Geschichten einer Frau am Spreeufer

von Widad Nabi

Widad Nabi © Minor KontorAm Spreeufer sitze ich dem alten Berliner Dom gegenüber zwischen
drei Frauenstatuen. Rechts von mir steht eine nackte Frau, ihre Hand
ruht auf dem Knie, ihre Gesichtszüge sind traurig und einsam, als ob
sie eine alte Wunde in sich tragen würde, die sie nicht berühren kann,
um sie zu heilen.
Links von mir die zweite nackte Frau, die auf den Fluss vor ihr
schaut, als ob er weit weg zu ihrem Land fließt, das sie verloren hat. Sie
scheint über den Verlust nachzudenken, und es ist, als würden ihre
Marmorlippen einen Vers aus Brechts Gedicht »Gedanken über die
Dauer des Exils« vortragen:
»Schlage keinen Nagel in die Wand
Wirf den Rock auf den Stuhl
[…]
Du kehrst morgen zurück.«

Ich denke: Wenn ich an der Stelle dieser Frau wäre, könnte der neue
Ort für mich zur Heimat werden? Ist es tatsächlich unmöglich, die Geborgenheit
des alten Ortes wiederzugewinnen?
Wenn das so wäre, müssten wir jede neue Möglichkeit, aus den
Ruinen
aufzuerstehen, von vornherein als Niederlage ansehen. Jeder
Ort hat eine Seele, die uns aufnehmen kann, um ein neues Leben zu
schaffen und ein Gedächtnis voll Liebe, Angst, Wünschen, Trauer, Weinen
und Lachen, als wären wir neu geboren.

1
Bei einer Lesung im Berliner Literaturhaus fragte eine Zuhörerin, was
wir mit unseren Büchern gemacht hätten, als wir unser Land verließen.
Die Frage öffnete eine Tür zu alten, unheilbaren Wunden. Ich
habe all meine Bücher zurückgelassen. Es war keine große Bibliothek;
ich hatte die meisten Bücher in der Pubertät von meinem Taschengeld
gekauft, und der Rest waren Geschenke von Freunden, die nun durch
den Krieg in alle Winde zerstreut sind.

Ich ließ diese Bücher ebenso hinter mir wie meine Familie, mein Haus
und meine Stadt.

Das kleine Boot, das uns ans andere Meeresufer brachte, konnte nicht
so viel Gewicht tragen. Niemand weiß hier, dass das Meer keine Bücher
mag und auch keine privaten Dinge. Sogar das Bild meines Vaters
schluckte das Meer, obwohl es so leicht war.

Als ich in Berlin ankam, wohnte ich sechs Monate lang in einem kleinen,
armseligen Zimmer in einem Heim.

Das Zimmer sah aus wie ein Gefängnis, wie die Armenhäuser, aus denen
überall Menschen fliehen. Also wollte ich das Zimmer mit Wärme
und Geborgenheit füllen. Ich kaufte einige Bücher auf Deutsch, obwohl
ich damals noch kein Wort Deutsch verstand. Schon die Titel der
Bücher waren für mich rätselhaft, als ob sie ein Geheimnis enthielten.
Aber schließlich waren es alle eleganten und schönen Bücher. Sie verliehen
meinem Zimmer etwas von der Schönheit und Geborgenheit, die
mir fehlte.

In den langen einsamen Nächten blickte ich traurig auf das Bücherregal,
auf die Bücher, die ich gekauft hatte, ohne ihre Sprache zu verstehen.
Sie gaben mir die Ruhe, die ich brauchte, als handelte es sich um
alte Freunde. Die Bücher konnten den neuen Ort vertrauter machen
und verliehen der Fremde eine menschliche Dimension.

Darum schlendere ich durch Berliner Buchläden. Obwohl ich der deutschen
Sprache noch nicht wirklich mächtig bin, gibt mir das Stöbern
in den Büchern eine Seelenruhe, die im städtischen Getriebe fehlt.

Meist besuche ich die Uni-Bibliothek Grimm, um Deutsch zu lernen
oder arabische Bücher zu lesen. Oft schreibe ich Notizen in mein Heft.
Ich sitze zwischen Tausenden von Büchern und fühle mich zu Hause
wie eine Katze, die an ihrem gewohnten Platz hockt. Wie viele Male
war ich traurig, weil ich meine Ringe auf dem Tisch dort vergaß. Mein
Freund sagt zu mir: »Eines Tages wirst du nicht nur die Ringe, sondern
auch dein Herz in der Bibliothek verlieren.«

So fand ich mich bei den drei Frauenstatuen wieder. Wir stritten über
Brechts Idee, das Exil sei ein neuer Ort, in dem man von Neuem beginnen
könne. Zumindest können wir versuchen, uns der Verlustangst
nicht hinzugeben, kleine Welten zu erschaffen, die uns die Wärme einer
anderen Heimat geben oder uns wenigstens über unsere Verluste trösten.

2
Im vergangenen September ist auf Spiegel online ein Artikel von mir
erschienen unter dem Titel »Integration ist kein Kleidungsstück, das
wir einfach überziehen«. Es gab unterschiedliche Leserreaktionen per
E-Mail oder in den sozialen Medien.

Manche waren positiv, andere negativ. Für mich war das Gefühl wichtig,
dass ich durch ein literarisches Essay, das diskutiert wurde, zu einer
Bewohnerin dieses neuen Landes geworden war.
Das Schreiben kann neue Zugehörigkeiten schaffen, es treibt mich voran
und verringert die Gefühle der Nostalgie. Hier oder dort, wo auch
immer, kann man schreiben, und es kann ein kleines Zuhause für uns
sein und auch für die Leser, vielleicht auch für jene stillen Frauen am
Spreeufer. Vielleicht sind sie eine Erinnerung an die »Trümmerfrauen«,
die nach dem Krieg aus den Ruinen des Krieges in Deutschland
eine neue Welt geschaffen haben.

3
Bei einer Lesung der Heinrich-Böll-Stiftung in Heidelberg fragte mich
eine Frau aus dem Publikum, warum in meinen Gedichten so oft die
Buche auftaucht. Ich erzählte ihr, dass der türkische Dichter Nâzim
Hikmet die Buche in einem Gedicht über seine Sehnsucht nach der
Heimat erwähnt. Immer wenn ich eine Buche sehe, erinnere ich mich
an das Gedicht von Nâzim Hikmet und an meine Heimat. Die Buche
ist ein Andenken an all das, was ich verloren habe.

Als die Lesung zu Ende gegangen war, verließ die junge Frau den Raum,
kam zurück und reichte mir ein Buchenblatt, das sie draußen gepflückt
hatte. Ich nahm das Blatt und umarmte sie herzlich. Ich spürte, dass
die Wärme der Heimat auch in der Liebe von anderen liegt, die wir
nicht kennen. Was uns verbindet, sind nur tiefe Gefühle über die Bedeutung
des Verlusts.

Ich betrachte die Statue der nackten Frauen rechts von mir und stelle
fest, dass jeder neue Ort ein neuer Anfang ist, als ob er eine Heimat
wäre oder ein kostbarer Ersatz für das alte Leben.

4
Ich betrachte das Gesicht der Frauenstatue auf meiner linken Seite. Ihr
Gesicht ist rein und glatt, faltenlos, als ob sie keinen Schmerz gekannt
hätte. Ich bin erst Anfang dreißig, aber unter meinen Augen erscheinen
schon kleine Fältchen, und wenn ich lache, sieht man deutlich zwei
Linien um meinen Mund. Es sind zarte Falten, die sich vom Lachen
mit meinen Freunden in meinem Land gebildet haben. Sie entstanden
durch Momente der Liebe und der durchlebten Nächte, durch das Lesen
von Büchern, weil ich um die Helden der Romane fürchtete, denen
etwas zustieße, falls ich einschlief.

Wir ähneln uns nicht. Das Gesicht dieser Frau ohne Falten hat nicht
die gleiche Geschichte wie ich. Morgen oder in dreißig Jahren werde
ich neben ihr sitzen, und mein Gesicht wird noch mehr Falten bekommen
haben von der Liebe, vom Vergnügen, vom Lachen und Weinen
und von der Sehnsucht in diesem Land. Vielleicht wird die Statue der
Spree erlauben, einige Spuren auf ihrem Gesicht zu hinterlassen, wenn
sie sich mit ihrer Vergangenheit versöhnt.

5
Es ist kurz vor Mitternacht, ich sitze immer noch zwischen den drei
Frauen. Die Cafés hinter uns sind geschlossen, die Stühle und Tische
draußen sind mit einer Eisenkette befestigt. Meine drei Frauen und ich
unterhalten uns über die Liebe, die Heimat und das Exil. Ich frage
mich, worüber die leeren Stühle und Tische reden. Sind Cafés nicht
letztendlich Häuser der Trauer, über die ich und die drei unbekleideten
Frauen lieber nicht sprechen? Diese Frauen, die seit Jahren fest am
Ufer des Flusses stehen, scheinen mit diesem Ort und in der Erinnerung
tief verwurzelt zu sein. Darin unterscheide ich mich von ihnen.
Für mich ist es einfacher geworden, eine Stadt durch eine andere, eine

Liebe durch eine andere und einen Freund durch einen anderen, ein
Lieblingslied durch ein anderes, ein gemütliches Café durch ein anderes
zu ersetzen – als ob du bei jedem Verlust deine Verbindung mit
dem Schoß der Welt durchtrenntest und neu geboren würdest.

Der Computertechniker erzählte mir, alle persönlichen Dateien der
letzten fünfzehn Jahre, die sich auf meiner Festplatte befanden, seien
gelöscht: Familienfotos, Bilder von Freunden und Orte, in denen ich
gelebt habe und die jetzt nach dem Krieg nicht mehr existieren. Von
ihnen hatte ich nur diese Fotos. Dazu noch meine alten Texte und Tausende
von Online-Büchern, Filme und Lieder. Alles durch einen Fehler
des Technikers verdampft, für immer. Das war für mich, als ob
jemand die Nabelschnur, die mich mit der Welt verbindet, abgeschnitten
hätte. Der Techniker beobachtete mich erschrocken, vielleicht
spürte er meinen inneren tiefen Absturz, als ich sah, wie mein Archiv
für immer verschwand, wie die Städte, aus denen ich stamme, unter
Trümmern versanken.

Ich wollte sofort sterben, um diese Trauer nicht mehr erleben zu müssen.
Minuten später verließ ich schnell den Laden, hob den Kopf, und
die feinen Schneeflocken bedeckten mein Gesicht und mein Haar, ich
atmete tief durch und stellte mir das Leben als einen langen Gang vor.
Ich brauchte jetzt genügend Sauerstoff, um einen neuen Versuch zu
starten. Ich ging weiter und erreichte die Wohnung meiner Freundin.
Wir tranken Rotwein, lachten und redeten über das schlechte Wetter.
Ich erzählte ihr kurz und bündig, was mir im Computerladen passiert
war, als ob es keine Katastrophe war. Ich lächelte und entdeckte, dass
ich alle meine Wurzeln abgeschnitten hatte, die Wurzeln der Liebe, der
Freunde und der Dinge, die ich mochte. Ich bin jetzt ein Zweig, der
ohne Wurzeln am Himmel hängt. Ich habe keine Wurzeln, um die Erde
zu erreichen, und keine hohen Zweige, um die Himmelsdecke zu berühren.

An diesem Punkt erfuhr ich, was es bedeutet, frei zu sein wie eine
Schneeflocke, die auf ein zerrüttetes Gesicht fällt, das lächelt, als ob es
das Gesicht einer Marmorstatue wäre.

6
Die Statue der dritten Frau, die ich Anna Karenina nannte, schien den
Geschichten am Spreeufer zu lauschen. Ich fragte sie, ob sie eine weitere
Geschichte hören wollte. Mit ihren angenehmen Gesten schien sie mir
zuzustimmen. Ich erzählte ihr, dass ich am Morgen an einem schönen
kleinen Handwerksladen in Kreuzberg vorbeigegangen war. Davor saß
an einem Holztisch eine gutaussehende Frau, etwa vierzig Jahre alt, in
der Hand eine Zigarette, vor sich eine Tasse Milchkaffee. Sie schien ihn
noch nicht berührt zu haben. Sie hätte ein Teil des charmanten Berlins
sein können, wenn nicht dieser traurige zerstreute Blick gewesen wäre,
dieser Blick, den ich gut kenne, der Blick von denen, die ausgeplündert
worden sind. Sie war eine ausgeplünderte, sich selbst abhandengekommene
Frau, als ob die Liebe und das Leben in ihren schönen Augen oft gegeneinander
gekämpft hätten. Wie die drei Frauen am Ufer und wie ich.

7
Manchmal finde ich im Bus einen freien Platz. Einmal stieg ich an der
Haltestelle Prenzlauer Berg ein. Als ich mich hingesetzt hatte, bemerkte
ich auf dem Sitz gegenüber der Bild eines jungen Mannes, der ein
schönes, lächelndes Mädchen küsst. Der junge Mann sah asiatisch aus,
während die junge Frau, die er küsste, europäisch wirkte.

Das Bild legte nahe, dass sie verliebt waren und sich nicht darum kümmerten,
was es auf dieser Welt an ethnischen und religiösen Konflikten
gab. Es waren einfach nur zwei Verliebte.

Das erinnerte mich an etwas, was ich online gelesen hatte. Die Rechtsradikalen
hatten ein Flüchtlingsheim in Berlin angegriffen und angezündet.
Ich dachte, wie kann eine Stadt diese Widersprüche in sich
vereinigen? Wie kann die Liebe zwei Menschen in einem Bild zusammenbringen,
das von Berliner Augen wahrgenommen wird? Später
erzählte ich einer Fremden davon, um diese Geschichte am Abend den
drei Frauenstatuen am Spreeufer mitteilen zu können.

8
Gegen ein Uhr nachts verabschiedete ich mich von den drei Frauen am
Spreeufer, versprach, ihnen in den kommenden Nächten mehr Geschichten
zu erzählen, und machte mich auf den Weg nach Hause. Ich
musste mit der U-Bahn zweimal umsteigen. An der zweiten Station
Lichtenberg, die fast leer war, näherte sich mir ein junger Mann, entriss
mir meinen Rucksack, der auf der Bank neben mir lag, und rannte
weg. Statt zu schreien und ihn zu verfolgen, blieb ich ruhig auf der
Bank sitzen. Ich fand keine Erklärung für mein Verhalten, vielleicht
war das der Grund, warum der Dieb sich zu mir umdrehte, als er die
Treppe erreichte. Niemand bemerkte den Diebstahl, weil der Bahnhof
zu dieser Stunde fast menschenleer war. Er wühlte in dem Rucksack
nach Geld, und als er nichts fand, stellte er den Rucksack auf die Treppe,
rief: »Warum?«, und verließ schnell den Bahnhof. Ich begriff nicht.
Meinte er: Warum ist kein Geld in der Tasche?

Tatsächlich waren das Geld und das ausgeschaltete Mobiltelefon bei
mir, aber warum hatte ich so reagiert? Darauf hatte ich keine Antwort.
Der Rucksack enthielt nur ein Heft, Stifte, eine Parfumflasche J’adore,
Salim Barakats Gedichtband, im Original betitelt mit »Die Übersetzung
des Basalts«, eine kleine Taschenlampe zum Lesen, einen kleinen
Spiegel, einen Kajalstift und roten Lippenstift.

Als ich zu Hause war, stellte ich mir vor, wie die drei Frauen am Spreeufer
mich fragen würden: »Warum?«

Ich sagte ihnen und auch mir: »Wenn die großen Diebe, die mein Leben
und das Leben von Millionen in dieser Welt geraubt haben, frei und
glücklich leben, warum sollte ich einem kleinen Dieb, der nur meine
kleinen Sachen stehlen wollte, Schaden zufügen?«

Am Spreeufer sitze ich dem alten Berliner Dom gegenüber zwischen
drei Frauenstatuen. Rechts von mir steht eine nackte Frau, ihre Hand
ruht auf dem Knie, ihre Gesichtszüge sind traurig und einsam, als ob
sie eine alte Wunde in sich tragen würde, die sie nicht berühren kann,
um sie zu heilen.
Links von mir die zweite nackte Frau, die auf den Fluss vor ihr
schaut, als ob er weit weg zu ihrem Land fließt, das sie verloren hat. Sie
scheint über den Verlust nachzudenken, und es ist, als würden ihre
Marmorlippen einen Vers aus Brechts Gedicht »Gedanken über die
Dauer des Exils« vortragen:
»Schlage keinen Nagel in die Wand
Wirf den Rock auf den Stuhl
[…]
Du kehrst morgen zurück.«

Ich denke: Wenn ich an der Stelle dieser Frau wäre, könnte der neue
Ort für mich zur Heimat werden? Ist es tatsächlich unmöglich, die Geborgenheit
des alten Ortes wiederzugewinnen?
Wenn das so wäre, müssten wir jede neue Möglichkeit, aus den
Ruinen
aufzuerstehen, von vornherein als Niederlage ansehen. Jeder
Ort hat eine Seele, die uns aufnehmen kann, um ein neues Leben zu
schaffen und ein Gedächtnis voll Liebe, Angst, Wünschen, Trauer, Weinen
und Lachen, als wären wir neu geboren.

1
Bei einer Lesung im Berliner Literaturhaus fragte eine Zuhörerin, was
wir mit unseren Büchern gemacht hätten, als wir unser Land verließen.
Die Frage öffnete eine Tür zu alten, unheilbaren Wunden. Ich
habe all meine Bücher zurückgelassen. Es war keine große Bibliothek;
ich hatte die meisten Bücher in der Pubertät von meinem Taschengeld
gekauft, und der Rest waren Geschenke von Freunden, die nun durch
den Krieg in alle Winde zerstreut sind.

Ich ließ diese Bücher ebenso hinter mir wie meine Familie, mein Haus
und meine Stadt.

Das kleine Boot, das uns ans andere Meeresufer brachte, konnte nicht
so viel Gewicht tragen. Niemand weiß hier, dass das Meer keine Bücher
mag und auch keine privaten Dinge. Sogar das Bild meines Vaters
schluckte das Meer, obwohl es so leicht war.

Als ich in Berlin ankam, wohnte ich sechs Monate lang in einem kleinen,
armseligen Zimmer in einem Heim.

Das Zimmer sah aus wie ein Gefängnis, wie die Armenhäuser, aus denen
überall Menschen fliehen. Also wollte ich das Zimmer mit Wärme
und Geborgenheit füllen. Ich kaufte einige Bücher auf Deutsch, obwohl
ich damals noch kein Wort Deutsch verstand. Schon die Titel der
Bücher waren für mich rätselhaft, als ob sie ein Geheimnis enthielten.
Aber schließlich waren es alle eleganten und schönen Bücher. Sie verliehen
meinem Zimmer etwas von der Schönheit und Geborgenheit, die
mir fehlte.

In den langen einsamen Nächten blickte ich traurig auf das Bücherregal,
auf die Bücher, die ich gekauft hatte, ohne ihre Sprache zu verstehen.
Sie gaben mir die Ruhe, die ich brauchte, als handelte es sich um
alte Freunde. Die Bücher konnten den neuen Ort vertrauter machen
und verliehen der Fremde eine menschliche Dimension.

Darum schlendere ich durch Berliner Buchläden. Obwohl ich der deutschen
Sprache noch nicht wirklich mächtig bin, gibt mir das Stöbern
in den Büchern eine Seelenruhe, die im städtischen Getriebe fehlt.

Meist besuche ich die Uni-Bibliothek Grimm, um Deutsch zu lernen
oder arabische Bücher zu lesen. Oft schreibe ich Notizen in mein Heft.
Ich sitze zwischen Tausenden von Büchern und fühle mich zu Hause
wie eine Katze, die an ihrem gewohnten Platz hockt. Wie viele Male
war ich traurig, weil ich meine Ringe auf dem Tisch dort vergaß. Mein
Freund sagt zu mir: »Eines Tages wirst du nicht nur die Ringe, sondern
auch dein Herz in der Bibliothek verlieren.«

So fand ich mich bei den drei Frauenstatuen wieder. Wir stritten über
Brechts Idee, das Exil sei ein neuer Ort, in dem man von Neuem beginnen
könne. Zumindest können wir versuchen, uns der Verlustangst
nicht hinzugeben, kleine Welten zu erschaffen, die uns die Wärme einer
anderen Heimat geben oder uns wenigstens über unsere Verluste trösten.

2
Im vergangenen September ist auf Spiegel online ein Artikel von mir
erschienen unter dem Titel »Integration ist kein Kleidungsstück, das
wir einfach überziehen«. Es gab unterschiedliche Leserreaktionen per
E-Mail oder in den sozialen Medien.

Manche waren positiv, andere negativ. Für mich war das Gefühl wichtig,
dass ich durch ein literarisches Essay, das diskutiert wurde, zu einer
Bewohnerin dieses neuen Landes geworden war.
Das Schreiben kann neue Zugehörigkeiten schaffen, es treibt mich voran
und verringert die Gefühle der Nostalgie. Hier oder dort, wo auch
immer, kann man schreiben, und es kann ein kleines Zuhause für uns
sein und auch für die Leser, vielleicht auch für jene stillen Frauen am
Spreeufer. Vielleicht sind sie eine Erinnerung an die »Trümmerfrauen«,
die nach dem Krieg aus den Ruinen des Krieges in Deutschland
eine neue Welt geschaffen haben.

3
Bei einer Lesung der Heinrich-Böll-Stiftung in Heidelberg fragte mich
eine Frau aus dem Publikum, warum in meinen Gedichten so oft die
Buche auftaucht. Ich erzählte ihr, dass der türkische Dichter Nâzim
Hikmet die Buche in einem Gedicht über seine Sehnsucht nach der
Heimat erwähnt. Immer wenn ich eine Buche sehe, erinnere ich mich
an das Gedicht von Nâzim Hikmet und an meine Heimat. Die Buche
ist ein Andenken an all das, was ich verloren habe.

Als die Lesung zu Ende gegangen war, verließ die junge Frau den Raum,
kam zurück und reichte mir ein Buchenblatt, das sie draußen gepflückt
hatte. Ich nahm das Blatt und umarmte sie herzlich. Ich spürte, dass
die Wärme der Heimat auch in der Liebe von anderen liegt, die wir
nicht kennen. Was uns verbindet, sind nur tiefe Gefühle über die Bedeutung
des Verlusts.

Ich betrachte die Statue der nackten Frauen rechts von mir und stelle
fest, dass jeder neue Ort ein neuer Anfang ist, als ob er eine Heimat
wäre oder ein kostbarer Ersatz für das alte Leben.

4
Ich betrachte das Gesicht der Frauenstatue auf meiner linken Seite. Ihr
Gesicht ist rein und glatt, faltenlos, als ob sie keinen Schmerz gekannt
hätte. Ich bin erst Anfang dreißig, aber unter meinen Augen erscheinen
schon kleine Fältchen, und wenn ich lache, sieht man deutlich zwei
Linien um meinen Mund. Es sind zarte Falten, die sich vom Lachen
mit meinen Freunden in meinem Land gebildet haben. Sie entstanden
durch Momente der Liebe und der durchlebten Nächte, durch das Lesen
von Büchern, weil ich um die Helden der Romane fürchtete, denen
etwas zustieße, falls ich einschlief.

Wir ähneln uns nicht. Das Gesicht dieser Frau ohne Falten hat nicht
die gleiche Geschichte wie ich. Morgen oder in dreißig Jahren werde
ich neben ihr sitzen, und mein Gesicht wird noch mehr Falten bekommen
haben von der Liebe, vom Vergnügen, vom Lachen und Weinen
und von der Sehnsucht in diesem Land. Vielleicht wird die Statue der
Spree erlauben, einige Spuren auf ihrem Gesicht zu hinterlassen, wenn
sie sich mit ihrer Vergangenheit versöhnt.

5
Es ist kurz vor Mitternacht, ich sitze immer noch zwischen den drei
Frauen. Die Cafés hinter uns sind geschlossen, die Stühle und Tische
draußen sind mit einer Eisenkette befestigt. Meine drei Frauen und ich
unterhalten uns über die Liebe, die Heimat und das Exil. Ich frage
mich, worüber die leeren Stühle und Tische reden. Sind Cafés nicht
letztendlich Häuser der Trauer, über die ich und die drei unbekleideten
Frauen lieber nicht sprechen? Diese Frauen, die seit Jahren fest am
Ufer des Flusses stehen, scheinen mit diesem Ort und in der Erinnerung
tief verwurzelt zu sein. Darin unterscheide ich mich von ihnen.
Für mich ist es einfacher geworden, eine Stadt durch eine andere, eine

Liebe durch eine andere und einen Freund durch einen anderen, ein
Lieblingslied durch ein anderes, ein gemütliches Café durch ein anderes
zu ersetzen – als ob du bei jedem Verlust deine Verbindung mit
dem Schoß der Welt durchtrenntest und neu geboren würdest.

Der Computertechniker erzählte mir, alle persönlichen Dateien der
letzten fünfzehn Jahre, die sich auf meiner Festplatte befanden, seien
gelöscht: Familienfotos, Bilder von Freunden und Orte, in denen ich
gelebt habe und die jetzt nach dem Krieg nicht mehr existieren. Von
ihnen hatte ich nur diese Fotos. Dazu noch meine alten Texte und Tausende
von Online-Büchern, Filme und Lieder. Alles durch einen Fehler
des Technikers verdampft, für immer. Das war für mich, als ob
jemand die Nabelschnur, die mich mit der Welt verbindet, abgeschnitten
hätte. Der Techniker beobachtete mich erschrocken, vielleicht
spürte er meinen inneren tiefen Absturz, als ich sah, wie mein Archiv
für immer verschwand, wie die Städte, aus denen ich stamme, unter
Trümmern versanken.

Ich wollte sofort sterben, um diese Trauer nicht mehr erleben zu müssen.
Minuten später verließ ich schnell den Laden, hob den Kopf, und
die feinen Schneeflocken bedeckten mein Gesicht und mein Haar, ich
atmete tief durch und stellte mir das Leben als einen langen Gang vor.
Ich brauchte jetzt genügend Sauerstoff, um einen neuen Versuch zu
starten. Ich ging weiter und erreichte die Wohnung meiner Freundin.
Wir tranken Rotwein, lachten und redeten über das schlechte Wetter.
Ich erzählte ihr kurz und bündig, was mir im Computerladen passiert
war, als ob es keine Katastrophe war. Ich lächelte und entdeckte, dass
ich alle meine Wurzeln abgeschnitten hatte, die Wurzeln der Liebe, der
Freunde und der Dinge, die ich mochte. Ich bin jetzt ein Zweig, der
ohne Wurzeln am Himmel hängt. Ich habe keine Wurzeln, um die Erde
zu erreichen, und keine hohen Zweige, um die Himmelsdecke zu berühren.

An diesem Punkt erfuhr ich, was es bedeutet, frei zu sein wie eine
Schneeflocke, die auf ein zerrüttetes Gesicht fällt, das lächelt, als ob es
das Gesicht einer Marmorstatue wäre.

6
Die Statue der dritten Frau, die ich Anna Karenina nannte, schien den
Geschichten am Spreeufer zu lauschen. Ich fragte sie, ob sie eine weitere
Geschichte hören wollte. Mit ihren angenehmen Gesten schien sie mir
zuzustimmen. Ich erzählte ihr, dass ich am Morgen an einem schönen
kleinen Handwerksladen in Kreuzberg vorbeigegangen war. Davor saß
an einem Holztisch eine gutaussehende Frau, etwa vierzig Jahre alt, in
der Hand eine Zigarette, vor sich eine Tasse Milchkaffee. Sie schien ihn
noch nicht berührt zu haben. Sie hätte ein Teil des charmanten Berlins
sein können, wenn nicht dieser traurige zerstreute Blick gewesen wäre,
dieser Blick, den ich gut kenne, der Blick von denen, die ausgeplündert
worden sind. Sie war eine ausgeplünderte, sich selbst abhandengekommene
Frau, als ob die Liebe und das Leben in ihren schönen Augen oft gegeneinander
gekämpft hätten. Wie die drei Frauen am Ufer und wie ich.

7
Manchmal finde ich im Bus einen freien Platz. Einmal stieg ich an der
Haltestelle Prenzlauer Berg ein. Als ich mich hingesetzt hatte, bemerkte
ich auf dem Sitz gegenüber der Bild eines jungen Mannes, der ein
schönes, lächelndes Mädchen küsst. Der junge Mann sah asiatisch aus,
während die junge Frau, die er küsste, europäisch wirkte.

Das Bild legte nahe, dass sie verliebt waren und sich nicht darum kümmerten,
was es auf dieser Welt an ethnischen und religiösen Konflikten
gab. Es waren einfach nur zwei Verliebte.

Das erinnerte mich an etwas, was ich online gelesen hatte. Die Rechtsradikalen
hatten ein Flüchtlingsheim in Berlin angegriffen und angezündet.
Ich dachte, wie kann eine Stadt diese Widersprüche in sich
vereinigen? Wie kann die Liebe zwei Menschen in einem Bild zusammenbringen,
das von Berliner Augen wahrgenommen wird? Später
erzählte ich einer Fremden davon, um diese Geschichte am Abend den
drei Frauenstatuen am Spreeufer mitteilen zu können.

8
Gegen ein Uhr nachts verabschiedete ich mich von den drei Frauen am
Spreeufer, versprach, ihnen in den kommenden Nächten mehr Geschichten
zu erzählen, und machte mich auf den Weg nach Hause. Ich
musste mit der U-Bahn zweimal umsteigen. An der zweiten Station
Lichtenberg, die fast leer war, näherte sich mir ein junger Mann, entriss
mir meinen Rucksack, der auf der Bank neben mir lag, und rannte
weg. Statt zu schreien und ihn zu verfolgen, blieb ich ruhig auf der
Bank sitzen. Ich fand keine Erklärung für mein Verhalten, vielleicht
war das der Grund, warum der Dieb sich zu mir umdrehte, als er die
Treppe erreichte. Niemand bemerkte den Diebstahl, weil der Bahnhof
zu dieser Stunde fast menschenleer war. Er wühlte in dem Rucksack
nach Geld, und als er nichts fand, stellte er den Rucksack auf die Treppe,
rief: »Warum?«, und verließ schnell den Bahnhof. Ich begriff nicht.
Meinte er: Warum ist kein Geld in der Tasche?

Tatsächlich waren das Geld und das ausgeschaltete Mobiltelefon bei
mir, aber warum hatte ich so reagiert? Darauf hatte ich keine Antwort.
Der Rucksack enthielt nur ein Heft, Stifte, eine Parfumflasche J’adore,
Salim Barakats Gedichtband, im Original betitelt mit »Die Übersetzung
des Basalts«, eine kleine Taschenlampe zum Lesen, einen kleinen
Spiegel, einen Kajalstift und roten Lippenstift.

Als ich zu Hause war, stellte ich mir vor, wie die drei Frauen am Spreeufer
mich fragen würden: »Warum?«

Ich sagte ihnen und auch mir: »Wenn die großen Diebe, die mein Leben
und das Leben von Millionen in dieser Welt geraubt haben, frei und
glücklich leben, warum sollte ich einem kleinen Dieb, der nur meine
kleinen Sachen stehlen wollte, Schaden zufügen?«

Widad Nabi wurde in Kobani geboren und lebt heute in Berlin. Die syrisch-kurdische Schriftstellerin studierte Wirtschaftswissenschaften in Aleppo. Sie veröffentlichte zahlreiche Texte in Zeitungen und Magazinen. In Deutschland publizierte sie u.a. in der Berliner Zeitung, SPON und Kursbuch. Ihr erstes Buch auf Deutsch erschien 2019. Im Jahr 2018 erhielt sie das erste „Weiterschreiben-Stipendium Wiesbaden“.

In ihren Werken verarbeitet Nabi ihren Neuanfang in Berlin und ihr Heimweh nach Kobani und Aleppo. In diesem Text befasst sich Nabi mit der Bedeutung, die Bücher und das Lesen auch in deutscher Sprache für sie im Berliner Exil haben. Auch in anderen Texten beschäftigt sich Widad Nabi mit diesem Verlust von vertrauten Orten, Menschen und Sprachen, aber auch mit ihrem Ankommen in der neuen Stadt Berlin. Ihre bei Weiterschreiben veröffentlichten Gedichte können dort auch angehört werden.

Nabi, Widad, 2017: Geschichten einer Frau am Spreeufer, erstmals veröffentlicht in: Kursbuch 192, „Frauen II“.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Kursbuch Kulturstiftung.

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