Kulturelle Mediation

Kadija J. lebt seit über zwei Jahren in Palermo. In dem Interviewausschnitt erzählt sie von der Bedeutung kultureller Mediation für die migrantische Gesellschaft und ihrer Rolle als Mediatorin in Palermo.

Many youths are going astray because of lack of advice. If you leave your parent at the age of 12 or 13, you are not able to calculate how to do normal things all the time. So if you get an advisor at your side, it will help you much not to get involved in dangerous things.

Yesterday, I met one guy, a Gambian. We did test terza media together. I always see him on this roadside. Yesterday I asked him: “My brother, what are you doing everyday here on this roadside?”

He told me, “I come here to spend time.”

I told him, “There are many sites where to spend time. You did the test of terza media, but your language is not improving. Now you need to go to another school to continue to improve yourself. Because now you cannot find a job, unless you find a job where you can go and wash cars or work in the campagna.”

But even if they get such job they will not do it, because they are used to sit, and get free smokes, free drinks, everything for free. So they cannot put in any effort to find a job.

I advised him, “My brother, please, I don’t want to see you in this place. I don’t have anything to give you, but if I tell you the truth maybe you will consider it and do things for yourself. I don’t advise you for me or for any other people but I am advising you for your own interest. You left Gambia for certain conditions, you come here, all the day you are on this roadside, you are not gaining anything. But if you go to school, afterwards you take your book and you sit somewhere. I’m not saying you can’t be with friends, but maybe be with friends that can make you improve in life. Someone who makes you go backward is not a friend.”

After I finished he told me, “Thank you, my sister. I am very happy, it’s as if my mother had advised me.”

I said, “Keep it up.”

“I know you will be happy if I do what you say, so I will, my sister.”

So, you see, many people go astray because of lack of advice. If you tell somebody what will benefit them, maybe in that moment he will not think about it. But some little suffering will come and he will think: “Ah! Maybe if I do what my sister advised me last time it will help me much.” He will soon change his mind and do something better for himself. So that is very important in society.

Interview with Kadija J. in Palermo, 11 June 2019

Ich sehe, dass viele junge Leute vom rechten Weg abkommen, weil es einen Mangel an Beratung gibt. Wenn du deine Eltern im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren verlässt, bist du nicht mehr in der Lage, einzuschätzen, wie du normale Dinge tun kannst. Wenn du eine*n Berater*in an deine Seite bekommst, wird es dir sehr helfen, nicht in gefähliche Sachen verwickelt zu werden.

Gestern habe ich einen Mann getroffen, einen Gambier. Wir haben die terza media (Mittelschule, Anm. Redaktion) zusammen gemacht. Ich habe ihn oft an diesem einen Ort gesehen. Gestern habe ich ihn gefragt: „Mein Bruder, was machst du jeden Tag hier an diesem Ort?“

Er sagte mir: „Ich komme hierher, um Zeit zu verbringen.“

Ich sagte ihm: „Es gib viele Orte, an denen man Zeit verbringen kann. Du hast die terza media Prüfungen gemacht, aber deine Sprache verbessert sich nicht. Jetzt musst du auf eine andere Schule gehen, um dich weiter zu verbessern. Wenn du nicht weitermachst, kannst du keinen Job finden, es sei denn, du fängst an, in der Landwirtschaft zu arbeiten.“

Aber selbst, wenn sie so einen Job finden, werden sie ihn nicht machen, denn sie sind es gewöhnt, zu sitzen, kostenlos Zigaretten und Drinks zu bekommen, alles für umsonst. Also können sie sich nicht bemühen, einen Job zu finden.

Ich habe ihn beraten: „Mein Bruder, bitte, ich will dich nicht an diesem Ort sehen. Ich habe nichts, was ich dir geben könnte, aber wenn ich dir die Wahrheit sage, wirst du vielleicht darüber nachdenken und etwas für dich tun. Ich gebe dir diesen Rat nicht für mich oder irgendjemand anderen, sondern für dich. Du hast Gambia aus bestimmten Gründen verlassen, bist hierhergekommen, bist immer auf dem Weg, erreichst aber nichts. Aber wenn du zur Schule gehst, nimm dir danach ein Buch und setze dich irgendwo hin. Ich sage nicht, dass du nicht mit Freund*innen zusammen sein kannst, aber verbringe vielleicht Zeit mit Freund*innen, die dafür sorgen, dass du dein Leben verbesserst. Jemand, der dich dazu bringt, rückwärts zu gehen, ist kein*e Freund*in.“

Als ich fertig war, sagte er: „Danke, meine Schwester. Ich bin sehr glücklich, es ist, als ob meine eigene Mutter mir Rat gegeben hätte.“

Ich sagte: „Mach weiter so.“

„Ich weiß, dass du glücklich sein wirst, wenn ich tue was du sagst, also werde ich es machen, meine Schwester.“

Also, siehst du, viele Leute gehen verloren, weil sie nicht genug Rat bekommen. Wenn du jemandem sagst, was gut für ihn ist, wird er vielleicht in dem Moment nicht darüber nachdenken. Aber ein kleines Leid wird kommen und er wird denken: „Vielleicht wird es helfen, wenn ich mache, was meine Schwester mir letztes Mal gesagt hat.“ Er wird schnell seine Meinung ändern und das tun, was besser für ihn ist. Also, das ist sehr wichtig in unserer Gesellschaft.

Interview mit Kadija J. in Palermo, 11. Juni 2019 (deutsche Übersetzung aus dem englischen Original)

Kadija J. lebt seit über zwei Jahren in Palermo. Da sie an einer chronischen Herz-Lungen-Krankheit erkrankt ist und die medizinische Versorgung in ihrem Heimatland Guinea nicht ausreichend war, kam sie mit ihrem Mann nach Palermo. Sie haben einen Sohn, den sie in Guinea zurücklassen mussten. Kadija hat den Wunsch, als kulturelle Mediatorin in der Geflüchtetenselbstorganisation tätig zu sein.

Während des Giocheranda Workshops erzählte und Kadija J., wie sie nach Europa kam, wovon sie träumt und wie sie sich ein neues Leben in Palermo aufbaut und anderen Geflüchteten dabei hilft, dies zu tun.

In dem Interviewausschnitt erzählt sie von der Bedeutung kultureller Mediation für die migrantische Gesellschaft und ihrer Rolle als kulturelle Mediatorin in Palermo.

 

Wie entstanden die Selbstzeugnisse, Filme und Filmfragmente in Palermo?

Diawara B. und Diallo S. von Giocherenda gestalteten mit den Teilnehmenden Glory M., Fatima D., Ismail A., Kadijatu J., Marrie S. und Mustapha F. einen dreitägigen Workshop, indem es um ihre eigenen Erfahrungen in Palermo ging. Mit verschiedenen Ansätzen und Spielen konnten in der Gruppe persönliche Erfahrungen ausgetauscht und vor der Kamera des We Refugees Archiv Filmteam in der Black Box erzählt werden. Fatima D., Ismail A. und Mustapha F. erklärten sich bereit, außerhalb des Workshops von Giocherenda mit dem We Refugees Archiv Filmteam Kurzfilme über ihr Leben und ihre Themen in der Stadt zu drehen.

Giocherenda ist eine professionelle Organisation von und mit jungen Geflüchteten in Palermo, die Spiele zum Storytelling anbietet. Es geht im Ansatz nicht darum Geflüchteten zu helfen und zu unterstützen, sondern ausdrücklich um den umgekehrten Ansatz: Geflüchtete helfen Europäer*innen im gemeinsamen Zusammensein und Erfahrungsaustausch.

Giocherenda kommt aus der afrikanischen Sprache Pular und bedeutet Solidarität, aber auch Interdependenz and Stärke, die aus der Zusammenkunft der Menschen entsteht. Es ähnelt dem italienischen Wort ‚Giocare‘ (Spielen), das das Kollektiv dazu inspirierte, Spiele zu entwickeln, die Erzählungen erzeugen und persönliche Erinnerungen teilen können.

Perspektive der Geflüchteten

Es wurde bewusst auf ein Drehbuch oder standardisierte Fragen in den filmischen Interviews verzichtet. Es ging allein um die Perspektive der Geflüchteten und die Themen, über die sie sprechen wollten. Einzige Vorgabe des Workshops war ein grober inhaltlicher Rahmen zu ihren Lebenserfahrungen in Palermo und ihren Visionen in naher Zukunft. Entsprechend konnten die Teilnehmenden frei entscheiden, was sie thematisieren und über welche Eindrücke, Probleme und Perspektiven sie sprechen wollten. Dass einige von ihnen dennoch über ihre Fluchterfahrungen nach Europa sprachen, beruhte also nicht auf einer Workshopvorgabe, sondern allein auf ihrer eigenen Entscheidung.

Interviewerin: Francesca Bertin
Kamera: Max Senger
Produktion: Francesca Bertin

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