Brief an Herrn Max Oppenheimer von der American Guild for German Cultural Freedom

Der österreichische Maler Max Oppenheimer (1885–1954) wird gebeten, dem Komitee der bildenden und darstellenden Künste beizutreten, das vom Generalsekretär des Europarats zur Beratung und Zusammenarbeit mit der American Guild for German Cultural Freedom eingesetzt wurde.

April 1939.

Herrn Max Oppenheimer

c/o 1 W. 67 Street

New York, N.Y.

Sehr geehrter Herr Oppenheimer:

Die American Guild for German Cultural Freedom hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem bedraengten deutschen Geistesleben im Exil Hilfe zu bringen, nicht durch Wohltätigkeit sondern durch produktive Foerderung. Insbesondere verleiht sie Stipendien für kuenstlerische literarische und wissenschaftliche Werke, die begonnen oder ernstlich geplant sind, und foerdert Ihre Veroeffentlichung und Darstellung.

Die Guild hat während des letzten Jahres hervorragende Arbeit geleistet und kann auf schöne Erfolge zurueck blicken. Wir haben Werk und Leben einer stattlichen Anzahl schaffender deutscher Menschen erhalten.

Beratung und Mitarbeit wurden literarische, musikalische, und wissenschaftliche Komitees gebildet und in unserem “Europaeischen Rates” zusammengefasst, dessen Vorsitz Thomas Mann und Sigmund Freud fuehren. Mitglieder des Rates sind unter anderen Lion Feuchtwanger, Bruno Frank, Heinrich Mann, Alfred Neumann, Rene Schickele, Fritz von Unruh, Franz Werfel, Stefan Zweig, Adolf Busch, Max Graf, Otto Klemperer, Artur Schnabel, Rudolf Serkin, Bruno Walter, Alexander von Zemlinski, Hans von Hentig, Eduard Heimann, Emil Lederer, Leopold Lichtwitz, Siegfried Neuman, Paul J. Tillich, Veit Valentin, Max Reinhardt, Erwin Piscator.

Die American Guild ist im Begriff, dem Europaeischen Rat eine repraesentative Vertretung der bildenden und darstellenden Künste einzugliedern und ihre Taetigkeit staerker als bisher auf diesem Gebieten zu entfalten. Die Zahl der Künstler im Exil, die sich um Rat und Hilfe and die Guild wenden, ist staendig am Steigen. Wir moechten Sie bitten, Mitglied dieses Komitees zu werden und dem gemeinsamen Werk Ihren Rat und Ihre Erfahrung zur Verfuegung zu stellen.

Da wir eben unsere neue Literatur vorbereiten und gerne Ihren Namen einschließen wuerden, waeren wir Ihnen für baldige Antwort dankbar.

Ihr aufrichtiger Hochachtung:

Generalsekretaer.

Max Oppenheimer, später bekannt als MOPP, war ein österreichischer Maler und Grafiker. Er wurde in Wien geboren, studierte an der dortigen Akademie der Bildenden Künste sowie in Prag. Zusammen mit Egon Schiele, mit dem er 1910 ein gemeinsames Atelier hatte, und Oskar Kokoschka galt er als einer der führenden Avantgarde-Künstler Österreichs, beeinflusst vom Expressionismus, Kubismus und Futurismus. 20 Jahre in Berlin und in der Schweiz tätig, kehrte er 1931 nach Wien zurück. Ein Jahr später wird sein Werk im Rahmen der Verfolgungswelle nach dem Reichstagsbrand Opfer einer Diffamierungskampagne der SA. 1937 wurden in der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ aus dem Stadtbesitz von Berlin, der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau, dem Kestner-Museum Hannover, der Ruhmeshalle Wuppertal-Barmen und der Städtischen Bildergalerie Wuppertal-Elberfeld zehn Werke Oppenheimers beschlagnahmt. Bis auf eines wurden alle Werke zerstört. Oppenheimer flüchtete zuerst in die Schweiz und danach in die USA, wo ihn die American Guild for German Cultural Freedom April 1939 mit der Bitte kontaktierte, dessen Komitee der bildenden und darstellenden Künste beizutreten.

Die American Guild for German Cultural Freedom war eine Organisation, die deutschen Künstler:innen, Schriftsteller:innen und Intellektuellen im Exil half, deren Arbeitsmöglichkeiten durch die faschistische Regierung in Deutschland beeinträchtigt waren. Das Ziel der Organisation war es, die deutsche Kultur außerhalb Deutschlands am Leben zu erhalten, da sie innerhalb der deutschen Grenzen nicht überleben und gedeihen konnte. Die American Guild for German Cultural Freedom half diesen Menschen durch finanzielle Unterstützung. Die Geflüchtetenerfahrung der deutschen Exilanten war für jeden Einzelnen unterschiedlich. Eine der Hauptschwierigkeiten auf der Flucht ist die Anpassung an einen völlig neuen Ort und das Finden eines Unterstützungssystems. Die American Guild for German Cultural Freedom versuchte, den deutschen Exilanten bei dieser Anpassung zu helfen, damit sie sich gleichzeitig auch auf ihre Arbeit konzentrieren konnten.

Brief an Herrn Max Oppenheimer vom Generalsekretär der American Guild for German Cultural Freedom, April 1939 ©  mit Genehmigung von dem Exilarchiv der Nationalbibliothek in Frankfurt, Deutschland