Vilnius – Ein Garten Eden in Zeiten des Krieges?

Nach dem deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939 wurde Vilnius über Nacht zu einem der einzigen erreichbaren Refugien in Osteuropa, das 1939/40 circa 30 000 polnischen Geflüchteten temporären Schutz bot. Die bestehende jüdische Infrastruktur der Stadt gewährte den jüdischen Geflüchteten eine beispiellose Starthilfe für migrantisches Leben im Schatten des einsetzenden Holocaust in Polen. So riefen sie ein einzigartiges Projekt ins Leben, das Ausdruck migrantischer Selbstbehauptung und des aktiven jüdischen Widerstands gegen den nationalsozialistischen Terror ist.

Aufgrund strategischer Verhandlungen der litauischen Regierung im September 1939 und einer darauffolgenden überarbeiteten Version des Molotov-Ribbentrop-Pakts hatte sich Vilnius über Nacht zur Hauptstadt des zu diesem Zeitpunkt einzigen neutralen Staates Osteuropas gewandelt. Sie stellte somit einen der wenigen Rettungswege für polnische, jüdische und nichtjüdische, Geflüchtete aus dem von Deutschland und der Sowjetunion besetzten Polen dar. Geopolitisch gesehen war Litauens Hauptstadt zuallererst ein – eher ungewolltes und schnell überwältigtes – Refugium und eine Transitstadt für polnische Geflüchtete, aber auch Ziel für mehrere tausend litauische Arbeitsmigranten. Anfang Dezember 1939 waren schon 18 000 (darunter 6 860 Jüdinnen*Juden) und im Februar 1940 insgesamt circa 27 000 polnische Geflüchtete (mit 11 000 Juden) offiziell registriert. Diese Zahlen hielten sich bis 1. Juli laut eines „Berichts über die Hilfe für Kriegsgeflüchtete und Migranten” des litauischen Innenministeriums vom 26. Juli 1940, spiegeln jedoch nicht das tatsächliche Ausmaß wider. In der Regel registrierten sich nur jene als Geflüchtete, die Fürsorge benötigten. Die anderen vermieden die Erfassung durch Autoritäten wegen der Befürchtung, die Registerlisten könnten in sowjetischen Händen landen. 11Balkelis, Thomas, 2007: War, Ethnic Conflict and the Refugee Crisis in Lithuania, 1939–1940, pp. 461–477 in: Contemporary European History Vol. 16 (4), p. 464; Dieckmann, Christoph, 2011: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944, Band 1. Göttingen: Wallstein Verlag, 144–147. Die Gesamtzahl polnisch-jüdischer Geflüchteter wird daher auf insgesamt 14 000 geschätzt, von denen 70 Prozent aus der deutschen und 30 Prozent aus der sowjetischen Besatzungszone entkommen waren. 22Levin, Dov, 1995: The Lesser of Two Evil. Eastern European Jewry under Soviet Rule, 1939–1941. Philadelphia: Jewish Publication Society, p. 200.

Für das in der Vorkriegszeit circa 210 000 (Stand: 1938) Einwohner*innen starke Vilnius bedeutete der Zustrom an Geflüchteten einen plötzlichen Bevölkerungswachstum von circa 15 Prozent, der nicht einfach absorbiert werden konnte und in eine humanitäre Krise führte. In den Worten Mendel Balberyszskis, einem jüdischen Geflüchteten in Vilnius zu der Zeit, war „der Anfang der litauischen Herrschaft [leider] ein bitterer für Juden,“ 33Balberyszski, Mendel, 1967. Shtarker fun ayzn : Iberlebungen in der Hitler-tkufe, Band 1. Tel Aviv: HaMenorah, 73–75. da es mit dem Abzug der Roten Armee und der Verlegung litauischer Truppenteile am 28. Oktober 1939 nach Vilnius zu dreitätigen antijüdischen Ausschreitungen vor allem von ethnischen Polen kam, die schnell in Pogrome umschlugen – nicht nur in Vilnius, sondern auch in Naujoji Vilnia, Maišiogala und Pabradė. 44Dieckmann, Christoph, 2011: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944, Band 1. Göttingen: Wallstein Verlag, S. 142–143; Levin, Dov, 2008, pp. 107–137. The Jews of Vilna under Soviet Rule, 19 September–28 October 1939, in: Polin: Studies in Polish Jewry Volume 9. Sie wurden mit Hilfe der litauischen Polizei niedergeschlagen, doch war von Seiten der litauischen Autoritäten darüber hinaus vorerst kaum Geflüchtetenhilfe zu erwarten. Aber ganz ohne zivilgesellschaftliche Unterstützung mussten sich vor allem die jüdischen Neuankömmlinge in Vilnius nicht eingewöhnen.

Dank einer über Jahrhunderte gewachsenen kulturellen und sozialen Infrastruktur von angesehenen traditionellen Bildungseinrichtungen, namhaften Verlagen hebräischer und jiddischer Literatur, Zeitschriften und Zeitungen sowie Institutionen säkular-jüdischer Wissenschaft und Kultur bis hin zu jüdischen Gewerkschaften, Berufsverbänden und sozialen Hilfsnetzwerken avancierte Vilnius, das von jeher verehrte „Jerusalem de Lite“, vom traditionellen Zentrum des jüdischen Lehrens und Lernens auch zum Nabel säkularer kultureller und politischer Bewegungen der jüdischen Moderne. 55Harshav, Benjamin, 2002: Introduction: Herman Kruk’s Holocaust Writings, pp. xxi–lii in: Kruk, Herman (Author), Harshav, Benjamin (ed..), Harshav, Barbara (trans.), The Last Days of the Jerusalem of Lithuania. Chronicles from the Vilna Ghetto and the Camps, 1939–1944. New Haven: Yale University Press, pp. xxix–xxxiv. Diese in die Stadt eingewebte jüdische Infrastruktur erwartete den Zustrom jüdischer Geflüchteter aus dem besetzten Polen auch nach der Eingliederung Vilnius‘ in Litauen im Oktober 1939.

Mehrere in Vilnius aktive jüdische Hilfsorganisation, wie der TOZ, der ORT und dem Joint arbeiteten zusammen als Teil des Komitees für Geflüchtetenhilfe der Jüdischen Gemeinde Vilnius, die eine von fünf unter dem Roten Kreuz Litauen operierenden Organisationen war und vor allem von ausländischen Geldgeber*innen, aber auch aus der litauischen Staatskasse finanziert wurden.

Man kann schon jetzt sagen, dass dank dem Komitee für Flüchtlingshilfe der Jüdischen Gemeinde Vilnius, dank der finanziellen Unterstützung vom „Joint“, dank der Zusammenarbeit mit TOZ im Bereich der Gesundheitsfürsorge – gibt es nicht einen einzigen hungrigen jüdischen Flüchtling in Vilnius, jeder Flüchtling hat eine Adresse, wo er sich anmelden kann und wo er sowohl Kleidung als auch Wohnhilfe, medizinische Versorgung, Rechtshilfe und wenn nötig auch eine Berufsausbildung etc. erhält. 66Koren, L. [Pseudonym von Herman Kruk], 1940: Pleytim: 2ter artikl, S. 14–15 in: Folksgezunt: Ilustrirter populer-visnshaftlekher zshurnal far higyene un meditsin 3 (1940), S. 15.

Demographisch gesehen setzte sich das Geflüchtetenkollektiv aus allen Schichten des polnischen Judentums zusammen, besonders aber aus seiner politischen und intellektuellen Elite. Am 11. Oktober 1939, einen Tag nach der Vertragsunterzeichnung zwischen Litauen und der Sowjetunion, war unter anderem ein Zug aus Warschau angekommen. An Bord: 29 jüdische Schriftsteller und Journalisten, deren Zahl noch auf 60 ansteigen sollte. Mit der finanziellen Unterstützung des Joints und mit Hilfe der wissenschaftlichen Infrastruktur des YIVO gründete Noyekh Prilutski 77Noyekh Prilutski (1882-1941) war Publizist, Philologe und Politiker. Er publizierte zunächst auf Russisch und Hebräisch, ab 1908 dann vor allem auf und über Jiddisch, zum Beispiel in der von ihm mitgegründeten und herausgegebenen Zeitschrift Yidishe filologye. Er gründete und leitete die jüdische Folkspartei, mit der er sich in den 1920er Jahren als parlamentarischer Vertreter für die politischen Interessen der nationalen Minderheit einsetzte. Nach seiner Flucht von Polen nach Vilnius übernahm er dort den Lehrstuhl für Jiddische Sprache und Kultur und leitete ab Januar 1941 das YIVO. Nach der deutschen Besatzung der Stadt wurde Prilutski im August von den Nationalsozialisten ermordet. Vgl. Weiser, Kalman: Pryłucki, Noah, in: The YIVO Encayclopedia of Jews in Eastern Europe: https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Pry%C5%82ucki_Noah (17.10.2019). zusammen mit den 59 anderen Literaten die wohl früheste jüdische historische Kommission in Osteuropa, die sich der Dokumentation der deutschen Verbrechen in ihrer polnischen Heimat widmeten. Die Arbeit des sogenannten Komitees fußte auf der Zusammenarbeit mit der Geflüchtetengemeinde. Täglich wurden Interviews mit Geflüchteten geführt, die über deutsche Verbrechen, Flucht und Vertreibung berichteten und die Basis für zusammenfassende Berichte des Komitees lieferten. 88Zur Geschichte des Komitee, siehe Schulz, Miriam, 2016. Der Beginn des Untergangs. Die Zerstörung der jüdischen Gemeinden in Polen und das Vermächtnis des Wilnaer Komitees. Berlin: Metropol. http://metropol-verlag.de/produkt/miriam-schulz-der-beginn-des-untergangs/. Trotz deutscher und sowjetischer Besatzung schafften es Nachrichten über die außergewöhnlichen Aktivitäten des Komitees bis nach Warschau. Emanuel Ringelblum (1900–1944) 99Emanuel Ringelblum (1900-1944) war ein jüdisch-polnischer Historiker, politischer Aktivist, Mitarbeiter in Hilfsorganisationen und Leiter und Chronist des geheimen Warschauer Ghettoarchivs. Als Historiker beschäftigte er sich vor allem mit der Geschichte der polnischen Jüdinnen*Juden, insbesondere in Warschau. Die Erforschung ihrer Geschichte – und damit ihrer historischen Teilhabe an der polnischen Gesellschaft – wollte sich Ringelblum auch die politische Eingliederung der polnischen Jüdinnen*Juden starkmachen. Zudem engagierte er sich in Jiddischen Kulturvereinen. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete Ringelblum für jüdische Hilfsorganisationen. Insbesondere gründete er 1940 ein geheimes Archiv zur Dokumentation des Lebens im Warschauer Ghetto. Bis zu seiner Ermordung durch die Nazis 1944 schrieb Ringelblum weiter an historischen Werken, die auch die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Polens während des Zweiten Weltkriegs dokumentierten., weltberühmter Leiter und Chronist des späteren Warschauer Ghettoarchivs, notierte am 3. Januar 1940 folgenden erstaunlichen Satz in sein Tagebuch:

די שרײַבער געהערט װעגן דעם װילנער גן־עדן, װאָס יצחק  פֿאַר זײ געמאַכט. געצויגן אַהין װען װאַרשע נישט געקאָנט זײ אַזוי שיצן.

Die Schriftsteller hörten vom Gan Eden in Vilnius, das Yitskhok 1010Yitskhok / Isaac Giterman (1889-1943) war von 1926-1939 Direktor des Joint in Polen. Nachdem er 1939 zunächst aus Polen geflohen war, kehrte er 1940 zurück und leitete weiter die Operationen des Joint mit. Nach der Gründung des Warschauer Ghettos setzte er sich für die Belange seiner Bewohner*innen ein und unterstützte auch Widerstandsgruppen im Untergrund. Er wurde am 1943 von SS Soldaten ermordet. Vgl. United States Holocaust Memorial Museum: Yitzhak Gitterman, in USHMM Holocaust Encyclopedia: https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/yitzhak-gitterman (17.10.2019) für sie bereitet hat. Sie zogen dorthin, als Warschau sie nicht mehr so schützen konnte.

Emanuel Ringelblum, 3. Januar 1940 1111Ringelblum, Emanuel, 1961. Ksovim fun geto. Warsaw: Yidish bukh, S. 65.

Vilnius als Paradies jüdischen Lebens in Zeiten dieses Krieges – welch bizarr anmutende Feststellung im Angesicht dessen, dass über 95 Prozent der jüdischen Bevölkerung auf litauischen Territorium (von ursprünglich 200 000 Jüdinnen*Juden überlebten nur 9000 bis 10 000) zwischen 1941 und 1944 von den deutschen Besatzern und ihren lokalen Helfern ermordet wurden, also nur wenige Jahre, nachdem dieser vielsagende Satz seinen Eingang in Ringelblums Tagebuch fand. Der litauische Holocaust hat de facto die höchste Opferquote in Europa. 1212Für Informationen zum Holocaust in Litauen, siehe Dieckmann, Christoph, 2011: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944, Band 1. Göttingen: Wallstein Verlag; „Lithuania,“ in: USHMM Holocaust Encyclopedia, https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/lithuania; Subotić, Jelena, 2019. Yellow Star, Red Star : Holocaust Remembrance after Communism. Ithaca: Cornell University Press, S. 150–204, 164. Die biblische Analogie zum Garten Eden mag überraschen, doch findet sich hier eventuell eine passende Einordnung eines gewissen einladenden und förderlichen Moments migrantischen jüdischen Lebens und Selbstbehauptung im litauischen Vilnius, die dessen zeitliche Begrenzung jedoch miteinschließt. Denn Vilnius als Garten Eden für Geflüchtete beschreibt sowohl die von Geflüchteten vorgefundenen, ergriffenen und selbst-geschaffenen Möglichkeiten, Vilnius in gewisser Hinsicht auch zu ihrer Stadt zu machen, aber auch die Tatsache, dass sich Vilnius spätestens ab Einmarsch der Wehrmacht im Juni 1941 in das absolute und extreme Gegenteil verwandelte. Die überragende Mehrheit der jüdischen Geflüchteten, die es nicht schafften, Vilnius auf die eine oder andere Art zu verlassen, sowie die Mehrheit der litauischen Judenheit starben im Holocaust – unter ihnen Noyekh Prilutski. 1313Noyekh Prilutski (1882-1941) war Publizist, Philologe und Politiker. Er publizierte zunächst auf Russisch und Hebräisch, ab 1908 dann vor allem auf und über Jiddisch, zum Beispiel in der von ihm mitgegründeten und herausgegebenen Zeitschrift Yidishe filologye. Er gründete und leitete die jüdische Folkspartei, mit der er sich in den 1920er Jahren als parlamentarischer Vertreter für die politischen Interessen der nationalen Minderheit einsetzte. Nach seiner Flucht von Polen nach Vilnius übernahm er dort den Lehrstuhl für Jiddische Sprache und Kultur und leitete ab Januar 1941 das YIVO. Nach der deutschen Besatzung der Stadt wurde Prilutski im August von den Nationalsozialisten ermordet. Vgl. Weiser, Kalman: Pryłucki, Noah, in: The YIVO Encayclopedia of Jews in Eastern Europe: https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Pry%C5%82ucki_Noah (17.10.2019).

    Fußnoten

  • 1Balkelis, Thomas, 2007: War, Ethnic Conflict and the Refugee Crisis in Lithuania, 1939–1940, pp. 461–477 in: Contemporary European History Vol. 16 (4), p. 464; Dieckmann, Christoph, 2011: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944, Band 1. Göttingen: Wallstein Verlag, 144–147.
  • 2Levin, Dov, 1995: The Lesser of Two Evil. Eastern European Jewry under Soviet Rule, 1939–1941. Philadelphia: Jewish Publication Society, p. 200.
  • 3Balberyszski, Mendel, 1967. Shtarker fun ayzn : Iberlebungen in der Hitler-tkufe, Band 1. Tel Aviv: HaMenorah, 73–75.
  • 4Dieckmann, Christoph, 2011: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944, Band 1. Göttingen: Wallstein Verlag, S. 142–143; Levin, Dov, 2008, pp. 107–137. The Jews of Vilna under Soviet Rule, 19 September–28 October 1939, in: Polin: Studies in Polish Jewry Volume 9.
  • 5Harshav, Benjamin, 2002: Introduction: Herman Kruk’s Holocaust Writings, pp. xxi–lii in: Kruk, Herman (Author), Harshav, Benjamin (ed..), Harshav, Barbara (trans.), The Last Days of the Jerusalem of Lithuania. Chronicles from the Vilna Ghetto and the Camps, 1939–1944. New Haven: Yale University Press, pp. xxix–xxxiv.
  • 6Koren, L. [Pseudonym von Herman Kruk], 1940: Pleytim: 2ter artikl, S. 14–15 in: Folksgezunt: Ilustrirter populer-visnshaftlekher zshurnal far higyene un meditsin 3 (1940), S. 15.
  • 7Noyekh Prilutski (1882-1941) war Publizist, Philologe und Politiker. Er publizierte zunächst auf Russisch und Hebräisch, ab 1908 dann vor allem auf und über Jiddisch, zum Beispiel in der von ihm mitgegründeten und herausgegebenen Zeitschrift Yidishe filologye. Er gründete und leitete die jüdische Folkspartei, mit der er sich in den 1920er Jahren als parlamentarischer Vertreter für die politischen Interessen der nationalen Minderheit einsetzte. Nach seiner Flucht von Polen nach Vilnius übernahm er dort den Lehrstuhl für Jiddische Sprache und Kultur und leitete ab Januar 1941 das YIVO. Nach der deutschen Besatzung der Stadt wurde Prilutski im August von den Nationalsozialisten ermordet. Vgl. Weiser, Kalman: Pryłucki, Noah, in: The YIVO Encayclopedia of Jews in Eastern Europe: https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Pry%C5%82ucki_Noah (17.10.2019).
  • 8Zur Geschichte des Komitee, siehe Schulz, Miriam, 2016. Der Beginn des Untergangs. Die Zerstörung der jüdischen Gemeinden in Polen und das Vermächtnis des Wilnaer Komitees. Berlin: Metropol. http://metropol-verlag.de/produkt/miriam-schulz-der-beginn-des-untergangs/.
  • 9Emanuel Ringelblum (1900-1944) war ein jüdisch-polnischer Historiker, politischer Aktivist, Mitarbeiter in Hilfsorganisationen und Leiter und Chronist des geheimen Warschauer Ghettoarchivs. Als Historiker beschäftigte er sich vor allem mit der Geschichte der polnischen Jüdinnen*Juden, insbesondere in Warschau. Die Erforschung ihrer Geschichte – und damit ihrer historischen Teilhabe an der polnischen Gesellschaft – wollte sich Ringelblum auch die politische Eingliederung der polnischen Jüdinnen*Juden starkmachen. Zudem engagierte er sich in Jiddischen Kulturvereinen. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete Ringelblum für jüdische Hilfsorganisationen. Insbesondere gründete er 1940 ein geheimes Archiv zur Dokumentation des Lebens im Warschauer Ghetto. Bis zu seiner Ermordung durch die Nazis 1944 schrieb Ringelblum weiter an historischen Werken, die auch die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Polens während des Zweiten Weltkriegs dokumentierten.
  • 10Yitskhok / Isaac Giterman (1889-1943) war von 1926-1939 Direktor des Joint in Polen. Nachdem er 1939 zunächst aus Polen geflohen war, kehrte er 1940 zurück und leitete weiter die Operationen des Joint mit. Nach der Gründung des Warschauer Ghettos setzte er sich für die Belange seiner Bewohner*innen ein und unterstützte auch Widerstandsgruppen im Untergrund. Er wurde am 1943 von SS Soldaten ermordet. Vgl. United States Holocaust Memorial Museum: Yitzhak Gitterman, in USHMM Holocaust Encyclopedia: https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/yitzhak-gitterman (17.10.2019)
  • 11Ringelblum, Emanuel, 1961. Ksovim fun geto. Warsaw: Yidish bukh, S. 65.
  • 12Für Informationen zum Holocaust in Litauen, siehe Dieckmann, Christoph, 2011: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944, Band 1. Göttingen: Wallstein Verlag; „Lithuania,“ in: USHMM Holocaust Encyclopedia, https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/lithuania; Subotić, Jelena, 2019. Yellow Star, Red Star : Holocaust Remembrance after Communism. Ithaca: Cornell University Press, S. 150–204, 164.
  • 13Noyekh Prilutski (1882-1941) war Publizist, Philologe und Politiker. Er publizierte zunächst auf Russisch und Hebräisch, ab 1908 dann vor allem auf und über Jiddisch, zum Beispiel in der von ihm mitgegründeten und herausgegebenen Zeitschrift Yidishe filologye. Er gründete und leitete die jüdische Folkspartei, mit der er sich in den 1920er Jahren als parlamentarischer Vertreter für die politischen Interessen der nationalen Minderheit einsetzte. Nach seiner Flucht von Polen nach Vilnius übernahm er dort den Lehrstuhl für Jiddische Sprache und Kultur und leitete ab Januar 1941 das YIVO. Nach der deutschen Besatzung der Stadt wurde Prilutski im August von den Nationalsozialisten ermordet. Vgl. Weiser, Kalman: Pryłucki, Noah, in: The YIVO Encayclopedia of Jews in Eastern Europe: https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Pry%C5%82ucki_Noah (17.10.2019).

Filme 4

Kapitel 7

Suche