Rivke Zilbergs Jobsuche in New York

In ihrem Werk „A Jewish Refugee in New York“ stellt Kadya Molodowsky das Leben der zwanzigjährigen Geflüchteten Rivke Zilberg aus Lublin in New York in Form eines Tagebuches dar. Rivke Zilbergs Erfahrungen haben eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schicksal von Molodovsky. Das Tagebuch umfasst solche Themen wie: Flucht, Ankommen, Holocaust, Integrationbemühungen und mehr.

In diesem Auszug aus dem Tagebuch beschreibt Rivke ihre erste schwierige Erfahrung der Jobsuche in New York.

New Yorker Stadtteil Manhattan 1931 via Wikimedia
New Yorker Stadtteil Manhattan 1931 via Wikimedia

February 20, 1940

Mr. Rubin

I’ve noticed that people are different when they’re at home and when they’re at the Lublin Association. When he’s at the association, Mr. Rubin looks like everyone else. When he’s at home, he looks like the lord of the manor. He sits there with his cigar in his mouth giving me advice.

It’s impossible to get work at his glov faktoree, he said, because he can’t take on any more apprentices and there’s no other work for me to do there since I don’t speak English. Then he puffed on his cigar and four rings of smoke came out of it and Mr. Rubin came up with a plan for me: the best thing for a girl my age who comes to America…is to get married. „It’s harder for a girl to find work than to find a husband,“ he said. Mrs. Rubin mixed in and said, „What’s the matter with you? The girl needs a dzshob. What kind of advice is that to give a girl? Get married!“ I saw that Mrs. Rubin really was my mother’s friend and wanted to stand by me in these hard times.

Then Mr. Rubin took another drag on his cigar while I held my breath, and when he let out the rings of smoke, he offered a different suggestion. „Since the vice president of the Refugee Aid Society is from Lublin too, the best thing would be to go to him and have him figure out something for you to do. But in order for him to want to do anything, you need to bring him a letter from someone.“ Mr. Rubin thought about it for a long time. A letter from who? His cigar let out a few rings of smoke every now and then, and in the end, Mr. Rubin said, „Since Rabbi Finkel is also from Lublin, it would be best to get a letter from him. If the vice president gets a letter from Rabbi Finkel, he’ll have no choice but to do something on behalf of a refugee. How do you get a letter from Rabbi Finkel? Simple: you go get it. You don’t need connections in order to go see a rabbi.“ Mr. Rubin was sure that he had come up with the best plan, and he gave me adresses for Rabbi Finkel and for the president. (He must have a million addresses to give out.) He wrote each address on a separate piece of paper.

When I left their house, I felt as if finding work really was harder than finding a husband. The street was lively, with cars going in all directions, people rushing by, and crowds everywhere. It felt as if I needed to push all those people aside in order to find a place for myself, and then I could hurry off somewhere just like they were doing. My hands felt weak, and I was afraid that I’d never be able to push myself through.

When I came home and told my aunt about Mr. Rubin’s advice, she flicked it away with her hand and said, „Cold comfort, a cold fish. But still it’s worth a try.“

New Yorker Stadtteil Manhattan 1931 via Wikimedia
New Yorker Stadtteil Manhattan 1931 via Wikimedia

20. Februar, 1940

Herr Rubin

Mir ist aufgefallen, dass die Leute anders aussehen, wenn sie zu Hause sind und wenn sie in der Lublin Association sind. Wenn er in der Association ist, sieht Herr Rubin wie jeder andere aus. Wenn er zu Hause ist, sieht er wie der Gutsherr aus. Er sitzt da mit seiner Zigarre im Mund und gibt mir Ratschläge.

Es ist unmöglich, in seiner glov faktoree, Arbeit zu finden, sagte er, weil er keine Lehrlinge mehr einstellen kann und es dort keine andere Arbeit für mich gibt, da ich kein Englisch spreche. Dann paffte er an seiner Zigarre, aus der vier Rauchringe kamen, und Herr Rubin hatte einen Plan für mich: Das Beste für ein Mädchen in meinem Alter, das nach Amerika kommt, ist es, zu heiraten … „Es ist schwieriger für ein Mädchen, Arbeit zu finden, als einen Ehemann zu finden“, sagte er. Frau Rubin mischte sich ein und sagte: „Was ist denn mit dir los? Das Mädchen braucht einen dzshob. Was ist das für ein Rat, den du einem Mädchen gibst? Heiraten!“ Ich sah, dass Frau Rubin wirklich die Freundin meiner Mutter war und mir in diesen schweren Zeiten beistehen wollte.

Dann nahm Herr Rubin einen weiteren Zug an seiner Zigarre, während ich den Atem anhielt, und als er die Rauchringe ausstieß, machte er einen anderen Vorschlag. „Da der Vizepräsident des „Refugee Aid Society“ (Flüchtlingshilfevereins) auch aus Lublin kommt, wäre es am besten, wenn du zu ihm gehst und er sich etwas einfallen lässt, was du tun könntest. Aber damit er etwas tun will, müsst du einen Brief von jemandem bringen.“ Herr Rubin dachte lange darüber nach. Ein Brief von wem? Seine Zigarre stieß ab und zu ein paar Rauchringe aus, und schließlich sagte Herr Rubin: „Da Rabbi Finkel auch aus Lublin stammt, wäre es am besten, einen Brief von ihm zu bekommen. Wenn der Vizepräsident einen Brief von Rabbi Finkel erhält, wird er keine andere Wahl haben, als etwas für einen Flüchtling zu tun. Wie bekommt man einen Brief von Rabbi Finkel? Ganz einfach: man holt ihn. Man braucht keine Beziehungen, um zu einem Rabbiner zu gehen.“ Herr Rubin war sich sicher, dass er den besten Plan gefunden hatte, und er gab mir die Adressen von Rabbi Finkel und des Präsidenten. (Er muss eine Million Adressen haben, die er verteilen kann.) Er schrieb jede Adresse auf ein separates Blatt Papier.

Als ich das Haus verließ, hatte ich das Gefühl, dass es wirklich schwieriger war, Arbeit zu finden als einen Ehemann zu finden. Auf der Straße herrschte reges Treiben, Autos fuhren in alle Richtungen, Menschen eilten vorbei, und überall waren Menschenmassen. Es kam mir vor, als müsste ich all diese Menschen beiseite schieben, um einen Platz für mich zu finden, und dann könnte ich genauso wie sie irgendwohin eilen. Meine Hände fühlten sich schwach an, und ich hatte Angst, dass ich es nicht schaffen würde, mich durchzusetzen.

Als ich nach Hause kam und meiner Tante von Herrn Rubins Ratschlag erzählte, schnippte sie ihn mit der Hand weg und sagte: „Kalter Trost, ein kalter Fisch. Aber einen Versuch ist es trotzdem wert.“

 

Die Autorin des Romanes „A Jewish Refugee in New York“ Kadya Molodowsky  ist eine der wichtigsten jiddischen Dichterinnen der Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie wurde 1894 in Bereza Kartuska, Russisches Kaiserreich geboren. Ihre Lebensetappen spiegeln typische Routen der jüdischen Migration des 20. Jahrhunderts wider: Odessa, Kyjiw, Warschaw, New York, Tel Aviv. Im Laufe des Lebens war sie als Lehrerin, Herausgeberin, Dichterin, Kritikerin, Dramatikerin und Schriftstellerin tätig. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, arbeitete sie in einem Tagesheim für geflüchtete jüdische Kinder, das von ihrem Lehrer in Warschau geführt wurde. Diese Arbeit führte sie bis 1917 an verschiedenen Orten fort. Später zog sie nach Odessa, um der Kriegsfront zu entkommen, und lehrte dort in einem Kindergarten. 1917 konnte sie nach der Oktoberrevolution nicht zu ihren Eltern zurückkehren, und blieb so in Kyjiw, wo sie wieder eine Arbeit als Erzieherin annahm. Als sie 1920 das Pogrom in Kyjiw überlebte, veröffentlichte sie ihr erstes Gedicht.

1935 zog sie nach New York, wo sie ihr Buch „In Land fun Mayn Gebayn“ („Im Lande meiner Knochen“) veröffentlichte. Darin thematisiert sie in fragmenthaften Gedichten die Internalisierung des Exils. Ab diesem Zeitpunkt blühte ihre Arbeit in New York.

In ihrem Werk „A Jewish Refugee in New York“ stellt Kadya Molodowsky das Leben der zwanzigjährigen Geflüchteten Rivke Zilberg aus Lublin in New York in Form eines Tagebuches dar. Rivke Zilbergs Erfahrungen haben eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schicksal von Molodovsky. Das Tagebuch umfasst solche Themen wie: Flucht, Ankommen, Holocaust, Integrationsbemühungen und mehr.

Kadya Molodovsky (übersetzt von Anita Norich), 2019: A Jewish Refugee in New York. A Novel by Kadya Molodovsky. Bloomington: Indiana University Press, S. 16.

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche © Minor.