Joseph Roth: Geldnöte

Der österreichische Schriftsteller Joseph Roth (1894–1939) wartete nicht lang und verließ Berlin kurze Zeit nach Hitlers Machtergreifung. Schon im Februar 1933 befand er sich in Paris – einer Stadt, der er sich seit den 1920er Jahren verbunden fühlte. Er floh quasi nach Hause – so fühlte es sich anfänglich an. Doch das Leben als Geflüchteter war sehr hart, literarisch produktiv zu sein ein große Herausforderung, der Druck der Exilverlagen groß und es fehlte ständig an Geld.

An Stefan Zweig

Ende Oktober 1935

Lieber teurer Freund, ich danke Ihnen herzlichst, und es gibt in meinem ganzen Sprachschatz keine anderen Worte. Es ist wahr, daß mich 2000 fr. nicht retten, aber es ist so, wie wenn einem Gefangenen die Fesseln nicht abgenommen, sondern nur gelockert werden. Wenn ich auch nur für 2 Wochen gelockert werde, ist Das für mich schon Freiheitsahnung, und ich kann wenigstens zum Kerkerfenster hinausblicken. Ist es Ihnen möglich, Herrn Hella noch vor dem 1. zu schreiben. – Morgen bin ich bei Herrn Sabatier. 11Herausgeber bei Grasset. Ich danke Ihnen auch dafür von Herzen. – Wir werden sehen. Ich habe noch gar kein Echo! Ich fürchte sehr, Sie werden einer von den 3 seltenen Menschen sein, die mein Buch gut finden. Sie werden Sich getäuscht haben.

Unabhängig davon, ob dieses buch gut ist oder nicht, fühle ich genug Kraft in mir, um den „Stammgast“ zu beenden und die „Erdbeeren“ unmittelbar danach anzufangen. Innerhalb eines Jahres könnte ich die Erdbeeren fertig haben. Es kommt für mich nicht so sehr darauf an, auszuruhen, als in Ruhe – aber in vollkommen seelischer Ruhe – zu arbeiten. Meine Arbeit unter diesen Umständen ist besser, als ein Sanatorium und als Ferien. Ich muß aber unbedingt frei werden von den erdrückenden Verträgen und von der demütigenden Oberherrschaft Landauers. Wie dumm war ich damals, diese Emigrationsverträge mitzumachen, und wie klug waren Sie, Sich von ihnen zurückzuhalten. Alle werfen sie mir jetzt meine hohen Vorschüsse vor, hassen mich und werden noch mein Buch ruinieren, mit ihrem Haß. Denn der Haß ist magischer, als die Liebe.

Warum glauben Sie, daß ich Ihnen nichts versprechen will? Als Ihr Freund und so wahr ich an Gott und an Ihre Freundschaft glaube, verspreche ich Ihnen, nicht mich mehr zu selbstmorden, wenn ich die Sicherheit haben kann, daß ich nach dem 15. November noch wenigstens 3 Monate zu leben habe. Ich trinke doch, um Das zu vergessen! Nur darum und weil ich, statt 6–8, 15–20 Seiten im Tag schreiben MUSS. Ich habe die Kinder – alles in allem – für 650 francs im Monat untergebracht. Es kann vielleicht durch Protektion auf 300 reduziert werden, aber das dauert. Ich bezahle 700 fr. monatlich fürs Zimmer. Ich bitte Sie, ich bitte Sie, retten Sie mich, ich gehe bestimmt unter, ich kann nicht mehr mit Haut und Haaren und allen Rechten verkauft sein, ich kann nicht mehr Nacht für Nacht mit wahnsinniger Angst vor dem Morgen, vor dem Wirt, vor der Post aufwachen, glauben Sie doch nicht, wenn Sie mir begegnen, daß ich so lebe, wie ich mich zeige, es ist schrecklich, schrecklich, mein Leben. Ich schleiche herum, wie ein Verbrecher, dem nach nachstellt, ich zittere an Händen und Füßen, und werde halbwegs sicher, nachdem ich getrunken habe. Befreien Sie mich von der Unsicherheit und vom Zittern, wenn Sie können, und ich brauche nur noch Bier und Wein, zum Schreiben, und keinen Schnaps. – Ich sehe noch 14 Tage vor mir, und dann nichts, nichts, und ich glaube nicht, daß mein Buch erfolgreich ist, aber ich will weiterleben.

Ich bin so krank, verzeihen Sie, daß ich Sie bitten muß, mir zu bestätigen, daß Sie meinen Brief erhalten haben. Ich glaube nicht mehr, daß alle Briefe ankommen. Ich bin unselig, wenn ich von Ihnen kein Wort habe, mein einzig wahrer Freund! Vielleicht sind Sie mir böse? Vielleicht haben Sie genug von mir?

Ich umarme Sie herzlichst, Ihr alter

J.R.

    Fußnoten

  • 1Herausgeber bei Grasset.

Joseph Roths gilt als einer der bekanntesten Journalisten der 1920er Jahre, als präziser Chronist, erfolgreicher Romanautor und engagierter Gegner des Nationalsozialismus. Sein literarisches und journalistisches Werk besteht aus Zeitungsartikeln, Glossen, Reiseberichten, Feuilletons, Romanen und Erzählungen.

Roth wuchs im ostgalizischen Brody auf, studierte in Lemberg und Wien, war Soldat im Ersten Weltkrieg und erlebte den Zusammenbruch Österreich-Ungarn – seiner Heimat. Nostalgie nach diesem multiethnischen Reich begleitete ihn den Rest seines Lebens und viele seiner Romane widmen sich dem Verlust von Heimat und der Erfahrung von Entwurzelung. Ab 1919 arbeitete er als Journalist für verschiedene Wiener, Berliner und Prager Zeitungen und Zeitschriften sowie für die Frankfurter Zeitung.

Ab 1933 durfte Roth als Jude dort nicht mehr publizieren. Er verließ Deutschland endgültig und führte sein Engagement gegen die nationalsozialistische Diktatur im Pariser Exil fort. Er engagierte sich für die Geflüchtetenhilfe, zum Beispiel für Entre‘ Aide Autrichienne und pflegte intensive Verbindungen zu geflüchteten Schicksalgenoss*innen, unter ihnen Stefan Zweig (1881–1942), an den auch der zitierte Brief adressiert war, Ernst Toller (1893–1939), Egon Erwin Kisch (1885–1948), Soma Morgenstern (1890–1976) und Irmgard Keun (1905–1982). Die meiste Zeit lebte er in Paris in Hotels. Das Café Le Tournon wurde für Roth zum Hauptaufenthaltsort, an dem er seine „Entourage“ um sich versammelte. Schwer alkoholkrank waren seine letzten Jahre deutlich geprägt von den politischen Verhältnissen und den Erfahrungen des Geflüchtetendaseins. Den Zweiten Weltkrieg erlebte er nicht mehr; er starb am 27. Mai 1939 im Pariser Armenhospital Hôpital Necker. 11https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Personen/roth-joseph.html

    Fußnoten

  • 1https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Personen/roth-joseph.html

Joseph Roth an Stefan Zweig, Ende Oktober 1935, Paris.

Joseph Roth, Briefe 1911–1939 (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1970), hrsg. von Hermann Kesten, S. 431–432.

 

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