Mascha Kaléko über ihre Flucht aus Deutschland

Mascha Kaléko zeichnet in einem Tagebucheintrag vom 27.01.1939 ihre Flucht aus Deutschland nach New York im Herbst 1938 über Hamburg, Paris und Le Havre nach. Besonders ausführlich beschreibt sie die außergewöhnlichen Umstände und Sorgen, die auf der Flucht entstehen, wenn ein kleines Kind wie ihr nicht einmal zweijähriger Sohn Evjatar dabei ist.

Von Mai bis Januar sind nur ein paar Monate. Für uns sind es Jahre, Jahr­zehn­te, wenn man die Zeit nach der Fülle der Geschehnisse mißt. Am 23. Oktober ’38 sind wir in New York ange­kommen. Nach Monaten angestreng­tester Arbeit und täg­lichen Umherrasens nach den Papie­ren. Es ist wie ein Wunder, daß wir noch den schrecklichen Hitler-Pogromen vom 11. No­vem­ber entronnen sind. Die Nachrichten aus Deutsch­land sind entsetzlich, die polnischen Juden sind depor­tiert, die anderen verhaftet oder verfolgt. Das wirft einen langen Schatten auf uns, die diesem Schicksal um Haaresbreite Entronnenen.

Die Reise: Bis Hamburg das erste, süße Kapitel mit dem Kind. Nach Wochen das erste Mal, daß wir beide ihn allein hatten, ganz für uns, im bequemen Abteil Zweiter, denn Emigranten aus Deutschland fahren nur Zweiter, weil das Geld ohnehin nichts wert ist.
Chemjo 11Chemjo Vinaver, Ehemann von Mascha Kaléko und Musiker (1895–1973). war selig und ich ganz im Himmel über den Kleinen. Und er jubelte unterwegs. Jede Station war ihm „Amegika“. Zuweilen entsann er sich traurigen Auges seiner verlassenen „Bauti“, aber bald gehörte ihm die Welt. Die Welt des Teddy und der Puppe, des Papi und der Mami.
Er erfand an diesem ersten Reisetage ein Spiel: „Mami a-tich“ (artig) mit fragend schräggehaltenem Köpfchen und flehenden Augen. Ich hatte zu antworten: Ja. Und dieses Wort löste einen Freudenausbruch aus und wurde mit Dank quittiert: ,,Mami auch atich“.
Die Nacht in Hamburg begann nicht im mindesten harmonisch: Er weigerte sich, im fremden Bett zu schlafen. Ein böser Nachbar im Nazi-Hotel ängstigte uns, vor allem den Vater, beträchtlich.
Am nächsten Morgen: Mein Rundgang zum Reisebüro, Bahn, und den schicksalsschweren Weg zur Bank, wo alles klappte, so daß wir wahrhaftig für die Reise nach Paris Devisen hatten. Wie im Märchen! (1938!)

Reise nach Paris mit Avitar. 22Mascha Kalékos Sohn Evjatar Alexander Michael Vinaver, dessen Name in Exil in Steven Vinaver (1936-1968) geändert wurde. Schön, aber anstrengend. Weinte, aß nicht. Ankunft im Hotel spät nachts, den Bengel zum Schlafen gebracht mit großem Bemühn. Dann minuit: Paris anstarren. Davon hatten wir geträumt: Den Bengel in gutem Schlaf zu wissen und zu zweien auf die Lichter der Place de l’Opéra zu staunen. In einem guten Pariser Restaurant die knusprigsten pommes frites, den saftigsten Braten, den rotesten Wein, dann ein Rundgang, und hinauf zum Frosch. Mitten in der Nacht erwacht er, stellt fest, daß dies Zimmer mitnichten sein Zimmer ist. Das Sofa, an das wir ihn mit Patentgurt gesichert hatten, wird von ihm als Bett abgelehnt. Er ist sichtlich sehr erregt, seine nervösen Proteste, seine erregten Gespräche, er redet ununterbrochen, all die Worte aus seinem kleinen Repertoire, machen mich unruhig. Wir beschließen, er muß wieder ein eigenes Zimmer haben mit Kinderbett.

Ja, das ist etwas anderes. Er beruhigt sich, aber mit dem Essen ist es schwierig. Entweder beschmiert er alle Restaurantgäste mit Spinat, oder er spuckt alles auf den Tisch, ohne Rücksicht auf die verzweifelnde Mami.
Hingegen ist er daheim – im Hotel – süß. Hat sich angefreundet mit der Femme de chambre. Plappert ihr alles nach: Bonjour, au revoir. Kaum daß sie sichtbar wird, singt er: oh, mon bébé! Es ist ganz klar: Er hört die neue Sprache und weiß, daß dies etwas anderes ist, als was er bisher gehört hat.
Vierzehn Tage in Paris. Meistens: Dome und Hotel. Angebunden tagsüber beim Kleinen. Des Nachts nur unruhig und schlechten Gewissens fort von ihm. Hauptvergnügen: Kein Museum.
Andenken an Paris: nichts als gutes Essen zu zweien, nicht zu verachten.
Über allem aber großgeschrieben: Dennoch, dennoch, dennoch haben wir ‚Paris‘ erlebt.

Am 14. Oktober bestiegen wir das Schiff.
‚Britannic‘ in Le Havre. Ein mäßig gutes Schiff. Bemerkenswert: der Lift-Mann, von Evjatar ,,Hello“-Onkel gerufen. (Hallo, boy!)
Bemerkenswert: die Seekrankheit, die uns selbdritt erwischte. Auch den Kleinen, obgleich 1 3/4jährige immun sein sollen. . . Ich war sterbenselend, richtete mich in ‚Agonie‘ auf, dem Kleinen den Brei zu geben. War aber nicht mehr nötig. Er erbrach vorher. Brüllte aber gleich darauf: „Namnam“ und „Hunger da“ mit dem Finger in den Mund weisend.
Bemerkenswert: die Haltung des heldenhaften Papi, der erklärte, er hielte es nicht mehr aus. Zugegeben, es war ihm elender als elend zumut, und er verschwand heimlich. Aber am liebsten hätte er erklärt: Ich steige aus.
Bemerkenswert: Schiffsgenossen: Prof. Jonas Elbogen, der Chemjo eine Empfehlung gab, die vielleicht schicksalhaft werden kann, wie es jetzt aussieht.

 

 

    Fußnoten

  • 1Chemjo Vinaver, Ehemann von Mascha Kaléko und Musiker (1895–1973).
  • 2Mascha Kalékos Sohn Evjatar Alexander Michael Vinaver, dessen Name in Exil in Steven Vinaver (1936-1968) geändert wurde.

Mascha Kaléko (7. Juni 1907 – 21. Januar 1975) war eine Dichterin. Sie wurde in West-Galizien (heute Polen) geboren. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs flieht ihre Familie aus Angst vor antijüdischen Pogromen nach Deutschland. Mascha Kaléko ist sieben Jahre alt, als sie in Deutschland ankommt. Früh folgt sie ihrer Berufung zur Dichterin und bewegt sich im Berliner Künstlermilieu. Viele ihrer Gedichte befassen sich mit dem Berliner Alltag. Im Jahr 1935 jedoch erlegen die Nationalsozialisten Mascha Kaléko ein Berufsverbot auf. Zunächst will sich Kaléko nicht von Berlin trennen, doch im Jahr 1938 ist die Situation unerträglich: Mit ihrem zweiten Ehemann, dem Musiker Chemjo Vinaver, und ihrem kleinen Sohn flieht sie nach New York. Der Familie fällt es schwer, in New York Fuß zu fassen. Kaléko findet kleine Aufträge und schreibt u.a. für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung Aufbau. 1945 erscheint ihr Gedichtband „Verse für Zeitgenossen“ in den USA in deutscher Sprache. Im Jahr 1959 siedeln sie und ihr Mann von dort nach Israel über.

Als Mascha Kaléko diesen Tagebucheintrag am 27.01.1939 verfasst, befindet sie sich mit ihrer Familie bereits in New York und in Sicherheit. Sie schaut zurück auf die Flucht der Familie über Hamburg, Paris und Le Havre; keine ungewöhnlichen Fluchtstationen für Menschen, die vor dem Nationalsozialismus nach Amerika flohen. Insbesondere erinnert sie sich an die besonderen Umstände, Sorgen aber auch Erheiterungen, die ihr nicht einmal zweijähriger Sohn Evjatar 11Mascha Kalékos Sohn Evjatar Alexander Michael Vinaver, dessen Name in Exil in Steven Vinaver (1936-1968) geändert wurde. ihr auf der Flucht bereiteten. Der Erleichterung über die gelungene Flucht steht der ungläubige Schrecken über die Entwicklungen in Europa entgegen: So empfindet es Mascha Kaléko als „großes Wunder“, noch den antisemitischen Pogromen im November 1938 entronnen zu sein 22Für eine kurze Übersicht hierzu siehe: Bundeszentrale für politische Bildung: 9. November 1938, in: bpb online, Politik: Hintergund aktuell, https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/68670/9-november-1938-08-11-2011 (09.06.2020). und ist zur gleichen Zeit in großer Sorge um die weiterhin gefährdeten Freund*innen und Verwandten in Deutschland und Polen.

In den Werken, die wir in unserem Archiv zeigen, befasst sich Kaléko mit ihren Erfahrungen in der Emigration, ihrem Heimweh nach Berlin und ihrer Identität als Jüdin, Geflüchtete, Dichterin und Emigrantin. Der Bruch, den der Sprachverlust infolge der Emigration in die USA besonders für sie als Dichterin bedeutete, ist in vielen Gedichten spürbar.

    Fußnoten

  • 1Mascha Kalékos Sohn Evjatar Alexander Michael Vinaver, dessen Name in Exil in Steven Vinaver (1936-1968) geändert wurde.
  • 2Für eine kurze Übersicht hierzu siehe: Bundeszentrale für politische Bildung: 9. November 1938, in: bpb online, Politik: Hintergund aktuell, https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/68670/9-november-1938-08-11-2011 (09.06.2020).

Kaléko, Mascha, 1939: Tagebucheintrag vom 27.01.1939.

Veröffentlicht in:

Zoch-Westphal, Gisela, 1987: Aus den sechs Leben der Mascha Kaléko. Berlin: Arani. S. 98-101.

 

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