Überlegungen von Fritz Rudolf Kraus über das Fremdsein in Istanbul und die Annahme der türkischen Staatsbürgerschaft

In diesem Briefausschnitt aus dem Jahr 1938 schreibt Fritz Rudolf Kraus (1910–1991) an Leonie Zuntz über seine Gefühle im türkischen Exil. Er stellt sich die Frage, ob er ein Türke werden könnte und ob dafür die Annahme der Staatsbürgerschaft ausreichend sei.

Fritz Rudolf Kraus vor dem Eingang des arkeologischen Museums, Istanbul © WikiTree Public

Die Leute, die hier [Türkei] schon seit ein paar Jahren sitzen, sind teilweise innerlich schon ganz von Deutschland gelöst und freuen sich, daß die Türkei davon spricht, sie hier zu Staatsbürgern zu machen. Und diese Leute sind absolut nicht gefühllos und gerade die besten unter den Emigranten. Mir geht der Gedanke, Deutschland nicht wiederzusehen noch sehr nahe.

Gerade in dieser Jahreszeit träume ich immerfort von deutschen Landschaften. Ist aber die Abstimmung über Oesterreich (welch ich n.b. auf dem Schwarzen Meere mitgemacht habe) wirklich auch nur entfernt ein Spiegel der deutschen Meinung, ich meine, ist wirklich, wie Mussolini es von Italien rühmt, Volk und Partei in Deutschland eins geworden, dann bin ich ja sowieso kein heutiger Deutscher mehr und habe wirklich auch in Deutschland nichts mehr zu suchen [im Reiche habe ich allerdings dieses Gefühl nie gehabt, weil ich nur unter lauter Neinsagern lebte]. Nun ist freilich das Sich-lossagen von Deutschland noch nicht gleichzeitig ein Anderswo-anwachsen. Ich habe durchaus den Wunsch, in der Türkei zu bleiben in der nächsten Zeit, denn ich habe hier eine wichtige Arbeit und kann hier existieren. Aber es scheint mir ausgeschlossen, daß man ein Türke werden könnte (selbst wenn man Staatsbürger wird und ewig hierbleibt), wie man etwa, falls ich kleiner Moritz mir das richtig vorstelle, Engländer oder Franzose werden kann: man bleibt, wie die Beispiele der Alteingesessenen zeigen, hier immer Besuch, immer fremd, wenn auch vielleicht mit dem Lande besser vertraut als seine Herren, welche es nicht zu kennen pflegen.

Fritz Rudolf Kraus war ein deutscher Altorientalist und Sohn des aus Österreich stammenden konvertierten jüdischen Textilfabrikanten Siegfried Kraus und einer protestantischen Mutter. Ein Jahr nach seiner Promotion verließ er im Juni 1937 Deutschland, da sich für ihn als rassistisch-klassifizierten „Halbjuden“ keinerlei berufliche Perspektiven mehr ergaben. Fritz Rudolf Kraus kam im Sommer 1937 mit dem Orient-Express nach Istanbul. Er arbeitete lange Jahre an der Sammlung der Keilschrifttafeln des Archäologischen Museums in Istanbul und hatte in den Jahren von 1941 bis 1949 einen Lehrstuhl inne. 1949 verließ er Istanbul und wurde außerordentlicher Professor für altsemitische Philologie und vorderasiatische Archäologie an der Universität Wien; hier nahm er auch die österreichische Staatsbürgerschaft an. Von 1953 bis zu seiner Emeritierung 1980 war er Professor für Assyriologie an der Universität Leiden.

Schmidt, J. (Hrsg.), 2014: Dreizehn Jahre Istanbul, Der deutsche Assyriologe Fritz Rudolf Kraus und sein Briefwechsel im türkischen Exil (1937-1949), Vol. 1, S. 222 Boston: Brill.