Benshalom über schreckliche Flucht- und Lebensbedingungen

Benzion Benshalom erzählt vom harten Winter 1939/40, der das Leben für Geflüchtete in Vilnius noch schwerer machte und zu Tragödien an den Grenzen führte, über die weiterhin Menschen zu fliehen versuchten.

Der Winter war furchtbar. Das Volk sprach darüber, denn Vilnius – dieses Vilnius, für das ein harter Winter eine gewöhnliche Sache war – konnte sich nicht an einen solchen Winter erinnern. Viele sagten, dass das vom Krieg abhinge. Der Beweis dafür: Auch der erste Winter des vorangegangenen Krieges war sehr schwer gewesen. Und wenn dieses Jahr der Winter noch unerbittlicher sei als jener, dann ließe das erwarten, dass dieser Krieg noch länger und bitterer werden würde als der letzte.

Der Schnee fiel in Massen und bedeckte alle Felder und Wege. Alles war jetzt weiß. Auch die Wälder trugen Mäntel. Die Flüsse froren ein. Auf den Straßen von Vilnius häuften sich Berge von Schnee und auf all seinen Dächern lastete eine dicke Schneeschicht. Es wurde das Geheimnis dieser Großmutter offenbar, deren Name Vilnius war. Kommt raus und seht, was ihr Haupt so alt und weiß gemacht hat! Nachdem alles eingeschneit war, klärte sich der Himmel auf und die Sonne begann zu scheinen. Und die Kälte wuchs von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Als würde die Sonne nicht wärmen, sondern gefrieren lassen. Die Kälte stieg und stieg. 20 Grad, dann 25, 30, 35. Tagsüber schien die Sonne und nachts glänzten die Sterne und die Kälte wurde größer und größer. Ein gnadenloser Winter! Eine Zeitung berichtete, dass vor einigen hundert Jahren der Winter am härtesten war und die Ostsee gefror, sodass die Menschen auf Schlitten von Stockholm nach Riga fuhren. Die Zeitung verkündete ihre Meinung, dass auch dieses Jahr einen außergewöhnlichen Winter vorzuweisen hätte.

Es war ein furchtbarer Winter. Doch die Menschen kamen weiterhin. Jeden Tag kamen sie. Meistens junge Leute, aber auch die Alten kamen, und auch überhaupt Juden und Familien, Männer, Frauen und Kinder. Inmitten der furchtbaren Tage der Kälte kamen sie. In den Grenzgebieten spielten sich Tragödien ab. Einigen froren ihre Ohren, Nasen oder Hände ab. Und es gab diejenigen, die gebracht wurden, wenn ihre Füße und Beine gefroren waren. Manche kamen und die Ärzte behandelten sie wochenlang, bis sie sie wieder zu Kräften brachten. Und einige wurden direkt von der Grenze in den Operationssaal des Krankenhauses gebracht. Es gab auch diejenigen, die ihr Ziel nicht erreichten, sie erfroren im Grenzgebiet. Oh, wie viele Geheimnisse blieben in den Wäldern auf beiden Seiten der Grenze verborgen. Wie viele Tragödien trugen sich dort in den furchtbaren Nächten des Winters zu? Und sie kamen täglich. Weder der Winter noch die Grenzposten konnten sie abschrecken. Sie kamen und ließen wissen, dass noch viele kommen würden. Denn die Flamme war nicht erloschen. Sie kamen mit wenigen Złotys in ihren Taschen und dem Traum von Zion in ihren Herzen.

Jeden Tag kamen neue, aber es gab auch diejenigen, die dahin zurückkehrten. Entsandt von der Bewegung. Für die Arbeit im Untergrund und um Beziehungen zu knüpfen. Sie gingen und fügten sich. Sie gingen in den Tagen der furchtbaren Kälte, als selbst die Straßen erstarrten, und es war, als ob alles Lebendige erfroren war. Einige sah ich, bevor sie gingen. Sie waren still. „Natürlich möchte ich gehen und muss gehen!“, antwortete mir einer im Schlafsaal der Chaluzim-Gruppe 11Bezeichnung für zionisitische Pioniere in der Stephanska-Straße, als ich ihn fragte, ob er freiwillig gehe. Eines Tages wurde eine Frau geschickt: jung, blühend. Nach einiger Zeit wurde sie mit gefrorenen Füßen gebracht. Ihre Lage war sehr kritisch. Man vermutete die Gefahr einer Blutvergiftung. Als man sie ins Krankenhaus brachte, sagte der Arzt, dass er befürchte, man müsse ihr ein Bein amputieren. Ein russischer Wachposten hatte sie gefunden, als sie schon ganz erfroren war, und ein Militärarzt hatte sie behandelt, ihre geschwollenen Beine mit Jod eingeschmiert. Ihre Schmerzen waren grausam. Am Ende retteten sie sie: Nur drei Zehen gingen ihr verloren. Aber sie beschwerte sich nicht und bereute nichts. Zion, Zion, weißt Du, wie Du geliebt wirst?!

    Fußnoten

  • 1Bezeichnung für zionisitische Pioniere

Benzion Benshalom beschreibt den harten Winter 1939/40, der das Leben für Geflüchtete in Vilnius noch härter machte. Er erzählt, wie sich weitere Geflüchtete nicht von diesem Winter abhielten ließen und weiterhin versuchten, ins noch unbesetzte und sichere Vilnius zu kommen. Vielen von ihnen froren auf der Flucht Gliedmaßen ab oder sie erfroren gar in der Kälte. Zudem berichtet er von Menschen, die sich aufopferten und trotz der Kälte in die entgegengesetzte Richtung aufzubrechen, um im besetzten Polen im Untergrund aktiv zu werden.

Benzion Benshalom (Katz) wurde 1907 in Galizien geboren und studierte, promovierte und lehrte bis 1939 an der Krakauer Universität Hebräisch. Wie viele andere polnischen Jüdinnen*Juden floh er vor der einmarschierenden Wehrmacht 1939 mit seiner Familie in das bis 1941 noch neutrale und unbesetzte Vilnius. Die gerade erst im Oktober 1939 unter litauische Kontrolle gekommene Stadt wurde mit Kriegsbeginn zum Zufluchtsort für tausende jüdische und nicht-jüdische Geflüchtete aus dem besetzten Polen. Im Frühjahr 1940 gelang es ihm, von dort aus ins Mandatsgebiet Palästina zu emigrieren. Bis zu seinem Tod 1968 arbeitete er u. a. an der Tel Aviv University als hebräischer Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Autor. Vor und nach seiner Immigration war Benzion Benshalom (Katz) in zionistischen Organisationen aktiv, so leitete er zwischen 1941 und 1963 das Jugend- und HeChaluz Departement der Jewish Agency. 11Jewish Virtual Library: KATZ (Benshalom), BENZION, in: Jewish Virtual Library,  https://www.jewishvirtuallibrary.org/katz-benshalom-benzion (13.03.2020).

Seine Erinnerungen an die Zeit in Vilnius hielt er im bereits Anfang der 1940er Jahre veröffentlichten Buches „Im Sturm eines windigen Tages“ (בסער ביום סופה), im Kapitel „Tage und Nächte in Vilnius“ (ימים ולילות בוילנה) fest. Auch in diesem Abschnitt wird deutlich, wie sehr Benzion Benshalom Vilnius aus einer zionistischen Perspektive betrachtet: Er sieht die Stadt als Zwischenstation auf dem Weg in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina; und legt ein Augenmerk auf die Aktivitäten zionistischer Organisationen in der Stadt. Am Ende dieses Abschnitts bekräftigt er seine Überzeugung, dass es die Hoffnung auf ein Leben in Palästina sei, die den jüdischen Geflüchteten die Kraft zum Trotzen gegen den Winter gebe.

Die Gefahren, denen sich die Geflüchteten an der Grenze zwischen dem besetzten Polen und dem noch neutralen Litauen insbesondere in den schwierigen Witterungsbedingungen ausgesetzt sahen, werden auch von anderen Geflüchteten und Hilfsorganisationen beschrieben. Besonders tragisch war die Situation im Niemandsland von Suwałki. Ein Zeugenbericht darüber wurde im Rahmen des We Refugees Projekts zum Film „Niemandsland“ verarbeitet.

    Fußnoten

  • 1Jewish Virtual Library: KATZ (Benshalom), BENZION, in: Jewish Virtual Library,  https://www.jewishvirtuallibrary.org/katz-benshalom-benzion (13.03.2020).

Ausschnitt aus:

Benshalom, Benzion, 1943/44: BeSa’ar beYom Sufa, Polin (בסער ביום סופה. פרקי פולין) [In the tempest of a stormy day. Parts about Poland]. Tel Aviv: Mosad Bialik. Teil 5/He, p. 159-160.

Übersetzung vom Hebräischen ins Deutsche © Minor Kontor.

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