Die Flucht nach Vilnius – Der Journalistenzug

Kurz nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurde aufgrund des drohenden deutschen Vorstoßes auf Warschau der Abzug der polnischen Regierung in Richtung Osten schon in der ersten Kriegswoche beschlossen. Auch die Rettung der polnischen Presse war Teil der Evakuierungspläne.

In der Nacht vom 5. auf den 6. September 1939 wurden die wichtigsten Pressevertreter in einem von der polnischen Regierung organisierten Journalistenzug aus Warschau evakuiert. Auch die Vertreter der polnisch-jüdischen Presse bekamen einige Sitze im Zug zugeteilt. Unter ihnen waren der polnisch-jüdische Schriftsteller und Journalist Pinkhas Shvarts (1902–1963), 11Für biographische Details siehe Herts, Y. Sh. (ed.), 1956–1968. Doyres Bundistn, Vol. 3. New York, pp. 116–122. ein aktives Mitglied des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes (Bund) und Bruder des berühmten Chronisten des Holocaust in Litauen, Herman Kruk, 22Herman Kruk (1897-1944), polnischer Bibliothekar und Aktivist des Bunds floh angesichts der immanenten Gefahr durch die heranrückende Wehrmacht 1939 aus seiner Heimatstadt Warschau nach Vilnius. Dort lebte er fast vier Jahre und durchlebte das Schicksal der jüdischen Gemeinde unter sowjetischer, litauischer, wieder sowjetischer und schließlich deutscher Besatzung. Von 1941 bis 1943 lebte er im Vilnaer Ghetto. Seine Zeit in Vilna dokumentierte Kruk als Chronist. Im Jahr 1943 wurde Kruk in das Konzentrationslager Klooga nahe Tallinn deportiert, wo er im September 1944 ermordet wurde. Für weitere biographische Details siehe Kruk, Herman, 2002. The Last Days of the Jerusalem of Lithuania: Chronicles from the Vilna Ghetto and the Camps, 1939–1944. New Haven: Yale University Press. und Zusman Segalovitsh (1884–1949), 33Für biographische Details siehe Cohen, Nathan: Segalovitsh, Zusman, in: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe, https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Segalovitsh_Zusman (25.9.2019). der als einer der populärsten jiddischen Schriftsteller im Polen der Zwischenkriegszeit galt. Ihre Aufzeichnung über die turbulente Fahrt ins Unbekannte dient uns als Kompass. Shvarts‘ und Segalovitsh‘ Erinnerungen an die Flucht sind auch schriftlich im We Refugees Archiv nachzulesen.

Noyekh Prilutski (1882–1941) 44Für biographische Details siehe Weiser, Kalman: Pryłucki, Noah in: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe, https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Pry%C5%82ucki_Noah (25.9.2019). war ebenfalls Passagier des sogenannten Journalistenzuges. Er war polnisch-jüdischer Politiker der Folkspartey, 55Die Folkspartey (Volkspartei) war eine diaspora-nationalistische Partei, die für jüdische Autonomie in der Diaspora stritt. Sie wurde 1906 von Simon Dubnow und Yisroel Efroikin in Sankt Petersburg in Folge der Russischen Revolution von 1905 gegründet. Dubnows Partei inspirierte die Gründung eines polnischen Ablegers während der deutschen Besatzung Polens während des Ersten Weltkrieges. Noyekh Prilutski war einer der Gründer. Für Details siehe Weiser, Kalman: Folkists, in: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe, https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Folkists (25.9.2019). Pionier der Jiddistik, Journalist und bis 1939 Herausgeber der führenden jiddischen Tageszeitung Der moment 66Der moment (Der Moment) war eine der beiden wichtigsten jiddischen Tageszeitung Warschaus, die mit einer Laufzeit von 29 Jahren (1910–1939) die längste Laufzeit hatte. Ihr Gründer war Noyekh Prilutski. Für Details siehe Weiser, Kalman: Der Moment in: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe, https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Moment_Der (25.9.2019). in Warschau. Als der Journalistenzug im Oktober Vilnius nach einer langen und gefährlichen Fahrt erreichte, zögerten die exilierten jüdischen Geflüchteten nicht lange. Im November 1939 gründete Prilutski zusammen mit seinen geflüchteten Schriftsteller- und Journalistenkollegen das Komitee zum Sammeln von Material über die Zerstörung jüdischer Gemeinden in Polen 1939. Es war die wohl früheste jüdische historische Kommission in Osteuropa, die im Schatten der deutschen Verbrechen im Geheimen begann, die Zerstörung des polnischen Judentums seit September 1939 basierend auf Zeugenberichten von Geflüchteten zu dokumentieren. 77Zur Geschichte des Komitees, siehe Schulz, Miriam, 2016. Der Beginn des Untergangs. Die Zerstörung der jüdischen Gemeinden in Polen und das Vermächtnis des Wilnaer Komitees. Berlin: Metropol. http://metropol-verlag.de/produkt/miriam-schulz-der-beginn-des-untergangs/. Einige dieser Zeugenberichte wurden ins We Refugees Archiv aufgenommen: Chaim-Leyb D., Pese R., Motel Grajer und Owsiej Bułkin schilderten ihre Fluchterfahrungen vor dem Komitee. Über das Leben der geflohenen Journalisten in Vilnius gibt u. a. ein Bericht über die Unterkunft der Intellektuellen in der Sadowa 9 Auskunft.

    Fußnoten

  • 1Für biographische Details siehe Herts, Y. Sh. (ed.), 1956–1968. Doyres Bundistn, Vol. 3. New York, pp. 116–122.
  • 2Herman Kruk (1897-1944), polnischer Bibliothekar und Aktivist des Bunds floh angesichts der immanenten Gefahr durch die heranrückende Wehrmacht 1939 aus seiner Heimatstadt Warschau nach Vilnius. Dort lebte er fast vier Jahre und durchlebte das Schicksal der jüdischen Gemeinde unter sowjetischer, litauischer, wieder sowjetischer und schließlich deutscher Besatzung. Von 1941 bis 1943 lebte er im Vilnaer Ghetto. Seine Zeit in Vilna dokumentierte Kruk als Chronist. Im Jahr 1943 wurde Kruk in das Konzentrationslager Klooga nahe Tallinn deportiert, wo er im September 1944 ermordet wurde. Für weitere biographische Details siehe Kruk, Herman, 2002. The Last Days of the Jerusalem of Lithuania: Chronicles from the Vilna Ghetto and the Camps, 1939–1944. New Haven: Yale University Press.
  • 3Für biographische Details siehe Cohen, Nathan: Segalovitsh, Zusman, in: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe, https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Segalovitsh_Zusman (25.9.2019).
  • 4Für biographische Details siehe Weiser, Kalman: Pryłucki, Noah in: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe, https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Pry%C5%82ucki_Noah (25.9.2019).
  • 5Die Folkspartey (Volkspartei) war eine diaspora-nationalistische Partei, die für jüdische Autonomie in der Diaspora stritt. Sie wurde 1906 von Simon Dubnow und Yisroel Efroikin in Sankt Petersburg in Folge der Russischen Revolution von 1905 gegründet. Dubnows Partei inspirierte die Gründung eines polnischen Ablegers während der deutschen Besatzung Polens während des Ersten Weltkrieges. Noyekh Prilutski war einer der Gründer. Für Details siehe Weiser, Kalman: Folkists, in: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe, https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Folkists (25.9.2019).
  • 6Der moment (Der Moment) war eine der beiden wichtigsten jiddischen Tageszeitung Warschaus, die mit einer Laufzeit von 29 Jahren (1910–1939) die längste Laufzeit hatte. Ihr Gründer war Noyekh Prilutski. Für Details siehe Weiser, Kalman: Der Moment in: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe, https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Moment_Der (25.9.2019).
  • 7Zur Geschichte des Komitees, siehe Schulz, Miriam, 2016. Der Beginn des Untergangs. Die Zerstörung der jüdischen Gemeinden in Polen und das Vermächtnis des Wilnaer Komitees. Berlin: Metropol. http://metropol-verlag.de/produkt/miriam-schulz-der-beginn-des-untergangs/.

Textexzerpte aus:

Shvarts, Pinkhas, 1943: Dos iz geven der onheyb, New York.

Segalovitsh, Zusman, 1947: Gebrente trit. Ayndrikn un iberlebungen fun a pleytim-vanderung, Buenos Aires: Tsentral-farband fun poylishe yidn in Argentinye.

Übersetzung:
Miriam Schulz

Stimme:
Tal Hever-Chybowski

Skript:
Kristof Gerega (Schuldenberg Films)
Miriam Schulz

Regie:
Kristof Gerega (Schuldenberg Films)

Kamera:
Anton Yaremchuck

Schnitt:
Kristof Gerega

Produktion:
Schuldenberg Films

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