New York City der 1930er und 1940er Jahre – “If you can make it here…”

Entgegen dem Mythos New Yorks als willkommenheißender Melting Pot zeigt die Geschichte der Migration in den 1930er und 1940er Jahren in die Vereinigten Staaten generell und nach New York im Speziellen, dass die Stadt gerade in dieser dunklen Zeit, in der Millionen vor dem deutschen Faschismus und nationalsozialistischen Verfolgungen Zuflucht suchten, für nur vergleichsweise wenige die Türen öffnete. Diese Zeit lässt Sinatras Zeilen “If you can make it here” in einem vollkommen anderen Licht erscheinen: es ging nicht darum, es im kapitalistischen Wettrennen an die Spitze zu schaffen – das kam später. Vielmehr ging es darum, es erst einmal hierher zu schaffen.

Doch trotz der vergleichsweise geringen Anzahl von Neu-New Yorker:innen während der 1930er/40er Jahre prägten die, die es in dieser Zeit hierher schafften, die Stadt bis heute entscheidend. New York wiederum hinterließ ihre Spuren in den Leben der Neuankommenden.

Frank Sinatras weltberühmte Ode “New York, New York” besingt die Geschichte eines Vagabunden, der sich aufmacht, um sich in seiner Traumstadt zu verwirklichen: im schillernden, und auch immer durchaus angsteinflößenden, New York. Keine andere Stadt wird weltweit wahrscheinlich so sehr mit Migration und Innovation gleichgesetzt wie die Metropole am Hudson: Freiheitsstatue, Ellis Island, die Lower East Side haben sich dank einer nie schlafenden Kulturindustrie in das allgemeine Bewusstsein eingebrannt als Synonyme für Rettung und unendliche Freiheit, Neuanfänge und die Jagd nach Erfüllung des ewig-unerreichbaren amerikanischen Traums.

In der Tat offenbart ein Gang durch die Stadt noch heute, wie verschiedene Migrationsgruppen sie gestaltet haben. Über Jahrhunderte formten Neuankommende New York und schreiben sich noch heute wie Sedimente in ihre urbane Topographie ein: Das heutige China Town überlappt mit der ehemaligen jüdischen Lower East Side, Little India und Korea Town. Washington Heights war Heimat für viele deutsch-jüdische Holocaust-Geflüchtete und ist heute überwiegend von puertoricanischen Migrant:innen geprägt. Dass New York für die allermeisten nie ein Leben in Freiheit und Reichtum bedeutet/e, ist vielen schon bald nach der Ankunft klar. So auch Geflüchteten in die Vereinigten Staaten, die laut Schätzungen zwischen 1933 und 1941 zu 90 % im Hafen New Yorks ankamen und hier temporär oder langfristig blieben. So schrieb die deutsch-jüdische Exilantin Mascha Kaléko im Sommer 1941 verzweifelt in ihr Tagebuch:

Wir sind ohne Geld. Ohne Freunde. Ohne Verbindungen. Ohne Hoffnung. Fahrgeld fehlt. Schuhe fehlen. […] Verfluchtes Geld. […] Ein Bankkonto ist eine gute Vorbeugung gegen Depression. […] Noch nie waren wir so „refugees“  wie jetzt. […] Organisierte Wohlfahrt macht die Menschen verantwortungslos dem leidenden Einzelwesen gegenüber. Sie haben ihren Beitrag bezahlt. Ihr Gewissen ist rein. Du verrecke. Warum bist du nicht successful? Wobei success – nur Geld heißt. 11Kaléko, Mascha, 1941: Tagebucheintrag vom 20.06.1941. Veröffentlicht in: Zoch-Westphal, Gisela, 1987: Aus den sechs Leben der Mascha Kaléko. Berlin: Arani. S. 120f. Im We Refugees Archiv: https://we-refugees-archive.org/archive/mascha-kaleko-ueber-drueckende-materielle-sorgen-als-gefluechtete-in-new-york-1941/

Doch entgegen dem Mythos New Yorks als willkommenheißender Melting Pot zeigt die Geschichte der Migration in den 1930er und 1940er Jahren in die Vereinigten Staaten generell und nach New York im Speziellen, dass die Stadt gerade in dieser dunklen Zeit, in der Millionen vor dem deutschen Faschismus und nationalsozialistischen Verfolgungen Zuflucht suchten, für nur vergleichsweise wenigen die Türen öffnete.

Einwanderung in die Vereinigten Staaten, 1930er und 1940er Jahre 22Die Analyse und Zahlen basieren auf den Forschungen des United States Holocaust Memorial Museum und sind hier nachlesbar: https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/immigration-to-the-united-states-1933-41?parent=en%2F2419; https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/the-united-states-and-the-refugee-crisis-1938-41?parent=en%2F2419; https://exhibitions.ushmm.org/americans-and-the-holocaust/how-many-refugees-came-to-the-united-states-from-1933-1945; https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/the-united-states-isolation-intervention?parent=en%2F12009.

Viele, die in den 1930er und 1940er Jahren einen sicheren Zufluchtsort vor Verfolgung suchten, scheiterten an den restriktiven Einwanderungsquoten der Vereinigten Staaten und den komplizierten und anspruchsvollen Anforderungen für die Visumserteilung. Zwischen 1933 und 1941 fanden von den Hunderttausenden, die Asyl beantragten, beispielsweise lediglich 110.000 jüdische Geflüchtete aus den von den Nazis besetzten Gebieten in den Vereinigten Staaten Zuflucht. Nichtjüdische Geflüchtete sahen sich ebenso immensen Schwierigkeiten gegenüber.

Aus Angst, dass Einwander:innen, auch solche, die vor Verfolgung flohen, um die knappen Arbeitsplätze konkurrieren und die öffentlichen Dienste inmitten der Great Depression belasten würden, lehnten die meisten Amerikaner:innen eine Änderung oder Anpassung des bestehenden Einwanderungsgesetzes (das 1924 ratifizierte Johnson-Reed-Gesetz oder National Origins Act) 33Der Erste Weltkrieg und seine Folgen veränderte das politische Klima in den Vereinigten Staaten entscheidend. Der Isolationismus a la “America First” hatte hier seinen Ursprung. 1916 von Präsident Woodrow Wilson geprägt, versprach er, die Vereinigten Staaten im Ersten Weltkrieg neutral zu halten und gewann in der Zwischenkriegszeit sukzessive an Bedeutung. Vor diesem Hintergrund sowie der Grippepandemie und der wirtschaftlichen Rezession der Nachkriegszeit beschloss das US-Repräsentantenhaus im Dezember 1920, die Einwanderung in die Vereinigten Staaten für ein Jahr auszusetzen. Am 19. Mai 1921 unterzeichnete Präsident Warren Harding das Quotengesetz von 1921 (auch: Emergency Quota Act), mit dem eine bestimmte Anzahl von Visa pro Jahr jedem Land zugeteilt wurde. Quoten von 1921 wurden damals noch auf Ellis Island an den Toren New Yorks durchgesetzt, nicht in den US-Konsulaten im Ausland, so dass die Entscheidung über die Einreise erst bei der Ankunft in New York getroffen wurde.1924 sollte dieses Problem durch den im Mai verabschiedeten Immigration Act (auch: Johnson-Reed Act oder National Origins Act) gelöst und ein dauerhafteres Einwanderungsgesetz geschaffen werden. Das Gesetz schrieb vor, dass potenzielle Einwander:innen vor Einreise in die Vereinigten Staaten ein US-Einwanderungsvisum in den Konsulaten im Ausland erhalten mussten. Mit dem Gesetz von 1924 wurde die Einwanderungsquote auf 164.667 Personen pro Jahr begrenzt. Die neuen Quoten, die zum Teil von amerikanischen Befürwortern der Eugenik angeregt wurden, begünstigten „erwünschte“ Einwanderung aus Nord- und Westeuropa. Einwander:innen aus der westlichen Hemisphäre, die als Arbeitskräfte in den USA benötigt wurden, waren von der Quotenregelung ausgenommen. Einwanderung aus Süd- und Osteuropa, die den Großteil der neueren Einwanderung ausgemachte, wurde dagegen stark beschränkt. Vielen in Asien und Afrika geborenen Menschen wurde die Einwanderung in die Vereinigten Staaten ausschließlich aus rassischen Gründen verwehrt. Isolationismus paarte sich mit Rassismus, Antisemitismus, Xenophobie. während der gesamten 1930er Jahre ab. Dieses war seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zunehmend restriktiv gestaltet worden. In den 1940er Jahren sah man in Geflüchteten zusätzlich ein potenzielles Risiko für die nationale Sicherheit. Die allgemeine einwanderungsfeindliche Stimmung im Lande äußerte sich auch in der Politik des Außenministeriums, das Quoten nun eher als Grenzen denn als Ziele ansah und nicht versuchte, sie zu erfüllen. So wurden zwischen 1933 und 1941 beispielsweise rund 118.000 deutsche Quotenplätze, die hätten genutzt werden können, nicht ausgeschöpft. Selbst nach der Annexion Österreichs durch das nationalsozialistische Deutschland und der Pogromnacht 1938 änderte sich an der US-Gesetzeslage nichts. Im Juni 1938 standen 139.163 Personen auf der Warteliste für das deutsche Kontingent. Ein Jahr später, im Juni 1939, war die Warteliste auf 309.782 Personen angewachsen.

Im Juli 1941, zeitgleich mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion und der extremen Radikalisierung deutscher Vernichtungspolitik, wurden nicht nur alle US-Konsulate in den von den Nazis besetzten Gebieten geschlossen, sondern auch die gesamte Visakontrolle für Ausländer in Washington zentralisiert. Visumanträge wurden einem ressortübergreifenden Prüfungsausschuss vorgelegt, der sich aus Vertretern der Visa-Abteilung, des Immigration and Naturalization Service, des FBI, der Military Intelligence Division des Kriegsministeriums und des Office of Naval Intelligence des Marineministeriums zusammensetzte.

Potenzielle Antragsteller meldeten sich zunächst beim Konsulat an und wurden dann auf eine Warteliste gesetzt. In dieser Zeit konnten sie alle für die Erteilung eines Visums erforderlichen Dokumente zusammenstellen, darunter Ausweispapiere, polizeiliche Bescheinigungen, Ausreise- und Transitgenehmigungen sowie eidesstattliche Erklärungen über ihre Finanzen. Nach Kriegsbeginn wurden die Anforderungen zusätzlich erhöht: Die Antragsteller:innen mussten nun zwei statt einer eidesstattlichen Erklärung über ihre finanziellen Verhältnisse vorlegen sowie moralische Erklärungen von mehreren unparteiischen Personen, die ihre Identität und ihr Wohlverhalten bescheinigten. Ein amerikanischer Sponsor musste gefunden werden, der über die finanziellen Mittel verfügte, um zu gewährleisten, dass man dem Staat nicht zur Last fallen würde (Affidavit). Für viele Einwanderer war dies der schwierigste Teil des amerikanischen Visumverfahrens. Sie mussten außerdem ein gültiges Schiffsticket vorweisen können, bevor sie ein Visum erhielten. Doch mit dem Ausbruch des Krieges und der Befürchtung, dass deutsche U-Boote Passagierschiffe angreifen würden, wurde die Schifffahrt über den Atlantik extrem riskant und drastisch reduziert. Der gestiegene bürokratische Aufwand in Verbindung mit dem fehlenden Zugang zu amerikanischen Konsulaten und mangelnden Schiffsverkehr ab 1941 bedeutete für viele das Ende ihrer Hoffnung auf Einwanderung in die Vereinigten Staaten. Zusätzlich strich das Außenministerium die Wartelisten, während die Vereinigten Staaten im Dezember 1941 in den Zweiten Weltkrieg eintraten

Trotz der weitläufigen Ablehnung von Migration sowie der steigenden bürokratischen Hürden von Seiten des Staates engagierten sich Privatpersonen und Hilfsorganisationen, wie u.a. die Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS), der National Refugee Service, das Emergency Rescue Committee, das JDC, die American Guild for German Cultural Freedom um Tausenden von Flüchtenden mit Geldern für Lebensmittel und Kleidung, Fahrgeld, Arbeit und finanzielle Unterstützung sowie Hilfe bei der Suche nach eidesstattlichen Erklärungen für potenzielle Einwanderer ohne Familie in den Vereinigten Staaten zu helfen. Diese privaten Organisationen ermöglichten Tausenden die Flucht. Im Quotenjahr 1939 wurde immerhin die deutsche Quote zum ersten Mal seit 1930 vollständig erfüllt: 27.370 Personen erhielten ein Visum. Im Quotenjahr 1940 erhielten 27.355 Personen ein Visum, doch diese Zahlen lagen weit unter der Zahl der Schutzsuchenden.

Ein anschauliches Beispiel für die Konsequenzen des restriktiven US-Migrationsregimes ist die Tragödie der St. Louis. Im Mai/Juni 1939 verweigerten die Vereinigten Staaten über 900 jüdischen Flüchtenden, die mit der St. Louis aus Hamburg gekommen waren, die Einreise. Das Schiff tauchte vor der Küste Floridas auf, kurz nachdem die kubanischen Behörden die Transitvisa der Flüchtenden annulliert und den meisten Passagieren die Einreise verweigert hatten, die immer noch auf ihre Visa für die Vereinigten Staaten warteten. Da der St. Louis die Erlaubnis zur Landung in den Vereinigten Staaten verweigert wurde, war sie gezwungen, nach Europa zurückzukehren. Die Regierungen Großbritanniens, Frankreichs, der Niederlande und Belgiens erklärten sich bereit, lediglich einige der Passagier:innen aufzunehmen. Von den insgesamt 908 Passagiere:innen sind 254 (fast 28 %) im Holocaust umgekommen 33Sarah A. Ogilvie, Refuge denied : the St. Louis passengers and the Holocaust. Madison, Wis. : University of Wisconsin Press. 2006. .

New York City und ihre Geflüchteten, 1933-45

Einer groben Schätzung des New York Public Affairs Committee zufolge erreichten in der Zeit von 1933 bis 1944 insgesamt 318.235 Flüchtende die Vereinigten Staaten, davon kamen über ein Drittel aus Deutschland, gefolgt von über 50.000 Menschen aus Italien und über 35.000 aus Polen sowie aus anderen von Deutschland besetzten europäischen Ländern. Viele von ihnen blieben temporär oder langfristig in New York City, so z. B. etwa 20.000 von den insgesamt circa 125.000 aufgenommenen deutschsprachig jüdischen Geflüchteten aus Deutschland und Österreich, die sich im New Yorker Kiez Washington Heights niederließen. Sie alle fanden eine Stadt vor, die von der Great Depression, der schweren Wirtschaftskrise, gekennzeichnet war.

Neben deutschsprachigen Jüdinnen:Juden kamen tausende nichtjüdische Deutsche nach New York, sowie jüdische und nichtjüdische Pol:innen, Italiener:innen, Tschechoslowak:innen, Französ:innen, Ungar:innen und auch Geflüchtete aus der Sowjetunion. 44In den Jahren 1939-1940 identifizierten sich mehr als 50 % aller Einwander:innen in den Vereinigten Staaten als jüdisch, doch ist die eigentliche Zahl wahrscheinlich höher, da Geflüchtete dazu neigten, eine andere “nationale” Kategorie wie beispielsweise “deutsch” anstelle der rassifizierenden Kategorie “Hebräer” anzukreuzen oder sich nicht als jüdisch definierten, auch wenn die Nationalsozialist:innen dies taten. Zwischen 1938 und 1941 wanderten so insgesamt 123.868 selbst identifizierte jüdische Geflüchtete in die Vereinigten Staaten ein. Doch die deutschsprachig-jüdische Einwanderung nach New York in den 1930er und 1940er Jahren wurde bei weitem am besten erforscht und wird auch hier den Fokus bilden. 55Zu den Forschungsarbeiten gehören: Loro Gemeiner Bihler, Cities of Refuge: German Jews in London and New York, 1935–1945 (Albany: SUNY Press, 2018); Thomas Hartwig und Achim Roscher, Die verheissene Stadt: Deutsch-Jüdische Emigranten in New York: Gespräche, Eindrücke und Bilder (Berlin: Das Arsenal, 1986); Claudia Appelius, “Die schönste Stadt der Welt”: Deutsch-jüdische Flüchtlinge in New York (Essen: Klartext, 2003); Henri Jacob Hempel, Hrsg., “Wenn ich schon ein Fremder sein muss…”: Deutsch-jüdische Emigranten in New York (Frankfurt/Main: Ullstein Sachbuch, 1983); Gloria DeVidas Kirchheimer & Manfred Kirchheimer, We Were So Beloved: Autobiography of a German Jewish Community (Pittsburgh: University of Pittsburgh Press, 1997); Gerhard Falk, The German Jews in America : a minority within a minority (Lanham: University Press of America, 2014).

Lebensumstände und Unterstützungsnetzwerke der deutsch-jüdische Emigrant:innen im Stadtraum New York

Für osteuropäisch-jüdische Geflüchtete waren zumeist sogenannte Landsmannschaften – Verbände für Menschen aus bestimmten osteuropäischen Heimatorten – oder politische Organisationen, die wie der Allgemeine jüdische Arbeiterbund ihre Arbeit aufgrund des Krieges ebenfalls vom europäischen auf den amerikanischen Kontinent verlagerten, erste Anlaufstelle, vor allem an der Lower East Side Manhattans. Eine relativ große Anzahl jüdischer und nichtjüdischer Akademiker:innen, wie die Vertreter:innen der Frankfurter Schule, fanden an New Yorker Universitäten wie der Columbia University eine neue Heimat. 77Simone Lässig, “Strategies and Mechanisms of Scholar Rescue: The Intellectual Migration of the 1930s Reconsidered,” Social Research: An International Quarterly 84:4 (Winter 2017): 769-807; Joanna Vecchiarelli Scott, “Alien Nation: Hannah Arendt, the German Emigrés and America,” European Journal of Political Theory 3:2 (2004): 167–176. Eher wohlhabende Geflüchtete aus Berlin und den nördlichen Regionen Deutschlands zog es an die Upper West Side in Manhattan und in den Nachbarbezirk Queens auf der östlichen Seite des East River, während diejenigen aus Süddeutschland und ländlicheren Regionen, die vermehrt der ehemaligen deutschen Mittelschicht angehörten, Washington Heights an der oberen Spitze Manhattans zwischen Inwood im Norden und Harlem im Süden bevorzugten. Wohnortswahl hat immer auch mit sozialer Klasse zu tun und diejenigen, die Verwandte oder Freund:innen in New York hatten, hatten vielleicht zunächst eine Unterkunft; andere wurden von (jüdischen) Hilfsorganisationen unterstützt und in provisorischen Unterkünften untergebracht, die oft überfüllt und kalt waren.

Einige von ihnen sind vorübergehend in den „Congress Houses“ oder anderen Unterkünften untergebracht, die von Wohltätigkeitsorganisationen unterhalten werden und von denen sich viele in Midtown oder Downtown Manhattan in der Nähe der Docks befinden. Hier werden sie über einen Zeitraum von vier Wochen kostenlos betreut, bis sie eine Unterkunft und andere Unterstützungsmöglichkeiten gefunden haben. Da alle Gäste in den Häusern Flüchtlinge sind, ist die Atmosphäre ausgesprochen europäisch, und ein Teil der alten Heimat reicht in das neue Leben hinein. 88“Some of them are housed temporarily in the “Congress Houses” or other shelters maintained by charitable organizations, many of which are situated in midtown or downtown Manhattan near the docks. Here they are taken care of without cost over a period of four weeks, until they can find some place to go and other means of support. Since all guests in the houses are refugees, the atmosphere is distinctly European, and a part of the old homeland reaches into the new life.” Gerhart Saenger, Today’s Refugees, Tomorrow’s Citizens: A Story of Americanization (New York: Harper and Brothers, 1941), 67. Übersetzung aus dem Englischen: We Refugees Archiv.

Einige deutschsprachig jüdische Geflüchtete kamen an und waren begierig, eine zweite Chance in Amerika zu ergreifen. Einst zur deutschen Mittelschicht gehörend und berufliche Positionen innehaben, nahmen viele trotz Überqualifizierung vorerst manuelle Jobs an oder mussten neue amerikanische Qualifikationen erwerben, um arbeiten zu können. Viele Frauen traten zum ersten Mal ins Berufsleben ein, und andere sahen sich bei der Arbeitssuche offenem Antisemitismus ausgesetzt.

Ich glaube, die wahren Helden der frühen Kämpfe um ein wirtschaftliches Standbein waren die Frauen – umso bemerkenswerter, als die meisten von ihnen aus einem bürgerlichen Milieu stammten, in dem Ehefrauen oder erwachsene Töchter den Haushalt schmückten und möglicherweise organisierten, aber keine Hausarbeit verrichteten, und in dem die Ausbildung nur relativ wenige auf eine professionelle oder semiprofessionelle Tätigkeit vorbereitet hatte. Die Frauen verdingten sich als Hausangestellte, Köchinnen, Erzieherinnen, Kindergartenhelferinnen, Verkäuferinnen oder nutzten die in Hitlerdeutschland erworbenen Fähigkeiten, um Bäckereien oder Lampenschirmwerkstätten zu betreiben oder Avon-Produkte von Tür zu Tür zu verkaufen, während die Männer nach Möglichkeiten suchten, in das System einzusteigen. Und sie taten dies, ohne ihre Würde zu verlieren und in der Überzeugung, dass dieser Weg nur ein vorübergehendes Provisorium war, also kein Gefühl der sozialen Degradierung mit sich brachte. 99“I believe the real heroes of the early struggles for an economic foothold were the women – all the more remarkable since most of them came from a middle-class milieu where wives or grown daughters adorned and possibly organized the hoursehold but did not do household chores, and where education had prepared relatively few for professional or semi-professional work. The ladies hired themselves out as domestics, cooks, governesses, kindergarten assistants, sales clerks, or used the skills acquired in Hitler Germany to run bakeries or lampshade workshops, or sold Avon products door-to-door while the men were seeking ways to enter the system. And they were doing so without loss of dignity and in the conviction that this way only a temporary expedient, so it involved no sense of social degradation.” Leo Grebler, German-Jewish Immigrants to the United States during the Hitler Period: Personal Reminiscences and General Observations, YIVO (1976), 84.

Wieder andere waren erschöpft und zermürbt von den Monaten, gar Jahren der Verfolgung. Ein Verlust von Heimat, Gemeinschaft, Freundschaften, Arbeit, sozialem Status und Lebensart verband sie wohl alle, so dass die Verbindung mit Menschen aus der Heimat, das Aufrechterhalten von Traditionen sowie die Pflege der deutschen Sprache eine Priorität für viele war. Einige ließen sich sogar ihre Möbel aus Deutschland schicken.

In den Heights traf man auf vertraute Namen und Gesichter, auf deutschsprachige Geschäfte und Clubs sowie auf jüdische Einrichtungen, die von Menschen osteuropäischer Abstammung gegründet worden waren, die sich in den Jahren zuvor auf den Weg uptown gemacht hatten. Wie in allen anderen von We Refugees Archiv behandelten Städten war auch in New York das Erlernen und Beherrschen des Englischen eines der dringendsten Probleme für die in New York ankommenden Einwanderer und Geflüchteten. Es bestimmte die Berufsaussichten, das soziale Leben, den Status, die Wohnung und die Nachbarschaft. In der Öffentlichkeit auffällig Deutsch zu sprechen, war mit dem Stigma der Provinzialität behaftet, doch hielt insbesondere die ältere Generation an Geflüchteten am Deutschen auch in der Öffentlichkeit fest und konnten dies in den Kabaretts, Cafés, Gesellschafts- und Sportvereinen der Heights tun. Auch die zunehmend aufgebauten religiösen Gemeinden und Bildungseinrichtungen waren wichtige Vernetzungsstrukturen.

Weiterleben nach Kriegsende

Der Sieg der Alliierten beendete im Mai 1945 den Nazi-Terror in Europa und im August den Krieg im Pazifik. Sechs Millionen europäische Jüdinnen:Juden waren ermordet worden. Hunderttausende von Überlebenden, die an Hunger und Krankheiten litten, kamen aus Konzentrationslagern, Verstecken und vorübergehenden Zufluchtsorten und fanden eine Welt vor, die noch immer keinen Platz für sie zu haben schien. Für Geflüchtete selbst, die es schon vor 1945 in die Vereinigten Staaten geschafft hatten, wurde das Engagement für die neue Heimat mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dem brutalen Verschwinden der jüdischen Gemeinden in Europa und der offensichtlichen Zerbrechlichkeit des Lebens in Palästina noch größer. Denjenigen, die den USA im Krieg gedient hatten, kam die Rückkehr nach New York eine neue Bedeutung zu. Diejenigen, die sich einst eine mögliche Rückkehr nach Europa vorgestellt hatten, ließen sich zumeist permanent in New York nieder und wurden in den 1940er Jahren US-Bürger.

Das Leben in New York wurde in vielerlei Hinsicht einfacher. Die Neuankömmlinge beherrschten die englische Sprache besser, ihre Karrieren waren gefestigter, der Arbeitsmarkt war vielversprechender, und die Früchte des New Deal 1010Der New Deal war eine Serie von Wirtschafts- und Sozialreformen, die in den Jahren 1933 bis 1938 unter US-Präsident Franklin Delano Roosevelt als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise durchgesetzt wurden. waren deutlich spürbar. Dieser Beschreibung deutsch-jüdischer Geflüchteter folgend, scheint es in der Tat, dass, um mit Sinatra zu schließen, “Kleinstadt-Blues” dahinschmolzen als sie “einen brandneuen Anfang im alten New York” machten. Doch was Sinatra auch betont ist, dass es “an dir [liegt], New York, New York”, also am amerikanischen Migrationsregime, der politisch-ökonomischen Lage und der sozialen Situiertheit, in die Geflüchtete in die Stadt kommen und eine neues Leben aufbauen und eine Zukunft finden.

    Fußnoten

  • 1Kaléko, Mascha, 1941: Tagebucheintrag vom 20.06.1941. Veröffentlicht in: Zoch-Westphal, Gisela, 1987: Aus den sechs Leben der Mascha Kaléko. Berlin: Arani. S. 120f. Im We Refugees Archiv: https://we-refugees-archive.org/archive/mascha-kaleko-ueber-drueckende-materielle-sorgen-als-gefluechtete-in-new-york-1941/
  • 2Die Analyse und Zahlen basieren auf den Forschungen des United States Holocaust Memorial Museum und sind hier nachlesbar: https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/immigration-to-the-united-states-1933-41?parent=en%2F2419; https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/the-united-states-and-the-refugee-crisis-1938-41?parent=en%2F2419; https://exhibitions.ushmm.org/americans-and-the-holocaust/how-many-refugees-came-to-the-united-states-from-1933-1945; https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/the-united-states-isolation-intervention?parent=en%2F12009.
  • 3Sarah A. Ogilvie, Refuge denied : the St. Louis passengers and the Holocaust. Madison, Wis. : University of Wisconsin Press. 2006.
  • 4In den Jahren 1939-1940 identifizierten sich mehr als 50 % aller Einwander:innen in den Vereinigten Staaten als jüdisch, doch ist die eigentliche Zahl wahrscheinlich höher, da Geflüchtete dazu neigten, eine andere “nationale” Kategorie wie beispielsweise “deutsch” anstelle der rassifizierenden Kategorie “Hebräer” anzukreuzen oder sich nicht als jüdisch definierten, auch wenn die Nationalsozialist:innen dies taten. Zwischen 1938 und 1941 wanderten so insgesamt 123.868 selbst identifizierte jüdische Geflüchtete in die Vereinigten Staaten ein.
  • 5Zu den Forschungsarbeiten gehören: Loro Gemeiner Bihler, Cities of Refuge: German Jews in London and New York, 1935–1945 (Albany: SUNY Press, 2018); Thomas Hartwig und Achim Roscher, Die verheissene Stadt: Deutsch-Jüdische Emigranten in New York: Gespräche, Eindrücke und Bilder (Berlin: Das Arsenal, 1986); Claudia Appelius, “Die schönste Stadt der Welt”: Deutsch-jüdische Flüchtlinge in New York (Essen: Klartext, 2003); Henri Jacob Hempel, Hrsg., “Wenn ich schon ein Fremder sein muss…”: Deutsch-jüdische Emigranten in New York (Frankfurt/Main: Ullstein Sachbuch, 1983); Gloria DeVidas Kirchheimer & Manfred Kirchheimer, We Were So Beloved: Autobiography of a German Jewish Community (Pittsburgh: University of Pittsburgh Press, 1997); Gerhard Falk, The German Jews in America : a minority within a minority (Lanham: University Press of America, 2014).
  • 7Simone Lässig, “Strategies and Mechanisms of Scholar Rescue: The Intellectual Migration of the 1930s Reconsidered,” Social Research: An International Quarterly 84:4 (Winter 2017): 769-807; Joanna Vecchiarelli Scott, “Alien Nation: Hannah Arendt, the German Emigrés and America,” European Journal of Political Theory 3:2 (2004): 167–176.
  • 8“Some of them are housed temporarily in the “Congress Houses” or other shelters maintained by charitable organizations, many of which are situated in midtown or downtown Manhattan near the docks. Here they are taken care of without cost over a period of four weeks, until they can find some place to go and other means of support. Since all guests in the houses are refugees, the atmosphere is distinctly European, and a part of the old homeland reaches into the new life.” Gerhart Saenger, Today’s Refugees, Tomorrow’s Citizens: A Story of Americanization (New York: Harper and Brothers, 1941), 67. Übersetzung aus dem Englischen: We Refugees Archiv.
  • 9“I believe the real heroes of the early struggles for an economic foothold were the women – all the more remarkable since most of them came from a middle-class milieu where wives or grown daughters adorned and possibly organized the hoursehold but did not do household chores, and where education had prepared relatively few for professional or semi-professional work. The ladies hired themselves out as domestics, cooks, governesses, kindergarten assistants, sales clerks, or used the skills acquired in Hitler Germany to run bakeries or lampshade workshops, or sold Avon products door-to-door while the men were seeking ways to enter the system. And they were doing so without loss of dignity and in the conviction that this way only a temporary expedient, so it involved no sense of social degradation.” Leo Grebler, German-Jewish Immigrants to the United States during the Hitler Period: Personal Reminiscences and General Observations, YIVO (1976), 84.
  • 10Der New Deal war eine Serie von Wirtschafts- und Sozialreformen, die in den Jahren 1933 bis 1938 unter US-Präsident Franklin Delano Roosevelt als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise durchgesetzt wurden.
„Das Ziel und die Arbeit dieser ermutigender Weise gedeihenden amerikanischen Organisation ist es, die Freiheit und den Fortbestand einer Parteimässig nicht gebundenen deutschen künstlerischen und wissenschaftlichen Kultur für diese Gegenwart und für die Zukunft zu sichern.“
„Mein Verantwortungsgefühl verbietet mir trotzdem, mich bei Ihnen für die emergency-Liste anzumelden – es geht mir insofern doch besser als leider vielen andern, da ich immer noch ehrliche Hoffnung in mir trage.“

Kapitel 2