Seit ich in Italien bin

Kadija J. über ihre Gründe, nach Europa zu kommen.

Interview mit Kadija J. in Palermo am 11. Juni 2019

My purpose of being in Europe is because I was very sick. Seriously sick. I have been to different countries in Africa like Ghana, Sierra Leone, Guinea and the Gambia for medicine. But the sickness was just worsening. So I decided to come. Since I entered Italy, — at first, I would not wear shoes like this because my feet were swollen. My face, everything was swollen. My hands, they were swelling. But since I entered Italy I started taking treatment and I am good, really. I say Alhamdulillah – Thanks to God.

Interview with Kadija J. in Palermo, 11 June 2019

„Ich bin in Europa, weil ich sehr krank war. Ich war in verschiedenen Ländern Afrikas wie Ghana, Sierra Leone, Guinea und Gambia zur medizinischen Behandlung. Aber die Krankheit wurde nur immer schlimmer. Also entschied ich zu kommen. Seit ich in Italien angekommen bin, — zunächst einmal hätte ich Schuhe wie diese nicht tragen können, weil meine Füße geschwollen waren. Mein Gesicht, alles war geschwollen. Meine Hände waren geschwollen. Aber seit ich nach Italien gekommen bin, habe ich begonnen, Medizin zu nehmen und es geht mir nun gut, wirklich. Ich sage Alhamdulillah – Gott sei Dank!“

Interview mit Kadija J. in Palermo am 11. Juni 2019 [Übersetzung ins Deutsche aus dem englischen Original]

Kadija J. lebt seit über zwei Jahren in Palermo. Da sie an einer chronischen Herz-Lungen-Krankheit erkrankt ist und die medizinische Versorgung in ihrem Heimatland Gambia nicht ausreichend war, kam sie mit ihrem Mann nach Palermo. Sie haben einen Sohn, den sie in Gambia zurücklassen mussten. Kadija hat den Wunsch, als kulturelle Mediatorin in der Geflüchtetenselbstorganisation tätig zu sein.

Während des Giocheranda Workshops im Juni 2019 erzählte und Kadija J., wie sie nach Europa kam, wovon sie träumt und wie sie sich ein neues Leben in Palermo aufbaut und anderen Geflüchteten dabei hilft, dies zu tun.

Wie entstanden die Selbstzeugnisse, Filme und Filmfragmente in Palermo?

Diawara B. und Diallo S. von Giocherenda gestalteten mit den Teilnehmenden Glory M., Fatima D., Ismail A., Kadijatu J., Marrie S. und Mustapha F. einen dreitägigen Workshop, indem es um ihre eigenen Erfahrungen in Palermo ging. Mit verschiedenen Ansätzen und Spielen konnten in der Gruppe persönliche Erfahrungen ausgetauscht und vor der Kamera des We Refugees Archiv Filmteam in der Black Box erzählt werden. Fatima D., Ismail A. und Mustapha F. erklärten sich bereit, außerhalb des Workshops von Giocherenda mit dem We Refugees Archiv Filmteam Kurzfilme über ihr Leben und ihre Themen in der Stadt zu drehen.

Giocherenda ist eine professionelle Organisation von und mit jungen Geflüchteten in Palermo, die Spiele zum Storytelling anbietet. Es geht im Ansatz nicht darum Geflüchteten zu helfen und zu unterstützen, sondern ausdrücklich um den umgekehrten Ansatz: Geflüchtete helfen Europäer*innen im gemeinsamen Zusammensein und Erfahrungsaustausch.

Giocherenda kommt aus der afrikanischen Sprache Pular und bedeutet Solidarität, aber auch Interdependenz and Stärke, die aus der Zusammenkunft der Menschen entsteht. Es ähnelt dem italienischen Wort „Giocare“ (Spielen), das das Kollektiv dazu inspirierte, Spiele zu entwickeln, die Erzählungen erzeugen und persönliche Erinnerungen teilen können.

Perspektive der Geflüchteten

Es wurde bewusst auf ein Drehbuch oder standardisierte Fragen in den filmischen Interviews verzichtet. Es ging allein um die Perspektive der Geflüchteten und die Themen, über die sie sprechen wollten. Einzige Vorgabe des Workshops war ein grober inhaltlicher Rahmen zu ihren Lebenserfahrungen in Palermo und ihren Visionen in naher Zukunft. Entsprechend konnten die Teilnehmenden frei entscheiden, was sie thematisieren und über welche Eindrücke, Probleme und Perspektiven sie sprechen wollten. Dass einige von ihnen dennoch über ihre Fluchterfahrungen nach Europa sprachen, beruhte also nicht auf einer Workshopvorgabe, sondern allein auf ihrer eigenen Entscheidung.

Interviewerin: Francesca Bertin
Kamera: Max Sänger
Produktion: Francesca Bertin

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