Aliou B. über seine lange Flucht von Guinea nach Deutschland

Aliou B. hat Guinea alleine mit dreizehn Jahren verlassen. Auf seinem Weg über Mali, Burkina Faso, Niger und Libyen erfuhr er Hunger, Misshandlungen von Schmugglern und Menschenhändlern und Inhaftierungen. Auf ein Schlauchboot Richtung Italien geriet er quasi durch Zufall und erlebte, wie viele der Mitfahrenden ertranken. Nach einem Aufenthalt in Italien kam er schließlich Ende 2017 in Deutschland an.

Ich habe meine Heimat Guinea zunächst nach Mali verlassen. Dort habe ich drei Monate gelebt. Dort war es aber schwer, ich habe kein Essen bekommen. Es war sehr unangenehm. Ich habe einen Freund getroffen, der meinte, er will nach Burkina fahren, um etwas zu Essen zu bekommen. Also bin ich zusammen mit dem Freund nach Burkina gefahren. Da sind wir ein paar Tage geblieben. Dort habe ich mit Schmugglern gesprochen. Ich hatte kein Geld, also hat er gesagt: Wenn du uns Kunden bringst, kannst du am Ende auch mit uns fahren. Das habe ich gemacht und am Ende bin ich nach Niger gekommen. Da war das Leben auch sehr schwer und ich konnte da nicht bleiben. Ich habe einen Bekannten getroffen, der dort schon lange gewohnt hat. Er hat mich gefragt, was wir hier machen und wir haben ihm erklärt, warum wir hergekommen sind, aber dass wir weitermüssen. Und er meinte, er kann mir helfen. Ich habe ihm gesagt, dass ich kein Geld habe. Er meinte: „Das ist kein Problem. Ich nehme euch von hier mit nach Libyen. Ich gebe euch auch Arbeit in Libyen und von dem Lohn könnt ihr mir mein Geld wiedergeben.“ Wir haben das gemacht, aber wir sind an den falschen Menschen geraten. Er hat uns nur verarscht.

Als wir nach Libyen gekommen sind, meinte er: „Hier ist mein Haus. Wartet kurz.“ Wir haben zusammen mit Arabern gewartet. In dem Haus waren viele Leute, die da schon lange waren, manche waren schon mehr als vier Monate dort. Wir haben sie gefragt: „Warum seid ihr immer noch hier?“ Sie sagten: „Die haben uns verkauft.“ Die machen da manchmal ein Geschäft, wie mit Sklaven. Ich habe das niemals erwartet, ich dachte, ich würde in Libyen arbeiten. Aber so war es. Als der große Chef im Haus ankam, musste jeder Geld bezahlen. Ich meinte, ich habe kein Geld. Also sollte ich meine Familie anrufen und ihnen sagen, dass sie Geld schicken sollen, damit ich raus kann. Ich habe gesagt: „Tut mir leid, aber wir haben kein Geld. Du hast selbst gesehen, als du uns geholt hast, dass wir kein Essen hatten, nichts. Woher sollen wir das bezahlen? Meine Familie weiß auch nicht, wo ich bin.“ Sie haben mich geschlagen und alles. Ich bin da lange geblieben, viele Monate, zwei, drei, vier, in diesem Haus. Ich habe zum Chef gesagt: „Bitte, lass uns erstmal raus. Dann können wir arbeiten und damit bekommen wir Geld, um es dir zu bezahlen. Sonst haben wir keine Möglichkeit.“ Darauf sagte der Chef: „Gut, ihr könnt rausgehen, aber wenn ihr nicht zurückkommt, suchen wir euch und töten euch.“ Ich bin dann mit einem Bekannten rausgegangen und sagte zu ihm: „Weißt du was, egal was passiert, ich komme nie mehr hierher.“ Also sind wir zusammen rausgegangen in die Stadt und haben ein paar andere afrikanische Leute gesehen und uns mit denen unterhalten. Wir haben ihnen gesagt: „Wir sind hierhergekommen, man hat uns verkauft, wir hatten Glück und sind rausgekommen, aber wir wissen nicht wohin. Wenn die uns finden, kriegen wir Probleme.“ Der andere meinte: „Ich versuche, euch zu helfen. Ihr könnt mit mir nach Hause kommen.“ Aber da waren auch viele Leute und nach einem Tag kam die Polizei und hat uns alle festgenommen und ins Gefängnis geschickt.

Im Gefängnis waren wir auch sehr viele Leute, aber einmal haben wir es geschafft, die Tür aufzubrechen und einige haben es geschafft rauszukommen. Wir sind da durch die Nacht gelaufen und haben viele Leute da sitzen sehen und haben uns dazugesetzt, damit wir nicht gefunden werden. Da kam einer mit einem LKW, einem Kühler, da sind alle rein, dann wurde er zugemacht und wir sind losgefahren. Ich habe die Leute gefragt: „Wohin fahren wir?“. Und sie meinten: „Wir fahren nach Tripoli.“ Und ich habe gefragt: „Was ist das? Wo ist das?“. Sie sagten: „Das ist die Hauptstadt.“ Als wir in Tripoli ankamen, waren wir wieder in einem Haus, von dem Schmuggler. Die kamen nachts und wir mussten alle aufstehen und wurden zum Meer gebracht. Mein Freund und ich wussten gar nicht, was mit uns passiert, warum wir da waren, was wir hier machen. Als wir ankamen, bauten da Leute ein Boot und pumpten es mit Luft voll. Mein Freund fragte: „Was machen die da?“ Ich wusste es nicht. Wir mussten dann ins Boot steigen und haben gefragt: „Wohin gehen wir?“ Und sie meinten: „Wir gehen in eine andere Stadt, nach Bengasi.“ Aber eigentlich wussten alle, dass es nicht so ist. Nach mehr als sechs Stunden haben wir gefragt: „Ach, so weit ist es nach Bengasi?“. Aber keiner hat geantwortet, denn keiner wusste es, oder besser gesagt, niemand wollte etwas sagen. Die anderen hatten Geld gezahlt, sie wussten ganz genau, wohin wir gehen. Aber wir beide hatten nicht gezahlt, sondern nur aus Versehen bei den Menschen gesessen. Dann wurde es Morgen und man sah nichts als Meer. Ich hatte Angst, aber ich hatte auch keine Ahnung, was ich machten sollte. Ich hatte sowas niemals im Leben gesehen. Mittags habe ich ein bisschen geweint, weil ich wirklich Angst hatte. Ich hatte so ein großes Wasser noch nie gesehen. Ich habe mich auch krank gefühlt wegen des Benzins. Ich und mein Freund haben uns ermutigt: „Wir bleiben, egal was passiert. Wir müssen schauen und warten.“ Die Fahrer haben immer gewechselt, also konnte man niemanden fragen, wohin wir fahren. Man konnte nur Geduld haben. Dann haben wir ein großes Boot gesehen und gedacht, es wäre Marine. Aber es war ein Piratenboot, die haben uns alle nach Geld gefragt. Sie haben gesagt: „Wenn ihr kein Geld habt, lassen wir die Luft aus eurem Boot raus.“ Und sie haben uns geschlagen. Aber niemand hatte irgendwas und dann haben sie uns gelassen, denn sie wussten selbst, dass wir nichts haben. Ein paar andere Leute mussten stattdessen ihre Handys abgeben. Wir waren mitten im Mittelmeer. Alle Fahrer waren müde. Sie meinten, wir können nur warten und beten, dass jemand kommt und uns hilft. Wir haben da fast eine Stunde gewartet. Dann kam ein Boot hinter uns, die wollten auch nach Italien. Unser Boot konnte nicht weiterfahren, weil es kaputt war, aber die anderen schon, und sie haben gesagt: „Wir können euch leider nicht helfen, aber wenn ihr noch Handys habt, können wir euch anrufen. Falls wir andere treffen, sagen wir ihnen Bescheid, dass ihr auch noch da seid.“ Wir haben dann lange gewartet. Dann kam ein kleines Rettungsboot. Die wollten uns retten. Aber alle waren müde und als sie uns die Rettungswesten geben wollten, ist das Boot umgekippt. Die meisten sind gestorben. Meinen Freund habe ich seitdem nicht gesehen. Ich weiß nicht, ob er gerettet wurde, ob er noch lebt oder gestorben ist, wo er ist. Wir hatten uns in Burkina kennengelernt. Es kann sein, dass er gestorben ist. Oder er hat es geschafft und er wurde in Italien woanders hingebracht.

In Italien bin ich in ein Heim für Minderjährige in Catania auf Sizilien gekommen. Da bin ich für fünf Monate geblieben. Dann haben sie mich in ein anderes Heim in Messina geschickt. Ich war da nicht so richtig gesund und viele Sachen waren nicht klar. Deswegen bin ich nach Milano gekommen, aber da hatte ich keine Versorgung und habe auf der Straße geschlafen. Ich habe da jemanden getroffen, der gesagt hat, er geht nach Deutschland. Und ich bin mitgekommen. Und so bin ich Ende 2017 nach Deutschland gekommen. Erst nach Bayern. Mein Bekannter meinte, er wolle nach Berlin, weil er da jemanden kennt, und hier niemanden. Also meinte ich: „Ja, ich kenne hier auch keinen, also lass uns zusammen nach Berlin fahren.“

Aliou B. hat Guinea alleine mit dreizehn Jahren im Jahr 2014 verlassen. Damals wütete in dem ohnehin extrem armen und strukturschwachen, von Korruption und Gewald geprägten Land die Ebolapandemie. Auch wenn Guinea mittlerweile offiziell demokratisch regiert wird, setzen sich Menschenrechtsverletzungen aus der langen Zeit fort, in der eine Militärdiktatur herrschte. Gegen Oppositionelle wird brutal vorgegangen.

Alious Route über Mali, Burkina Faso, Niger und Libyen gilt als eine der gefährlichsten Flucht- und Migrationsrouten auf der Welt, auf der monatlich mindestens 72 Menschen ums Leben kommen. 11UNHCR: Tausende auf Fluchtrouten in Afrika von Tod und Menschenrechtsverletzungen bedroht, in: UNHCR Deutschland, 29.07.2020: https://www.unhcr.org/dach/de/50295-tausende-auf-fluchtrouten-in-afrika-von-tod-und-menschenrechtsverletzungen-bedroht.html (17.12.2020). Die Dunkelziffer ist jedoch sehr hoch. Wie viele Menschen genau auf dieser gefärhlichen Route ums Leben kommen, verschwinden oder verletzt werden, ist nicht klar, weil die Routen, die Zwangsmigrant*innen von Westafrika an die nordafrikanische Mittelmeerküste führen, von Menschenhändlern und Schmugglern kontrolliert werden. Die Menschen sind hier extremen Menschenrechtsverletztungen und Gefahren für Leib und Leben ausgesetzt: willkürliche Tötungen, Folter, extreme Gewalt und Vergewaltigungen. Diese Regierungen und offiziellen Sicherheitskräfte haben entweder nicht die Macht, dagegen vorzugehen, oder sind selbst an diese Missstände involviert.

Aliou beschreibt, wie er in Libyen monatelang von Menschenhändlern festgehalten und misshandelt wurde, um Geld von ihm oder seiner Familie zu erpressen. Nachdem er sich aus dieser Gefangenschaft befreit hatte, wurde er von der libyschen Polizei festgenommen und in einem der vielen Lager und Gefängnisse inhaftiert, in die Zwangsmigrant*innen willkürlich geschick und unter menschenunwürdigen und gewaltgeprägten Zuständen festgehalten werden. Libyen hat die Genfer Flüchtlingskonvention nicht unterschrieben und bietet grundsätzlich kein Recht auf Asyl, sodass alle Migrant*innen, die dort ankommen, automatisch wegen „illegaler Migration“ kriminalisiert werden. Trotz der umfassenden Menschenrechtsverletzungen gegen Flüchtende und Migrant*innen in dem bürgerkriegsgeplagten Land, kooperiert die EU eng mit Libyen und unterstützt das Land finanziell, um Migrant*innen an der Weiterflucht nach Europa zu hindern.

Bei einem Massenausbruch entkommt Aliou dem Gefängnis und gerät zufällig in eine Gruppe, die darauf wartet, über das Meer nach Europa gebracht zu werden. Ohne zu wissen, was ihm geschieht, besteigt er das provisorisch über Nacht gebaute Boot, das von Piraten überfallen wird und schließlich havariert. Er erlebt, wie viele Menschen in der Panik, die bei der Näherung eines Rettungsbootes ausbricht, ertrinken. Aliou verliert den Freund, mit dem gemeinsam er einen Großteil des bisherigen Weges zurückgelegt hatte, aus den Augen: Bis heute weiß er nicht, ob der Freund das Unglück überlebt hat, und wo er sich befinden könnte.

Nachdem er zunächst einige Monate in Unterkünften für Minderjährige auf Sizilien verbrachte, dort aber nicht ausreichend versorgt wurde, kam er schließlich Ende 2017 nach Deutschland.

Alious Erzählung zeugt von den traumatischen Erfahrungen, die viele Zwangsmigrant*innen auf der Suche nach einem sicheren Ort machen. Die meisten von ihnen schaffen es nicht, an einen solchen sicheren Ort zu gelangen, um von diesen Erfahrungen zu berichten: Sie sind weiterhin gefangen in Lagern und Gefängnissen, verschollen oder haben auf dem Weg ihr Leben verloren. Für die Menschen, die Europa und Deutschland dennoch erreichen, gibt es oft keine ausreichenden Strukturen, um die traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten: Stattdessen kommen neue Sorgen um den unsicheren Aufenthaltsstatus u.a. hinzu.

    Fußnoten

  • 1UNHCR: Tausende auf Fluchtrouten in Afrika von Tod und Menschenrechtsverletzungen bedroht, in: UNHCR Deutschland, 29.07.2020: https://www.unhcr.org/dach/de/50295-tausende-auf-fluchtrouten-in-afrika-von-tod-und-menschenrechtsverletzungen-bedroht.html (17.12.2020).

Das Interview mit Aliou B. wurde im Dezember 2020 vom We Refugees Archiv geführt.