Brief von Ernst Loewy an seine Familie

Im Brief vom 8. Mai 1936 berichtet Ernst Loewy seinen Eltern von seinem Leben im Kwuzah (Kibbuz). Die anfängliche Vorfreude weicht der Enttäuschung über den Alltag im Kwuzah. Insbesondere der Freiraum zur individuellen Entfaltung erlebte Ernst Loewy als gering. Er führte dies auch auf die Zentralität der Arbeit in der Lebensweise der Bewohner:innen zurück.

[…] Lieber Pips,

Du fragst, wie das innere Leben der Kwuzah ist. Ich wollte noch nicht früher darüber schreiben, ich wollte erst einmal ein paar Wochen hier sein, um Euch richtig darüber schreiben zu können. […] Über das ganze innere Leben der Kwuzah bin ich persönlich äußerst enttäuscht. Die Menschen, die hier leben, sind reine Proletarier, die weiter nichts kennen als nur ihre Arbeit, das Essen und das Schlafen – an geistigen Dingen haben sie nicht das geringste Interesse. Am Tag arbeitet man, nachts schläft man, und am Schabbath geht man spazieren. Mit geistigen Dingen beschäftigt man sich nicht. Es gibt keine Vorträge, man liest keine Bücher. Hier ist das reinste Proletariat. Das zeigt sich in vielen Dingen. Über das geistige habe ich schon geschrieben, dann das allgemeine Leben – die Menschen hier haben einen sehr, sehr kleinen Lebensstandard. Man ist mit dem Geringsten hier zufrieden. Anstatt sich das Leben hier einigermaßen angenehm zu gestalten, legt man jeden Piaster fort. Daß die Kwuzah reich ist, davon sieht man nicht das geringste, wenn man sieht, wie hier mit allem gegeizt wird. Einmal jährlich darf jeder ins Kino gehen, drei Marken bekommt hier jeder monatlich, zwei paar Strümpfe darf jeder in der Woche tragen, u. so vieles mehr. […]

Nun zur Hauptsache: meiner Ansicht nach ist das Leben in der Kwuzah sehr unfrei. Der einzelne Mensch hat keinen eigenen Willen mehr, was er tut, ist alles nur für die Kwuzah. Persönliches und Privates, soweit es das überhaupt gibt, kommt immer weit nach dem Allgemeinen.

Ich glaube, daß der Mensch auch persönliche Ziele haben muß, und dieses gibt es in der Kwuzah nicht, es gibt nur eine Gemeinschaft. Um einmal zusammenzufassen – in der Kwuzah gibt es weder Freiheit noch Eigentum – nur einige Rechte (z. B. 3 Marken monatlich), viele Pflichten und noch mehr Verzichte. Ich muß Euch leider sagen, daß mir das Leben in einer Kwuzah nicht gefällt.

Für uns natürlich ist es etwas anderes – wir sind noch jung und haben es sehr gut hier – viel besser als die Chawerim der Kwuzah. Wir sind wie in einer Schulklasse – allerdings in einer Schulklasse von Freunden. Daß ich aber nicht mein ganzes Leben in einer Kwuzah bleibe, dessen bin ich mir schon jetzt ziemlich sicher, nicht das Landleben ist es, welches mir nicht gefällt, sondern das Leben in diesen Formen. […]

Nun muß ich aber Schluß machen, der Brief wiegt sicher über. Eure Briefe, lb. Pips und Mutter, werde ich nächste Woche weiter beantworten. Für heute seid alle geküßt von Eurem Ernst […]

 

Ernst Loewy war ein deutsch-jüdischer Bibliothekar, Publizist und Exilforscher. Er war Mitbegründer und Vorstand der „Gesellschaft für Exilforschung“.

Als Schüler erlebte Ernst Loewy schon vor 1933 offenen Antisemitismus. Im Herbst 1935 beschlossen seine Eltern, dass er Deutschland verlassen soll. Nach einer vierwöchigen Vorbereitungszeit auf einem landwirtschaftlichen Gut bei Berlin im Dezember 1935 wurde er in das Programm der Jugend-Alijah aufgenommen. Im April 1936 erreichte er das Kibbuz Kirjat Anavim in der Nähe von Jerusalem, wo er bis 1938 lebte. Mit den Eltern hielt er per Brief Kontakt. Sie konnten nach den Novemberpogromen ebenfalls nach Palästina fliehen.

Die Jugend-Alijah wurde 1933 gegründet und geht auf die Initiative der Widerstandskämpferin und Lehrerin Recha Freier zurück. Ziel der Organisation war es, möglichst viele Kinder und Jugendliche aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Palästina zu bringen und sie am Aufbau des Landes zu beteiligen. Zugrunde lag diesem Vorhaben eine streng religiöse Weltanschauung, die nach den Novemberpogromen aufgrund der humanitären Notlage gelockert wurde. Von ihrem offiziellen Beginn im Februar 1934 an bis März 1939 konnte die Organisation rund 12.000 Jugendliche nach Palästina retten. An die Hilfe waren auch an Bedingungen geknüpft: Die Eltern konnten ihre Kinder nicht nach Palästina begleiten und waren dazu verpflichtet, einen Teil der Kosten für die Ausreise, Unterkunft und Ausbildung ihrer Kinder zu übernehmen.

Die Jugendlichen waren zu einer Ausbildung in handwerklichen, landwirtschaftlichen oder gärtnerischen Bereichen sowie zum Unterricht in der Landeskunde Palästinas und in Hebräisch verpflichtet. Noch in Deutschland begann die Vorbereitung der Jugendlichen in Ausbildungsstätten auf ihr späteres Leben in Palästina. Nach Beendigung der Vorbereitungszeit stellten Vertreter:innen der Jugend-Alijah die Eignung der Jugendlichen fest. In Palästina kamen die Jugendlichen in Kinderdörfern oder Kibbuzim (ländlichen Siedlungen) unter, in denen sie in einer großen Gemeinschaft zusammen lebten, am Schulunterricht teilnahmen oder in ihrer Ausbildung landwirtschaftlich bzw. handwerklich arbeiteten.

 

Brief: Loewy, Ernst, Brief vom 8. Mai 1936 an die Eltern, in: Eckert, Brita (Hg.), Ernst Loewy. Jugend in Palästina. Briefe an die Eltern 1935–1938, Berlin: Metropol Verlag 1997, S. 56ff.

Kontext: Asmus, Sylvia, Ernst Loewy, in: Asmus, Sylvia (Hg.), Exil. Erfahrung und Zeugnis. Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek. Göttingen: Wallstein Verlag 2019, B8.3