Hilde Marx: Flucht in die USA

Hilde Marx (geboren am 1. November 1911 in Bayreuth)  war eine deutschamerikanische Lyrikerin, Schriftstellerin und Journalistin. Sie gehört  zu den Autorinnen, deren schriftstellerische Karriere erst ganz am Anfang stand, als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland an die Macht kamen, und durch sie gleich verhindert wurde. Betroffen vom Antisemitismus war sie als Jüdin jedoch bereits vorher. Als ihr die Gestapo 1937 eine Haftstrafe im KZ androhte, floh sie nach Tschechien, und von dort aus gelang es ihr ein Jahr später, in die USA auszureisen. Im November 1938 traf sie in New York ein.

In ihrem Gespräch mit dem Autor Henri Jacob Hempel des Buchs „Wenn ich schon ein Fremder sein muss…“ erzählt Hilde Marx warum sie sich für die Flucht in die USA entschied.

New Yorker Stadtteil Manhattan 1931 via Wikimedia
New Yorker Stadtteil Manhattan 1931 via Wikimedia

Wann haben Sie sich entschlossen, zu emigrieren? Welche Gründe wurden für Sie ausschlaggebend?

Nun das sind eigentlich zwei Geschichten. Die Wurzeln meiner Emigration in die USA gehen auf das Jahr 1934 zurück. Auf einen Artikel, den ich in der CV-Zeitung veröffentlichen konnte, ein ziemlich sentimentaler, nicht einmal guter Aufsatz, erhielt die Redaktion einen Brief von dem Mann aus Chicago, der nach meiner Adresse fragte. Ich habe gedacht: Schaden kann’s nicht, wenn ich antworte. Ein zweiter Brief von diesem Mann war kurz gehalten: Ich weiss nicht, ob Sie alt sind oder jung. Ich weiss von Ihnen gar nichts. Ich weiss nur, dass jemand, der so schreibt, nicht ins heutige Deutschland gehört. Möchten Sie nicht nach Amerika kommen? Ich biete Ihnen ein Affidavit an. Da habe ich dem Herrn zurückgeschrieben, mich bedankt und gesagt: Nein, danke, ich bleibe hier. Daraus hat sich eine lange Korrespondenz entwickelt die mich entnervt hat, weil ich gefühlt habe, der Mann hat ja recht. Das ging so weit, dass ich nicht mehr geantwortet habe, was sehr ungezogen war, aber ich konnte nicht mehr.

Schliesslich, nachdem ich längst aus Deutschland war, erreichte mich über viele Stationen wieder ein Brief von diesem alten Herrn. Er schrieb: Ich weiss genau, warum Sie mir nicht mehr geantwortet haben. Ich möchte Sie nur bitten, mir eine Frage zu beantworten. Sehen Sie es immer noch nicht ein? Da habe ich geschrieben: Ja, ich sehe es ein, aber ich habe keine Möglichkeit. Der nächste Brief brachte mir sein Affidavit. Das wurde vom amerikanischen Konsul in Prag abgelehnt, weil der Mann zu alt, nicht mit mir verwandt war, und sein Bankkonto betrug nur 300 Dollar. Also, das ist ein Märchen für sich. Schliesslich bin ich doch mit dem Affidavit dieses Mannes in die USA gekommen.

Der aktuelle Entschluss, Berlin zu verlassen, fiel Ende ’37. Die Gestapo hatte mir die Pistole auf die Brust gesetzt. Ich verfügte über eine kleine Erbschaft in Pilsen, und ein Bruder meiner Mutter, ein Anwalt, hatte das zu verwalten. Mein Vater, der ein sehr gesetztreuerer Deutscher war, hat dieses Auslandsguthaben sofort angemeldet, so wie es das Gesetz befahl. Daraufhin hat die Gestapo verlangt, dass ich dieses Vermögen ins Reich transferiere. Mein tschechischer Onkel weigerte sich, das Geld herauszugeben. Die Gestapo setzte mich vor die Alternative: Entweder ist das Geld innerhalb einer Woche hier oder Sie wissen, wo wir Sie hinbringen werden. Zwei Tage später war ich weg, in der Tschechoslowakei.

Hilde Marx (geboren am 1. November 1911 in Bayreuth)  war eine deutschamerikanische Lyrikerin, Schriftstellerin und Journalistin. Sie gehört  zu den Autorinnen, deren schriftstellerische Karriere erst ganz am Anfang stand, als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland an die Macht kamen, und durch sie gleich verhindert wurde. Betroffen vom Antisemitismus war sie als Jüdin jedoch bereits vorher. Sie erlebte schon am Humanistischen Gymnasium, was es hieß, Jüdin zu sein. Nach ihrem Abitur 1931 begann Hilde Marx in Berlin ihr Studium der Zeitungswissenschaften, Theater- und Kunstgeschichte. Nach fünf Semestern wurde sie jedoch zwangsexmatrikuliert, da Juden und Jüdinnen keine Universitäten mehr besuchen durften. Konnte sie erst noch für Zeitungen bei „Ullstein“, „Mosse“ und dem „Berliner Tageblatt“ veröffentlichen, war dies nach deren „Arisierung“ nicht mehr möglich. Ihr blieben nur noch jüdische Publikationen, wie „Die Monatsblätter des jüdischen Kulturbundes in Deutschland“, „Die Jüdische Revue“, „Das Jüdische Gemeindeblatt“, sowie vor allem die „C.V.-Zeitung“.

An Emigration dachte sie lange nicht, aber als ihr die Gestapo 1937 eine Haftstrafe im KZ androhte, floh sie nach Tschechien, und von dort aus gelang es ihr ein Jahr später, in die USA auszureisen. Im November 1938 traf sie in New York ein. Sie arbeitete in verschiedenen Jobs: als Altenpflegerin, Verkäuferin und Kindermädchen. 1943 erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. In Amerika trat sie weiter als Vortragskünstlerin auf und zwar mit einer eigenen „One-Woman-Show“, in der sie Ernstes mit Heiterem verband, jüdische mit christlichen Traditionen.

Aufbau © Aufbau Zeitung – jüdisches Monatsmagazin, New York

1951 erschien ein letzter Band mit Gedichten von 1938 bis 1951 unter dem Titel „Bericht“, in die ihre Erfahrungen als Exilierte mit eingeflossen sind. Sie wurde Mitglied des Auslands-PEN und war seit den 1960er Jahren Redakteurin des „Aufbau“, für den sie vornehmlich Theater- und Filmkritiken schrieb sowie Kurzbiografien jüdischer Emigranten. „Aufbau“: Im Jahr 1934 erschien das erste Heft des „Aufbau. Nachrichtenblatt des German-Jewish Club, Inc., New York“. Anfangs mehr ein Vereins- und Anzeigenorgan, wird der „Aufbau“ bald zu einem Nachrichtenblatt über den Exil-Alltag der deutschen (nicht nur jüdischen) Emigrant:innen. Das bedeutete Beratung in Rechtsfragen, Erklärung des New Yorker U-Bahn-Systems, Sprachunterricht und Stellenvermittlung, Tipps für den Umgang mit Behörden, usw. Hier schrieben Oskar Maria Graf und Nelly Sachs, Lion Feuchtwanger und Thomas Mann, Mascha Kaléko und viele andere. Daneben war sie auch für andere Zeitungen tätig, wie „This Day aus St. Louis“, „Das Chicago Jewish Forum“, die Staatszeitung und „Herold aus New York“.

Henri Jacob. Hempel (Hrsg.),1983: Wenn ich schon ein Fremder sein muß… Deutsch-jüdische Emigranten in New York. Frankfurt/M.-Berlin-Wien: Ullstein Verlag, S.46.