Nepenthe

Maaza Mengistes Kurzgeschichte beschreibt schlaglichtartig und mit vielen mythologischen Anspielungen traumatische Erfahrungen von Flucht.

One day we will find a language for this. A way to fit it all in the mouth then swallow into the folds of history. There will no longer be the torn photograph, the rusted spoon, the broken cigarettes, the woman’s body floating in a sinking boat. That child, face down in the sand, will disappear. Remembering itself, the sea will no longer speak for the sky. Blue will simply turn back to blue. There will be no metaphors, only movement and land and documents and a tongue held still between dulled teeth. I don’t want to die in a language I cannot understand: this is Borges descending heavily into the dark stairwell, a library tucked inside his throat. 11Probably an allusion to the Argentine writer and librarian Jorge Luis Borges (1899-1986), who imagined the world as a library in his 1941 novel „The Library of Babel“ (La Biblioteca de Babel). Most of the books in this library are incomprehensible to the inhabitants of this world. Maybe we know too much. That is the problem that plagued Medea. 22Probably an allusion to the female figure of Greek mythology, whose complex stories of constant flight, abandonment, exile and involvement in crimes, which she too commits by her magic power, have been widely received and incorporated into art and literature. When Cassandra crossed the placid sea, 33Probably an allusion to the female figure in Greek mythology, who had divining powers and foresaw disastrous events, but whose predictions were not believed. she knew it was Iphigenia who glanced up, past the waves, and smiled. 44Probably an allusion to the female figure in Greek mythology who prevented the Agamemnon’s fleet from continuing its journey by causing a calm wind; and in another version of her story as Artemis‘ priestess on Tauris is forced to sacrifice strangers.  Kidus Giorgis slayed the dragon but we can still burn in fire. 55Probaby an allusion to the Christian saint St. George, who, according to a legend, killed a dragon and thus averted evil from a country and brought many of its inhabitants to Christian faith and baptism. In Ethiopia, where he is particularly worshipped, he is called Kidus Giorgis. My grandmother warned me. She said, our dreams will bury us then weep. I call out to her now, she who is also named Maaza, she who stands at the shore’s edge, muted by time. Who asks to be here, I say. We are split, she says. You have two throats. Beware.

    Fußnoten

  • 1Probably an allusion to the Argentine writer and librarian Jorge Luis Borges (1899-1986), who imagined the world as a library in his 1941 novel „The Library of Babel“ (La Biblioteca de Babel). Most of the books in this library are incomprehensible to the inhabitants of this world.
  • 2Probably an allusion to the female figure of Greek mythology, whose complex stories of constant flight, abandonment, exile and involvement in crimes, which she too commits by her magic power, have been widely received and incorporated into art and literature.
  • 3Probably an allusion to the female figure in Greek mythology, who had divining powers and foresaw disastrous events, but whose predictions were not believed.
  • 4Probably an allusion to the female figure in Greek mythology who prevented the Agamemnon’s fleet from continuing its journey by causing a calm wind; and in another version of her story as Artemis‘ priestess on Tauris is forced to sacrifice strangers.
  • 5Probaby an allusion to the Christian saint St. George, who, according to a legend, killed a dragon and thus averted evil from a country and brought many of its inhabitants to Christian faith and baptism. In Ethiopia, where he is particularly worshipped, he is called Kidus Giorgis.

Eines Tages werden wir eine Sprache dafür finden. Einen Weg, alles in den Mund zu nehmen und dann in die Falten der Geschichte zu schlucken. Es wird nicht mehr das zerrissene Foto, den verrosteten Löffel, die zerbrochenen Zigaretten, den in einem sinkenden Boot treibenden Frauenkörper geben. Das Kind, mit dem Gesicht nach unten im Sand, wird verschwinden. Wenn man sich an sich selbst erinnert, wird das Meer nicht mehr für den Himmel sprechen. Blau wird einfach wieder zu Blau werden. Es wird keine Metaphern geben, nur Bewegung und Land und Dokumente und eine zwischen abgestumpften Zähnen stillgehaltene Zunge. Ich will nicht in einer Sprache sterben, die ich nicht verstehe: Das ist Borges, der schwerfällig in das dunkle Treppenhaus hinabsteigt, eine Bibliothek, die in seiner Kehle steckt.11Wahrscheinlich eine Anspielung auf den argentinischen Schriftsteller und Bibliothekar Jorge Luis Borges (1899-1986), der in seiner 1941 veröffentlichten Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ (La Biblioteca de Babel) die Welt als Bibliothek imaginierte. Die meisten Bücher dieser Bibliothek seien den Bewohner*innen dieser Welt unverständlich. Vielleicht wissen wir zu viel. Das ist das Problem, das Medea geplagt hat. 22Wahrscheinlich Anspielung auf die weibliche Figur der griechischen Mythologie, deren komplexe Geschichten von andauernder Flucht, Verstoßung, Exil und Verstrickung in Verbrechen, die auch sie durch ihre Zauberkraft begeht; zahlreich rezipiert und in Kunst und Literatur verarbeitet wurden. Als Kassandra das ruhige Meer überquerte, 33Wahrscheinlich eine Anspielung auf die weibliche Figur in der griechischen Mythologie, die zwar wahrsagerische Kräfte hatte und unheilvolle Ereignisse voraussah, der ihre Vorhersehungen aber nicht geglaubt wurden. wusste sie, dass es Iphigenie war, die an den Wellen vorbei nach oben blickte und lächelte. 44Wahrscheinlich eine Anspielung auf die weibliche Figur der griechischen Mythologie, die die Weiterfahrt der Flotte des Agamemnons verhinderte, indem sie Windstille bewirkte; und in einer weiteren Version ihrer Geschichte als Artemis-Priesterin auf Tauris darz gezwungen ist, Fremde zu opfern. Kidus Giorgis hat den Drachen getötet, 55Anspielung auf den christlichen Heiligen St. Georg, der unter anderem einer Legende nach einen Drachen getötet und dadurch das Böse von einem Land abgewendet und viele seiner Bewohner*innen zum christlichen Glauben und zur Taufe gebracht haben soll. In Äthiopien, wo er besonders verehrt wird, wird er Kidus Giorgis genannt. aber wir können immer noch im Feuer verbrennen. Meine Großmutter hat mich gewarnt. Sie sagte, unsere Träume werden uns begraben und dann weinen. Ich rufe ihr jetzt zu, ihr, die auch Maaza heißt, sie, die am Ufer steht, gedämpft durch die Zeit. Wer fragt, hier zu sein, sage ich. Wir sind geteilt, sagt sie. Du hast zwei Kehlen. Sei vorsichtig.

    Fußnoten

  • 1Wahrscheinlich eine Anspielung auf den argentinischen Schriftsteller und Bibliothekar Jorge Luis Borges (1899-1986), der in seiner 1941 veröffentlichten Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ (La Biblioteca de Babel) die Welt als Bibliothek imaginierte. Die meisten Bücher dieser Bibliothek seien den Bewohner*innen dieser Welt unverständlich.
  • 2Wahrscheinlich Anspielung auf die weibliche Figur der griechischen Mythologie, deren komplexe Geschichten von andauernder Flucht, Verstoßung, Exil und Verstrickung in Verbrechen, die auch sie durch ihre Zauberkraft begeht; zahlreich rezipiert und in Kunst und Literatur verarbeitet wurden.
  • 3Wahrscheinlich eine Anspielung auf die weibliche Figur in der griechischen Mythologie, die zwar wahrsagerische Kräfte hatte und unheilvolle Ereignisse voraussah, der ihre Vorhersehungen aber nicht geglaubt wurden.
  • 4Wahrscheinlich eine Anspielung auf die weibliche Figur der griechischen Mythologie, die die Weiterfahrt der Flotte des Agamemnons verhinderte, indem sie Windstille bewirkte; und in einer weiteren Version ihrer Geschichte als Artemis-Priesterin auf Tauris darz gezwungen ist, Fremde zu opfern.
  • 5Anspielung auf den christlichen Heiligen St. Georg, der unter anderem einer Legende nach einen Drachen getötet und dadurch das Böse von einem Land abgewendet und viele seiner Bewohner*innen zum christlichen Glauben und zur Taufe gebracht haben soll. In Äthiopien, wo er besonders verehrt wird, wird er Kidus Giorgis genannt.

Die in Äthiopien geborene und heute in New York City (USA) lebende Autorin Maaza Mengiste thematisiert in dieser Kurzgeschichte mit vielen Anspielungen auf griechische und christliche Mythologie und jüngere Literatur die Erfahrungen von Furcht, Gefahr und Verlust auf der Flucht und das Bedürfnis, schmerzhafte Erfahrungen sprachlich verarbeiten zu können.

Nepenthe, der Titel der Kurzgeschichte, bezeichnet in der zwischen 1200 und 700 v. Chr. entstandenen Odyssee ein Arzneimittel, das Helena von einer ägyptischen Königin erhalten hatte und, dem Wein beigemischt, Leiden beseitigen, Angst verjagen und alle Krankheit vergessen lassen soll. Das Wort bedeutet „gegen Kummer“ (ne = nicht, penthos = Kummer, Leid). Für die übrigen  literarisch-mythologischen Anspielungen werden in den Fußnoten Erklärungsansätze geboten.

Mengiste, Maaza, 2019: Nepenthe, in: Bhakti Shringarpure (ed. et al.): Mediterranean. Migrant Crossings. Storrs, CT: Warscapes Magazine, p. 22.

Entnommen aus Mediterranean. Migrant Crossings mit freundlicher Genehmigung von Bhakti Shringarpure, Gründer und Chefredakteur von Warscapes.

Für eine Rezension von Mediterranean. Migrant Crossings siehe hier.

Übersetzung vom Deutschen ins Englische © Minor.

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