„Ich bin jetzt Palermitanerin!“

Kadija J. über ihre Dankbarkeit für die palermitanische Unterstützung.

Kadijatu J., Palermo 2019 © Minor

„Als ich in Palermo ankam, war ich krank und verrückt. Sie haben mich gerettet, mich ins Krankenhaus gebracht und geheilt, bis ich wieder ich selbst wurde. Das ist große Liebe: Jemand, der dich nicht kennt, der nicht dein Elternteil ist, gibt die Essen, einen Platz zum Schlafen – das ist große Liebe! Ich freue mich sehr über die Menschen in Palermo, über ganz Palermo und ganz Italien. Ich habe keinen anderen Ort, zu dem ich gehen könnte. Ich gehe nirgendwo hin. Mein Platz ist Palermo. Ich bin jetzt Palermitanerin.“

Kadija J. im Interview in Palermo, 11. Juni 2019

Kadija J. lebt seit über zwei Jahren in Palermo. Da sie an einer chronischen Herz-Lungen-Krankheit erkrankt ist und die medizinische Versorgung in ihrem Heimatland Gambia nicht ausreichend war, kam sie mit ihrem Mann nach Palermo. Sie haben einen Sohn, den sie in Gambia zurücklassen mussten. Kadija hat den Wunsch, als kulturelle Mediatorin in der Geflüchtetenselbstorganisation tätig zu sein.

Während des Giocheranda Workshops erzählte und Kadija J., wie sie nach Europa kam, wovon sie träumt und wie sie sich ein neues Leben in Palermo aufbaut und anderen Geflüchteten dabei hilft, dies zu tun.

 

Wie entstanden die Selbstzeugnisse, Filme und Filmfragmente in Palermo?

Diawara B. und Diallo S. von Giocherenda gestalteten mit den Teilnehmenden Glory M., Fatima D., Ismail A., Kadijatu J., Marrie S. und Mustapha F. einen dreitägigen Workshop, indem es um ihre eigenen Erfahrungen in Palermo ging. Mit verschiedenen Ansätzen und Spielen konnten in der Gruppe persönliche Erfahrungen ausgetauscht und vor der Kamera des We Refugees Archiv Filmteam in der Black Box erzählt werden. Fatima D., Ismail A. und Mustapha F. erklärten sich bereit, außerhalb des Workshops von Giocherenda mit dem We Refugees Archiv Filmteam Kurzfilme über ihr Leben und ihre Themen in der Stadt zu drehen.

Giocherenda ist eine professionelle Organisation von und mit jungen Geflüchteten in Palermo, die Spiele zum Storytelling anbietet. Es geht im Ansatz nicht darum Geflüchteten zu helfen und zu unterstützen, sondern ausdrücklich um den umgekehrten Ansatz: Geflüchtete helfen Europäer*innen im gemeinsamen Zusammensein und Erfahrungsaustausch.

Giocherenda kommt aus der afrikanischen Sprache Pular und bedeutet Solidarität, aber auch Interdependenz and Stärke, die aus der Zusammenkunft der Menschen entsteht. Es ähnelt dem italienischen Wort ‚Giocare‘ (Spielen), das das Kollektiv dazu inspirierte, Spiele zu entwickeln, die Erzählungen erzeugen und persönliche Erinnerungen teilen können.

Perspektive der Geflüchteten

Es wurde bewusst auf ein Drehbuch oder standardisierte Fragen in den filmischen Interviews verzichtet. Es ging allein um die Perspektive der Geflüchteten und die Themen, über die sie sprechen wollten. Einzige Vorgabe des Workshops war ein grober inhaltlicher Rahmen zu ihren Lebenserfahrungen in Palermo und ihren Visionen in naher Zukunft. Entsprechend konnten die Teilnehmenden frei entscheiden, was sie thematisieren und über welche Eindrücke, Probleme und Perspektiven sie sprechen wollten. Dass einige von ihnen dennoch über ihre Fluchterfahrungen nach Europa sprachen, beruhte also nicht auf einer Workshopvorgabe, sondern allein auf ihrer eigenen Entscheidung.

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