Eric über Geflüchtetendasein, Heimweh und Muttersprache

In einem Interview mit dem We Refugees Archiv Team erzählt der politische Flüchtling aus Venezuela Eric über das Geflüchtetendasein und Heimweh in New York sowie seine Muttersprache. Das Interview wurde aus Gründen der Länge und Klarheit bearbeitet.

Are you homesick at all?  Would you like to return to Venezuela? 

Yeah, honestly, I keep doing everything to go back one day, be able to rebuild my country and to support the reconstruction of the society. Before you would have asked me that question and right away, I would say like: Yes, I can just not wait for the day to come. Right now, be more realistic. I know that might be far away, but that day will come sooner or later. The difference of my response before would have been like: I cannot go wait to go back and live and die in Venezuela. I just now can add, or I could only say that I cannot wait to be able to visit it back again, but I’m not sure if it would be a possibility for me over life again completely be back home.

What are your most potent memories of home that you experience?

Maybe this is too much talking, but part of my therapy that I started in during the pandemic to finally address the PTSD and all the trauma that I’ve experienced back home. Ever since I have a dream of being in Venezuela, like every night, I dream about being in Venezuela, mixing all the people from here from there. I guess the more I visit, at least in my dreams, and yes, I miss my country in general. But what I miss the most is my people, like the ways that we were able to be ourselves among ourselves.

Do you feel like a person who’s in exile?  Do you carry that around with you, that feeling that you’re in exile from your country?

Yes, especially by the fact that I cannot go back. If I even want it, so I know people that go back to their countries or go and travel to other countries… Let’s say they already got their asylum and now they are at their residency level, so it’s at different stages of refugee status too. And at the one I am right now; I still cannot even leave the US. In that sense, I always feel like an expat, like I cannot go to the borders, I cannot go to any officials that officially if I don’t want to make sure to be kicked out of here. So that is always in the back of my head.

What role does your mother tongue play in your life? So Spanish. Do you think in Spanish?

I do. But lately I feel like I’m in this mix of English – Spanglish. So I never was like that, but I have some Puerto Rican friend that I’ve been blaming about it because he talks a lot Spanish and English and I’m like: Come on, I’m saying something that doesn’t make sense to nobody. Yes, yeah, I guess right now I have a mix, especially when I try to speak Spanish. I am like: Wait, this is my mother language like a native language and why am I missing or saying things that doesn’t make sense at all… I still have one of my roommates from Spain. So I still have it at home at least and some friends in New York around who also speak a lot of Spanish. So yeah, I keep thinking a lot in Spanish, but lately it’s more like 60 Spanish, 40 English or 50/50 now.

How do you see yourself in New York, do you feel like you’re part of the city, or do you still feel like an outsider?

I mean every day I wake up in this city, it’s a blessing, I feel like in a movie, I feel like no matter where you go… I was walking the street the other day and I’ve been here living here for almost six years, and I never walked that street before. So, I was like: Damn… you never stop getting to know New York City. Even if you’ve been here for a long time. But that at the same time as I mentioned earlier, going out there and having at least one person, two people, three that say „hi“ to me on the streets or randomly come and say „hello“. It’s a good feeling that makes me feel like: I’m home. It’s like when back home I could see somebody I remember we saw “Fulanito” and somebody on the train or the bus or the library, whatever. That is happening to me here in New York more and more even at the beach. So, it’s like: Ok, I’m becoming a New Yorker, I guess. That feeling is so good.

Haben Sie Heimweh?  Würden Sie nach Venezuela zurückkehren? 

Ja, ganz ehrlich, ich tue alles, um eines Tages zurückzukehren, mein Land wieder aufzubauen und den Wiederaufbau der Gesellschaft zu unterstützen. Wenn Sie mir früher diese Frage gestellt hätten, hätte ich sofort geantwortet: Ja, ich kann den Tag einfach nicht abwarten. Momentan bin ich da realistischer. Ich weiß, dass das vielleicht noch weit weg ist, aber dieser Tag wird früher oder später kommen. Nur früher habe ich gesagt: Ich kann es kaum erwarten, zurückzugehen und in Venezuela zu leben und zu sterben. Jetzt kann ich nur hinzufügen, oder nur sagen, dass ich es nicht erwarten kann, Venezuela wieder besuchen zu können. Aber ich bin nicht sicher, ob es für mich eine Möglichkeit gibt in meinem Leben wieder vollständig in meine Heimat zurückzukehren

Was sind Ihre stärksten Erinnerungen an zu Hause, die Sie erleben?

Vielleicht ist das zu viel gesagt, aber ein Teil ist meine Therapie, die ich während der Pandemie begonnen habe, um endlich die PTBS und all die Traumata zu verarbeiten, die ich in meiner Heimat erfahren habe. Seitdem träume ich jede Nacht davon, in Venezuela zu sein und all die Leute von hier mit denen von dort zu vermischen. Ich glaube, je öfter ich es besuche, zumindest in meinen Träumen, und ja, ich vermisse mein Land im Allgemeinen. Aber was ich am meisten vermisse, sind meine Leute, die Art und Weise, wie wir unter uns selbst sein konnten.

Fühlen Sie sich wie eine Person, die im Exil lebt? Tragen Sie dieses Gefühl mit sich herum, das Gefühl, im Exil zu sein?

Ja, vor allem durch die Tatsache, dass ich nicht zurückkehren kann. Ich kenne also Leute, die in ihre Länder zurückkehren oder in andere Länder reisen… Sagen wir, sie haben bereits Asyl erhalten und befinden sich jetzt in der Aufenthaltsphase, also in verschiedenen Stadien des Flüchtlingsstatus. Und in dem Stadium, in dem ich mich jetzt befinde, kann ich noch nicht einmal die USA verlassen. In diesem Sinne fühle ich mich immer wie ein Expat, ich kann nicht über die Grenze gehen, ich kann nicht zu irgendwelchen offiziellen Stellen gehen, wenn ich nicht sicher sein will, nicht abgeschoben zu werden. Das geht mir also immer im Hinterkopf herum.

Welche Rolle spielt Ihre Muttersprache in Ihrem Leben? Also Spanisch. Denken Sie in Spanisch?

Ja, das tue ich. Aber in letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass es sich mischt Englisch-„Spanglish“. Ich war nie so, aber ich habe einen paar puerto-ricanischen Freund, dem ich das vorwerfe, weil er viel Spanisch und Englisch mischt: Komm schon, ich sage etwas, das für niemanden einen Sinn ergibt. Ja, ja, ich schätze, im Moment habe ich eine Mischung, besonders wenn ich versuche, Spanisch zu sprechen. Ich bin wie: Moment mal, das ist meine Muttersprache, und warum verstehe ich etwas nicht oder sage Dinge, die überhaupt keinen Sinn ergeben… Ich habe immer noch einen meiner Mitbewohner aus Spanien. Also habe ich es zumindest noch zu Hause und einige Freunde in New York, die auch viel Spanisch sprechen. Also ja, ich denke immer noch viel auf Spanisch, aber in letzter Zeit ist es eher 60 Prozent Spanisch, 40 Prozent Englisch oder 50/50.

Wie sehen Sie sich selbst in New York, haben Sie das Gefühl, Teil der Stadt zu sein, oder fühlen Sie sich immer noch als Außenseiter?

Ich meine, jeder Tag, an dem ich in dieser Stadt aufwache, ist ein Segen, ich fühle mich wie in einem Film, ich habe das Gefühl, egal wo man hingeht… Ich bin neulich die Straße entlanggelaufen, und ich lebe seit fast sechs Jahren hier, und ich bin noch nie diese Straße entlanggelaufen. Also dachte ich: Wow.. man lernt New York City immer wieder neu kennen. Auch wenn man schon lange hier ist. Aber gleichzeitig, wie ich bereits erwähnt habe, gehe ich da raus und habe mindestens eine, zwei oder drei Personen, die mir auf der Straße „Hi“ sagen oder zufällig vorbeikommen und „Hallo“ sagen. Das ist ein gutes Gefühl, das mir das Gefühl gibt: Ich bin zu Hause. Es ist wie zu Hause, wenn ich jemanden sehe, an den ich mich erinnere, dass wir „Fulanito“ (dt. Herr/Frau Soundso) gesehen haben, und jemanden im Zug oder im Bus oder in der Bibliothek, was auch immer. Das passiert mir hier in New York häufiger, sogar am Strand. Also, es ist wie: Ok, ich werde ein New Yorker, denke ich. Dieses Gefühl wirklich gut.

Eric ist ein 1988 in Caracas geborener politischer Flüchtling, Mitbegründer einer politischen Partei aus Venezuela und ein Aktivist. Wegen der Diktatur in Venezuela war er gezwungen, sein Land im Jahr 2014 zu verlassen. Im Jahr 2020 hat er ein Stipendium der Columbia University erhalten. Derzeit lebt er in New York und unterstützt aktiv Geflüchtete und Migrant:innen aus Venezuela. Eric wird als Konsul von Venezuela in New York angesehen.

Interview, welches das We Refugees Archiv Team mit Eric im Sommer 2022 führte. Das Interview wurde wegen der Länge und zur besseren Verständlichkeit bearbeitet.