Bilder und Geschichten aus Çorum – Traugott Fuchs‘ Zeugnisse aus der anatolischen Internierung

Traugott Fuchs folgte seinem Lehrer Leo Spitzer aus Protest gegen dessen Entlassung durch die Nazis und aus politischen Überzeugungen ins türkische Exil, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Neben seinen akademischen Tätigkeiten schuf Fuchs im Laufe seines Lebens ein reiches künstlerisches und literarisches Werk, das bezeugt, wie nah er sich dem Exil fühlte, das seine Heimat wurde. Als die Türkei im Herbst 1944 spät ihre Neutralität im Zweiten Weltkrieg aufgab und sich auf die Seite der Alliierten stellte, wurden alle Deutschen und Österreicher – auch diejenigen, die vor dem nationalsozialistischen Regime geflohen waren – als feindliche Ausländer in den anatolischen Ortschaften Çorum, Yozgat, und Kirsehir interniert. Auch Traugott Fuchs verbrachte 13 Monate in der Internierung in Çorum, setzte dort jedoch sein künstlerisches Schaffen besonders intensiv fort: Zu den dort entstandenen Bildern schrieb er kleine Geschichten, die seine rege und begeisterte Anteilnahme an der Landschaft und dem Leben der Menschen in der anatolischen Provinz zum Ausdruck bringen.

Der Weg zum Hıdırlık

Traugott Fuchs, Der Weg zum Hıdırlık, Çorum, 1944/45, Verzeichnis Ç-02 © Hermann Fuchs.

Hıdırlık so heisst der Hügel, auf dem sich eine Moschee, ein türbe (ein Grabmal) und ein Friedhof befinden. Der ganze Bezirk ist dem Hıdır geweiht. Wer ist nun dieser Hıdır? Ein in der Türkei und in den andern mohammedanischen [veraltete Fremdbezeichnung für „muslimisch“] Ländern des Vorderen Orients verehrter Heiliger, der grün gekleidet erscheint und guter Menschen Wünsche erfüllt. In der „Alexandersage“ ist er Alexander des Grossen Koch und derjenige, der durch puren Zufall das Wasser des Lebens findet, das Alexander selbst, im Land der Finsternis, umsonst suchte, und der unsterblich wird. Der Name Hızır, Hıdır, Chıdr oder Khıdr ist eine Ableitung von al-Khadir=der grüne (Mann) – siehe die grünen Kleider dieses Heiligen.

Freitags war das Hıdırlık für Männer Tabu, denn da kamen Frauen dahin, um zu beten und um gewisse Riten zu praktizieren, um fruchtbar zu werden und Kinder zu haben. Bevor sie beteten, nahmen sie aber in dem nahen Bach ihre intimen, rituellen Waschungen vor. Da aber all dies in strengster Abgeschlossenheit geschah, hatte ich keine Gelegenheit, mehr über diese Mysterien zu erfahren.

Professor Hellmut Ritter, bei dem ich nach meiner Rückkehr von Çorum ein Jahr lang (in Insirah Sokak 34) in Bebek wohnte, erzählte mit dazu eine interessante Geschichte: Während des Ersten Weltkriegs, als er Generalstabsoffizier in Palästina war, wollten einige deutsche Soldaten eine Frau getroffen haben, die ihnen erzählte, dass sie dem grüngekleideten (Hıdır) begegnet sei, der ihr alle ihre Wünsche erfüllt habe. Dieser Vorfall wurde auch ins Dossier der Armee eingetragen.

Selbst heutzutage noch ist der Glaube an Hıdır in Istanbul nicht verblasst. Meine Nachbarin in Rumeli Hisar, Handan Hanım, erzählte mir, dass eine ihrer Freundinnen, als sie einst in der Hagia Sophia, die damals noch eine Moschee war, betete, plötzlich den grüngekleideten Hıdır vor sich gesehen habe; er habe ihr ein paar Fragen über den Koran gestellt, die sie, da sie durch die Erscheinung dieses untersetzten kleinen Mannes zu schockiert war, ihm nicht beantworten konnte. Gleichwohl verstand Hıdır ihre wahre innere Gesinnung recht gut und erfüllte ihr ihre Wünsche.

Denkt ihr nicht auch, dass der Hıdırlez-Tag, der noch immer am 6. Mai gefeiert wird, auf einer mohammedanischen Tradition beruht? Wenn einer, der vorher 40 Stunden gebetet hat, an diesem Tag ganz früh am Morgen an das Ufer des Bosporus geht und da, im Angesicht des Wassers, seinen Wunsch ausspricht, so wird sich dieser innerhalb eines Jahres erfüllen.

Eine andere Version dieser Legende, wie sie mir durch Nurten Hanım berichtet wurde, ist die: An Hıdırlez durchstreifen zwei unsterbliche Heilige, Hıdır und Elies, die Luft. Besonders Hıdır bewegt sich sehr schnell. Und wenn du deinen Wunsch auf ein Blatt Papier niederschreibst und es ganz früh am Morgen nah an die Wurzeln unter einen Rosenbusch eingräbst, so werden die zwei erhabenen Herzenskundigen und Wundertäter das Nötige zur Wunscherfüllung unternehmen.

Aber gehen wir doch, nach dieser schon längst zu langen Rede, endlich das kurze Stückchen zum Hıdırlık hinauf und schauen wir, wie es vereinfacht und in verkleinerten Massstab aussieht.

Abendblick aus einem Fenster unseres alten türkischen Hauses

Traugott Fuchs, Abendblick aus einem Fenster unseres alten türkischen Hauses, Çorum, 1944/45, Verzeichnis Ç-06 © Hermann Fuchs.

Dies ist ein abendlicher Blick aus einem der Fenster des alten türkischen Hauses mit den geschnitzten und bemalten Türen und ähnlich geschmückten Zimmerdecken, wo ich mit Frau Kantorovicz zusammen wohnte.

Abends erglühten die Berge und die Himmel in den verschiedensten purpurnen Farbtönen, die aber von Minute zu Minute wie beim Alpenglühen wechselten. In dieser Stunde kamen Frauen zum Brunnen: einige trugen mit beiden Händen riesige Kupferkessel herbei, um sie zu waschen; andere wiederum füllten ihre Kessel voll, um sie dann nachhaus zu tragen. Da aber ihre Hände vollauf mit Tragen beschäftigt waren, konnten sie den unteren Teil ihres Gesichts nicht mit ihren Kopftüchern richtig bedecken. Also stopften sie ein Ende ihres Umschlagtuchs in den Mund und bedeckten so zwar ihr Gesicht, liessen aber dabei überraschenderweise ihren Busen völlig unbeachtet, der unverhüllt zutage lag.

Einmal sahen wir in einer anderen Strasse eine Bettlerin mit (bis zum Bauch) entblössten Brüsten (am Straßenrand sitzen). Ist das etwa eine uralte Sitte, dass Frauen, um in andern Mitleid zu erwecken, ihren Busen vorführen? Nach Tacitus demonstrierten einst germanische Frauen, als sie ihre ermüdeten Männer erlahmen sahen und dass sie nahe waren, den Kampf aufzugeben, in echt weiblicher Weise, indem sie vor ihnen ihre Brüste enthüllten, um sie zur Wiederaufnahme des Kampfes anzuspornen.

Und heutzutage – an den sommerlichen Badestränden? Sogar in Kuşadası! Die moderne Mode „oben ohne“ wurde, möchte man da glauben, bis einem gewissen Grade schon vor Jahren in Wirklichkeit in Çorum von seinen grosszügigen Frauen gestartet.

Auf der Ausstellungs-Party, die Mrs. Nermin Streater Muvaffak in ihrem Haus in Ankara gab, mochte Freya Stark dieses Bild wegen seiner Perspektive, besonders wie, von oben gesehen, die Strasse vom Vordergrund in den Hintergrund führt.

Der Hof einer Sägemühle in der Nähe von Çorum

Traugott Fuchs, Der Hof einer Sägemühle in der Nähe von Çorum, Çorum, 1944/45, Verzeichnis Ç-11 © Hermann Fuchs.

Zu Beginn unserer Internierung durften wir eine ganze Zeitlang spazieren gehen wo immer wir wollten. Dann entstanden eines Tages Probleme, die wohl mit den allzu freien Spaziergängen unserer Frauen zu tun hatten, und wir durften das Weichbild der Stadt nicht mehr verlassen. Das war für mich wirklich schlimm, denn diesen nie sehr weit führenden aber freien Ausflügen verdankte mein Herz das Gefühl freien inneren Lebens. Daher hiess ich, obwohl es in äusserster Heimlichkeit zu geschehen hatte, die Gelegenheit, mit dem Vater einer meiner Schüler aus meinem Privatzeichenzirkel diese interessante und reiche Sägemühle nicht sehr weit von Çorum zu besuchen, mit grosser Freude willkommen. Der Mann, der ein Schreinermeister war, hatte dort etwas zu erledigen. Er hatte mir auch ein fabelhaftes zusammensetzbares Bett aus Walnussholz verfertigt. Noch einige andere Leute, die unser Abenteuer, das den Geschmack des verboten-unschuldigen Vergnügens hatte, teilen wollten, kamen mit, und eines Tages in aller Frühe schlüpften wir hinaus, duckten uns in einem hölzernen Ochsenwagen nieder und wurden an diesen wirklich reizvollen Ort gezogen, den wir, während unser Meister arbeitete, in aller Musse besichtigen konnten. Leider durfte ich meinem besonderen Trieb nicht folgen und aus dem Hof ausbrechen, um die Reihe herrlicher Pappeln hinter dem Haus gegenüber aus der Nähe zu bewundern, sowie den Mühlbach, der bestimmt dort sein musste und ungestüm einherfloss.

Jedoch wogen die friedlichen Einzelheiten des Innenhofs der Sägemühle die eventuellen externen Vergnügungen, an denen ich gehindert war, genugsam auf.

Hudud an Hıdırs Tür

Traugott Fuchs, Hudud an Hıdırs Tür, Çorum, 1944/45, Verzeichnis Ç-15 © Hermann Fuchs.

Ich dachte, dass, wenn einerseits Hudhud, der ziemlich unbeachtet auf den Feldern von Çorum sein Wesen trieb, seinem klassischen Ruhm in der alten persischen Literatur (z. B. bei Farīdūn Attār) getreu, die Kraft hatte, die sich nach ihrem König Sīmurgh (=Gott) sehnenden Vögel zu unterweisen und durch viele Gefahren hindurch ihrer Bestimmung zurückzuführen, und wenn er andrerseits, wiederum wie in der alten persischen Liebesdichtung und in Goethes „Westöstlicher Divan“ als Günstling des Königs Salomo von ihm berufen war, der Bote ewiger Liebe zwischen dem Liebenden und dem Geliebten zu sein, so wie es sich einst zwischen dem König Salomo und der Königin von Saaba abspielte, er dann, wenn ihn mein Herz anflehte, zu Hıdır [zu dieser wunscherfüllenden Legendenfigur siehe oben] zu gehen, seines Rangs als Bevollmächtigter eingedenk, doch mit Leichtigkeit den Wunscherfüller um Hilfe und um Besserung der Gesundheit desjenigen Mannes bitten könnte, der ihn ziemlich genau kannte, sodass er (durch ihn geheilt) wieder schöne, kompetente und beredte Dinge über ihn zu schreiben vermöchte. Darum kam Hudhud, um an Hıdırs Tür zu klopfen.

Anatolische Kopfbedeckung

Traugott Fuchs, Anatolische Kopfbedeckung, Çorum, 1944/45, Verzeichnis Ç-16 © Hermann Fuchs.

So eine phantastische anatolische Kopfbedeckung drängt aber geradezu eine monumentale Darstellung als nötig auf: ein hübscher, leicht geheimnisvoller anatolischer Mann, des Typs wie man ihn immer noch in anatolischer Einöde so wie die in der Nähe Çorums ist, sehen kann, wie er auf einem weissen Pferd unter grauen Himmel vor dem Hintergrund der phantastischsten Berge, in ein langes, weites braunes wollenes Cape gehüllt daherreitet.

Kuhhandel auf dem Wochenmarkt

Traugott Fuchs, Kuhhandel auf dem Wochenmarkt, Çorum, 1944/45, Verzeichnis Ç-12 Cj-19 © Hermann Fuchs.

Seh ich recht? Der Mann hebt den Schwanz des geduldigen Tiers in die Höhe, um zu beweisen, wie jung es noch ist. Natürlich können nach solch einer augenfälligen Demonstration für die Kenner keine Zweifel mehr bestehen. Und jetzt kann mit dem Handeln begonnen werden!

Auf diesem Markt kaufte ich zwei gleich hübsche junge Gänslein, die mir von dem Verkäufer als ein sehr verheißungsvolles Pärchen angelegentlich empfohlen worden waren. Das eine mit dem lustigen kleinen Schopf (dombil) auf dem Kopf war bestimmt ein Männchen. Sie wuchsen zu zwei schönen Exemplaren heran mit himmlischen blauen, gold-orange umringten Augen (und schneeweissem Gefieder), dass ich sie Isis und Osiris taufte. Dies schöne Paar inspirierte mich zu einer ganzen Kette herrlicher Träume, genau wie’s Perrette in der berühmten Fabel von La Fontaine erging: Zuerst ein schönes Familienleben in meinem kleinen Garten – ein Idyll! Dann, genau so folgerichtig wie in der Fabel ein Nest, … Eier, … süsse kleine Gänseküken usw., und schließlich zerbrach eines schönen Tages wie Ferrettes ihrer der Topf all meiner vorweggenommenen süssen Wünsche grausam in tausend Scherben, als nämlich zur Zeit der Reife meiner göttlichen Gänse der Lärm der Nächte so laut wurde, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Grosser Gott, sieht so die Liebe von Gänsen aus, ohne dass sie je ein Resultat zeitigte? Da rief ich denn in meiner Verwirrung einen Nachbar zu Hilfe. Der war keineswegs um Rat verlegen und trat lächelnd, seine eigene, ganz gewöhnliche ziemlich schmutzige und hässliche Gans, ein Weibchen, unterm Arm zur Tür herein… Nun wurde schaurig klar, dass mit oder ohne Schopf Isis und Osiris beide normale, vielleicht sogar supernormale Männchen waren, denn sie gingen sofort aufeinander los und bekämpften sich als Rivalen. Sie schlugen sich wie wild mit den Flügeln und suchten wütig ihre Schnäbel in des andern Brust zu bohren, um ihn zu töten. Unverzüglich gab ich sie unter der Bedingung weg, dass man sie nicht zum Essen schlachte. Da ihre Stärke und ihre kämpferischen Gaben als höchst schätzenswert erkannt worden waren, wurden sie mit großer Freude angenommen und zu Solokämpfern, zu Schau-Ringern gemacht. – Tatsächlich sah ich sie auch am nächsten Sonntag auf einem Platz außerhalb der Stadt voreinander stehen, während hinter dem einen eine Armee gewöhnlicher hässlicher Gänse wartete, bereit, sich auf ein Zeichen ihres neuen Besitzers hin zum Vergnügen einer grossen Menschenmenge öffentlich zu schlagen. Nein! Für mich seid ihr Isis uns Osiris gewesen! Indem ich meine frühere Liebe zu ihnen widerrief, verliess ich die widerliche Schau.

Oft dachte ich mir, dies sei vielleicht mein bestes Çorum-Bild, und ich frage mich, warum wohl? – Etwa wegen der Details

„Kese“ in einem Türkischen Bad

Traugott Fuchs, „Kese“ in einem türkischen Bad, Çorum, 1944/45, Verzeichnis Ç-21 © Hermann Fuchs.

(„Kese“: eine Prozedur, wo man – nach längerem Schwitzen – den Kopf dreimal gründlich gewaschen, den Körper mit einem schwarzen, harten, härenen Handschuh (kese) von oben bis unten abgeschrubbt, dann mit Bastbesen und Seifenschaum abgewaschen kriegt.)

Der Bademeister (hamamcı) war schon über sechzig. Ich bewunderte seine weissen, vollständigen, vollkommenen Zähne, in diesem Alter! Ich sagte mir: Da siehst du nun, wie Menschen, wenn sie eng mit der Natur zusammenleben, fern von der ungesunden und verderblichen Luft der Städte, selbst in höherem Alter noch hübsch und intakt sein können. Ach, aber ach, was musste ich sehn: Als der Mann meine pathetischen Komplimente hörte, nahm er plötzlich seine gut gemachten falschen Zähne heraus und zeigte mir lachend seinen leeren Mund – die Wirkung der Natur.

Sein „kese“ (die Haut-Abschrubbungsprozedur) war vollendet und er gebrauchte dabei eine andere Methode als die ich in Istanbul kennengelernt hatte: die abzureibende Person liegt ausgestreckt da, und der Bademeister reibt erst eine Seite des Körpers völlig ab, wobei er immer die intimen Körperteile sorgfältig mit einem Handtuch bedeckt. Welch wonniges Gefühl! Und dabei ist Zeit genug, die Lichtstrahlen, die durch die Fensterlöcher der dunklen Kuppel fallen und schräg den Raum durchqueren, zu beobachten und zu geniessen und beinah etwas Metaphysisches dabei zu empfinden. Der Bub auf dem Bild ist natürlich erfunden. Eine Sekunde später wird er rausplatzen vor Lachen, denn der hamamcı wird gleich damit anfangen, ihm, wie’s der Beruf vorschreibt, mit seinem kese auch seine Fusssohlen abzureiben und das kitzelt unwiderstehlich.

Geschnitzte und bemalte Türen in einem alten Çorum-Haus

Traugott Fuchs, Geschnitzte und bemalte Türen in einem alten Çorum-Haus, Çorum, 1944/45, Verzeichnis Ç-23 © Hermann Fuchs.

Eine Zeitlang bewohnte ich dieses alte Çorum Haus zusammen mit „Mutter Kantorovicz“, „Frau Kantor“ = Annemarie Kantorovicz, der ersten Frau des eingewanderten jüdischen Professors für Zahnheilkunde, Alfred Kantorovicz, von dem sie sich später scheiden liess.

Sie lebte danach in einem sehr schlichten Zimmer in einem Haus oben auf einem Hügel in Bebek, das einer freundlichen türkischen Witwe gehörte. In ihrer Einsamkeit schuf sie aber die reizenden Puppenstuben, die in den anspruchsvollsten europäischen Kunstgewerbegalerien ein ungeheures Aufsehen erregt hätten, so hübsch waren sie, von denen sie aber die meisten einfachen Leuten in ihrer Nähe einfach hinwegschenkte. (Echt Frau Kantor!)

Allweihnachtlich lud sie mich zu einem saftigen Braten und zu Riesenportionen eines köstlichen Mahls ein. Sie war wirklich unglaublich freigebig und grosszügig, und ich schmückte ihre hübschen kleinen Puppenstuben und Möbelchen mit Tupfen und anderen bunten Motiven aus. Wir hatten immer grossen Spass in ihrem gemütlichen Zimmer.

Volksschulkinder beten zu dem „dede“ um Versetzung

Traugott Fuchs, Volksschulkinder beten zu dem „dede“ um Versetzung, Çorum, 1944/45, Verzeichnis Ç-24 © Hermann Fuchs.

(„dede“ hier: alter Heiliger, sonst „Opa“, Grossvater)

Im „Türbe“ (Mausoleum) unterhalb des Hıdırlık pflegten Volksschulkinder den „dede“ zu befragen, ob sie versetzt werden würden. Natürlich wurde dabei eine gewisse Technik befolgt: Vor dem Grabmal im Innern hoben sie kleine Steinchen vom Boden auf und drückten sie in die nicht sehr tiefen Löchlein auf der Vorderseite des Grabmals, die höher als die Rückseite war, und beteten schnell. Wenn das betreffende Steinchen stecken blieb, so bedeutete das, dass der dede ihren Wunsch erfüllt hatte und dass sie versetzt würden. Wenn aber nicht, was dann? Naja, dann versuchen wir’s halt noch einmal oder helfen vielleicht ein ganz kleines bisschen nach?

 

Liederabend der Emigranten

Traugott Fuchs, Liederabend der Emigranten, Çorum, 1944/45, Verzeichnis Ç-32 © Hermann Fuchs.

 

 

„Da gab es auch diesen“

Traugott Fuchs, „Da gab es auch diesen“, Çorum, 1944/45, Verzeichnis Ç-34 © Hermann Fuchs.

Erklärung zum Bild von Hermann Fuchs: Im Hintergrund sieht man einen Trauerzug, der einen in ein grünes Leichentuch gewickelten Muslim zu Grabe trägt. Im Vordergrund ist ein aufgeschüttetes Grab vor der Friedshofsmauer zu sehen. Ob der Tote nicht auf dem Friedhof begraben werden durfte, weil er Selbstmord beging oder kein Muslim war, bleibt offen. Es kann sich um das Grab eines Emigranten handeln.

 

 

 

Traugott Fuchs (1906-1997) hatte unter dem Romanisten Leo Spitzer in Köln studiert. Als Spitzer nach der nationalsozialistischen Machtergreifung entlassen wurde, begann Fuchs aus politischer Überzeugung eine solidarische Protestaktion, wodurch er sich selbst zur Zielscheibe machte. 1934 folgte Fuchs seinem Lehrer ins Istanbuler Exil. Dort lehrte er unter anderem an der Fremdsprachenschule, der Philosophischen Fakultät an der Universität Istanbul und am amerikanischen Robert College (ab 1971 Boğaziçi University) Französisch, Deutsch und deutsche Sprach- und Literaturgeschichte und arbeitete für Spitzer und später für den Romanisten Erich Auerbach. Neben seinen bis 1978 andauernden akademischen Tätigkeiten war Fuchs unablässig künstlerisch und schriftstellerisch tätig. Er schrieb Gedichte und Elegien, übersetzte türkische Literatur ins Deutsche, malte und zeichnete. 11Vgl. Dogramaci, Burcu, 2021: Traugott Fuchs. In: METROMOD Archive,  https://archive.metromod.net/viewer.p/69/2949/object/5138-10832903, last modified: 14-09-2021 (08.11.2021).

Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Exilierten entschied sich Fuchs dafür, bis zu seinem Tod in Istanbul zu bleiben. Auch wenn er intensive Kontakte zu einigen der exilierten Intellektuellen pflegte und in ihre Netzwerke eingebunden war, beschränkte er sich nicht auf dieses soziale Umfeld. Er suchte die Nähe zur türkischen Bevölkerung, lernte Türkisch und setzte sich intensiv mit der türkischen Geschichte, Kultur und Politik auseinander. Sein künstlerisches und literarisches Werk ist Zeugnis dieser Auseinandersetzung und des nahen und warmen Blicks, den Fuchs auf sein Exil hatte, das zu seiner Heimat wurde. In Porträts, Landschafts- und Stadtansichten, Stillleben und Alltagsszenen entfaltet sich Fuchs‘ Blick auf die Türkei über Jahrzehnte. Neben Istanbul bildete er auch andere Städte und Landschaften ab, darunter die anatolische Kleinstadt Çorum, in der er, wie viele andere deutsche Exilierte, ab 1944 für 13 Monate interniert war.

Diese Internierung war eine Folge der Beendigung der türkischen Neutralität und der offiziellen Kriegserklärung im Herbst 1944. Damit  wurden alle diplomatischen Beziehungen mit NS-Deutschland abgebrochen. Es begann eine völlig neue Zeit für alle deutschen und österreichischen Staatsangehörigen. Entweder sie ließen sich ins „Dritte Reich“ zurücktransportieren oder sie wurden gemeinsam mit den im Land verbliebenen jüdischen und politischen Geflüchteten in drei Orten Anatoliens interniert: Çorum, Yozgat, und Kirsehir.

Fuchs‘ malerische und literarische Zeugnisse aus der Internierungszeit, von denen hier eine Auswahl gezeigt wird, zeugen jedoch davon, wie stark er in der Zeit in Çorum nicht nur eine Verbindung zu der anatolischen Landschaft und seinen Mitinternierten entwickelte, sondern auch zu den türkischen Bewohner:innen des Dorfes, deren Alltag und Bräuche er fasziniert beobachtete und daran teilnahm. Seine Bilder und die dazugehörigen Geschichten illustrieren lokale Legenden, Fuchs‘ Erlebnisse auf dem Markt und im Hamam, geheime Ausflüge in Sägemühlen und vieles mehr. Dabei geht der Blick des „Fremden“ in den des Heimischwerdenden über.

    Fußnoten

  • 1Vgl. Dogramaci, Burcu, 2021: Traugott Fuchs. In: METROMOD Archive,  https://archive.metromod.net/viewer.p/69/2949/object/5138-10832903, last modified: 14-09-2021 (08.11.2021).

Alle Bilder: Traugott Fuchs, Çorum 1944/1945,Çorum-Sammlung im Nachlass Traugott Fuchs © Hermann Fuchs.

Alle Texte: Fuchs, Traugott, 1986: Çorum und anatolische Bilder. Istanbul: Bosporus Universität, p. 13-20.

Unser herzlicher Dank gilt Hermann Fuchs für die Unterstützung bei der Recherche und für die Erlaubnis, die Bilder im We Refugees Archiv zu zeigen.