Vilnius, die „traurige Greisin“

Benzion Benshalom schreibt im Winter 1939/40 über die allseits verzweifelte Stimmung und das traurige Stadtbild in Vilnius.

Drei Monate blieb ich in Vilnius. Diese Zeit reichte aus, mich zu dem Schluss zu bringen, dass das Jerusalem von Litauen 11Bezeichnung für Vilnius eine der traurigsten Städte ist. Meine Freunde in Vilnius erzählten mir, dass sie schon immer traurig gewesen war, aber seit dem Tag des Kriegsausbruchs sei sie noch verlorener geworden. Wolken von Finsternis und Trostlosigkeit bedeckten ihren Himmel und ihre Stimmung war voller Melancholie und Traurigkeit. Diese Verlorenheit wanderte von Hand zu Hand – von den Polen ging sie zu den Russen über und von den Russen zu den Litauern – und ihr ganzes Leben lang, das nie sonderlich stabil gewesen war, war sie schwach gewesen. Wenn du im Labyrinth ihrer engen, dunklen, verworrenen Gassen umherirrtest, zerrte eine merkwürdige Trauer an deinem Herzen und erstickte jeden Schimmer von Freude. Die merkwürdigen, verrottenden Häuser waren so sehr trostlos und die Gesichter der Vorübergehenden drückten Trauer aus, ein furchtbarer Kummer wohnte allem inne. Die Sprache der Ladenschilder war Litauisch; die Käufer und Verkäufer – Juden und Polen; das Lied, das an deine Ohren klang – das Lied eines russischen Regiments, das zusammen auf der Straße vorbeikam. Die Polen streiften niedergeschlagen umher und in ihren Augen brannte die Verzweiflung. Über Nacht hatten sie ihren Besitz verloren und all ihr Glanz war davongeflogen. Ihre Zeitungen, die in Vilnius erschienen, erklärten ihnen, dass sie zufrieden sein müssten und ihr Schicksal besser sei als das ihrer Brüder in den von Deutschen und Russen besetzten Gebieten, aber diese Kondolenzen schmälerten in keiner Weise die Trauer und Reue, die an den Herzen nagten. Kummervoll liefen sie umher und ihre Trauer fraß sie auf. Manche Male sah ich sie, wie sie vor dem heiligen Tor in der Ostrobramskastraße 22dem Tor der Morgenröte niederknieten und beteten. Die furchtbare Kälte versengte ihre Gesichter und sie beteten und beteten. Sie vergaßen alles und versanken ganz in den Tiefen des Gebets. Männer und Frauen, Alte und Junge. Menschen, deren Bein oder Arm in einer Bandage davon zeugte, dass sie vor einiger Zeit vom Schlachtfeld zurückgekehrt waren, und deren Wunden bereits verkrustet waren, schwarz gekleidete Frauen, klagend um ihre Männer und Söhne, die im Kampf getötet wurden. Ich sah auch Kinder, die niederknieten und beteten. Einmal kam ich in der Dämmerung an dem Tor vorbei. Es war sehr still. Das Blut des Sonnenuntergangs färbte Dächer und Straßen rot. Es war eine große Kälte und die ganze Stadt sah erfroren aus. Sie neigten sich und beteten ohne Stimme, ohne Flüstern. Nur ihre Lippen bewegten sich. Alles war gefroren und auch sie sahen eingefroren aus. Eingefrorene Denkmäler. Berührt betrachtete ich sie. Auf meine Lippen kamen die ersten Verse von „Pan Tadeusz“ 33Polnischer Versepos von Adam Mickiewicz, 1798-1855, diese wunderbar-schmerzlichen Verse, in denen der große polnische Dichter seine Sehnsucht nach seiner Heimat Litauen und seine Ehrerbietung für diese heilige Ecke ausdrückte. Rundherum war heilige, absolute Stille. Die Wolken des Sonnenuntergangs brannten am Firmament und leise, leise entglitt der Abend. Mein Herz seufzte: Wie ein lebendiges Grabmal schienen sie mir in dieser Dämmerungsstunde, wie ein lebendiges Grabmal für das zerschnittene Polen.

Auch in den Unterkünften der Juden ließ sich keine Freude finden. Sie lernten Litauisch, glaubten aber nicht mehr an die Beständigkeit der neuen Umstände. Unterschiedliche Gerüchte wurden von Mund zu Ohr weitergegeben. Jeder Tag und sein Gerücht. Jeder Tag und seine Furcht. Eines Tages begann man zu flüstern, dass in nur wenigen Tagen Litauen zwischen Deutschland und Russland aufgeteilt würde. Der Nemunas 44Litauischer Name der Memel sollte als Grenze dienen. Die Juden von Kaunas hatten schon begonnen, in das Gebiet jenseits des Nemunas zu ziehen. Jeden Tag erwartete man das Kommen des Disasters 55Shoah. Erst nach zwei Wochen beruhigte man sich etwas und kam zu dem Schluss, dass die Sache vorerst aufgeschoben wurde. Aber die Furcht flaute nicht ab und das Leid wuchs weiter. Die Juden von Vilnius wussten, dass nur sie von der gesamten polnischen Judenheit übrig geblieben waren und dass ein Wunder sie gerettet hatte, aber sie wussten nicht, was der morgige Tag bringen würde, und sie glaubten nicht, dass sie in Ruhe verweilen könnten. Besorgt und verängstigt wanderten sie umher.

Und die Litauer? Die Litauer waren in Vilnius nicht zu finden, abgesehen von den Polizisten, Soldaten und Beamten. Die Litauer versuchten, das Gesicht der Stadt zu ändern, sie aufzufrischen, schönzumachen, ihre Jugend zu erneuern. Den Straßen wurden litauische Namen gegeben, aus Kaunas wurden neue Busse gebracht. In den Behörden forderte man von der Bevölkerung, Litauisch zu sprechen. Und alle Schilder waren litauisch. Und die Bevölkerung? Vereinzelte litauische Wörter griffen sie schnell auf – ‚labas‘ (Guten Morgen) oder ‚prasau‘ (Bitte) hörtest du viele sagen. Aber nicht mehr als das. Das Gesicht der Stadt änderte sich nicht. Sie hatte keine Blüte und sie erneuerten ihre Jugend nicht. Die dunklen, sie bedeckenden und in Trauer hüllenden Wolken rissen nicht auf. Ihre Trauer wurde weder geschmälert noch versüßt. Sie war eine gelbgesichtige Greisin trotz der Bemühungen der Litauer, eine traurige Greisin.

    Fußnoten

  • 1Bezeichnung für Vilnius
  • 2dem Tor der Morgenröte
  • 3Polnischer Versepos von Adam Mickiewicz, 1798-1855
  • 4Litauischer Name der Memel
  • 5Shoah

Im Winter 1939/1940 gewinnt Benzion Benshalom diesen deprimierenden und düsteren Eindruck der Stadt Vilnius, die ihm anfangs viel Hoffnung versprochen hatte. Dabei beschreibt er die Verzweiflung aller Geflüchteten – nicht nur der jüdischen – die ihre Heimat verloren hatten und angstvoll in eine ungewisse Zukunft blickten.

Benzion Benshalom (Katz) wurde 1907 in Galizien geboren und studierte, promovierte und lehrte bis 1939 an der Krakauer Universität Hebräisch. Wie viele andere polnischen Jüdinnen*Juden floh er vor der einmarschierenden Wehrmacht 1939 mit seiner Familie in das bis 1941 noch neutrale und unbesetzte Vilnius. Die gerade erst im Oktober 1939 unter litauische Kontrolle gekommene Stadt wurde mit Kriegsbeginn zum Zufluchtsort für tausende jüdische und nicht-jüdische Geflüchtete aus dem besetzten Polen. Im Frühjahr 1940 gelang es ihm, von dort aus ins Mandatsgebiet Palästina zu emigrieren. Bis zu seinem Tod 1968 arbeitete er u. a. an der Tel Aviv University als hebräischer Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Autor. Vor und nach seiner Immigration war Benzion Benshalom (Katz) in zionistischen Organisationen aktiv, so leitete er zwischen 1941 und 1963 das Jugend- und HeChaluz Departement der Jewish Agency. 11Jewish Virtual Library: KATZ (Benshalom), BENZION, in: Jewish Virtual Library,  https://www.jewishvirtuallibrary.org/katz-benshalom-benzion (13.03.2020).

Seine Erinnerungen an die Zeit in Vilnius hielt er im bereits Anfang der 1940er Jahre veröffentlichten Buches „Im Sturm eines windigen Tages“ (בסער ביום סופה), im Kapitel „Tage und Nächte in Vilnius“ (ימים ולילות בוילנה) fest. Benzion Benshalom blickt aus einer zionistischen Perspektive auf die Stadt zurück, die er von Anfang an als Zwischenstation auf dem Weg in das damalige Mandatsgebiet Palästina betrachtete. Während er anfangs mit Begeisterung von den jüdischen Unterstützungsstrukturen in der Stadt und insbesondere von den zionistischen Aktivitäten vor Ort berichtet, nimmt mit der Zeit unter dem Einfluss des harten Winters, den Problemen mit den litauischen Behörden und der Unsicherheit und Angst das traurige Bild von der Stadt überhand, das er hier zeichnet.

Die von ihm geschilderte Angst der Geflüchteten davor, dass auch das noch unabhängige Litauen und Vilnius seine Unabhängigkeit verlieren und für sie kein sicherer Ort mehr sein würde, bewahrheitete sich im Juni 1941. Als die Wehrmacht die Stadt einnahm, war Benzion Benshalom bereits die Weiterflucht ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina gelungen. Viele andere jüdische Geflüchtete, die in der Stadt blieben, wurden in der Shoah ermordet.

    Fußnoten

  • 1Jewish Virtual Library: KATZ (Benshalom), BENZION, in: Jewish Virtual Library,  https://www.jewishvirtuallibrary.org/katz-benshalom-benzion (13.03.2020).

Exzerpt aus:

Benshalom, Benzion, 1943/44: BeSa’ar beYom Sufa, Polin (בסער ביום סופה. פרקי פולין) [Im Sturm eines windigen Tages, Abschnitte über Polen]. Tel Aviv: Mosad Bialik. Abschnitt 6/Vav, S. 160-162.

Übersetzung aus dem Hebräischen ins Deutsche © Minor Kontor.

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