Alaa über das Jobcenter

Alaa Muhrez erzählt von ihren Erfahrungen im Finden einer passenden Arbeitsstelle in Berlin.

© Alaa MuhrezIch habe zuerst an der Hartnackschule Deutsch gelernt, dann habe ich mich an der Humboldt-Universität als Gasthörerin angemeldet und um Deutsch zu lernen. Dort habe ich C1 gemacht. Dann habe ich ein Praktikum im Controlling-Bereich gemacht, wo ich sehr viel gelernt habe, und dann eine Stelle im Steuerbüro gefunden. Die Stellen habe ich allein gefunden, über Facebook.

Wir hatten eine Beratung bei einem Jobcenter Mitarbeiter. Jeder Mitarbeiter beim Jobcenter wollte unsere Zukunft malen, ohne unsere Entscheidung. Er glaubte, dass er alles weiß, und dass wir Flüchtlinge sind, die gar nichts wissen. Ich sagte, dass ich einen Kurs in der Buchhaltung machen möchte, weil ich meinen Bereich kannte, aber er sagte: ‚Nein, du sollst eine Maßnahme machen.‘ Jede Maßnahme dauert sechs Monate, mit Word und Excel. Wenn ich Word und Excel und alle Windows-Programme kenne, wieso soll ich dann warten? Die Lehrer zeigten mir: ‚Hier kannst du das Fenster schließen.‘ Ich war nicht da, aber meine Freundin erzählte mir, dass sie nur spazieren ging, damit die Zeit schneller rumging. Ich habe in Syrien an der Universität studiert. Ich bekam dann ein Stipendium der DAAD für einen C1-Deutschkurs, obwohl das Jobcenter mir sagte, dass wir arbeiten sollen, nicht studieren. Aber ich wollte studieren. Ich möchte gerne ein Duales Studium machen, arbeiten und studieren zugleich.

Ich habe ein sehr schlechtes Gefühl beim Jobcenter. […] Es ist wirklich ein schwieriges Gefühl, wenn man auf wenig Geld von jemand anderem angewiesen ist. Ich glaube, dass es auch für Deutsche unangenehm ist. Wenn man ins Jobcenter geht, denken die Leute, dass man gar nicht arbeiten will. Aber für uns als Flüchtlinge waren das nur Schritte. Deswegen hat mein Mann sofort Arbeit gesucht in einer Bäckerei oder irgendwo, damit er nicht vom Jobcenter abhängig ist. Die erste Mitarbeiterin war ganz nett, aber der zweite wollte uns nur Stress machen. Ich habe mehrere Sachen gesucht, damit ich mich entwickeln kann und eine bessere Arbeit finden kann, aber er sagte nur: ‚Diese Arbeit ist gut, das reicht.‘ Aber im Steuerbüro gibt es keine Entwicklung. Und ich finde, in meinem Alter brauche ich neue Erfahrungen. Bei der Telekom war das toll, jede Minute gab es neue Informationen. Im Steuerbüro kann man nicht den Kopf heben, weil man die ganze Zeit arbeiten muss, aber es gibt keinen Teamgeist. In Syrien und Ägypten habe ich auch als Buchhalterin gearbeitet, aber es war ein bisschen interessanter als in Deutschland. In Deutschland war es trockenere Arbeit.

Das hängt aber glaube ich auch von mir ab. Ich war aktiver. Mit der Fluchterfahrung ist ein bisschen meiner Persönlichkeit verlorengegangen. Alles ist normal für mich, nichts ist glücklich oder so.

Und es hängt auch vom Wetter ab: In Syrien und Ägypten scheint immer die Sonne, und hier ist es kalt und dunkel, wenn man morgens früh zur Arbeit geht.

In Folge der Krise in Syrien flohen Alaa Muhrez und ihr Mann nach 2013 nach Ägypten. Dort verstärkten sich nach der Einsetzung des neuen Präsidenten in Ägypten die Probleme für Geflüchtete. Es wurde immer schwerer, eine Arbeit zu finden, sodass Alaa und ihr Mann beschlossen, nach Deutschland zu gehen. Von Ägypten nach Italien fuhren sie und ihr Mann mit einem kleinen Boot, auf dem 400 andere Menschen waren. Sie wechselten mehrmals das Boot. „Wenn man aufstand, konnte man sich nicht wieder setzen“, erklärt Alaa, so eng sei es gewesen. Nach der gefährlichen Reise kamen sie in Catania, Sizilien an. Dort wurden ihre Personalien aufgenommen. Sie wussten, dass es für die Weiterreise schwierig sein könnte, sich in Italien um einen Aufenthaltstitel zu bewerben, weshalb sie die Aufnahme der Papiere nicht abwarteten.

Mit dem Flugzeug gelangten sie nach Österreich und von dort nach München. Von München wurden sie nach Leipzig gebracht, und ihnen wurde eine Wohnung in einem Dorf in der Nähe zugewiesen. Alaa berichtet über mehrere Vorfälle von Diskriminierung, die sie dort erleben musste. Nach über einem Jahr kamen sie nach Berlin, wo sie nach einiger Zeit eine Wohnung und Arbeit fanden.

Alaa erzählt von ihrer Unbehagenheit in Kontakt mit den Job Centern, die ihr so schnell wie möglich eine Stelle verschaffen wollten und ihr Fortbildungen verwehrten, obwohl sie sich beruflich weiterentwickeln wollte. Sie erzählt, dass ihr die Arbeit in Deutschland schwerer fällt als in Syrien, und fügt hinzu: „Das hängt aber glaube ich auch von mir ab. Ich war aktiver. Mit der Fluchterfahrung ist ein bisschen meiner Persönlichkeit weggegangen. Alles ist normal für mich, nichts ist glücklich oder so.“

Das Interview mit Alaa Muhrez wurde am 30.06.2020 von We Refugees Archiv in Berlin durchgeführt.

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