İsa Artar über Istanbul und Berlin

İsa Artar geriet in der Türkei wegen seiner politischen und journalistischen Aktivitäten unter staatlichen Druck und ins Visier der Polizei. Bevor er zu einer haftstrafe verurteilt wurde, gelang ihm im Dezember 2016 die Flucht nach Deutschland. In diesem Interviewausschnitt beschreibt er die größeren persönlichen Freiheiten, die das Leben in Berlin im Vergleich zum Leben in Istanbul bietet.

İsa Artar, privates Bild

„Ich war hier schonmal für einen Monat nach dem Putschversuch 2016, eigentlich als Tourist, das erste Mal in meinem Leben im Ausland. Ich habe da das erste Mal Berlin kennengelernt. Ich habe gesehen, dass man hier leben kann, dass das Leben hier besser ist als in Istanbul und Istanbul ist das beste in der Türkei.  […]

In welcher Hinsicht ist das Leben hier besser als in Istanbul?

Ich glaube, persönliche Freiheit.

Also, es kommt darauf an, wo du wohnst, aber zum Beispiel: Wenn du nicht so viel Geld hast und du wohnst in einer normalen Ecke, wer zu dir kommt, wer von dir geht, es ist immer wichtig. Deine Nachbarn sagen: Du hast schon viele Frauen zu Hause und so […] Das hat genervt. Als ich in der Türkei war, habe ich immer versucht, mich dagegen zu wehren. Ich bin auch gegen diese Meinung, wenn man sagt, das ist unsere Kultur, daran muss man sich halten. Das ist für mich voll Quatsch. Man soll auch in Syrien oder der Türkei leben wie man will. […] Aber wenn der Staatspräsident das sagt, also zum Beispiel über Männer und Frauen, die [unverheiratet] zusammenleben, dass das abgeschafft werden soll … Das ist dann schwer dagegen zu kämpfen. Das ist dann einfacher, hier zu leben.

Und zum Beispiel ist bei uns Alkoholtrinken eine politische Meinung. Alkohol zu trinken ist oppositionell. Aber hier ist es nicht so. Das finde ich schön. Denn dass ein normaler Teil deines Lebens ein politisches Zeichen sein soll, finde ich blöd.

Aber auch städtische Sachen. Also den Berliner Senat finde ich gut. Und auch, wenn einem Unrecht passier ist, also zum Beispiel bei Diskriminierung oder Frauen bei sexueller Gewalt, dann kann man die Polizei rufen, und die Polizei kommt. Und sie sagt nicht [zur Frau]: Weil sie um 3 Uhr nachts auf der Straße war, kann es halt passieren. Also so ist das in der Türkei: Wir haben kein Vertrauen in die Polizei, wir haben kein Vertrauen in den Staat, wir vertrauen niemandem. […]

Wir haben krasse physische Gewalt in der Türkei. Das kann überall passieren […], in der U-Bahn, auf der Straße, wenn jemand komisch guckt. Aber hier ist komisch zu gucken kein Grund, jemanden zu verprügeln.

Also habe ich mir vorgestellt: Das ist Istanbul, aber schöner.

Und auch Grünanlagen und so, man kann Fahrradfahren, es gibt mehr Platz für ganz normale Menschen.

In Istanbul musst du, wenn du dich wohl fühlen willst, sehr viel Geld haben, mit den Reichen wohnen. Dann kannst du auch jeden nach Hause einladen, Party machen, Alkohol trinken usw. Das ist dann legitim […], wenn Du Geld hast.

[…]

Die zweite Sache ist: Es gibt hier auch türkische Kultur. Wenn ich mich langweile oder wenn ich mal türkisches Essen vermisse, kann man es hier finden. Es gibt hier auch eine neue türkische Generation, mit der man befreundet sein kann.

Deswegen passt Berlin für mich sehr gut.“

 

Nachdem er bereits in der Schule und Universität politisch aktiv gewesen war, engagierte sich İsa Artar 2013 in der Gezi-Protestbewegung. 112013 begann im Gezi-Park am Taksim-Platz in Istanbul eine breite Protestbewegung gegen die Regierung Recep Tayyip Erdoğans. Die ursprünglich gegen ein geplantes Bauprojekt gerichteten Demonstrationen entwickelten sich zu einer vielfältigen zivilgesellschaftlichen und wirkungsvollen Bewegung, die auch international viel Unterstützung erfuhr und sich über Istanbul hinaus ausbreitete. Die Polizei ging gewaltsam gegen die Demonstrationen vor, dabei kamen auch einige Menschen ums Leben. Danach wurde er neben seinem Studium der Kunstgeschichte Chefredakteur des unabhängigen und kritischen Nachrichtenportals „Siyasi Haber“. Nach dem gescheiterten Militärputsch gegen Recep Tayyip Erdoğan im Juli 2016 kam es in der Türkei zu massenhaften Entlassungen im Militär und im öffentlichen Dienst. Die staatliche Verfolgung von Oppositionellen und Regierungskritiker*innen, insbesondere Journalist*innen hat seitdem stark zugenommen. Auch İsa Artar geriet ins Visier der Behörden. Bevor jedoch Haftbefehl gegen ihn erlassen wurde, gelang ihm im Dezember 2016 die Flucht nach Deutschland. Mittlerweile hat er Asyl erhalten, studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaften und schreibt u.a. für den Tagesspiegel.

In diesem Ausschnitt aus einem Interview, das We Refugees Archiv im Juli 2020 mit İsa Artar führte, spricht er über die Vorteile, die Berlin als Stadt und neues Zuhause für ihn im Vergleich zu Istanbul bietet. Dabei hebt er vor allem die größere persönliche Freiheit, ein höheres Vertrauen in staatliche Institutionen und die Anwesenheit einer türkischen Community hervor.

    Fußnoten

  • 12013 begann im Gezi-Park am Taksim-Platz in Istanbul eine breite Protestbewegung gegen die Regierung Recep Tayyip Erdoğans. Die ursprünglich gegen ein geplantes Bauprojekt gerichteten Demonstrationen entwickelten sich zu einer vielfältigen zivilgesellschaftlichen und wirkungsvollen Bewegung, die auch international viel Unterstützung erfuhr und sich über Istanbul hinaus ausbreitete. Die Polizei ging gewaltsam gegen die Demonstrationen vor, dabei kamen auch einige Menschen ums Leben.

Dies ist ein Ausschnitt aus einem Interview, das We Refugees Archiv im Juli 2020 mit İsa Artar führte.

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