Protokoll Nr. 7: Interview mit Owsiej Bułkin über seine Zwangsmigration von Berlin nach Vilnius, 16. November 1939

Am 16. November 1939 war Owsiej Bułkin der siebte unter den in Vilnius gestrandeten Geflüchteten, der dem Komitet tsu zamlen materialn vegn yidishn khurbn in Poyln 1939 (Komitee zur Sammlung von Material über die Zerstörung jüdischer Gemeinden in Polen 1939) über seine Fluchtrfahrungen nach Vilnius berichtete, die mit den Zbąszyń Deportationen 1938 im Rahmen der sogenannten „Polen-Aktion“ begannen.

Owsiej Bułkin / sent off from Berlin on Oct. 28th, 1938 /

STATEMENT No. 7

drawn up on Nov. 16th, 1939.

On the night of driving-out of the Zbąszyń-people I was brought to a frontier townlet KONIEC. I was ill-treated and beaten. I had been allowed to take only 10 marks. From this amount 3 mks. had been deducted as transport fees. It was raining. Two men died of heart-attacks. The Poles were treating us as if we were not human beings. For a glass of water we had to pay 20 groszy.

For about 2 hours we were closed in our railway-carriages. Then the „Starostwo“ ordered to release us: we were Polish subjects. We were the first of the lot which had been expelled by the Germans and that was why the Polish authorities treated us in so a mild way. They did not know what to do with us.

On the 15th of July, I went to Berlin to fetch my family. On the frontier we were ill-treated by the Germans. They kept abusing the Jewish passengers. Some of the Jewish women that were going to Berlin to liquidate their business were made to sweep the floors of the frontier-control-office. Eventually we were granted a 14 days long permission for our stay in Berlin. The Polish Consulate was treating us in very an unfair way.

I had been a furrier. My wife had given away part of our furniture. The rest of our belongings had been packed into four cases, and sent off to Vilnius. Though it had been before the war broke out, the cases have not arrived. Thus I have been deprived of everything I had. My wife came here with our children on July 20th. We are suffering very much now.

Owsiej Bułkin / am 28. Oktober 1938 aus Berlin abgesandt /

PROTOKOLL Nr. 7

verfasst am 16. November 1939.

In der Nacht der Vertreibung der Zbąszyń-Leute wurde ich in die Grenzstadt KONIEC gebracht. Dort wurde ich misshandelt und geschlagen. Ich hatte nur 10 Mark mitnehmen dürfen. Von diesem Betrag waren 3 Mark als Transportkosten abgezogen worden. Es hat geregnet. Zwei Männer starben an Herzinfarkt. Die Polen behandelten uns, als ob wir keine Menschen wären. Für ein Glas Wasser mussten wir 20 Groschen zahlen.

Etwa 2 Stunden lang waren wir in unseren Eisenbahnwagen zugeschlossen. Dann befahl der „Starostwo“, uns freizulassen: Wir waren polnische Staatsbürger. Wir waren die ersten der von den Deutschen vertriebenen Personen, und deshalb behandelten uns die polnischen Behörden so milde. Sie wussten nicht, was sie mit uns tun sollten.

Am 15. Juli fuhr ich nach Berlin, um meine Familie zu holen. An der Grenze wurden wir von den Deutschen misshandelt. Sie misshandelten die jüdischen Passagiere immer wieder. Einige der jüdischen Frauen, die nach Berlin fuhren, um ihre Geschäfte zu liquidieren, wurden gezwungen, die Böden des Grenzkontrollbüros zu fegen. Schließlich erhielten wir eine 14-tägige Erlaubnis für unseren Aufenthalt in Berlin. Das polnische Konsulat behandelte uns sehr ungerecht.

Ich war Pelzhändler gewesen. Meine Frau hatte einen Teil unserer Möbel verschenkt. Der Rest unserer Habseligkeiten war in vier Kisten verpackt und nach Vilnius geschickt worden. Obwohl es vor Ausbruch des Krieges war, sind die Kisten nicht angekommen. So wurde mir alles, was ich hatte, genommen. Meine Frau kam am 20. Juli mit unseren Kindern hierher. Wir leiden jetzt sehr stark.

Ende Oktober 1938 wurden im Rahmen der so genannten „Polen-Aktion“ etwa 18.000 in Deutschland lebende polnische Juden nach Polen deportiert, was vorerst das Paradigma für die folgenden antijüdischen Vertreibungsmaßnahmen des NS-Staates darstellen sollte. Viele von ihnen wurden staatenlos und wurden monatelang in einem Niemandsland an der Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Polen gefangen. 11Sybil Milton, „Die Vertreibung der polnischen Juden aus Deutschland Oktober 1938 bis Juli 1939. Eine Dokumentation“, im Jahrbuch des Leo-Baeck-Instituts, Band 29, Nr. 1, (1984) 169-199; 169ff. Unter ihnen war auch Owsiej Bułkin, ein polnischer Staatsbürger, der zu dieser Zeit in Berlin lebte.

In seinem kurzen Bericht an das Komitet tsu zamlen materialn vegn yidishn khurbn in Poyln 1939 (Komitee zur Sammlung von Material über die Zerstörung jüdischer Gemeinden in Polen 1939) erzählt er von seiner Tortur, die 1938 mit einer Deportation in die Grenzstadt Koniec begann und 1939 in Vilnius zunächst gewaltsam endete. Zum Zeitpunkt seines Interviews hatten Owsiej und seine Familie Zwangsdeportationen, Ausweisungen und Flucht, antisemitische Angriffe und Misshandlungen von Deutschen und Polen ertragen und wurden ihrer gesamten Habe beraubt.

    Fußnoten

  • 1Sybil Milton, „Die Vertreibung der polnischen Juden aus Deutschland Oktober 1938 bis Juli 1939. Eine Dokumentation“, im Jahrbuch des Leo-Baeck-Instituts, Band 29, Nr. 1, (1984) 169-199; 169ff.

Komitet tsu zamlen materialn vegn yidishn khurbn in Poyln 1939 (Komitee zur Sammlung von Material über die Zerstörung jüdischer Gemeinden in Polen 1939)

Wiener Libary Document Section 532, Series 1, frame 0435.

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