Rubinstein, 61434

Sommerlager für jüdische DPs in Grunewald © United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Mayer & Rachel Abramowitz, 48790

Filmplakat Morituri, 1948 © CCC Filmkunst GmbH

Karikatur aus Undser Lebn, 9. Mai 1947

Plakat für das Konzert Yehudi Menuhins im Titaniapalast, September 1947

„Bei den Kindern sind die Ausflüge in Berlin ganz besonders erfolgreich. Auf Lastwagen der ‚UNRRA‘ fahren sie jedes Mal zu einem anderen Teil der Stadt und betrachten mit kindischem Interesse all das, was noch vor so kurzer Zeit so viel Schrecken hervorgerufen hat. Das ist das Symbol unserer Zeit: aus Ghettos und KZs gerettete jüdische Kinder – am Brandenburger Tor!“

Undser Lebn, 2. August 1946

Grenzgänge: Interaktionen und Konflikte

Dem überwiegenden Teil der DPs galt Berlin als „verfluchte deutsche Erde“. Die DP-Lager boten einen Schutzraum, in dem jüdisches Leben weitgehend abgeschirmt von der Berliner Umwelt stattfinden konnte. Doch Interaktionen mit jüdischen und nichtjüdischen Berliner:innen sowie den alliierten Soldaten waren an der Tagesordnung. DPs studierten an der Technischen Universität, besuchten Berliner Theater und Kinos und bewegten sich wie die restliche Bevölkerung auf dem Schwarzmarkt. Einige jüdische DPs suchten sich Unterkünfte in der Stadt.

„Man schreit, dass es im zerstörten Warschau schwer ist, eine Wohnung zu finden – Pillepalle. Es ist schwer, eine Wohnung in Schlachtensee zu bekommen! […] Eine große Zahl von Lagerwohnungen sind verschlossen. Ihre Bewohner wohnen in der Stadt.“

Undser Lebn, 18. März 1948

Diese Begegnungen waren keineswegs ausschließlich konfliktfrei: Fragen von Schuld, Reparationen und Gedenken prägten innerjüdische Auseinandersetzungen und den Kontakt zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen. Die in Deutschland bereits verbreitete Überzeugung, nicht Täter:innen, sondern Opfer zu sein, beobachteten jüdische DPs mit Fassungslosigkeit. Beziehungen mit nichtjüdischen Berliner:innen, die keine Seltenheit waren, wurden von DPs mit Verachtung ge- und teilweise sogar vom Lagergericht bestraft.

„Chronik von Dingen, die nicht chronisch werden dürfen: […] Der polnische Jude Levin Antek, der im Block 13 Zimmer 8 wohnt, ist mit einer Bekannten, der Deutschen Erika von Schrott, eine Nacht in eine Kneipe feiern gegangen. Er hat getrunken wie ein Held. Er ist doch schließlich Antek, er ist wer! Am nächsten Morgen suchte er vergeblich wie ein Verrückter seinen Mantel, sein Geld! Die Deutsche, seine Verena fehlt. Das Einzige, was sie ihm ließ, ist – eine Geschlechtskrankheit …“

Undser Lebn, 25. September 1946

Plakat für das Konzert Yehudi Menuhins im Titaniapalast, September 1947

Der Fall Titania-Palast: Protest gegen Yehudi Menuhin

Der Fall des amerikanisch-jüdischen Geigers Yehudi Menuhin im September 1947 steht beispielhaft für die interne Kontroverse der DPs zu der Frage, wie mit der deutschen Schuld umzugehen sei: Nach einem Konzert im Titania-Palast im September 1947, dirigiert von Wilhelm Furtwängler, trat Menuhin allein im DP-Lager in Mariendorf auf. Dort erschien jedoch kaum Publikum. Auf seine Nachfrage hin erhielt er einen Protestbrief von Elijahu Jones, dem Herausgeber der Zeitung Undser Lebn. Für den Protest gab dieser zwei Gründe an: Erstens sei die nationalsozialistische Vergangenheit des Dirigenten Furtwängler umstritten. Zweitens sei das Konzert im Titania-Palast zugunsten deutscher nichtjüdischer Kinder ausgerichtet worden. Menuhin bat um eine Aussprache im DP-Lager. Dort erklärte ihm Jones auf Jiddisch:

„Herr Menuhin. Sie und wir finden keine gemeinsame Sprache. Anstatt miteinander zu sprechen, sollten wir uns vorstellen, wie wir gemeinsam durch die Straßen von Berlin gehen. Wenn Sie, der Künstler, die Ruinen sehen, werden Sie sagen: ‚Wie schade, dass so viel Schönes zerstört wurde.‘ Wenn wir, die wir unsere Familien verloren haben, die gleichen Ruinen sehen, werden wir sagen: ‚Wie schade, dass so viel stehen blieb.‘“

 

 

 

Filmplakat Morituri, 1948 © CCC Filmkunst GmbH

Die Todgeweihten: Ein erster Film über die Shoah

Der Film Morituri (1947/48) war die zweite Produktion der Central Cinema Company (CCC), die ein Jahr zuvor von dem aus Polen geflohenen DP Artur Brauner gegründet worden war. Im November 1948 kam der Film erstmals in die Berliner Kinos. Er ist der erste auf deutschem Boden gedrehte Film, der sich mit der Shoah auseinandersetzt. Im Zentrum des Films steht eine Gruppe aus dem Konzentrationslager geflohener Menschen, die sich in den polnischen Wäldern verstecken. Der Film konnte nur kurz gezeigt werden. Das deutsche Publikum reagierte mit heftiger Ablehnung: Einige Kinosäle mussten nach der Aufführung aufgrund von Vandalismus renoviert werden. Trotz finanzieller Einbußen bereute Artur Brauner nach eigener Auskunft nie, den Film realisiert zu haben.

Tivoli

Im Januar 1947 fand im DP-Lager „Bialik“ in Mariendorf eine Gerichtsverhandlung gegen einen jüdischen DP statt. Er hatte vor dem Kino Tivoli in Tempelhof einem Deutschen einen Ring abgekauft, der aus dem Besitz einer in Majdanek ermordeten Frau stammte. Da der Angeklagte um die Herkunft des Rings wusste, wurde er für „das Schänden der Würde der 6 Millionen Opfer und für Volksverrat“ aus der Jüdischen Gemeinde ausgeschlossen.

Der Berliner Schwarzmarkt und Antisemitismus

Im wirtschaftlich ruinierten Nachkriegsberlin entwickelte sich ein lebhafter Schwarzmarkthandel, an dem die Militärs der Besatzungsmächte, nichtjüdische Berliner:innen wie Displaced Persons gleichermaßen beteiligt waren. Die Aktivitäten der jüdischen DPs am Schwarzmarkt beförderte den vorhandenen Antisemitismus. Die deutsche Mehrheitsbevölkerung sah sich aufgrund der besseren Versorgung der jüdischen DPs ungerecht behandelt. So wurden vor allem die als fremd stigmatisierten osteuropäischen DPs für die Schwarzmarktaktivitäten verantwortlich gemacht. Auch in Militärberichten der US-amerikanischen Soldaten finden sich Zuschreibungen, die von einem tiefverwurzelten Antisemitismus zeugen.

 

„Zwei Zeiten – ein Lied. Die schlechten Semiten 1937 – und die Schlachtensee-Miten 1947“: Das Wortspiel ist eine humoristische Anspielung auf den andauernden deutschen Antisemitismus, der sich im Nachkriegsberlin vorwiegend auf jüdische DPs konzentrierte. © Undser Lebn, 9. Mai 1947

„Bezeichnenderweise nennt der Reinickendorfer das UNRRA-Lager ‚Juwelenbude‘. […] Sie fühlen sich sehr wohl in Deutschland, diese Herren. Sie merken nichts von einer Not. […] Warum tut die Polizei nicht das geringste gegen diese ‚Gäste‘? […] Sie nutzen die Großzügigkeit der alliierten Behörden aus, um sich zum Schaden der deutschen Bevölkerung die Taschen zu füllen.“

CDU-Zeitung Neue Zeit, 25. Mai 1947

Unter den jüdischen DPs stieß das Thema auf Empörung. Die Verantwortlichen taten alles in ihrer Macht stehende, um den Schwarzmarktaktivitäten aus eigenen Reihen Einhalt zu gebieten. Zum einen befürchtete man, dass Menschen aufgrund mangelnder Zukunftsaussichten auf die schiefe Bahn geraten könnten. Zum anderen bestand die Angst, durch die Beteiligung weniger am Schwarzmarkt könnte die gesamte DP-Gemeinschaft diskreditiert werden.

„Der schwarze Markt besteht wie eh und je, verschwunden ist lediglich der Sündenbock, auf den man die Schuld abwälzen konnte.“

Der Weg – Zeitschrift für Fragen des Judentums, 6. August 1948

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