Hertha Nathorff über Heimat und Vertreibung

In Auszügen aus dem Tagebuch Berlin-New York Aufzeichnungen 1933 bis 1945 Hertha Nathorff beschreibt eindringlich die für sie unfassbare Vertreibung aus der Heimat und die Zerstörung ihres Lebens. Trotz ihrer Sehnsucht nach den Orten ihrer Kindheit und Jugend hat sie Deutschland nie wieder besucht. In Amerika wurde sie nie richtig heimisch. Das Heimweh blieb konstant.

Doch eines habe ich gerettet: lose, zerrissene Blätter aus meinem Tagebuch, das ich trotz Angst und Gefahr immer noch zu führen wagte. Halbe Blätter, die ich jetzt mühsam zusammensuche und die bekunden, in schlichter, umgefälschter Wahrheit, wie ich aus beglückendem Leben in Arbeit und Frieden gequält, verfolgt, bedroht und langsam zu Grunde gerichtet wurde, wie ich vertrieben wurde mit Mann und Kind. Eine von den vielen, die nichts anderes verbrochen, keine andere Schuld auf sich geladen hat, als daß sie lebt, geboren aus jüdischen Bluten.[…] der der Himmel schon vor der Geburt das doppelte Mißgeschick auferlegt hat: Deutsch zu sein und Jüdin zugleich. Eine, die weiß und bekennt: mein Herz ist ein Archiv deutschen Gefühls, doch mit dem Deutschland von heute habe ich nichts mehr zu tun. Sie haben meine Seele verbrannt, mein Leben zerstört, meine Jugend, meinen Frohsinn, mein ganzes Ich ausgelöscht wie der Sturm ein brennendes Licht, wie das geschah: Meine Blätter mögen es erzählen.

 

 

Hertha Nathorff, geborene Einstein (1895-1993) war eine deutsche Kinderärztin, Psychotherapeutin und Sozialarbeiterin, sie publizierte mehrere Werke, darunter auch einen Gedichtband. Sie wurde in Laupheim (Baden-Württemberg) in einer jüdischen Familie geboren. Verwandtschaftliche Beziehungen bestanden zu dem Physiker Albert Einstein, dem Musikwissenschaftler und Musikkritiker Alfred Einstein sowie dem Filmproduzenten Carl Laemmle. Nathorff besuchte das Gymnasium in Ulm und studierte, unterbrochen durch eine zeitweilige Tätigkeit als Krankenschwester während des Ersten Weltkriegs, seit 1914 Medizin in München, Heidelberg, Freiburg (Breisgau) und Berlin. Nach der Promotion in Heidelberg (1920) und Assistentenjahren in Freiburg war sie 1923-28 leitende Ärztin im Frauen- und Kinderheim des Roten Kreuzes in Berlin-Lichtenberg, dann in freier Praxis und gleichzeitig am Krankenhaus Charlottenburg als Leiterin der Familien- und Eheberatungsstelle tätig. Im Zuge der nationalsozialistischen Rassenpolitik verlor sie 1934 die Kassenzulassung und im Herbst 1938 die ärztliche Approbation, während ihr Ehemann, ehemals leitender Klinikarzt in Berlin-Moabit, die Erlaubnis als „Krankenbehandler“ für ausschließlich jüdische Patienten erhielt. In dieser Periode war sie als seine Sprechstundenhilfe tätig.

Vom Tode in NS-Deutschland bedroht organisierte sie mit Hilfe amerikanischer Verwandter seit November 1938 die Emigration und schickte den 14-jährigen Sohn mit einem Kindertransport nach England voraus. Im April 1939 gelang dem Ehepaar die Ausreise nach London, Anfang 1940 die Weiterreise nach New York. In New York arbeitete sie als Krankenpflegerin, Dienstmädchen, Barpianistin und Küchenhilfe für den Lebensunterhalt der Familie. In der 1942 eröffneten Praxis ihres Mannes blieb sie Arzthelferin – ein typisches Schicksal vieler Frauen im Exil. Ihr fehlte die Zeit und das Geld für die Anerkennung ihres Abschlusses.

Hertha Nathorff nahm sehr aktiv am sozialen Leben der deutschsprachigen Exil-Community teil: Sie organisierte Kurse für Emigrant:innen in Kranken- und Säuglingspflege und kulturelle Veranstaltungen, war Gründerin des Open House für ältere Menschen, Vorsitzende der Frauengruppe sowie Ehrenmitglied des Präsidiums des New World Club. In den Auszügen aus dem Tagebuch der Hertha Nathorff „Berlin-New York Aufzeichnungen 1933 bis 1945“, befasst sich die Autorin mit ihren Anfangsproblemen, Enttäuschungen und Kränkungen in der Neuen Welt. Sie berichtet vom Emigrantenalltag, vom Existenzkampf, von Armut und seelischen Zerstörungen aus der Sicht einer Frau im Exil, die wie viele andere die zentrale Rolle der familiären Existienzsicherung übernahm. Selbst ist sie trotz der Sehnsucht nach den Stätten der Kindheit und Jugend nie mehr nach Deutschland gereist. Sie hat sich in Amerika nie richtig eingelebt. Das Heimweh blieb beständig.

Ausschnitt aus dem Tagebuch Hertha Nathorff, herausgegeben und eingeleitet von Wolfgang Benz (1987): Das Tagebuch der Hertha Nathorff. Berlin – New York. Aufzeichnungen 1933 bis 1945. Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Band 54. R. Oldenbourg Verlag München, S. 13-14.