Leo Glueckselig: Flucht aus Österreich und Ankunft in New York

Leo Glueckselig wurde 1914 in Wien im 2. Bezirk geboren. Er beendete im Jahr 1938 – kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs – sein Architekturstudium an der Kunstgewerbeschule in Wien. Während des Novemberprogroms  wurde er zunächst verhaftet, konnte jedoch fliehen und kam am 1. Januar 1939 in New York an.  In seinem Gespräch mit dem Autor des Buches „Die verheißene Stadt“ Thomas Hartwig erzählt Leo Glueckselig über seine Emigration aus Österreich und die Ankunft in New York.

New Yorker Stadtteil Manhattan 1931 via Wikimedia
New Yorker Stadtteil Manhattan 1931 via

Ich bin am zweiten Tag zur amerikanischen Gesandtschaft gegangen: Das ist kein Leben, wir müssen weg! Die Nazis hatten eine große Kunst, unglaubliche Forderungen zu stellen an Papieren und was man erledigen muß, welche Erlaubnisse, welche Ämter und welche Bescheinigungen…das hat Wochen gedauert. Man mußte sich Nächte anstellen. Dann hat man ein Papier gekriegt, das nur drei Wochen gültig war. Das ist manchmal abgelaufen, bis man zum nächsten gekommen ist. Und die haben uns eine Taxe aufgelegt und gesagt, ihr seid so und soviel Geld schuldig, ihr könnt nicht weg, bevor bezahlt ist. Das Geschäft war bereits gesperrt. Wir hatten kein Einkommen mehr. Mein Vater war bereit, seine wunderschöne Sammlung, wertvolle Sammlung aufzugeben, damit wir rauskönnten. „Und wenn ich nur mit meinem Anzug gehe, ich will leben. „Ist aufs Rathaus gegangen: Wir möchten raus. Kommt in unser Haus, nehmt alles, was ihr wollt. But, laßt uns gehen. Es war eine monatelange Quälerei. Der Terror in Österreich hat ja wahnsinnig schnell begonnen. Viel stärker als in Deutschland. Viel stärker, augenblicklich. Ist ein Punkt gekommen, wo meine Eltern sehr gedrungen haben, daß wir zwei Jungen raus sollten. Wir hatten Gerüchte gehört, daß wenn man nach Köln geht, damals wurde doch der Siegfried-Wall dort gebaut, zwischen Aachen und Köln, daß man dort Beziehungen haben kann, die Gestapo schmieren, und die bringen einen mit dem Wagen durch den Siegfried-Wall nach Belgien oder Holland. Und das haben wir versucht, mein Bruder und ich. Wir haben uns auf den Weg nach Köln gemacht, wir haben die Beziehung gekriegt zur Gestapo. In einer jüdischen Konditorei. Wir haben das Geld gezahlt, wir wurden von dem Gestapomann in dem kleinen Mercedes abgeholt, wir fuhren bis zu einem kleinen Dorf, das halb holländisch, halb deutsch war.

Da gab es so ein Spiel, das haben die Schweiz, Holland und viele gemacht. Wenn Sie das Innere des Landes erreicht haben, haben Sie Exilrechte gekriegt. Aber, wenn Sie an der Grenze erwischt worden sind, hat man Sie zurückgestoßen. Das ist uns in Holland passiert. Sind unter Fußtritten der holländischen Polizei zurückgetrieben worden. In die Hände der deutschen Polizei. Die hat die Gestapo angerufen. Aber der Mann bei der Gestapo muß besoffen gewesen sein, oder er war im Moment zu beschäftigt, er hat gesagt: Jagt sie weg, aber wenn sie jemals wiederkommen, sind sie in Dachau. Mein Bruder und ich wandelten durch den Siegfried-Wall nach Köln zurück, es war genau der Tag des Münchner Vertrages. Wir riefen unsere Eltern an, und die sagten: Kommt zurück! Es ist ein Affidavit 11Mit dem Affidavit ist eine Bürgschaftserklärung gemeint, mit der Bürger*innen und Organisationen in einem Aufnahmeland, zum Beispiel den USA, bei der Beschaffung von Einreiseerlaubnissen für Verfolgte im nationalsozialistischen Deutschland und dem von ihn besetzten Gebieten helfen konnten. von Amerika für die ganze Familie da. So sind wir nach Wien zurück. Die erste Sorge war, wegzukommen, denn so viele junge Leute wurden erschlagen.

[…] Wir sind weggefahren mit zwei, drei neuen Anzügen und neuen Schuhen und neuen Hemden und zehn Dollar und bezahlten Schiffskarten. Ich hatte den sogenannten deutschen Paß mit dem roten „J“. Ich bin angekommen Neujahrsabend thirtyeight-thirtynine und drei Monate später meine Eltern.

Wie war denn die Stimmung unter den Emigranten, auf dem Schiff?

Es war eine Mischung von Freude, daß man dabei war, und furchtbar schlechtem Gewissen, daß man Freude empfinden konnte, während so viele zurückgeblieben waren.

Dann, die Ankunft in New York – wie war das?

Es war ein großes Erlebnis. Wir wußten, wir hatten dieses grandiose Affidavit. Aber dann wurden wir in ein kleines Hafenschiff gesetzt, und es ging tschok, tschok, tschok den Hudson rauf nach Ellis Island. Das war damals noch das proverbial Ellis Island, wo tausend Leute rumsaßen, aus allen Ecken der Welt. Da war wirklich alles vertreten. Mein Bruder und ich kommen da rein- und sehen Eisenstangen vor den Fenstern, und dahinter New York, das Profil von New York!
Wir waren zerschmettert. Ich blieb stehen und sagte zu meinem Bruder: Na schön, von einem Gefängnis ins andere. Und da kam ein New Yorker policeman, schaut uns an und beginnt in fließendem jiddisch uns zu erklären, daß wir nicht Gefangene sind, daß schon alles gut wird. Die Tatsache, daß eine Uniform jiddisch gesprochen hat, war so… almost komisch, wir konnten’s uns überhaupt nicht vorstellen. Wir waren ja geistig geregelt: Verboten!  Alles, was Uniform, was Autoritär ist, war gefährlich. Ich konnte nicht so viel verstehen, Jiddisch ist ja eine eastern-european Sprache, aber doch genug. Was er gesagt hat, ich hab’s vergessen, aber es hat uns beruhigt.

 

 

 

 

    Fußnoten

  • 1Mit dem Affidavit ist eine Bürgschaftserklärung gemeint, mit der Bürger*innen und Organisationen in einem Aufnahmeland, zum Beispiel den USA, bei der Beschaffung von Einreiseerlaubnissen für Verfolgte im nationalsozialistischen Deutschland und dem von ihn besetzten Gebieten helfen konnten.

Leo Glueckselig wurde 1914 in Wien, im 2. Bezirk, geboren. Zwei Geschwister; der Vater war Kunsthändler. Glueckselig beendet 1938 unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs ans Reich das Architekturstudium an der Kunstgewerbeschule in Wien. Während des Novemberprogroms wurde er verhaftet, konnte jedoch fliehen und erreichte am 1. Januar 1939 in New York. Die Familie folgte ein wenig später. Im Jahr 1941, mit dem Kriegseintritt der USA, wurde Leo Glueckselig Soldat und kämpfte an verschiedenen Fronten im Pazifik. Nach Kriegsende kehrte er in die Vereinigten Staaten zurück. Er arbeitete als freiberuflicher Illustrator und Zeichner für Buch-und Zeitschriftenverlage und lebte in einer kleinen Wohnung in Manhattan, New York.

In seinem Gespräch mit dem Autor des Buches „Die verheißene Stadt“ Thomas Hartwig stellt Leo seine Flucht aus Österreich und Ankunft in New York dar.

Thomas Hartwig, Achim Roscher, 1986: Verheißene Stadt: Deutsch-jüdische Emigranten in New York. Gespräche, Eindrücke und Bilder. Berlin: Das Arsenal. S.65, 68, 70-71.