Joseph Roth über die „Politik der literarischen Emigration“

Der österreichische Schriftsteller Joseph Roth (1894–1939) wartete nicht lang und verließ Berlin kurze Zeit nach Hitlers Machtergreifung. Schon im Februar 1933 befand er sich in Paris – einer Stadt, der er sich seit den 1920er Jahren verbunden fühlte. Er floh quasi nach Hause und wurde direkt eine aktive Stimme des deutschen Exilliteraturbetriebs. In seinem Brief an Klaus Mann (1906–1949) legt er dar, was er unter „Politik der literarischen Emigration“ versteht.

An Klaus Mann

Hotel Foyot

Paris VI

33. Rue de Tournon

12. Januar 1934

Lieber Herr Klaus Mann,

ich habe Ihnen einen Vorwurf zu machen – sogar mehrere – und ich möchte sie sofort machen.

In der letzten Nummer der Sammlung bringen Sie einen ziemlich großen (übrigens ziemlich klugen) Aufsatz von Golo Mann 11Golo Mann (1909-1994), zweiter Sohn von Thomas Mann, Historiker und Biograph. über Ernst Jünger 22Ernst Jünger (1895-1998), Essayist, Militarist, Tagebuchschreiber. Kämpfte im Ersten Weltkrieg, von 1941 bis 1944 in der Wehrmacht in Paris und im Kaukasus. Obwohl er der NSDAP nicht beitrat und deren rassistische Ideologie ablehnte, galt er als intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus und gehört zu den umstrittensten Autoren Deutschlands.. Ich halte das für äußerst undiplomatisch. Es gibt sozusagen eine Politik der literarischen Emigration. Wir wollen uns daher auf die Frage der Bedeutung Jüngers gar nicht einlassen. Gesetzt den Fall, er hätte wirklich eine – aber meiner Meinung nach ist er ein Tor, ein Barbar und ein Verworrener – man müßte ihn entweder gar nicht zur Kenntnis nehmen, oder in zwei wegwerfenden Sätzen abtun. Eine Zeitschrift – in diesen Zeiten – hat nicht Literaturgeschäfte zu treiben, oder Literaturpolitik. Sie selbst haben durch Ihre Buchbesprechung bewiesen, daß Sie es wissen. Haben wir dazu Deutschland verlassen, um draußen noch die Welt auf die „interessanten“ literarischen Erscheinungen des barbarischen Heidentums aufmerksam zu machen? Hat man das nötig? Aber noch was Anderes: Ihre Zeitschrift wendet sich an Emigranten, an Literaten, die Schrittmacher für das breite Publikum, die absolute Feinde der Gattung Jünger sind. Sie stoßen diese Leute nicht nur vor den Kopf – Sie beleidigen sie auch. Denn jeder Einzelne ist eingebildet – er fragt sich, und nicht mit Unrecht: weshalb nicht sechs Seiten über mich? – (Ich brauche Ihnen kaum zu sagen, daß ich nicht dazu gehöre.) Also schaffen Sie sich überflüssig Gegner.

Etwas Anderes: Sie halten George für einen großen Dichter. Ich z.B. für eine großen Taschenspieler. Es ist nicht die Zeit – einerlei, welcher Meinung man über das Können Georges ist – Respekt vor einem Kerl zu bezeugen, einem großen Kerl meinetwegen, der uns einen großen Teil der Scheiße eingebrockt hat, erhabene Scheiße. Es ist sachlich ferne nicht richtig, daß George ferne von Deutschland hat sterben wollen. Er wollte überhaupt gerne leben und gerne sterben. Nicht ferne dem „Getriebe“ – was ich ja begreife. Aber im Getriebe der Wolken, weil Wolken ihm angenehmer waren als Menschen. Goebbels und Sieburg sind seine Schüler. Schüler sind Zeugnisse.

Es ist gut und richtig, daß die Sammlung nicht „langfristig“ ist. Wenn Sie aber draußen wieder mit jener „Objektivität“ redigieren, an der wir drinnen krepiert sind, so werden Sie es bald erleben, daß man Sie haßt.

Dies allein möchte ich vermeiden helfen, und deshalb schreibe ich Ihnen.

Herzlichst Ihr

Joseph Roth

    Fußnoten

  • 1Golo Mann (1909-1994), zweiter Sohn von Thomas Mann, Historiker und Biograph.
  • 2Ernst Jünger (1895-1998), Essayist, Militarist, Tagebuchschreiber. Kämpfte im Ersten Weltkrieg, von 1941 bis 1944 in der Wehrmacht in Paris und im Kaukasus. Obwohl er der NSDAP nicht beitrat und deren rassistische Ideologie ablehnte, galt er als intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus und gehört zu den umstrittensten Autoren Deutschlands.

Joseph Roths gilt als einer der bekanntesten Journalisten der 1920er Jahre, als präziser Chronist, erfolgreicher Romanautor und engagierter Gegner des Nationalsozialismus. Sein literarisches und journalistisches Werk besteht aus Zeitungsartikeln, Glossen, Reiseberichten, Feuilletons, Romanen und Erzählungen.

Roth wuchs im ostgalizischen Brody auf, studierte in Lemberg und Wien, war Soldat im Ersten Weltkrieg und erlebte den Zusammenbruch Österreich-Ungarn – seiner Heimat. Nostalgie nach diesem multiethnischen Reich begleitete ihn den Rest seines Lebens und viele seiner Romane widmen sich dem Verlust von Heimat und der Erfahrung von Entwurzelung. Ab 1919 arbeitete er als Journalist für verschiedene Wiener, Berliner und Prager Zeitungen und Zeitschriften sowie für die Frankfurter Zeitung.

Ab 1933 durfte Roth als Jude dort nicht mehr publizieren. Er verließ Deutschland endgültig und führte sein Engagement gegen die nationalsozialistische Diktatur im Pariser Exil fort. Er engagierte sich für die Geflüchtetenhilfe, zum Beispiel für Entre‘ Aide Autrichienne und pflegte intensive Verbindungen zu geflüchteten Schicksalgenoss*innen, unter ihnen Stefan Zweig (1881–1942), Ernst Toller (1893–1939), Egon Erwin Kisch (1885–1948), Soma Morgenstern (1890–1976), Irmgard Keun (1905–1982) oder wie hier Klaus Mann.

Klaus Heinrich Thomas Mann war der älteste Sohn von Thomas Mann und ebenfalls ein deutschsprachiger Schriftsteller. Um einer Verhaftung zu entgehen, verließ er am 13. März 1933 Deutschland und flüchtete nach Paris ins Exil. Er wurde zum kämpferischen Literaten gegen den Nationalsozialismus und brachte bereits ab September 1933 die literarische Monatszeitschrift Die Sammlung im Querido Verlag in Amsterdam heraus, auf die sich Joseph Roth in seinem Brief bezieht. Roth diskutiert die schwierige Frage einer politischen und moralischen Verantwortung als geflüchteter Intellektueller für die gesamte Geflüchtetengemeinschaft, die man durch sein Werk, laut Roth, repräsentiert. Letztlich handelt es sich auch um eine Medienkritik, die an Aktualität nicht eingebüßt hat: gibt man politischen „Feinden“ Raum und bespricht sie oder eben nicht? Im September 1938 floh Klaus Mann – wie seine Eltern – in die USA.

Roth blieb in Paris und lebte die meiste Zeit in Hotels. Das Café Le Tournon wurde für Roth zum Hauptaufenthaltsort, an dem er seine „Entourage“ um sich versammelte. Schwer alkoholkrank waren seine letzten Jahre deutlich geprägt von den politischen Verhältnissen und den Erfahrungen des Geflüchtetendaseins. Den Zweiten Weltkrieg erlebte er nicht mehr; er starb am 27. Mai 1939 im Pariser Armenhospital Hôpital Necker. 11https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Personen/roth-joseph.html

    Fußnoten

  • 1https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Personen/roth-joseph.html

Joseph Roth, Briefe 1911–1939 (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1970), hrsg. von Hermann Kesten, S. 303–304.

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