Paris der Zwischenkriegszeit: Capitale de Refuge

In der Zwischenkriegszeit wurde Paris Heimat vieler der circa zwei Millionen Migrant*innen und Geflüchteten, die ihren Weg nach Frankreich fanden. Während die 1920er Jahre von Arbeitsmigration und dem Zuzug armenischer, ost- und südeuropäischer und russischer Geflüchteter vor Völkermord und Bürgerkrieg bestimmt waren, kamen in den 1930er Jahren vor allem vom europäischen Faschismus Verfolgte nach Paris. Durch die verschiedenen Gemeinschaften von Neuankommenden wurde Paris zum Mosaik migrantischer, diasporischer Einschreibungen, die im Dialog standen, aufeinander aufbauten und Paris für immer veränderten.

 

„Excusez, monsieur, pourquoi nicht nach Paris? Aus Rußland schmeißt man mich hinaus, in Polen sperrt man mich ein, nach Deutschland gibt man mir kein Visum. Pourquoi soll ich nicht nach Paris kommen?“ 11Joseph Roth, Juden auf Wanderschaft: Essay (Wien: Der Drehbuchverlag, 2014) [kindle Version], Pos. 820.

Als Herr Weingrod in der Mitte der 1920er Jahre Letzteres auf die Frage „Wie sind Sie nach Paris gekommen?” des österreichisch-jüdischen Schriftstellers, Journalisten und seit 1925 Paris-Korrespondenten der Frankfurter Zeitung Joseph Roth (1894–1939) 22Moses Joseph Roth (1894–1939) war ein österreichischer Schriftsteller und Journalist. In dem galizisischen Shtetl Brody geboren, entstammte er mütterlicherseits einer jüdischen Kaufmannsfamilie und väterlicherseits dem chassidischen Milieu. Während des Germanistikstudiums in Wien entstanden erste Schriften. Der Erste Weltkrieg, in dem er freiwillig Militärdienst leistete, und der darauffolgende Zerfall des Habsburgerreiches wurden für ihn zu wegweisenden Ereignissen, die er in seinen Romanen wie dem Radetzkymarsch oder Die Kapuzinergruft mehrfach thematisierte. Und während Roth sich politisch nicht klar einordnen lässt, lässt sich in Bezug auf das Habsburgerreich feststellen, dass er sich von einem linken Monarchiekritiker immer mehr in einen konservativen Habsburg-Nostalgiker und -Idealisten wandelte, wie die Forschung es für viele Galizier diagnostiziert. Noch während der Militärzeit begann Roth, Berichte und Feuilletons für Zeitungen zu schreiben. 1920 zog er nach Berlin, wo er für verschiedene Zeitungen arbeitete und siedelte 1925 für ein Jahr als Korrespondent nach Paris über. Ab 1926 war er mit Reisereportagen beauftragt, die ihn in die Sowjetunion, nach Albanien und Jugoslawien, in das Saargebiet, nach Polen und Italien führten. 1933 floh er nach Paris, wo er 1939 an einer Lungenentzündung nach schwerer Alkoholsucht starb. antwortete, beschrieb er ein Dilemma vieler, für die Paris in der Zwischenkriegszeit Wahlheimat wurde. Auf der Flucht vor Diskriminierung, Bürgerkriegen und (genozidalen) Verfolgungen in einem von neu gezogenen nationalen Grenzen, Nationalismus und aufkeimendem Faschismus geplagten Europa kamen sie nach Paris mit der Hoffnung auf einen wie auch immer gearteten Neustart.

Europa sah nach dem Ersten Weltkrieg anders aus. Große multiethnische Reiche wie das Russische, das Österreich-ungarische und das Osmanische zerfielen in kleinere Nationalstaaten, deren Geburtsstunden mit gewalttätigen Konflikten einhergingen und viele Menschen staatenlos machte. 1926 war von bis zu 9,5 Millionen Geflüchteten die Rede, die in Europa auf der Suche nach einem Ort der Zuflucht waren. 33Maud S. Mandel, In the Aftermath of Genocide: Armenians and Jews in Twentieth-Century France (Durham: Duke University Press, 2003), 19. Und Weingrod gehörte zu den circa zwei Millionen Neuankömmlingen, die in Frankreich in den 1920er und 1930er Jahren mit mal mehr, mal weniger offenen Armen empfangen wurden – und ihren Weg vermehrt nach Paris fanden. 44Für eine Untersuchung der Entwicklungen des französischen Migrationsregimes der 1930er Jahre, siehe Vicki Caron, Uneasy Asylum: France and the Jewish Refugee Crisis, 1933–1942 (Stanford: Stanford University Press, 1999).

Unter den westeuropäischen Staaten war es Frankreich, das seine Tore am weitesten für Geflüchtete in der Zwischenkriegszeit öffnete. Dies hatte im Grunde wenig mit Altruismus zu tun: 1,4 Millionen Franzosen hatten im Ersten Weltkrieg ihr Leben gelassen und das Land benötigte und warb aktiv um Arbeitskräfte aus Ost- und Mitteleuropa und den ehemaligen französischen Kolonien, um die zerstörte Wirtschaft wiederaufzubauen. So wurde Frankreich zur Nation der Immigrant*innen, in der Geflüchtete wie Arbeitsmigrant*innen sowie geflüchtete Arbeitsmigrant*innen im Interesse des Wirtschaftsaufbaus gleichermaßen willkommen geheißen wurden und so, wie gewünscht, Wirtschaft, aber vor allem auch Kultur und soziales Gefüge bereicherten.

So fanden sich in Frankreich mit Hauptziel Paris in den 1920er Jahren 150 000 jiddischsprechende Migrant*innen und Geflüchtete aus Osteuropa, 55Nick Underwood, Staging a New Community: Immigrant Yiddish Culture and Diaspora Nationalism in Interwar Paris, 1919–1940, Dissertation, University of Colorado, 2016, S. 2. 65 000 staatenlose armenische Völkermordsgeflüchtete ein, 66Maud S. Mandel, In the Aftermath of Genocide: Armenians and Jews in Twentieth-Century France (Durham: Duke University Press, 2003), S. 11. 150 000 russische Émigrés, die der Oktoberrevolution 1917 und dem darauffolgenden Bürgerkrieg entkamen, 77Katherine Froshko, France’s Russian Moment: Russian Emigres in Interwar Paris and French Society, Dissertation, Yale University 2008, S. 2. sephardische Jüdinnen*Juden aus Nordafrika und dem zerfallendem osmanischen Reich sowie antifaschistische politische Geflüchtete und Arbeitsmigrant*innen aus Italien, Belgien, Spanien und Polen. 88Italien (1926: 760 000; 1931: 800 000), Belgien (1926: 325 000; 1931: 250 000), Spanien (1926: 320 000; 1931: 350 000) und Polen (1926: 300 000; 1931: 500 000). Ralph Schor, L’Opinion française et les étrangers, 1919-1939 (Paris: Publication de la Sorbonne, 1985), S. 38.

Im Vergleich zu vielen anderen scheint Weingrods Ankommen und Einleben in Paris in Roths Darstellung vom Glück begleitet. Anders erging es dem ungarischen, kommunistischen Schriftsteller und Journalisten Paul-Adolph Löffler (1901–1979), der 1924 dem faschistischen Regime Miklós Horthys wie tausende andere ungarische Staatsbürger*innen 991921: 9000; 1931: 19 000 nach Paris entkam. Löffler ist somit ein früher Vertreter antifaschistischer Geflüchteter, der sich in immer wiederkehrender Arbeitslosigkeit und mit gering bezahlten Gelegenheitsjobs in den verschiedensten von den politisch-ökonomischen Auswirkungen der Wirtschaftskrise gebeutelten Branchen durchzuschlagen hatte. Zudem litt Löffler unter der wachsenden Xenophobie und politischer und gesellschaftlicher Ausgrenzung wie viele andere ausländischen Arbeiter*innen in Frankreich. Dass Paris für Löffler ein Sehnsuchtsort sein würde, der ihn regelmäßig enttäuschte, sah er schon am Tage seiner Ankunft voraus:

„Erster April [1924]. Ich bin vor dem Gar de l’Est, unter der großen Uhr. Etwas schnürt meinen Hals ein, aus dem ein Schluchzen zu entweichen versucht. Aprilscherz? Ist das Paris? Unter einem feinen Regen erscheint der große Platz schmutzig, die Wände der Häuser sind schwärzlich, heruntergekommen. Und die Frau aus Stein, da oben, in ihrem Steinsessel, betrachtet mit ihren Steinaugen diese Landschaft. Wie kann eine Frau aus Stein mit meiner Ernüchterung mitfühlen? Oder vielleicht ist sie schon an dieses Spektakel gewähnt? Ich habe von Paris Sonne erwartet, Licht, prächtige Farben. Man hat mich betrogen! […] Durch die Traurigkeit, die sich in meinen Augen festsetzt, betrachte ich die langen grünen Straßenbahnen, die holpernd vorbeirollen, einen metallenen Lärm auf dem Boulevard machen, der gegenüber dem Bahnhof entlangführt. Ich halte mit Angst meine Illusionen fest, damit sie nicht verpuffen… morgen wird anders, morgen wird es Sonne geben und sie werden erscheinen, die märchenhaften Paläste und Feen. Nun bin ich müde von der langen Reise.“ 1010Paul-Adolphe Löffler, 1973. Journal de Paris d’un Exilé 1924–1939.

1926 noch, als Roth als Paris-Korrespondent der Frankfurter Zeitung nach nur einem Jahr abgelöst wurde, ermahnte er seinen Herausgeber, dass er gar nicht ahne, “wieviel privat und die litterarische Carrière betreffend mir zerstört wird, wenn ich Paris verlasse”. 1111Roth am 9. April 1926 an Reifenberg, zit. nach Joachim Kersten: Niemand hat Glück mit Deutschland. (über Sieburg), in Grenzgänge. zu Klampen, Lüneburg 1999, S. 61. Doch am 30. Januar 1933, dem Tag von Hitlers Machtergreifung, fühlte sich Roth zurecht gezwungen, Deutschland zu verlassen, und wählte Paris instinktiv als Stadt der Zuflucht. Wie viele andere wartete er nicht darauf, dass sein literarisches Werk der Bücherverbrennung im Mai 1933 zum Opfer fiel, und urteilte in einem Brief an Stefan Zweig weitsichtig, „daß wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten – unsere literarische und materielle Existenz ist ja vernichtet – führt das Ganze zum neuen Krieg. […] Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert“. 1212Joseph Roth, Briefe 1911–1939. Köln 1970, S. 249.

Exilhauptstadt des Antifaschismus

Roth war einer unter 25 000 deutschen Geflüchteten, die bis zum Sommer 1933 die Flucht nach Frankreich antraten, mehrheitlich jüdisch und/oder intellektuell waren und nach dem „Anschluss“ Österreichs, dem Münchner Abkommen und der Pogromnacht 1938 auf über 30 000 vor den Nationalsozialisten Fliehenden anschwollen. Gefühlt über Nacht fanden die deutsche Literatur in Exilverlagen und -presse und Vertreter*innen des deutschen Antifaschismus ein neues Zuhause in Paris. Harry Graf Kessler 1313Harry Clemens Ulrich Kessler (1868–1937) wuchs in Frankreich und England als Kind des deutschen Bänkers Adolf Wilhelm Kesslers auf. Er war Kunstsammler, Mäzen, Schriftsteller und Publizist und setzte sich maßgeblich für den organisierten Pazifismus ein. Im März 1933 reiste er nach Paris und würde nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Er verbrachte seine letzten vier Lebensjahre auf Mallorca und in Südfrankreich. Er wurde auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise bestattet. Für eine ausführliche Darstellung siehe Hans-Ulrich Simon: Kessler, Harry Graf von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB), Band 11 (Berlin: Duncker & Humblot, 1977), S. 545 f. (digitalisiert). notierte im Juni 1933, dass der ganze “Kurfürstendamm sich über Paris ergiesst.” 1414Generell zu der Rolle und Symbolkraft Paris für deutsch-jüdische Geflüchtete in den 1920er und 1930er Jahren, siehe Nils Roemer, “German Jews in Paris: Traversing Modernity,” in The Cambridge Journal of Postcolonial Literary Inquiry 3:1 (Januar 2016), 79–95; für das Zitat, siehe Harry Graf Kessler, Tagebucheintrag vom 22. Juni 1933, in idem., Tagebücher, 1918–1937, hrsg. Wolfgang Pfeiffer-Belli (Frankfurt: Insel, 1961), S. 725. Es gab hier schon eine antifaschistische Subkultur, die von Geflüchteten wie Paul-Adolphe Löffler mitaufgebaut worden war. Doch erst 1934 verwandelte sich Paris in den Worten Anson Rabinbachs in die „Hauptstadt des Antifaschismus“ dank der kulturellen Synthese von europäischen intellektuellen und Graswurzel-Gegenbewegungen zum Faschismus, einer Verlagerung der sowjetischen Außenpolitik sowie eines verstärkten Philosowjetismus in Frankreich – und vor allem dank der wachsenden deutschsprachigen Emigrantenmilieus in Paris. 1515Anson Rabinbach, “Paris, Capital of Anti-Fascism”, in: Martin Jay (hrsg.), The Modernist Imagination: Intellectual History and Critical Theory. Essays in Honor of Martin Jay (New York: Berghahn Books, 2009), 183–209. Dazu kamen in den 1930er noch circa 15 000 bis 20 000 illegale jüdische Geflüchtete aus Osteuropa, die der antisemitischen Verfolgung in Deutschland, Polen, Rumänien oder Ungarn entflohen.

Dank der Tatsache, dass Frankreich zur terre d’asile (Land des Asyls) nach dem Ersten Weltkrieg avancierte, konnten die Geflüchteten der 1930er Jahre auf die schon bestehende Infrastruktur von Hilfsorganisationen zählen, die den verschiedenen Gruppen zur Seite sprangen und neben der Hilfe zum buchstäblichen Überleben auch Anlaufstelle für Geflüchtete waren, um sich gemeinnützig und politisch zu engagieren und organisieren. Beispielhaft lassen sich Joseph Roth und Hannah Arendt 1616Hannah Arendt (1906-1974) war eine jüdische deutsch-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin, die mit ihren Arbeiten zu Nationalsozialismus und Totalitarismus, dem Phänomen der Staatenlosigkeit und Geflüchtetendaseins grundsätzlich und auch für We Refugees Archive wegweisend ist. Für genaue biographische Daten, siehe https://www.dhm.de/lemo/biografie/biografie-hannah-arendt.html. anbringen. So bezahlte ein Geflüchtetenkomitee nicht nur für Joseph Roths Hotelzimmer. 1717Roth an Stefan Zweig, Brief vom 8. Mai 1936, in Joseph Roth, Joseph Roth: Life in Letters, übersetzt und herausgegeben von Michael Hofman (New York: W.W. Norton and Company, 2012), S. 851. Er engagierte sich auch selber, um Geflüchteten aus Österreich Nansen-Pässe zu organisieren, publizierte seine Werke in niederländischen Exilverlagen und verfasste Beiträge für die Exilzeitschrift Das neue Tage-Buch. 1818Roth an Stefan Zweig, Brief vom 19. August 1935, in Joseph Roth, Joseph Roth: Life in Letters, übersetzt und herausgegeben von Michael Hofman (New York: W.W. Norton and Company, 2012), S. 759–760. Hannah Arendt wiederum, die im Herbst 1933 der Verfolgung durch die Gestapo nach Paris entkam, politisierte sich im Milieu der deutschen politischen(-jüdischen) Geflüchteten, arbeite für die zionistischen Organisationen „Agriculture et Artisanat” und „Aliyah des jeunes“ um jüdische Jugendliche für die Ausreise nach und das Leben in Palästina vorzubereiten, und gab Vorträge vor verschiedenen Vereinigungen sowie in der 1935 gegründeten antifaschistischen Exileinrichtung Freie Deutsche Hochschule Paris. Sie brachte es für viele, aber durchaus nicht für alle, auf den Punkt, als sie sagte:

„In Paris fühlt sich der Fremde heimisch, weil man diese Stadt bewohnen kann wie sonst nur die eigenen vier Wände.“  1919Arendt, Hannah, 1989: Menschen in finsteren Zeiten, München/Zürich: Piper, S. 211 f.

Seit spätestens dem 19. Jahrhundert war Paris Projektionsfläche und Ideal für all das, was sich Reisende unter einem modernen Europa im Sinne der Französischen Revolution vorstellten. Es war ein aus den 1920er Jahren erwachsenes politisches Bekenntnis gegen den Nationalsozialismus und europäischen Faschismus für die absolute Mehrheit der politischen und jüdischen Geflüchteten der 1930er. So flüchtete man quasi nach Hause, als man Paris übergangsweise zum Zuhause machte.

Für jiddisch-sprechende Neuankömmlinge zeichnete u.a. Arn Beckerman 2020Arn Beckerman (1897–1943) war ein kommunistischer Schriftsteller und Journalist, der ursprünglich aus Biała Podlaska stammte und 1926 nach Paris emigrierte. Während des Ersten Weltkrieges wurde er Kriegsgefangener und zur Zwangsarbeit nach Frankfurt am Main verschleppt. 1918 wurde er im Polnisch-Sowjetischen Krieg für die polnische Armee mobilisiert und geriet erneut in Gefangenschaft unter Symon Petlura – einem ukrainischen Befehlshaber, der für einen unabhängigen ukrainischen Nationalstaat kämpfte und für eine große Anzahl der an der jüdischen Bevölkerung verübten Pogrome verantwortlich ist, denen bis zu 200000 Jüdinnen*Juden zum Opfer fielen. Ab 1922 lebte er in Warschau und zog 1926 nach Paris, wo er für verschiedene (internationale) jiddische Zeitungen tätig war und einige Monographien veröffentlichte. Er wurde am 6. März 1943 aus Drancy deportiert und in Majdanek ermordet. Für weitere Informationen, siehe Y. Spero, G. Kenig, M. Shulshteyn und B. Shlevin, Yizker-bukh tsum ondenk fun 14 umgekumene Parizer yidishe shrayber (Paris: Farlag Oyfsnay, 1946), 26–73. in seinen Schriften eine Vision von Paris, in der sich die französische mit der aschkenasischen Kultur verwebte und die Stadt sich in die Hauptstadt eines republikanischen, revolutionären und universalistischen „Jiddischlands“ verwandelte. 2121Nick Underwood, “Aron Beckerman’S City of Light: Writing French History and Defining Immigrant Jewish Space in Interwar Paris,” in Urban History (October 2015), 1–17. Andere wie Herman Kesten 2222Herman Kesten (1900–1996) wurde im österreich-ungarischen Podwołoczyska in eine jüdische Familie geboren. 1904 siedelte die Familie nach Nürnberg über, wo Kesten aufwuchs. In der Weimarer Republik avancierte er als Schriftsteller zu einem der Hauptvertreter der literarischen „Neuen Sachlichkeit“. 1933 floh er nach Frankreich, wo er im Emigrantenmilieu aktiv war, und floh nach kurzen Internierungen 1939 in den französischen Lagern Colombes und Nièvres als „feindlicher Ausländer“ mit einem Besuchervisum in die USA, wo er zahlreiche vom nationalsozialistischen Deutschland verfolgte Künstler unterstützte. In der Nachkriegszeit kehrte er nach Europa zurück, regte als PEN-Präsident heftige Debatten an und nahm regen Anteil am literarischen Leben der Bundesrepublik. waren vor allem von Paris verzaubert. “Was für ein Traum das Exil ist,” schrieb er einem Freund. Denn mit der Grenzüberquerung nach Frankreich wurde der Terror wenigstens für eine gewisse Zeit “ausländisch.” 2323Herman Kesten an Ernst Toller, 23. März 1933, zitiert nach Mark M. Anderson (Hrsg.), Hitler’s Exiles: Personal Stories of the Flight from Nazi Germany to America (New York: The New Press, 1988), S. 135–136; zitiert in: Nils Roemer, “German Jews in Paris: Traversing Modernity,” in The Cambridge Journal of Postcolonial Literary Inquiry 3:1 (Januar 2016), S. 79–95, S. 90. Für Walter Benjamin 2424Walter Benjamin (1892–1940) war deutscher Philosoph und Kulturkritiker, der mit dem Wirkungskreis der Frankfurter Schule assoziiert wird und bis heute wegweisend für verschiedene wissenschaftliche Felder wie der Komparatistik, den Kulturwissenschaften, Critical Theory, Film- und Theaterwissenschaften etc. ist. Walter Benjamin gelang 1940 die Flucht über Paris und die Pyrenäen nach Portbou in Spanien, wo er sich angesichts einer aussichtslosen Weiterflucht noch in der Nacht seiner Ankunft das Leben nahm. war die Vergangenheit jedoch weniger beruhigend als prophezeiend. Seine unvollendete Parisstudie Das Passagenwerk ist geprägt von einem Gefühl von Krise und Verzweiflung. 3030Nils Roemer, “German Jews in Paris: Traversing Modernity,” in The Cambridge Journal of Postcolonial Literary Inquiry 3:1 (Januar 2016), S. 79–95, S. 85. Und Benjamin war mit seiner Ahnung von Apokalypse nicht allein – aus gutem Grund.

Von Zufluchtsstadt zur Transitstadt

Als Anfang 1939 circa 1,5 Millionen spanisch-republikanische Bürgerkriegs-Geflüchtete einen buchstäblichen Exodus Richtung Frankreich antraten, von denen es viele auch nach Paris und Umgebung schlug, wurde es nur allzu augenscheinlich, dass sich Frankreich vom Land der Geflüchteten zum Land des erzwungenen Transits gewandelt hatte. 2525Vicki Caron, Uneasy Asylum: France and the Jewish Refugee Crisis, 1933–1942 (Stanford: Stanford University Press, 1999), S. 2. Denn obwohl die französischen Autoritäten Ende der 1930er inzwischen sehr gut darauf vorbereitet gewesen wären, spanische Bürgerkriegs-Geflüchtete „human“ aufzunehmen, sprachen die innen- und außenpolitischen sowie wirtschaftlichen Entwicklungen offensichtlich dagegen: Einwanderung sollte unter der rechtsgerichteten Regierung Édouard Daladiers stark eingegrenzt werden und Geflüchteten so erschwert werden, in Frankreich zu bleiben. 2626Scott Soo, The routes to exile: France and the Spanish Civil War refugees, 1939-2009 (New York : Manchester University Press, 2013), S. 1–3.

Nichtsdestotrotz verschlug es spanisch-republikanische Bürgerkriegs-Geflüchtete in die Umgebung von Paris, wo seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert das sogenannte „Kleine Spanien“ in La Plaine Saint-Denis bestand. Verschiedene spanische Migrant*innen waren hier über die Jahre hingezogen. 1931 machten Spanier*innen mit 4,5 Prozent der Gesamtbevölkerung in La Plaine Saint-Denis die größte Einwanderergemeinschaft aus. Als der Bürgerkrieg in Spanien wütete, machten sich einige ethnisch-spanische Männer im Alter von 18 bis 46 aus der Plaine Saint-Denis auf den Weg zurück nach Spanien, um im republikanischen Lager zu kämpfen. Diejenigen, die in „Klein Spanien“ blieben, organisierten Unterstützungsnetzwerke für Kommunist*innen oder Anarchist*innen. 2727« La petite Espagne de la Plaine-Sainte-Denis », https://www.tourisme93.com/la-petite-espagne-de-la-plaine-saint-denis.html [Zugriff am 28. Juli 2020].

„Mein Onkel ist einer der ersten Spanier, die hierherkamen. Es ist nicht das Leben, von dem man träumt, wenn man seine Wurzeln verlässt. Er konnte nicht schreiben und natürlich konnte er kein Französisch sprechen. Er hatte gerade eine Adresse in La Montjoie, im Haus der Familie Serrano. Er kam mit einem Freund aus seinem Dorf am Bahnhof Austerlitz an; als Gepäck trugen sie Satteltaschen über die Schultern. Er erzählte mir, dass die Leute am Bahnhof sie wie Marsmenschen ansahen und fast versuchten, sie zu berühren. […] Meine Mutter konnte weder lesen noch schreiben. In der U-Bahn konnte sie sich durch Zählen der Stationen und visuelle Hinweise orientieren. “ 2828Natacha Lillo, Maître de conférences en civilisation espagnole à l’Université Paris-Diderot (Paris 7). Auteur de : La Petite Espagne de la Plaine Saint-Denis (Paris, Autrement, 2004).

Von Marsmenschen in den 1920er Jahren wurden spanische Geflüchtete und Geflüchtete insgesamt in den späten 1930er zu Aussätzigen, die aufgrund des Rechtsrucks und einem sich radikalisierendem französischen Nationalismus keinen Platz in der Gesellschaft mehr haben sollten. Das Frankreich der Zwischenkriegszeit war geprägt von konkurrierenden politischen Kräften, die zumeist die Einwanderungs- von der Geflüchtetenpolitik aufgrund verschiedenster xenophober und/oder antisemitischer Beweggründe trennten. 2929Vicki Caron, Uneasy Asylum: France and the Jewish Refugee Crisis, 1933–1942 (Stanford: Stanford University Press, 1999), S. 9.

Vom Ende der capitale de refuge

Die Kriegserklärung 1939 bedeutete das Ende von Paris als Stadt der Zuflucht. Es kam zu Masseninternierungen von Geflüchteten, was die Vorstufe für die Internierungen vorerst ausländischer und sukzessive auch französischer Jüdinnen*Juden des Vichy-Regimes um Henri Philippe Pétain darstellte. 3030Vicki Caron, Uneasy Asylum: France and the Jewish Refugee Crisis, 1933–1942 (Stanford: Stanford University Press, 1999), S. 3. Als Hitler am 23. Juni 1940 eine Tour durch das deutsch-besetzte Paris machte, hatten schon zwei Millionen Pariser*innen die Stadt verlassen. Am Vortag war der deutsch-französische Waffenstillstandsvertrag in Folge der französischen Niederlage gegen die deutsche Wehrmacht unterschrieben worden. Der Vertrag teilte Frankreich in einen deutsch-besetzten Norden mit Paris als Hauptstadt und einen unbesetzten, aber kollaborierenden Süden mit Vichy als Sitz der französischen Regierung. Die Ausgrenzung und Verfolgung von ausländischen und jüdischen Personen wurde zum Charakteristikum der französischen Politik: Sie begann mit zwei sogenannten „Judenstatuten“, um Jüdinnen*Juden aus dem öffentlichen Leben auszuschließen, und kulminierte in den von der französischen Polizei und Verwaltung ausgeführten Deportationen von ausländischen und französischen Jüdinnen*Juden in die deutschen Vernichtungslager in deutsch-besetzten polnischen Gebieten.

Am 27. Mai 1939 schon starb Joseph Roth nach schwerer Alkoholsucht an einer doppelseitigen Lungenentzündung und erlebte den von ihm prophezeiten Kriegsbeginn und die fatalen Auswirkungen auf jüdisches Leben in Europa nicht mehr. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Cimetière parisien de Thiais südlich der Hauptstadt mit der Inschrift écrivain autrichien – mort à Paris en exil („österreichischer Schriftsteller – gestorben in Paris im Exil“). Hannah Arendt, seit 1937 Staatenlose, wurde Anfang Mai 1940 zuerst auf dem Gelände des Buffalo-Stadions und daraufhin als „feindliche Ausländerin” für circa vier Wochen im Lager Gurs interniert, aus dem ihr die Flucht gelang. Sie organisierte für sich und ihren Ehemann Heinrich Blücher Papiere für die Ausreise nach Lissabon und erreichte von dort im Mai 1941 New York City. Walter Benjamin versuchte, es Arendt gleichzutun und über Spanien und Portugal mit einem Visum für die Vereinigten Staaten nach New York zu gelangen, doch nahm er sich aus Furcht vor einer Auslieferung an die Deutschen im spanischen Grenzort Portbou in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 das Leben. Paul-Adolphe Löffler blieb in Paris und trat während der deutschen Besatzung der Résistance bei, verbreitete Untergrundpresse und organisierte geheime Treffen in Seine-et-Marne östlich von Paris. Er war einer der wenigen, für die Paris bis zu seinem Tod im Jahre 1979 Lebensmittelpunkt blieb. Der jiddische Journalist Arn Beckerman, der seine ganze Hoffnung auf Paris gesetzt hatte, war wie viele andere linke jiddisch-sprechende Migranten und Geflüchtete ebenso in der Résistance aktiv. Am 6. März 1943 wurde er jedoch aus Drancy mit dem Transport Nr. 51 deportiert und in Majdanek im Alter von 46 Jahren ermordet. 3131Nick Underwood, “Aron Beckerman’s City of Light: Writing French History and Defining Immigrant Jewish Space in Interwar Paris,” in Urban History (October 2015), 1–17, 17. Was mit Herrn Weingrod und seinem Gasthaus geschah, ist unbekannt. Doch er, wie alle anderen genannten, ungenannten und unbekannten Neuankömmlinge in Paris, hatte sich unwiderruflich in die Textur der Stadt eingeschrieben.

Durch die verschiedenen Gemeinschaften der Neuankommenden wurde Paris zum Mosaik diasporischer Einschreibungen. Noch heute erinnern Bauten an diese neuen Gemeinden und prägen wie stille Wegweiser das migrantische Stadtbild. Diaspora wird traditionell als rückwärtsgerichtet konzeptualisiert und akzentuiert die bleibende Verbindung zum, Sehnsucht nach und Rückkehrwunsch ins Heimatland. Doch Paris, wie jeder Diasporaraum, schließt  die Verwicklung von Genealogien der Zerstreuung mit denen des ‘an Ort und Stelle Bleibens’ mit ein. 3232Avtar Brah, Cartographies of Diaspora: Contesting Identities (London: Routledge, 1996), 181. Anhand von Geflüchtetenstimmen werden im We Refugees Archive die Spuren der Vergangenheit aufgedeckt, die durch die mitgebrachten Erinnerungen, Vorstellungen, Zukunftsvisionen und Erfahrungen der entstehenden Heterotopia von Geflüchtetengemeinschaften Paris mit-, neu- und umgeschrieben wurden.

    Fußnoten

  • 1Joseph Roth, Juden auf Wanderschaft: Essay (Wien: Der Drehbuchverlag, 2014) [kindle Version], Pos. 820.
  • 2Moses Joseph Roth (1894–1939) war ein österreichischer Schriftsteller und Journalist. In dem galizisischen Shtetl Brody geboren, entstammte er mütterlicherseits einer jüdischen Kaufmannsfamilie und väterlicherseits dem chassidischen Milieu. Während des Germanistikstudiums in Wien entstanden erste Schriften. Der Erste Weltkrieg, in dem er freiwillig Militärdienst leistete, und der darauffolgende Zerfall des Habsburgerreiches wurden für ihn zu wegweisenden Ereignissen, die er in seinen Romanen wie dem Radetzkymarsch oder Die Kapuzinergruft mehrfach thematisierte. Und während Roth sich politisch nicht klar einordnen lässt, lässt sich in Bezug auf das Habsburgerreich feststellen, dass er sich von einem linken Monarchiekritiker immer mehr in einen konservativen Habsburg-Nostalgiker und -Idealisten wandelte, wie die Forschung es für viele Galizier diagnostiziert. Noch während der Militärzeit begann Roth, Berichte und Feuilletons für Zeitungen zu schreiben. 1920 zog er nach Berlin, wo er für verschiedene Zeitungen arbeitete und siedelte 1925 für ein Jahr als Korrespondent nach Paris über. Ab 1926 war er mit Reisereportagen beauftragt, die ihn in die Sowjetunion, nach Albanien und Jugoslawien, in das Saargebiet, nach Polen und Italien führten. 1933 floh er nach Paris, wo er 1939 an einer Lungenentzündung nach schwerer Alkoholsucht starb.
  • 3Maud S. Mandel, In the Aftermath of Genocide: Armenians and Jews in Twentieth-Century France (Durham: Duke University Press, 2003), 19.
  • 4Für eine Untersuchung der Entwicklungen des französischen Migrationsregimes der 1930er Jahre, siehe Vicki Caron, Uneasy Asylum: France and the Jewish Refugee Crisis, 1933–1942 (Stanford: Stanford University Press, 1999).
  • 5Nick Underwood, Staging a New Community: Immigrant Yiddish Culture and Diaspora Nationalism in Interwar Paris, 1919–1940, Dissertation, University of Colorado, 2016, S. 2.
  • 6Maud S. Mandel, In the Aftermath of Genocide: Armenians and Jews in Twentieth-Century France (Durham: Duke University Press, 2003), S. 11.
  • 7Katherine Froshko, France’s Russian Moment: Russian Emigres in Interwar Paris and French Society, Dissertation, Yale University 2008, S. 2.
  • 8Italien (1926: 760 000; 1931: 800 000), Belgien (1926: 325 000; 1931: 250 000), Spanien (1926: 320 000; 1931: 350 000) und Polen (1926: 300 000; 1931: 500 000). Ralph Schor, L’Opinion française et les étrangers, 1919-1939 (Paris: Publication de la Sorbonne, 1985), S. 38.
  • 91921: 9000; 1931: 19 000
  • 10Paul-Adolphe Löffler, 1973. Journal de Paris d’un Exilé 1924–1939.
  • 11Roth am 9. April 1926 an Reifenberg, zit. nach Joachim Kersten: Niemand hat Glück mit Deutschland. (über Sieburg), in Grenzgänge. zu Klampen, Lüneburg 1999, S. 61.
  • 12Joseph Roth, Briefe 1911–1939. Köln 1970, S. 249.
  • 13Harry Clemens Ulrich Kessler (1868–1937) wuchs in Frankreich und England als Kind des deutschen Bänkers Adolf Wilhelm Kesslers auf. Er war Kunstsammler, Mäzen, Schriftsteller und Publizist und setzte sich maßgeblich für den organisierten Pazifismus ein. Im März 1933 reiste er nach Paris und würde nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Er verbrachte seine letzten vier Lebensjahre auf Mallorca und in Südfrankreich. Er wurde auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise bestattet. Für eine ausführliche Darstellung siehe Hans-Ulrich Simon: Kessler, Harry Graf von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB), Band 11 (Berlin: Duncker & Humblot, 1977), S. 545 f. (digitalisiert).
  • 14Generell zu der Rolle und Symbolkraft Paris für deutsch-jüdische Geflüchtete in den 1920er und 1930er Jahren, siehe Nils Roemer, “German Jews in Paris: Traversing Modernity,” in The Cambridge Journal of Postcolonial Literary Inquiry 3:1 (Januar 2016), 79–95; für das Zitat, siehe Harry Graf Kessler, Tagebucheintrag vom 22. Juni 1933, in idem., Tagebücher, 1918–1937, hrsg. Wolfgang Pfeiffer-Belli (Frankfurt: Insel, 1961), S. 725.
  • 15Anson Rabinbach, “Paris, Capital of Anti-Fascism”, in: Martin Jay (hrsg.), The Modernist Imagination: Intellectual History and Critical Theory. Essays in Honor of Martin Jay (New York: Berghahn Books, 2009), 183–209.
  • 16Hannah Arendt (1906-1974) war eine jüdische deutsch-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin, die mit ihren Arbeiten zu Nationalsozialismus und Totalitarismus, dem Phänomen der Staatenlosigkeit und Geflüchtetendaseins grundsätzlich und auch für We Refugees Archive wegweisend ist. Für genaue biographische Daten, siehe https://www.dhm.de/lemo/biografie/biografie-hannah-arendt.html.
  • 17Roth an Stefan Zweig, Brief vom 8. Mai 1936, in Joseph Roth, Joseph Roth: Life in Letters, übersetzt und herausgegeben von Michael Hofman (New York: W.W. Norton and Company, 2012), S. 851.
  • 18Roth an Stefan Zweig, Brief vom 19. August 1935, in Joseph Roth, Joseph Roth: Life in Letters, übersetzt und herausgegeben von Michael Hofman (New York: W.W. Norton and Company, 2012), S. 759–760.
  • 19Arendt, Hannah, 1989: Menschen in finsteren Zeiten, München/Zürich: Piper, S. 211 f.
  • 20Arn Beckerman (1897–1943) war ein kommunistischer Schriftsteller und Journalist, der ursprünglich aus Biała Podlaska stammte und 1926 nach Paris emigrierte. Während des Ersten Weltkrieges wurde er Kriegsgefangener und zur Zwangsarbeit nach Frankfurt am Main verschleppt. 1918 wurde er im Polnisch-Sowjetischen Krieg für die polnische Armee mobilisiert und geriet erneut in Gefangenschaft unter Symon Petlura – einem ukrainischen Befehlshaber, der für einen unabhängigen ukrainischen Nationalstaat kämpfte und für eine große Anzahl der an der jüdischen Bevölkerung verübten Pogrome verantwortlich ist, denen bis zu 200000 Jüdinnen*Juden zum Opfer fielen. Ab 1922 lebte er in Warschau und zog 1926 nach Paris, wo er für verschiedene (internationale) jiddische Zeitungen tätig war und einige Monographien veröffentlichte. Er wurde am 6. März 1943 aus Drancy deportiert und in Majdanek ermordet. Für weitere Informationen, siehe Y. Spero, G. Kenig, M. Shulshteyn und B. Shlevin, Yizker-bukh tsum ondenk fun 14 umgekumene Parizer yidishe shrayber (Paris: Farlag Oyfsnay, 1946), 26–73.
  • 21Nick Underwood, “Aron Beckerman’S City of Light: Writing French History and Defining Immigrant Jewish Space in Interwar Paris,” in Urban History (October 2015), 1–17.
  • 22Herman Kesten (1900–1996) wurde im österreich-ungarischen Podwołoczyska in eine jüdische Familie geboren. 1904 siedelte die Familie nach Nürnberg über, wo Kesten aufwuchs. In der Weimarer Republik avancierte er als Schriftsteller zu einem der Hauptvertreter der literarischen „Neuen Sachlichkeit“. 1933 floh er nach Frankreich, wo er im Emigrantenmilieu aktiv war, und floh nach kurzen Internierungen 1939 in den französischen Lagern Colombes und Nièvres als „feindlicher Ausländer“ mit einem Besuchervisum in die USA, wo er zahlreiche vom nationalsozialistischen Deutschland verfolgte Künstler unterstützte. In der Nachkriegszeit kehrte er nach Europa zurück, regte als PEN-Präsident heftige Debatten an und nahm regen Anteil am literarischen Leben der Bundesrepublik.
  • 23Herman Kesten an Ernst Toller, 23. März 1933, zitiert nach Mark M. Anderson (Hrsg.), Hitler’s Exiles: Personal Stories of the Flight from Nazi Germany to America (New York: The New Press, 1988), S. 135–136; zitiert in: Nils Roemer, “German Jews in Paris: Traversing Modernity,” in The Cambridge Journal of Postcolonial Literary Inquiry 3:1 (Januar 2016), S. 79–95, S. 90.
  • 24Walter Benjamin (1892–1940) war deutscher Philosoph und Kulturkritiker, der mit dem Wirkungskreis der Frankfurter Schule assoziiert wird und bis heute wegweisend für verschiedene wissenschaftliche Felder wie der Komparatistik, den Kulturwissenschaften, Critical Theory, Film- und Theaterwissenschaften etc. ist. Walter Benjamin gelang 1940 die Flucht über Paris und die Pyrenäen nach Portbou in Spanien, wo er sich angesichts einer aussichtslosen Weiterflucht noch in der Nacht seiner Ankunft das Leben nahm.
  • 30Vicki Caron, Uneasy Asylum: France and the Jewish Refugee Crisis, 1933–1942 (Stanford: Stanford University Press, 1999), S. 3.
  • 25Vicki Caron, Uneasy Asylum: France and the Jewish Refugee Crisis, 1933–1942 (Stanford: Stanford University Press, 1999), S. 2.
  • 26Scott Soo, The routes to exile: France and the Spanish Civil War refugees, 1939-2009 (New York : Manchester University Press, 2013), S. 1–3.
  • 27« La petite Espagne de la Plaine-Sainte-Denis », https://www.tourisme93.com/la-petite-espagne-de-la-plaine-saint-denis.html [Zugriff am 28. Juli 2020].
  • 28Natacha Lillo, Maître de conférences en civilisation espagnole à l’Université Paris-Diderot (Paris 7). Auteur de : La Petite Espagne de la Plaine Saint-Denis (Paris, Autrement, 2004).
  • 29Vicki Caron, Uneasy Asylum: France and the Jewish Refugee Crisis, 1933–1942 (Stanford: Stanford University Press, 1999), S. 9.
  • 31Nick Underwood, “Aron Beckerman’s City of Light: Writing French History and Defining Immigrant Jewish Space in Interwar Paris,” in Urban History (October 2015), 1–17, 17.
  • 32Avtar Brah, Cartographies of Diaspora: Contesting Identities (London: Routledge, 1996), 181.
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