Hannah Arendt: Curriculum Vitae

Auch große politische Theoretiker*innen müssen zuweilen Lebensläufe schreiben. Auch Hannah Arendt. Er beweist, wie entscheidend ihre Erfahrungen und Arbeit auf der Flucht in Paris ihr weiteres Leben beeinflusste.

CURRICULUM VITAE

Ich, Hannah Arendt, bin am 14. Oktober 1906 in Hannover geboren. Im Herbst 1924 bestand ich das Abiturientenexamen eines humanistischen Gymnasiums in Königsberg/Pr. Von 1924 bis 1928 studierte ich Philosophie, protestantische Theologie und griechische Philologie, und zwar Philosophie im Hauptfach, Theologie und Griechisch als Nebenfächer. Philosophie studierte ich bei den Professoren Heidegger (Marburg), Husserl (Freiburg) und Jaspers (Heidelberg), Theologie in Marburg bei Professor Bultmann und in Heidelberg bei Professor Dibelius und griechische Philologie bei Professor Regenbogen in Heidelberg. Im Herbst 1928 promovierte ich in Heidelberg bei Jaspers mit einer Arbeit über den Liebesbegriff bei Augustin, welche 1930 bei Springer (Berlin) in einer philosophischen Schriftenreihe erschien. Durch die Vermittlung der Herren Jaspers, Heidegger und Dibelius erhielt ich 1930 oder 1931 ein Stipendium der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft für eine Arbeit über das Problem der deutsch-jüdischen Assimilation, exemplifiziert an dem Leben der Rahel Varnhagen. Ich veröffentlichte in diesen Jahren folgende größeren Aufsätze: „Philosophie und Soziologie“ in der Gesellschaft, „Rilkes Duineser Elegien“ in der Neuen Schweizer Rundschau, „Lessing und Mendelssohn“ in der Zeitschrift für Wissenschaft des Judentums, „Rahel Varnhagen“ im Reklam-Almanach. Artikel über Adam Müller, Friedrich Gentz, Augustin und andere, ferner Buchbesprechungen, erschienen in der Kölnischen Zeitung, der Frankfurter Zeitung und dem Archiv für Sozialwissenschaft.

Im August 1933 emigrierte ich nach Paris, wo ich in den ersten Jahren alle wissenschaftliche Arbeit abbrach, um mir auf praktische Weise eine Übersicht über die Judenfrage zu verschaffen. Nach einer kurzen Sekretärstätigkeit bei Arnold Zweig, leitete ich die pädagogische Abteilung eines Comites zur Umschichtung deutsch-jüdischer Flüchtlinge (Agriculture et Artisanat) und begründete 1935 eine französische Abteilung der Jugendalijah für Flüchtlingskinder, durch welche etwa 120 Kinder bis 1936 nach Palästina einwanderten. Im Verfolg dieser Arbeit war ich 1935 3 Monate in Palästina. Dieses Büro erweiterte sich während seines ca. 2 jährigen Bestehens zu einer Art Beratungsstelle für Jugendliche, da eine solche Institution in Paris nicht existierte. Nach 1936 habe ich diese Arbeit nur noch nebenamtlich weitergeführt, da durch die Volksfrontregierung Arbeitserlaubnisse für Jugendliche zu erhalten waren und Zertifikate in Deutschland dringender gebraucht wurden. Ende des Jahres 1936 übernahm ich das Sekretariat eines Comites, das sich zu Verteidigung David Frankfurters gebildet hatte. Eine umfangreiche Materialsammlung konnte dem Verteidiger Frankfurters zur Verteidigung gestellt werden; hingegen scheiterte jeder Versuch, die Art der Verteidigung selbst zu beeinflussen.

Ab 1937 bis zu den Novemberpogromen 1938 habe ich mich von aller praktischen Tätigkeit zurückgezogen, um meine wissenschaftlichen Studien wieder aufzunehmen. Damals lebte ich von Philosophiestunden. Ich schrieb in dieser Zeit meine Arbeit über Rahel Varnhagen zu Ende und arbeitete danach an einer Geschichte des Antisemitismus. Über dieses Thema hielt ich eine Vortragsreihe an der Deutschen Hochschule in Paris.

Die Novemberpogrome 1938 und der neu einsetzende Flüchtlingsstrom nach Frankreich machten dieser kontemplativen Tätigkeit ein Ende; ich ging in die praktische Arbeit zurück und wurde von der Jewish Agency (Abteilung: Central Bureau for the Settlement of German Jews, Dr. Landauer, Jerusalem) mit alien Fragen, die die Einwanderung von Kindern und Erwachsenen aus Central-Europa nach Frankreich betrafen, betraut. Während des Krieges errichtete ich mit Hilfe der Zionistischen Organisation Frankreichs einen Dienst für deutsche und osterreichische Internierte, dessen Hauptaufgabe es war, Menschen aus den Konzentrationslagern herauszubringen.

Hannah Arendt (1906-1975) war eine jüdische deutsch-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin.

Nachdem sie 1933 mehrere Tage von der Gestapo inhaftiert wurde, floh sie nach Frankreich und arbeitete dort u.a. in zionistischen Organisationen, die Jüdinnen und Juden zur Flucht verhalfen. 1937 wurde ihr die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen, was sie für fast 14 Jahre zur Staatenlosen machte. Nachdem sie einige Wochen im französischen Internierungslager Gurs gefangen war, gelang ihr auch von dort die Flucht. 1941 kam Arendt in die USA, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte und ihr im jahr 1951 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft zuerkannt wurde. In ihren ersten Jahren in New York arbeitete sie als Publizistin, Lektorin und Mitarbeiterin mehrerer jüdischer Zeitschriften (u.a. „Der Aufbau“) und Organisationen (u.a. Commission on Jewish Cultural Reconstruction). Unter dem Eindruck der Flucht- und Ankommenserfahrung, die sie und andere europäische Jüdinnen und Juden gemacht hatten, verfasste sie 1943 auch den Essay „We Refugees“ im Menorah Journal.

Von 1953 bis 1967 lehrte Arendt als Professorin am Brooklyn College in New York, an der University of Chicago und an der New School for Social Research in New York.

Arendt, Hannah, 1942; Anders, Günther: Schreib doch mal hard facts über dich. Briefe 1939 bis 1975, Texte und Dokumente, München 2016. S. 30-31.