Brief von Martin Wagner an Martin Mächler, 1936

Martin Wagner, ehemaliger Stadtbaurat von Berlin, der ab 1935 ins türkische Exil ging und als städtebaulicher Berater für die Stadt Istanbul arbeitete, schrieb im Jahr 1936 aus Istanbul Moda an den schweizerisch-deutschen Architekten und Stadtplaner Martin Mächler. Interessant sind hier seine Überlegungen über die (städtebaulichen) Entwicklungen in einer „satanischen“ Zeit der „Unruhe der ganzen Welt“, in der gerade die Banausen gegen die Weltbürger das Wort führen.

Dr. Ing. Martin Wagner, Stadtbaurat A.D.
Berlin-Halensee, Friedrichsfuherstrasse 25, Fernsprecher: J73958
Istanbul-Moda, Moda-Köskü am 25 Februar 1936.

 

Mein lieber Mächler, 11Martin Mächer (1881-1958), schweizerisch-deutscher Stadtplaner und Architekt.

Was muss Sie das wohl gekostet haben, mir nach fast einjährigem Schweigen den ersten Brief zu schreiben! Nun, wo ich ihn habe, danke ich Ihnen recht herzlich für dieses Lebenszeichen. […]

Ja, kommt man in Deutschland überhaupt zum arbeiten? Ich meine: zu ganz neuem schöpferischen Tun? Ich kann mir das schwer vorstellen. Einmal deshalb nicht, weil man aus Deutschland überhaupt keine Arbeit von Belang zu Gesicht oder zu Gehör bekommt. Sodann aber auch, weil das Satanische die ganze Welt zu regieren scheint und völlig unfruchtbar macht. Uns Auslandsdeutschen geht es da garnicht anders! Obgleich wir hier fast ohne jede Ausnahme materiell ohne Sorge sind, täglich die herrlichste Natur geniessen und echt ostische Ruhe haben, so will sich all das doch nicht zu Boden setzen und Früchte tragen. Die Unruhe der ganzen Welt legt sich wie eine Gewitterwolke auf unsere Seele. Man wartet immer nur auf die Entladung. Aber sie kommt nicht. Es war mir interessant zu hören, dass es nicht  nur mir so geht. Die Mehrzahl der nun auf etwa 42 Köpfe angewachsenen deutsche Professoren-Kolonie bestätigte mir mein eigenes Erleben in diesem Punkt. (Dass nun auch Reuter [gemeint ist Ernst Reuter] in das Ministerium nach Ankara gerufen wurde, das wissen Sie wohl schon. Ich sehe ihn aber selten und höre nur, dass er nicht den rechten Wirkungskreis für seine Talente gefunden hat.)

Und in dieser Atmosphäre haben Sie den Mut, Ihre Grosssiedlung wieder vorzunehmen? Grosssiedlung im Sinne von reformierter Grosstadt mit Citybildung und so? Lieber Mächler, wenn unsere Grosstädte nicht das Gewicht ihrer Masse an den Füssen hätten, wenn sie nicht kapitalisierte Steinbrüche wären, in denen Sklaven fast ewige Renten zu erarbeiten hätten, dann wären diese Gebilde heute längst nicht mehr auf der Erde und durch weit bessere Organismen des Lebens, des Wohnens und des Arbeitens ersetzt! Sie sehen doch, dass alle Grosstadtstaaten in den letzten Zügen liegen und offenbar nur das eine Rettungsmittel kennen, ihre investierten Kapitalien von Kanonen schützen zu lassen. Was brauchen wir noch unsere alten Grosstädte? So fragt der abgesetzte Stadtbaurat von Berlin! Jawohl, er fragte schon sehr lange so, und wird immer wieder diese Frage stellen. Nun, wo ich hier ganz gegen meinen Willen gezwungen werde, einer alten Türkenstadt europäischen Grosstadtcharakter zu geben, stelle ich diese Frage noch im stärkeren Masse.

Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich wollte auf das Europäische und auf das Weltstädische nicht verzichten! Aber war nicht kürzlich auch in einem bayrischen Dorf olympischer Weltstadtgeist versammelt? Geben Sie dem wirklichen Weltgeist nur ein Stelldichein und Sie werden finden, dass er 90 % unserer alten Grosstadtbaumassen gut entbehren kann. Rufen Sie die Nobelpreisträger nach Malorka – die Politiker nach Genf – die Industriekapitäne nach Lugano – die Künstler nach Kreta – die Filmer nach Tahiti, und Sie haben überall die kleine Weltstadt mit dem grossen Weltgeist. Aber Weltgeist muss schon da sein, sonst bleibt auch das kleinste Dorf nur eine Geisterwelt. Aber wie weit sind wir wohl heute vom wirklichen grossen Weltgeist entfernt? Gewiss er lebt, er ist da, aber er hat nichts zu sagen! Das grosse Wort haben die Banausen! Denken Sie einmal darüber nach: Weltstädte in wandernden Zeltlägern, – um das Problem zu übertreiben. Mir kommt es nur auf die Richtung der Entwicklung an. Schaffen Sie Weltstädte mit 50 000 Einwohnern, dann aber haben Sie meine neue Stadt im neuen Lande!

[…]

Mit herzlichsten Grüssen an alle Weltbürger

Ihr

Martin Wagner

 

    Fußnoten

  • 1Martin Mächer (1881-1958), schweizerisch-deutscher Stadtplaner und Architekt.

Ein enger Vertrauter Atatürks 11Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938) begründete die nach dem Ersten Weltkrieg aus dem zerfallenen Osmanischen Reich hervorgehende Republik Türkei und war von 1923 bis 1938 ihr erster Präsident. Bis heute wird er als Symbolfigur türkischer nationaler Selbstbehauptung mit einem starken und meist unkritischen Personenkult verehrt. Bekannt ist er vor allem für seinen kompromisslosen Modernisierungskurs, mit dem er die junge türkische Republik führte: Als Weg zur Modernisierung proklamierte er eine radikale Laizisierung und Europäisierung des Staates.  setzte sich vehement für die Anwerbung von ausländischer Architekten ein. Es kamen erfahrene Architekten und Künstler in die Türkei, darunter 1935 der ehemaligen Stadtbaurat von Berlin, Martin Wagner (1885-1957). Er erhielt eine Berufung zum städtebaulichen Berater der Stadt Istanbul. Dort erarbeitete er eine Reihe städtebaulicher Gutachten und einen General-Entwicklungsplan für die Stadt. Durch seine Vermittlung wurde ein Jahr später der berühmte Architekt Bruno Taut aus Japan in die Türkei an die Akademie der Schönen Künste in Istanbul verpflichtet.

Martin Wagner unterhielt während seiner Zeit des Exils in Istanbul mit vielen Anhänger:innen und Vertreter:innen des Neuen Bauens, wie Ernst Reuter (Ankara), Walter Gropius (erst  London, später USA) Ernst May (Tanganjika in Ostafrika emigriert), Martin Mächler, Hans Scharoun (Berlin) und eben auch Bruno Taut (Istanbul) (Brief-)Kontakte.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis in die Zeit der Weimarer Republik (1910er bis 1930er Jahre) entwickelte sich das Neue Bauen als bedeutende Strömung der deutschen Architektur und des Städtebaus, die konservativen und traditionalistischen Strömungen gegenüberstand. Das Neue Bauen zeichnete sich durch einen rationalistischen Ansatz und sozialpolitische Zielsetzungen aus: Durch einen einfachen, aber dennoch ästhetischen Baustil sollten für möglichst viele Menschen Wohnraum geschaffen werden.

„Die Architekten des Neuen Bauens eint über alle Grenzen der Länder hinaus ein warm empfundenes Herz für alle Menschen in Not, sie sind ohne soziales Empfinden undenkbar, ja man kann geradezu sagen, daß diese Schar die sozialen Momente bewußt in den Vordergrund des Neuen Bauens stellt.“ (Ernst May in: Das Neue Frankfurt 1928)

Im Nationalsozialismus wurde das Neue Bauen unterdrückt und stattdessen traditionalistische „heimatschützende“ Baustile durchgesetzt.

Im Jahr 1936 schrieb Wagner aus Istanbul Moda an den schweizerisch-deutschen Architekten und Stadtplaner Martin Mächler. Interessant sind hier seine Überlegungen über die (städtebaulichen) Entwicklungen in einer „satanischen“ Zeit der „Unruhe der ganzen Welt“, in der gerade die Banausen gegen die Weltbürger das Wort führen. Ebenfalls interessant ist, dass Wagner seine Situation im Exil als sicher und komfortabel bezeichnet, gleichzeitig aber – mit einer westlichen Abschätzigkeit gegenüber dem „Osten“ – die Unfreiwilligkeit seiner Tätigkeit hervorhebt.

    Fußnoten

  • 1Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938) begründete die nach dem Ersten Weltkrieg aus dem zerfallenen Osmanischen Reich hervorgehende Republik Türkei und war von 1923 bis 1938 ihr erster Präsident. Bis heute wird er als Symbolfigur türkischer nationaler Selbstbehauptung mit einem starken und meist unkritischen Personenkult verehrt. Bekannt ist er vor allem für seinen kompromisslosen Modernisierungskurs, mit dem er die junge türkische Republik führte: Als Weg zur Modernisierung proklamierte er eine radikale Laizisierung und Europäisierung des Staates.

Brief von Martin Wagner an Martin Mächler, zitiert aus: Ilse Balg (Hrsg.), Martin Mächler – Weltstadt Berlin. Schriften und Materialien, Berlin: Galerie Wannsee Verlag, 1986, S. 374-376.