Selbsthilfestrukturen von Jüdinnen*Juden in Zbąszyń und ihr Vermächtnis

Ein Brief von Emanuel Ringelblum an Raphael Mahler

Lieber Raphael,

Ich befinde mich jetzt in Środborów, um mich auszuruhen. Ich habe fünf Wochen in Zbąszyń gearbeitet. […] Im Verlauf dieser fünf Wochen, haben wir (ursprünglich Giterman, 11Isaac Giterman (1889-1943) war von 1926-1939 Direktor des Joint in Polen. Nachdem er 1939 zunächst aus Polen geflohen war, kehrte er 1940 zurück und leitete weiter die Operationen des Joint mit. Nach der Gründung des Warschauer Ghettos setzte er sich für die Belange seiner Bewohner*innen ein und unterstützte auch Widerstandsgruppen im Untergrund. Er wurde am 1943 von SS Soldaten ermordet. Vgl. United States Holocaust Memorial Museum: Yitzhak Gitterman, in USHMM Holocaust Encyclopedia: https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/yitzhak-gitterman (17.10.2019) Ginzberg und ich, und nach zehn Tagen dann ich und Ginzberg) eine ganze Stadtgemeinde aufgebaut mit Versorgungsabteilungen, Krankenverpflegung, Tischlereien, Schneidern, Schuhmachern, Büchern, mit einem juristischen Bereich, einer Migrationsstelle und unserer eigenen Post (mit 53 Mitarbeitern), einer Fürsorgestelle, einem Schiedsgericht, mit einem Organisationskomitee und einem geheimen Kontrolldienst, einem Reinigungsservice und umfassenden sanitären Einrichtungen usw. […] Das Wichtigste ist, dass es sich hier nicht um eine Situation handelt, wo einige geben und andere bekommen. Die Geflüchteten sehen uns als ihre Brüder, die gekommen sind, um ihnen in Zeiten von Not und Tragödien zu helfen. Fast alle verantwortungsvollen Aufgaben werden von Geflüchteten übernommen. […] Es gibt hier keinen verschimmelten Geist der Philanthropie, der sich so einfach in unsere Arbeit hätte einschleichen können. […] Keiner wurde gedemütigt. […]

Bitte nimm meine wärmsten guten Wünsche und Küsse an,

Emanuel

    Fußnoten

  • 1Isaac Giterman (1889-1943) war von 1926-1939 Direktor des Joint in Polen. Nachdem er 1939 zunächst aus Polen geflohen war, kehrte er 1940 zurück und leitete weiter die Operationen des Joint mit. Nach der Gründung des Warschauer Ghettos setzte er sich für die Belange seiner Bewohner*innen ein und unterstützte auch Widerstandsgruppen im Untergrund. Er wurde am 1943 von SS Soldaten ermordet. Vgl. United States Holocaust Memorial Museum: Yitzhak Gitterman, in USHMM Holocaust Encyclopedia: https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/yitzhak-gitterman (17.10.2019)

Emanuel Ringelblum (1900-1944) war ein jüdisch-polnischer Historiker, politischer Aktivist, Mitarbeiter in Hilfsorganisationen und Leiter und Chronist des geheimen Warschauer Ghettoarchivs. Als Historiker beschäftigte er sich vor allem mit der Geschichte der polnischen Jüdinnen*Juden, insbesondere in Warschau. Die Erforschung ihrer Geschichte – und damit ihrer historischen Teilhabe an der polnischen Gesellschaft – wollte sich Ringelblum auch die politische Eingliederung der polnischen Jüdinnen*Juden starkmachen. Zudem engagierte er sich in Jiddischen Kulturvereinen. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete Ringelblum für jüdische Hilfsorganisationen. Insbesondere gründete er 1940 ein geheimes Archiv zur Dokumentation des Lebens im Warschauer Ghetto. Bis zu seiner Ermordung durch die Nazis 1944 schrieb Ringelblum weiter an historischen Werken, die auch die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Polens während des Zweiten Weltkriegs dokumentierten. 11Vgl. Kassow, Samuel: Ringelblum, Emanuel, in: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe: https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Ringelblum_Emanuel (17.10.2019)

Der Brief ist adressiert an Ringelblums Freund und Mentor Raphael Mahler (1899–1977), ein polnisch-jüdischer Historiker. Mit Emanuel Ringelblum gründete er den Kreis Junger Jüdischer Historiker, der sich schließlich mit der Historischen Abteilung des Yidishn visnshaftlekhn Institut (YIVO) affiliierte. Er war hier aktiv als Wissenschaftler und Redakteur des institutseigenen Journals involviert. Als Historiker veröffentlichte seine historischen Studien auf Jiddisch, Polnisch, Deutsch, Hebräisch und Englisch. Sein Hauptwerk Divre yeme Yisra’el: Dorot aḥaronim (Geschichte des Jüdischen Volkes in der Moderne; 1952–1979) ist mit sieben veröffentlichten Bänden unvollendet und liegt in der Kurzfassung auf Jiddisch, Hebräisch und Englisch vor. 1937 emigrierte Mahler in die Vereinigte Staaten, wo er am YIVO und am Jewish Teachers‘ College in New York unterrichtete. 1950 zog er weiter nach Israel, wo sein Werk 1977 mit dem prestigeträchtigen Israel Prize ausgezeichnet wurde. 22Shapiro, Robert Moses: Mahler, Raphael, in: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe: https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Mahler_Raphael (25.01.2020)

    Fußnoten

  • 1Vgl. Kassow, Samuel: Ringelblum, Emanuel, in: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe: https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Ringelblum_Emanuel (17.10.2019)
  • 2Shapiro, Robert Moses: Mahler, Raphael, in: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe: https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Mahler_Raphael (25.01.2020)

Document 1-1: Brief von Emanuel Ringelblum, Środborów, Polen, to Raphael Mahler, New York City, 6. Dezember 1938, Moreshet Mordechai Anielevich Memorial Archive D.1.4927 (Original auf Jiddisch) hier übersetzt aus dem Englischen in: Alexandria Garbarini/Emil Kerenji/Jan Lambertz/Avinoam Patt (eds.), 2011. Jewish Responses to Persecution, Vol. II, 1938–1940. Lanham: AltaMira, pp. 6–7.

Suche