Kian Tajbakhsh über das Geflüchtetendasein und Identität

In einem Interview mit dem Team vom We Refugees Archiv spricht der iranische Exilierte und Koordinator des Komitees für Zwangsmigration an der Columbia University Kian Tajbakhsh über das Geflüchtetendasein seiner Familie und die Bedeutung der iranischen Kultur, insbesondere Farsi, in seinem Alltag in New York City. Das Interview wurde aus Gründen der Länge und Klarheit bearbeitet.

Can you tell me something about your identity? In what way this experience of seeking refuge or having to leave your country of residence shapes your nowaday life, work, academic life? The role of Farsi in your life or culture from home?

You have introduced this as a sort of broad definition of “refugee”. I guess I’m willing to own the fact that I am a refugee. I am an immigrant. I emigrated and I had to find refuge because I was forced. My immigrant status did not protect me from the need to become a refugee… […]

My relationship with my culture and with Iran and Farsi, the Persian language, Persian culture is very profound, and it plays an extremely important role. It now plays a very interesting, unexpected role. One of the reasons I believe that I decided to go back to Iran as an adult was because I had felt very estranged, frankly, from my country, from my culture. And if there’s one particular aspect of the culture that I can point to, that kind of crystallizes that feeling of distance and the displacement, it would be the language.

I do remember as a teenager visiting my father, who was exiled in Switzerland, where he was working for the United Nations. I remember him listening to the Persian language, BBC’s Service News, and I remember feeling extremely frustrated because I was not able to follow as well as I wanted to, all the dialog and all the nuances. And I felt extremely frustrated. And that memory did remind me that I actually must have felt strange, because it was also very strange for my family. My father was listening to something. I wanted to share that with him. And it was hard.

Because I had left Iran very early, I was unable to read and write Persian. My speaking Persian was very middle level, not fluent, not like a native speaker. I think that is one of the motivations and emotions that led me to do something which my family felt was actually not prudent and did not support, which was to go back to Iran under the Islamic Republic.

When I went back in 1998 for the first time, I decided I would teach myself the Persian language at a university level, at a level at which I could do research and I could teach, and I became more or less successful at doing that.

The first time I had refuge here [in NYC], I was motivated to go back to Iran because I wanted to reconnect with the culture and the language and the music. I ended up playing classical Persian music which is something that I wanted to do. And that’s also a very sort of cultural emotive aspect of the connection.

When we were in exile, and we came to New York again in 2016 for my second refuge and my wife’s first refuge again the question of language looms very large for us. For me, there is a very positive side of this, the positive side of the fact that it is a challenge for her to integrate into American society because English is not her native tongue… I can see through her eyes how difficult it is for an immigrant to integrate because frankly, she feels disempowered as a [professional, resourceful] woman, as an immigrant…

As a husband, as a father, as a citizen, but also as a scholar, there is a positive side of this. I see the world of immigrant life in a much richer and more realistic way because it is part of us, that we are a family. And I see it through her experience.

I didn’t experience that before because I grew up in an English-speaking milieu. And I came to the United States and English was not a problem. And New York, of course, is very welcoming to different ethnic groups and people from different national origins. But this time I now experience New York as an immigrant vicariously through my wife.

And now my daughter, she maintains her Persian. It’s a challenge for us, like all immigrant families to make sure that the children maintain their native language.

American culture is very strong. English language is very strong. So, you asked about the language, and these were the three different ways in which the language played, I think, an important role and still does play an important role for me.

Können Sie mir etwas über Ihre Identität erzählen? Inwiefern prägt die Erfahrung, dass Sie auf der Flucht waren oder Ihr Heimatland verlassen mussten, Ihr heutiges Leben, Ihre Arbeit, Ihr akademisches Leben? Welche Rolle spielt Farsi in Ihrem Leben oder in der Kultur Ihrer Heimat?

Sie haben dies als eine Art breite Definition von „Flüchtling“ eingeführt. Ich denke, ich bin bereit, die Tatsache anzuerkennen, dass ich ein Flüchtling bin. Ich bin ein Einwanderer. Ich bin ausgewandert und musste Zuflucht finden, weil ich dazu gezwungen wurde. Mein Einwandererstatus schützte mich nicht vor der Notwendigkeit, ein Flüchtling zu werden… […]

Meine Beziehung zu meiner Kultur und zu Iran und Farsi, der persischen Sprache, der persischen Kultur, ist sehr tiefgreifend und spielt eine äußerst wichtige Rolle. Jetzt spielt sie eine sehr interessante, unerwartete Rolle. Ich glaube, einer der Gründe, warum ich mich als Erwachsener entschlossen habe, in den Iran zurückzukehren, war, dass ich mich, offen gesagt, meinem Land und meiner Kultur sehr entfremdet gefühlt habe. Und wenn es einen bestimmten Aspekt der Kultur gibt, auf den ich verweisen kann, der dieses Gefühl der Distanz und der Verdrängung irgendwie kristallisiert, dann ist es die Sprache.

Ich erinnere mich, wie ich als Teenager meinen Vater besuchte, der in der Schweiz im Exil lebte, wo er für die Vereinten Nationen arbeitete. Ich erinnere mich, dass er sich die BBC Service News in persischer Sprache anhörte, und ich erinnere mich, dass ich extrem frustriert war, weil ich nicht in der Lage war, all den Dialogen und Nuancen so gut zu folgen, wie ich es wollte. Und ich war extrem frustriert. Und diese Erinnerung hat mich daran erinnert, dass ich mich tatsächlich seltsam gefühlt haben muss, weil es auch für meine Familie sehr seltsam war. Mein Vater hat sich etwas angehört. Ich wollte das mit ihm teilen. Und das war schwer.

Da ich den Iran sehr früh verlassen hatte, konnte ich kein Persisch lesen und schreiben. Ich sprach Persisch auf sehr mittlerem Niveau, nicht fließend, nicht wie ein Muttersprachler. Ich glaube, das ist einer der Beweggründe und Emotionen, die mich dazu brachten, etwas zu tun, was meine Familie nicht für klug hielt und nicht unterstützte, nämlich in den Iran unter der Islamischen Republik zurückzukehren.

Als ich 1998 zum ersten Mal zurückkehrte, beschloss ich, mir die persische Sprache auf universitärem Niveau beizubringen, auf einem Niveau, auf dem ich forschen und lehren konnte, und das ist mir mehr oder weniger gelungen.

Das erste Mal, als ich hier [in New York] Zuflucht fand, war ich motiviert, in den Iran zurückzukehren, weil ich mich wieder mit der Kultur, der Sprache und der Musik verbinden wollte. Am Ende habe ich klassische persische Musik gespielt, etwas, das ich schon immer machen wollte. Und das ist auch ein sehr kultureller, emotionaler Aspekt der Verbindung.

Als wir im Exil waren und 2016 erneut nach New York kamen, […] spielte die Frage der Sprache eine große Rolle für uns. […] Ich kann durch ihre Augen [meine Frau] sehen, wie schwierig es für eine:n Einwander:in ist, sich zu integrieren, weil sie sich offen gesagt als [berufstätige, einfallsreiche] Frau, als Einwanderin entmachtet fühlt…

Als Ehemann, als Vater, als Staatsbürger, aber auch als Wissenschaftler hat das Ganze auch eine positive Seite. Ich sehe die Welt der Einwanderer:innen auf eine viel reichere und realistischere Art und Weise, weil sie ein Teil von uns ist, weil wir eine Familie sind. Und ich sehe es durch ihre Erfahrung.

Ich habe das vorher nicht erlebt, weil ich in einem englischsprachigen Milieu aufgewachsen bin. Und als ich in die Vereinigten Staaten kam, war Englisch kein Problem. Und New York ist natürlich sehr gastfreundlich gegenüber verschiedenen ethnischen Gruppen und Menschen unterschiedlicher nationaler Herkunft. Aber dieses Mal erlebe ich New York als Einwanderer stellvertretend durch meine Frau.

Und meine Tochter behält ihr Persisch bei. Wie für alle Einwander:innenfamilien ist es für uns eine Herausforderung, dafür zu sorgen, dass die Kinder ihre Muttersprache beibehalten.

Die amerikanische Kultur ist sehr stark. Die englische Sprache ist sehr stark. Sie haben also nach der Sprache gefragt, und das waren die drei verschiedenen Arten, in denen die Sprache meiner Meinung nach eine wichtige Rolle gespielt hat und immer noch eine wichtige Rolle für mich spielt.

Kian Tajbakhsh – iranischer politischer Exilierter und Koordinator des Komitees für erzwungene Migration, Columbia University. Er wurde im Iran geboren und kam im Herbst 1984 zum ersten Mal nach New York. Etwa 2000-2001 beschloss er, in den Iran zurückzukehren und seine akademische Position aufzugeben. Im Jahr 2007 wurde er zum ersten Mal wegen „Förderung westlicher Formen der Demokratie“ verhaftet und im Sommer 2009 ein zweites Mal. Nachdem er mehr als eineinhalb Jahre im Evin-Gefängnis verbracht hatte, stand er von 2010 bis 2016 unter Hausarrest und konnte weder arbeiten noch das Land verlassen. Im Februar 2016 wurde er entlassen und kehrte mit seiner Familie nach New York City zurück.

Interview, das das Team von We Refugees Archiv mit Kian Tajbakhsh im Frühjahr 2022 führte. Das Interview wurde aus Gründen der Länge und Klarheit bearbeitet.