Hilde Marx: Erste Eindrücke von New York

Hilde Marx (geboren am 1. November 1911 in Bayreuth)  war eine deutschamerikanische Lyrikerin, Schriftstellerin und Journalistin. Sie gehört  zu den Autorinnen, deren schriftstellerische Karriere erst ganz am Anfang stand, als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland an die Macht kamen, und durch sie gleich verhindert wurde. Betroffen vom Antisemitismus war sie als Jüdin jedoch bereits vorher. Als ihr die Gestapo 1937 eine Haftstrafe im KZ androhte, floh sie nach Tschechien, und von dort aus gelang es ihr ein Jahr später, in die USA auszureisen. Im November 1938 traf sie in New York ein.

In ihrem Gespräch mit dem Autor Henri Jacob Hempel des Buchs „Wenn ich schon ein Fremder sein muss…“ erzählt Hilde Marx über ihre Eindrücke aus der ersten Woche in New York.

New Yorker Stadtteil Manhattan 1931 via Wikimedia
New Yorker Stadtteil Manhattan 1931 via Wikimedia

Welche Eindrücke aus der ersten Woche in New York sind unvergesslich geblieben?

Dies schreckliche Wohnen während der ersten Nacht in einem Gemeindehaus. Sechs Frauen schliefen in einem Zimmer. Aber eine Handtasche durfte man dort nicht stehen lassen. Am nächsten Tag bin ich zu Dr. Edelheim gegangen, den ich von der CV-Zeitung kannte, und der hat mir ein Dienstmädchenzimmer bei einem bekannten Arzt verschafft, und da habe ich gewohnt, also gegen baby-sitting einmal die Woche. Daraus sind dann siebenmal die Woche geworden, aber ich habe das durchgehalten und habe mir dann selber Stellungen gesucht. Habe dann als Kindermädchen gearbeitet, habe danach Massage gelernt, machte dann aus einem Hobby einen Beruf, lehrte Gymnastik. Immerhin, das brachte genügend Geld, um auch meine Eltern zu ernähren, die 1941 nach New York kamen. Mein Vater erhielt später einen Job als elevator operator, Nachtschicht, da brauchte er kaum Englisch zu reden. Meine Mutter ist in die Häuser gegangen, hat gekocht, hat gebacken, bis ich gesagt habe: Ich erlaube das nicht mehr, da wirst du zu sehr ausgenutzt. Ja, in New York Fuß zu fassen, das war schon eine schwierige Sache.

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Ich habe einen enormen Respekt vor allem vor den Frauen. Ich kenne viele, die hatten früher ihre Dienstmädchen, und dann wurden sie selber Dienstmädchen, und sie haben es mit Grazie gemacht, sie haben ihren Männern geholfen. Die Akademiker mussten noch einmal studieren, Zahnärzte, Anwälte usw. Die Frauen haben es geschafft, während des Studiums sich und die Männer zu ernähren und keine Gesichter zu schneiden. Das war ja gar nicht so einfach. Sie waren alle schon in vorgerückten Jahren, wie zum Beispiel meine Eltern, die sich nach einem Leben voll Arbeit zur Ruhe hätten setzen sollen. Da mussten sie von unten, so weit unten waren sie in ihrem Leben nie wieder anfangen, noch einmal Geld zu verdienen. Diese Lebensleistung verdient einfach Respekt.

 

Hilde Marx (geb, am 1. November 1911 in Bayreuth)  war eine deutschamerikanische Lyrikerin, Schriftstellerin und Journalistin. Sie gehört  zu den Autorinnen, deren schriftstellerische Karriere erst ganz am Anfang stand, als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland an die Macht kamen, und durch sie gleich verhindert wurde. Betroffen vom Antisemitismus war sie als Jüdin jedoch bereits vorher. Sie erlebte schon am Humanistischen Gymnasium, was es hieß, Jüdin zu sein. Nach ihrem Abitur 1931 begann Hilde Marx in Berlin ihr Studium der Zeitungswissenschaften, Theater- und Kunstgeschichte. Nach fünf Semestern wurde sie jedoch zwangsexmatrikuliert, da Juden und Jüdinnen keine Universitäten mehr besuchen durften. Konnte sie erst noch für Zeitungen bei „Ullstein“, „Mosse“ und dem „Berliner Tageblatt“ veröffentlichen, war dies nach deren „Arisierung“ nicht mehr möglich. Ihr blieben nur noch jüdische Publikationen, wie „Die Monatsblätter des jüdischen Kulturbundes in Deutschland“, „Die Jüdische Revue“, „Das Jüdische Gemeindeblatt“, sowie vor allem die „C.V.-Zeitung“.

An Emigration dachte sie lange nicht, aber als ihr die Gestapo 1937 eine Haftstrafe im KZ androhte, floh sie nach Tschechien, und von dort aus gelang es ihr ein Jahr später, in die USA auszureisen. Im November 1938 traf sie in New York ein. Sie arbeitete in verschiedenen Jobs: als Altenpflegerin, Verkäuferin und Kindermädchen. 1943 erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. In Amerika trat sie weiter als Vortragskünstlerin auf und zwar mit einer eigenen „One-Woman-Show“, in der sie Ernstes mit Heiterem verband, jüdische mit christlichen Traditionen. 1951 erschien ein letzter Band mit Gedichten von 1938 bis 1951 unter dem Titel „Bericht“, in die ihre Erfahrungen als Exilierte mit eingeflossen sind. Sie wurde Mitglied des Auslands-PEN und war seit den 1960er Jahren Redakteurin des „Aufbau“, für den sie vornehmlich Theater- und Filmkritiken schrieb sowie Kurzbiografien jüdischer Emigranten.

Aufbau © Aufbau Zeitung – jüdisches Monatsmagazin, New York

Im Jahr 1934 erschien das erste Heft des „Aufbau. Nachrichtenblatt des German-Jewish Club, Inc., New York“. Anfangs mehr ein Vereins- und Anzeigenorgan, wird der „Aufbau“ bald zu einem Nachrichtenblatt über den Exil-Alltag der deutschen (nicht nur jüdischen) Emigrant:innen. Das bedeutete Beratung in Rechtsfragen, Erklärung des New Yorker U-Bahn-Systems, Sprachunterricht und Stellenvermittlung, Tipps für den Umgang mit Behörden, usw. Hier schrieben Oskar Maria Graf und Nelly Sachs, Lion Feuchtwanger und Thomas Mann, Mascha Kaléko und viele andere. Daneben war sie auch für Zeitungen tätig, wie „This Day aus St. Louis“, „Das Chicago Jewish Forum“, die Staatszeitung und „Herold aus New York“.

 

Henri Jacob. Hempel (Hrsg.),1983: Wenn ich schon ein Fremder sein muß… Deutsch-jüdische Emigranten in New York. Frankfurt/M.-Berlin-Wien: Ullstein Verlag, S.51-52, 58.