Sami aus Syrien: Mit Unterstützung oder ohne?

Im Interview teilt der politisch Geflüchtete und Aktivist aus Syrien Sami seine Gedanken und Erfahrungen zu den Themen: Unterstützungsnetzwerke für Geflüchtete sowie Geflüchtetendasein in den USA dar. Das Interview wurde aus Gründen der Länge und Klarheit bearbeitet.

Who supported you in the early days when you arrived to Washington, D.C., what did your network look like?

I mean, at the beginning it was people I’ve met in like around D.C. I think what helped me at the time, I mean continues to help me is that when I was detained early on, like in 2011, I was one of like the very few…a couple of friends in the US actually set up kind of like a Facebook like page for me when I was detained was kind of like got me some reputation among some people. So, when I’m meeting people many would recognize who I am and I guess at the time, because I was detained very early on, it’s kind of like automatically established like a link of trust and some people were very helpful, regardless, I guess. It was mostly locals. It was mostly me reaching out to locals and they’re helping out. Again, I mean, some people helped, you know, like they weren’t totally overboard and much help with everything. Others, they helped when, you know, I think it was easy for them to help.

Where do you get support today? 

Back then, not to be dramatic…I had only myself. I think part of me was. I realized that it doesn’t make sense for me to reach out for emotional or otherwise support when my brother was under siege and my other two brothers were killed  So, I felt like this is really…regardless of what I’m facing, I’m still in a kind of luxurious place and in the US you can trust people or some people on many levels, but not on emotional levels very quickly. So, the only person I trust is my wife right now. And that’s the source for my emotional support and I think also at the time, you know, back then being a refugee or a torture survivor was kind of like an appealing thing for a lot of viewers. This is slightly like the Africa tourism. It’s like: Oh, let’s see this kid. Yeah, we haven’t seen such a thing before. So, in a sense it brings a lot of attention, but also it made me feel early on forgive me about the term, but like a „piece of meat“. People are interested because of experience or background. It gets them exciting but maybe nothing else. So, I would always take a step back to assess the relationship, professional or otherwise like what it is for, like the relationship.

Did you have the feeling of being welcomed openly?

I did, yes. I guess the examples of feeling welcomed is not feeling excluded. I think that’s my sense of  being welcomed. […] In the first few years, I didn’t really just stay in Washington. I’ll just travel around, talk about Syria, about my experience. And I guess the welcoming sense I got again that’s I didn’t get any negative feedback probably for who I am, for me being here. And I guess because people heard about my experience and I try to connect it as much as possible to the life they’re living…so storytelling in a way helped to build the bridge between me, a lot of communities, not only metropolitan communities or Syrian American communities…I mean, it’s probably something in our community, we’re not really super expressive about our feelings and our emotions. I think white people do that much more than we do…

In contrast, did you sometimes feel excluded or discriminated against because of your status as an asylum seeker?

Yes, that encounter with law enforcement I don’t think have happened if I was like a citizen or permanent residence in their mind. I mean, this is me analyzing, but like they didn’t really expect me to be able to connect to a lawyer or like understand the system itself. So, there is definitely kind of like this utilization of like the fear or the background I have. Even like the person I worked with basically exploited the fact that I’m a refugee also to pull a similar card. Yeah, so I mean there was that like exploitation part for sure… Actually, this is something we’ve been thinking about for a long time. It  has to do with the experience of refuge, but also it has to do with the experience of being a torture survivor. I think at the time for a lot of people, even in our community, like people who are doing advocacy or stuff like that. Being a refugee or being a victim of torture makes you a token. So, people who are doing something around this circle they always want to bring, you know, the refugee or like, you know the victim around for the event to be successful, for them to have that meeting… Sometimes people have good intention, but you know they do really bad practice. Other people have really bad intentions, bad practices. But at the end of the day, it’s all I’ve seen it with a lot of refugees, especially around the 2015/2016 refugee wave. There is always this utilization of the experience that refugees have been through. Just for like the sake of media or for reaching out or for building up, I don’t know…and sometimes I can forget intentions, but the results were horrible because you have those people who would show up, who would give promises, would raise expectations, come but then disappear and then move on to the to the next thing.

Wer hat Sie in den ersten Tagen nach Ihrer Ankunft in Washington, D.C. unterstützt, wie sah Ihr Netzwerk aus?

Ich meine, am Anfang waren es Leute, die ich in der Umgebung von D.C. getroffen habe. Ich glaube, was mir damals geholfen hat und immer noch hilft, ist, dass ich, als ich 2011 inhaftiert wurde, einer der wenigen war… ein paar Freunde in den USA haben eine Facebook-Seite für mich eingerichtet, als ich inhaftiert war, und mir so einen gewissen Ruf bei einigen Leuten verschafft. Wenn ich also Leute treffe, erkennen viele, wer ich bin, und ich schätze, da ich damals sehr früh inhaftiert war, hat das irgendwie automatisch ein Vertrauensverhältnis geschaffen, und einige Leute waren sehr hilfsbereit, ohne mich zu kennen. Es waren hauptsächlich Einheimische. Meistens war ich es, der den Kontakt zu den Einheimischen gesucht hat und sie haben mir geholfen. Ich meine, manche Leute haben geholfen, aber sie waren nicht übermäßig hilfsbereit und haben bei allem geholfen. Andere halfen, wenn es für sie einfach war, zu helfen.

Wo bekommen Sie heute Unterstützung? 

Damals, ich will nicht dramatisch sein, hatte ich nur mich selbst. Ich glaube, das war ein Teil von mir. Mir wurde klar, dass es keinen Sinn macht, mich um emotionale oder sonstige Unterstützung zu bemühen, wenn mein Bruder unter Belagerung war und meine beiden anderen Brüder getötet wurden. Ich hatte also das Gefühl, dass ich mich ungeachtet dessen, was mir bevorsteht, immer noch an einem luxuriösen Ort befinde, und in den USA kann man Menschen oder einigen Menschen auf vielen Ebenen vertrauen, aber nicht so schnell auf emotionaler Ebene. Die einzige Person, der ich im Moment vertraue, ist meine Frau. Sie ist die Quelle meiner emotionalen Unterstützung, und ich glaube, dass es damals für eine Person von außen eine attraktive und spannend war, ein Flüchtling oder ein Überlebender der Folter zu sein. Das ist ein bisschen wie der Afrika-Tourismus. Es ist wie: Oh, lasst uns dieses Kind sehen. Ja, so etwas haben wir noch nicht gesehen. In gewissem Sinne bringt es also eine Menge Aufmerksamkeit mit sich, aber ich fühlte mich auch, verzeihen Sie mir den Ausdruck, wie ein „Stück Fleisch“. Die Leute sind interessiert, weil sie Erfahrung oder Hintergrund haben. Das macht sie spannend, aber vielleicht nichts anderes. Ich würde also immer einen Schritt zurücktreten und die Beziehung, ob beruflich oder anderweitig, danach beurteilen, wofür sie da ist, welche Art von Beziehung.

Hatten Sie das Gefühl, mit offenen Armen empfangen zu werden?

Das hatte ich, ja. Ich denke, ein Beispiel für das Gefühl, willkommen zu sein, ist, sich nicht ausgeschlossen zu fühlen. Ich denke, das ist mein Gefühl, willkommen zu sein. […] In den ersten Jahren bin ich nicht wirklich nur in Washington geblieben. Ich bin einfach herumgereist, habe über Syrien und meine Erfahrungen gesprochen. Und ich schätze, dass ich das Gefühl hatte, willkommen zu sein, dass ich kein negatives Feedback dafür bekommen habe, wer ich bin, dass ich hier bin. Und ich denke, weil die Leute von meinen Erfahrungen gehört haben und ich versucht habe, sie so weit wie möglich mit ihrem Leben in Verbindung zu bringen… also hat das Erzählen von Geschichten in gewisser Weise geholfen, eine Brücke zwischen mir und vielen Gemeinschaften zu bauen, nicht nur in den Metropolen oder in den syrisch-amerikanischen Gemeinschaften… Ich meine, es ist wahrscheinlich etwas in unserer Gruppe, dass wir unsere Gefühle und Emotionen nicht so sehr zum Ausdruck bringen. Ich denke, dass weiße Menschen das viel mehr tun als wir…

Hatten Sie dagegen manchmal das Gefühl, wegen Ihres Status als Asylbewerber ausgeschlossen oder diskriminiert zu werden?

Ja, die Begegnung mit den Strafverfolgungsbehörden hätte meiner Meinung nach nicht stattgefunden, wenn ich in ihren Augen ein Bürger oder ein dauerhaftes Bleiberecht hätte. Ich meine, ich vermute das nur, aber sie haben nicht wirklich erwartet, dass ich in der Lage bin, einen Anwalt zu finden oder das System an sich zu verstehen. Es gibt also definitiv eine Art von Ausnutzung der Angst oder des Hintergrunds, den ich habe. Sogar die Person, mit der ich gearbeitet habe, hat die Tatsache, dass ich ein Flüchtling bin, ausgenutzt, also hat die gleiche Karte gezogen. Ja, also, ich meine, da gab es sicher diesen Teil der Ausnutzung… Eigentlich ist das etwas, worüber wir schon lange nachdenken. Es hat mit der Erfahrung der Flucht zu tun, aber auch mit der Erfahrung, ein Überlebender der Folter zu sein. Ich glaube zurzeit, für viele Menschen, auch in unserer Gemeinschaft, die sich für uns einsetzen ist es so: Ein Flüchtling oder ein Folteropfer zu sein, macht dich zu einem zu Token. Leute, die etwas in diesem Kreis machen, wollen immer den Flüchtling oder das Opfer dabei haben, damit die Veranstaltung erfolgreich ist, damit es sich lohnt das Treffen zu haben… Manchmal haben die Leute gute Absichten, aber wissen Sie, sie machen wirklich schlechte Praktiken. Andere Menschen haben wirklich schlechte Absichten, schlechte Praktiken. Aber am Ende des Tages habe ich das bei vielen Flüchtlingen gesehen, vor allem bei der Flüchtlingswelle 2015/2016. Es gibt immer diese Verwertung von der Erfahrung, die Flüchtlinge gemacht haben. Nur um der Medien willen oder um etwas zu erreichen oder um etwas aufzubauen, ich weiß nicht… und manchmal vergesse ich diese Absichten, aber die Ergebnisse waren schrecklich, weil diese Leute auftauchten, Versprechungen machten, Erwartungen weckten, kamen, aber dann wieder verschwanden und zur nächsten Sache übergingen.

 

Sami ist ein politischer Aktivist und Geflüchteter aus Syrien, der seit 2011 in den USA wohnt. Nach zwei Verhaftungen entschied sich Sami dafür, Syrien zu verlassen und floh zuerst in den Libanon und nach Ägypten mit seiner Familie. Seit September 2011 wohnt Sami in Washington D.C., in den USA.

Interview, welches das We Refugees Archiv Team mit Sami im Sommer 2022 führte. Das Interview wurde aus Gründen der Länge und Klarheit bearbeitet. Der Interviewte möchte anonym bleiben. Wir haben daher seinen Namen geändert.